Avas Perspektive
„Marco, du … du meinst das doch nicht ernst“, flüsterte ich.
„Doch“, sagte er bestimmt, obwohl in seiner Stimme eine Sanftheit lag. „Du musst da nicht allein durch. Ich bin hier, Ava. Ich war immer hier und habe gewartet. Du verdienst es, geliebt zu werden.“
Seine Worte trafen mich wie eine Welle und rissen mich mit sich. Ich sah ihn an — den Mann, den ich übersehen hatte, den Mann, der im Schatten geblieben war, während ich jemandem nachgejagt war, der mich gerade weggeworfen hatte.
Und in seinen Augen sah ich etwas, das ich in Marios nie gesehen hatte.
Ein Versprechen.
Ein Versprechen, dass er mich niemals verlassen würde.
Meine Kehle schnürte sich zu. „Marco …“, begann ich, aber die Worte blieben stecken.
„Sag ja“, murmelte er und trat näher. „Lass mich das wieder gutmachen. Lass mich mich um dich kümmern.“ Sein Daumen wischte mir eine Träne weg. „Ich werde dir niemals wehtun. Ich schwöre es.“
Mein Kopf drehte sich. Vergangenheit und Gegenwart prallten aufeinander — die eine voller Verrat, die andere bot eine unmögliche Hoffnung. Ich hätte zögern sollen. Ich hätte darüber nachdenken sollen.
Aber stattdessen flüsterte ich: „Ja.“
In dem Moment, in dem ich es sagte, veränderte sich etwas in mir. Das erdrückende Gewicht auf meiner Brust wurde ein wenig leichter.
Marcos Gesicht wurde weich, und zum ersten Mal sah ich es — seine Liebe. Die Liebe, die ich zu blind gewesen war zu bemerken.
Mario stieß ein bitteres Lachen aus. „Du machst das wirklich, Marco? Du nimmst sie mir einfach weg?“ Seine Stimme zitterte vor Unglauben. „Nach allem?“
Marco sah ihn nicht einmal an. Er nahm einfach meine Hand und zog mich mit ruhiger, unerschütterlicher Kraft auf die Füße.
„Du hattest deine Chance“, sagte er kalt. „Und du hast sie weggeworfen.“
Mario war kein Teil meiner Zukunft mehr.
Aber Marco … Marco war es.
Und als er mich wegführte, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass das erst der Anfang war — wovon, wusste ich nicht.
Aber zum ersten Mal seit Jahren begriff ich, dass ich eine Närrin gewesen war.
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Zurück in die Gegenwart
Ich stand am Fenster und sah zu, wie der Regen über das Land des Rudels strömte. Mein Herz fühlte sich so schwer an wie der Sturm, und Tränen liefen mir über das Gesicht. Marco hatte mich verraten, und nun trug ich sein Kind. Ich rieb mir über den Bauch und fühlte mich so elend. Wie konnte er nur so grausam sein?
Die Tür knarrte, und mein Dienstmädchen trat ein.
„Die Ex-Luna Ember lässt nach dir rufen. Der Priester ist hier für das letzte Bestattungsritual“, sagte sie leise.
Ich wischte mir das Gesicht ab und nickte. „Ich komme gleich.“
Sie verbeugte sich leicht und verließ das Zimmer.
Ein paar Minuten später betrat ich das große Wohnzimmer, meine Schritte langsam und unsicher. In dem Moment, in dem ich eintrat, spürte ich es — das Gewicht ihrer Blicke. Die Augen meiner Schwiegermutter brannten vor Wut, als sie mich anstarrte, ihre Lippen zu einer dünnen Linie gepresst.
„Gräuel!“ Die Stimme des Priesters hallte durch die Halle.
Ich hatte kaum Zeit zu reagieren, da trat Ex-Luna Ember vor, ihre Wut unübersehbar.
„Wie kannst du es wagen?“, donnerte sie. „Wie kannst du es wagen, Weiß zur Beerdigung deines Gefährten zu tragen? Kennst du unsere Traditionen nicht?“
Lilian trat näher. „Was für eine Gefährtin bist du? Welche vernünftige Frau trägt Weiß zur Beerdigung ihres Mannes?“, sagte sie und schürte noch mehr Drama.
„Wie lange soll ich denn Schwarz tragen?“, fragte ich.
„So lange, wie du um deinen Mann trauerst, also noch zwei Monate und ein paar Wochen“, sagte Marco und trat vor.
Ich schnaubte, als ich seine wahre Natur sah, die er jahrelang verborgen hatte und die er nun als Mario zeigte. „Ich will es nicht tragen, und niemand wird mich dazu zwingen.“
Wie erwartet, schlug mir meine Schwiegermutter hart ins Gesicht. Ihre Hand brannte, und ich hielt mir die Wange.
„Wie kannst du es wagen? Mein Sohn ist wegen dir tot! Ich habe ihn gewarnt, dass du verflucht bist, aber er wollte nicht hören. Jetzt ist er weg, und mein Mann liegt krank im Bett — alles wegen dir!“, schrie sie.
Warum gab sie mir die Schuld an der Krankheit ihres Mannes? Er war doch erst nach dem Tod seines Sohnes krank geworden — warum sollte das meine Schuld sein?
„Das ist eine Katastrophe. Ihr hättet eure Schwiegertochter warnen sollen. Wir müssen das auf den nächsten Markttag verschieben“, sagte der Priester und packte seine Sachen zusammen.
„Was passiert, wenn wir das letzte Ritual nicht durchführen?“, fragte ich.
Das Gesicht des Priesters verfinsterte sich vor Zorn. „Du hast alles ruiniert und wagst es immer noch, mich zu befragen? Wenn du so weitermachst, wirst du den Zorn der Muttergöttin auf dich ziehen, du Gör!“, brüllte er.
„Du freches Mädchen! Seit dem Tod deines Mannes bist du übermütig geworden. Geh sofort auf die Knie und entschuldige dich beim Priester!“, befahl Luna Ember.
Ich lächelte spöttisch. „Das werde ich nicht tun. Mach doch, was du willst.“
Luna Embers Augen verengten sich. „Was soll dieses Grinsen?“
Sie hob die Hand, um mich erneut zu schlagen, aber diesmal fing ich sie in der Luft ab. Keuchen erfüllte den Raum, als alle mich schockiert anstarrten.
„Wachen!“, donnerte Marco. Die Wachen stürmten herbei.
„Bringt sie hinaus und gebt ihr fünfzehn Peitschenhiebe“, befahl er.