Kapitel Eins
Avas Perspektive
„Marco, ich kann nicht glauben, dass du deinen Zwillingsbruder von den Rogues fressen lassen hast und alle glauben ließest, du seist Alpha-König Mario — nur um mit deiner Schwägerin zusammen zu sein!“ Leos Stimme war laut und wütend, während ich wie erstarrt vor dem Arbeitszimmer stehen blieb.
Ich war wie betäubt. Wovon sprach er? Marco ist Mario … Wie sollte das überhaupt möglich sein? Ich beugte mich näher an die Tür, mein Herz begann schneller zu schlagen.
Marco ließ ein bitteres Lachen hören. „Hast du keine Angst, dass die Wahrheit ans Licht kommt?“, fragte Leo.
„Ist mir egal. Selbst wenn sie es herausfinden, habe ich immer einen Ausweg“, antwortete Marco kalt.
„Ava wird am Boden zerstört sein. Du hast sie drei Jahre lang belogen. Diese Frau war bis über beide Ohren in dich verliebt“, sagte Leo besorgt.
„Sie sollte dankbar sein, dass ich ihr Liebe gezeigt habe“, erwiderte Marco scharf.
„Die einzige Person, für die mein Herz je geschlagen hat, war Lilian. Ich habe sie jahrelang an Marios Seite gesehen. Ich bin fertig damit, das weiter zu ertragen.“
Als er diese Worte sagte, zerbrach etwas in mir.
Ich hatte um Mario getrauert, nicht um meinen Gefährten. Also war Mario derjenige, der gestorben war, nicht Marco. Wie hatte ich so blind sein können? Trotz ihrer Ähnlichkeit konnte ich sie immer auseinanderhalten. Ich konnte nicht glauben, dass ich getäuscht worden war.
Leos Stimme war leise, aber ernst. „Du solltest vorsichtig sein. Das könnte nach hinten losgehen.“
„Nach hinten losgehen? Nichts wird nach hinten losgehen, denn ich habe ihr nichts angetan. So etwas wie Karma gibt es nicht. Ich habe Ava nur geheiratet, damit Lilian glücklich sein kann“, sagte Marco endgültig.
Ich konnte nicht glauben, dass beide Brüder nur meine Schwester liebten — dass sie sogar so weit gingen, dafür zu sterben. Tränen liefen mir über das Gesicht, und die Erinnerungen an die Vergangenheit überrollten mich.
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Vor drei Jahren:
Meine Finger zitterten, als ich am Altar stand und Marios Hand hielt. Früher hatte sich seine Berührung warm und sicher angefühlt, aber heute war sie distanziert. Als würde er meine Hand halten, weil er musste, nicht weil er es wollte.
Ich hörte das Flüstern in der Menge — leise Stimmen, unsichere Blicke. Der Wolf in mir regte sich unruhig. Etwas stimmte nicht, aber ich wusste nicht was.
Dann wurden die Türen der Halle plötzlich aufgestoßen. Lilian kam herein, in Weiß gekleidet, als wäre sie diejenige, die heute heiraten würde. In ihrer Hand hielt sie ein schwarzes Gerät.
Mein Herz raste, als sie auf uns zukam, mit einem Grinsen im Gesicht. „Es tut mir leid, Ava“, sagte sie mit vorgetäuschter Traurigkeit. „Aber das Rudel verdient es, die Wahrheit zu erfahren.“
Sie hob das Gerät, und der Bildschirm hinter uns flackerte auf. Ein Video begann. Zuerst sah ich nur Dunkelheit. Dann erschienen leuchtende Symbole, mit Blut gezeichnet. Eine Gestalt stand in der Mitte — ich.
Aber ich erinnerte mich nicht daran. Ich erkannte weder den Raum noch das Flüstern, das die Luft erfüllte. Dann meine Augen — sie leuchteten silbern, unnatürlich und kalt.
Eine Stimme hallte durch die Halle:
„Sie versucht, die Macht des Alphas zu stehlen … Sie kontrolliert Gedanken … Sie ist eine Gefahr für das Rudel …“
Keuchen erfüllte den Raum. Die Leute flüsterten schockiert, einige schrien sogar auf.
Mario erstarrte neben mir. Seine Hand löste sich von meiner. Mein Herz blieb stehen. „Mario“, flüsterte ich und drehte mich zu ihm.
„Das ist nicht echt. Jemand hat das gefälscht!“
Seine Augen, die einst voller Liebe gewesen waren, waren nun voller Angst. Angst vor mir. „Ava … was ist das?“ Seine Stimme war scharf, voller Zweifel.
Ich griff nach ihm, aber er wich zurück, als würde ihn schon meine Berührung verletzen.
Lilian legte sich eine Hand auf die Brust und schüttelte den Kopf. „Ich wollte es auch nicht glauben“, sagte sie mit einem falschen Schluchzen.
„Aber Eclipse-Wölfe sind gefährlich. In den Archiven steht, dass sie Alphas brechen können. Sie können Gedanken kontrollieren.“ Sie wandte sich an die Ältesten. „Was, wenn sie uns schon kontrolliert?“
Die Ältesten begannen zu tuscheln. Krieger griffen nach ihren Waffen. Mir blieb der Atem im Hals stecken. Das konnte nicht passieren.
Marios Fäuste ballten sich. Seine Brust hob und senkte sich schwer. Das Gefährtenband hätte ihn beruhigen sollen. Es hätte ihn dazu bringen sollen, für mich zu kämpfen. Aber stattdessen sah er mich an, als wäre ich ein Monster.
„Ich, Mario Dawson, Alpha des Silverfang-Rudels, verstoße dich, Ava Vaughn, als meine Gefährtin und Luna.“
Schmerz riss mir die Brust auf. Eine Zurückweisung war nicht nur ein Wort — sie war ein Bruch.
Mein Wolf schrie vor Qual und kämpfte gegen den Schmerz an. Meine Knie gaben nach, und ich brach auf dem kalten Marmorboden zusammen.
Ich wartete darauf, dass Mario es auch spürte. Er hätte auf den Knien liegen müssen, den Schmerz der Zurückweisung erleiden müssen. Aber das tat er nicht. Er stand einfach da, unberührt.
Da wusste ich es. Er hatte mich nie wirklich geliebt.
Durch meine tränenverschleierten Augen sah ich Lilian lächeln. Sie hatte gewonnen. Der Schmerz in meiner Brust war erstickend, Marios Zurückweisung lastete schwer auf mir. Ich konnte kaum atmen.
Dann durchbrach eine Stimme die Stille. „Marco.“
Ich hob den Kopf und blinzelte durch meine Tränen. Er stand im Eingang, seine dunklen Augen unlesbar. Mein Herz stockte. Marco. Marios Zwillingsbruder.
Er trat langsam ein, und der Raum verstummte. Sein Blick traf meinen, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich etwas, das Hoffnung ähnelte.
„Mario“, sagte Marco fest. „Geh von ihr weg.“
Mario drehte sich verwirrt um. „Was redest du da?“ Marco antwortete nicht. Er kam näher, kniete sich vor mich und legte seine Hand an meine Schulter.
Ich zuckte zusammen, aber er zog sie nicht zurück. „Ich habe dich immer geliebt, Ava“, sagte er. „Und ich kann nicht länger zusehen, wie du leidest.“ Er warf Mario einen Blick zu. „Ich werde nicht zulassen, dass du ihr weiter wehtust.“
Ich konnte nichts sagen. Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. Er liebte mich? Nach all dieser Zeit? Und sagt es mir erst jetzt?
Marco legte mir die Hände an die Wangen. „Heirate mich, Ava“, murmelte er. „Vergiss Mario. Ich war die ganze Zeit hier und habe auf dich gewartet.“