sechs

1149 Words
Das Telefon klingelte mitten in der Nacht. Alexander hatte im Wohnzimmer gesessen und mit leerem Blick die Wand angestarrt, sein Geist betäubt von Erschöpfung und Angst. Er hatte in den letzten Tagen kaum geschlafen – nicht seit Isabella verschwunden war. Sein Herz machte einen Sprung, Hoffnung und Furcht loderten gleichzeitig auf: Vielleicht war dies der Anruf, auf den er gewartet oder den er gefürchtet hatte – der Anruf, der sie zu ihm zurückbringen oder ihn endgültig zerbrechen würde. Er griff nach dem Telefon auf dem Couchtisch und presste es sich ans Ohr, ohne wirklich auf die Anzeige zu achten. „Hallo?“ Seine Stimme war heiser von den Tagen, an denen er ihren Namen in die Leere geschrien hatte, von Bitten um Antworten, von endlosen Nächten ohne Schlaf. „Mr. Hemsworth, hier spricht Detective Harris. Ich fürchte, wir haben etwas gefunden.“ Alexander stockte der Atem. Er brachte kein Wort hervor, der Tonfall des Detectives schnürte ihm bereits die Kehle zu. „Es gab einen Fund“, fuhr Detective Harris sanft fort. „Wir haben weiter flussabwärts Kleidungsstücke gefunden … sie entsprechen der Beschreibung dessen, was Ihre Frau zuletzt getragen hat.“ Die Welt um Alexander schien sich zu neigen, alles verschwamm an den Rändern. „Nein“, flüsterte er und umklammerte das Telefon fester. „Nein, das ist nicht … das kann nicht sie sein. Das kann nicht sein.“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause, der Detective ließ ihm Zeit, die Nachricht zu verarbeiten. Doch Alexanders Geist wehrte sich gegen die Worte. Kleidung? Flussabwärts? Das war nicht Isabella. Das konnte sie nicht sein. „Wir müssen Sie leider bitten, zur Wache zu kommen, um die Gegenstände zu identifizieren“, sagte Detective Harris. „Wir untersuchen noch immer das Wrack ihres Autos, aber … wir glauben, dass es zusammenhängt.“ Alexander spürte, wie seine Knie nachgaben, und er sank auf das Sofa, das Telefon glitt ihm aus der Hand und schlug klappernd auf dem Boden auf. Er hörte die Stimme des Detectives weiterreden, dumpf aus dem Lautsprecher, doch die Worte wirkten fern, als kämen sie aus einem anderen Universum. Der Raum begann sich zu drehen, und für einen Moment konnte Alexander nicht atmen. Seine Brust zog sich zusammen, der Sauerstoff schien seine Lungen nicht zu erreichen. Vor seinem inneren Auge blitzten Erinnerungen an Isabella auf – ihr Lächeln, ihr Lachen, das Leuchten in ihren Augen, wenn sie von ihrer Zukunft sprach, von der Familie, die sie gemeinsam aufbauen wollten. Er dachte an die Blumen, die sie gekauft hatte, an die Einkäufe, die unberührt auf der Arbeitsfläche lagen. Sie waren so nah an etwas Gutem gewesen, etwas Schönem, und jetzt … Sein Handy vibrierte erneut auf dem Boden und riss ihn zurück in die Realität. Er hob es hastig auf und tastete nach den Tasten, während er versuchte, sich zu sammeln. „Ich … ich komme“, brachte er heiser hervor, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Die Fahrt zur Wache fühlte sich surreal an. Die Stadt lag im Dunkeln, die Scheinwerfer seines Autos schnitten durch den dichten Nebel, der der Benommenheit in seinem Kopf zu entsprechen schien. Er nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah – die Ampeln, die vorbeifahrenden Autos, die vertrauten Straßen. Alles fühlte sich an wie ein Traum – ein Albtraum –, aus dem er nicht erwachen konnte. Als er ankam, wartete Detective Harris bereits auf ihn. Das Gesicht des Mannes wirkte gezeichnet, sein Ausdruck mitfühlend, doch es spendete Alexander keinen Trost. Die Realität sickerte nun ein. Er spürte sie wie einen schweren Stein, der sich in seinem Magen niederließ. „Hier entlang“, sagte der Detective und führte Alexander einen stillen Flur hinunter. Das Echo ihrer Schritte hallte von den Wänden wider und verstärkte die erdrückende Stille zwischen ihnen. Harris öffnete eine Tür am Ende des Ganges, und drinnen lagen auf einem Tisch die Gegenstände, die die Polizei gefunden hatte. Ein zerrissenes Kleid. Ein zartes Armband. Ein Paar Schuhe. Alexanders Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er die Kleidung ansah. Er erkannte sie sofort. Das Kleid – blau mit kleinen Blumenmustern – hatte sie an diesem Morgen getragen. Das Armband, ein Geschenk von ihm zu ihrem Jahrestag, lag daneben, das winzige silberne Herz funkelte im grellen Neonlicht. „Ist das …“, begann Harris, musste den Satz nicht beenden. Alexander nickte langsam, seine Kehle war zu eng, um zu sprechen. Tränen verschwammen seine Sicht, als er die Hand ausstreckte und mit den Fingern über den Stoff des Kleides strich. Es fühlte sich kalt an, leblos – genau wie die Hoffnung, die ihn all die Tage aufrechterhalten hatte. Es war ohne Zweifel Isabellas. Ein ersticktes Schluchzen entrang sich seiner Kehle, und er taumelte zurück, die Hände zitternd, als er das Gesicht darin vergrub. Die Wucht des Moments brach wie eine Flutwelle über ihn herein, riss ihn mit sich, raubte ihm den Atem. Es war, als wäre die Luft aus dem Raum gesogen worden, und er ertrank in seiner Trauer. „Es tut mir so leid“, sagte Detective Harris leise, seine Stimme ruhig und beherrscht. Alexander schüttelte den Kopf, unfähig zu antworten. Die Worte spielten keine Rolle mehr. Nichts spielte mehr eine Rolle. Die Frau, die er liebte – die Frau, mit der er seine ganze Zukunft geplant hatte – war fort. Sie war weg, und alles, was geblieben war, waren Fragmente. Bruchstücke von ihr, verstreut im Wrack, im Wasser, weit außerhalb seiner Reichweite. Nach einigen qualvollen Momenten des Schweigens sprach Harris erneut. „Wir setzen die Suche fort, Mr. Blake. Die Ermittlungen laufen weiter, aber … wir glauben, dass ein Verbrechen im Spiel sein könnte.“ Diese Worte jagten eine neue Welle des Entsetzens durch Alexanders Adern. Ein Verbrechen? Sein Kopf wirbelte, er versuchte, alles zu begreifen. Jemand hatte das getan? Jemand hatte sie ihm genommen? Er richtete sich auf, die Augen weit und wild vor Trauer und Wut. „Wer?“, verlangte er mit bebender Stimme. „Wer würde so etwas tun? Wer würde …“ „Das wissen wir noch nicht“, sagte Harris sanft, aber bestimmt. „Wir prüfen jede Möglichkeit. Aber ich verspreche Ihnen, wir werden nicht aufhören, bis wir die Wahrheit gefunden haben.“ Alexander ballte die Fäuste an den Seiten, die Wut brodelte unter der Oberfläche. Er wollte Antworten – er brauchte Antworten. Doch die Wahrheit, wie auch immer sie aussehen mochte, würde sie nicht zurückbringen. Sie würde das klaffende Loch in seinem Leben nicht füllen. Sie würde nichts daran ändern, dass Isabella fort war – und mit ihr jede Chance auf das Glück, nach dem sie sich so verzweifelt gesehnt hatten. Er schluckte hart und blinzelte die Tränen zurück, die erneut zu fließen drohten. „Ich will sie einfach zurück“, flüsterte er mit gebrochener Stimme. „Ich weiß“, sagte Harris leise. „Wir tun alles, was wir können.“
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