Kapitel 1: Die Letzte Rubynwölfin
Aus Siennas Sicht
„Sie ist hier entlang!“ rief jemand und rannte durch den Wald.
Ich rannte weiter, ignorierte die Äste und das hohe Gras, die mir ins Gesicht schlugen. Meine Lunge brannte, meine Beine zitterten.
Ich war erschöpft - aber Aufgeben bedeutete Tod. Ich presste mich hinter einen Baumstamm und rang nach Luft.
„Ich seh sie!“ brüllte einer der Männer.
„Verdammt!“ fluchte ich und rannte weiter.
Hilf mir, Mondgöttin. Bitte... ich kann nicht mehr... bitte.
Ein Dorn ritzte mein Knie, und ich keuchte auf.
„Scheiße!“
„Findet sie!“ Einer der Männer kam näher. Sie waren mir dicht auf den Fersen.
Ich brauchte Zeit - nur ein paar Sekunden mehr. Wenn sie mich fangen, bin ich tot.
„Was soll ich tun?“ murmelte ich und schloss kurz die Augen.
Ich verwandelte mich. Meine Knochen knackten, mein Körper dehnte sich. Ein Schrei wurde zu einem Heulen.
Meine Wolfsgestalt - leuchtend rubinrot mit weißen Schattierungen - stürzte los. Größer als die meisten jungen Wölfe, schneller, wilder. Ich rannte, heulte zum Mond.
Die Männer nahmen meine Fährte auf und verwandelten sich ebenfalls. Halb Menschen, halb Bestien - Assassinen des Mitternachtssyndikats. Manche Menschen, manche Wölfe, alle mit demselben Ziel: meinen Kopf.
Ich hätte niemals entdeckt werden dürfen. Ich war vorsichtig gewesen, zog jede Nacht weiter. Und doch - sie hatten mich gefunden. Vielleicht, weil ich durch meine monatliche Schwäche langsamer war.
Jemand musste mich verraten haben. Aber wer? Ich hatte alle Verbindungen gekappt.
Ihre Heuler wurden lauter. Ich zwang mich, schneller zu rennen. Nur bis zur Grenze, Sienna. Noch ein bisschen.
Doch sie kamen näher. Ich hörte das Knurren hinter mir, sah Schatten, die sich bewegten.
Dann Motorengeräusche. Motorräder.
Wie…?
Panik kroch in mir hoch. Ich presste die Pfoten fester in den Boden. Mondgöttin, bitte! Schick mir Hilfe!
„Jetzt haben wir dich!“ Einer der Männer lachte.
Einer streckte die Hand nach mir aus, doch ich wich aus. Er lachte, zog eine Waffe und entsicherte sie.
Ich musste handeln. Jetzt.
Denk nach, Sienna. Denk nach!
Meine Sicht verschwamm vor Erschöpfung. Ich rang nach Luft - und dann sah ich es: eine alte, halb eingestürzte Ruine zwischen den Bäumen.
Ich stoppte abrupt - die Motorräder krachten ineinander. Die Wölfe sprangen, ich wich aus, sprang zur Seite und raste weiter.
Ich rutschte über nasses Gras, krallte mich in den Boden, keuchte vor Schmerz - und rannte weiter, hinein in die Ruinen eines alten Rudelhauses.
Es roch nach Moder, Staub und Verfall. Mondlicht fiel durch das zerstörte Dach, erhellte zerbrochene Möbel und moosbewachsene Steine.
Ich lehnte mich keuchend an die Wand. Eine Minute, mehr nicht.
Ich verwandelte mich zurück. Meine Kleidung war zerrissen, fast nichts blieb übrig außer Fetzen von Unterwäsche.
Dann erstarrte ich.
Eine Präsenz. Kalt. Bedrohlich.
Ich war nicht allein.
Etwas bewegte sich hinter mir - zu spät. Eine Hand packte mich an der Kehle und schleuderte mich zu Boden.
Ich knurrte, wehrte mich, spürte den Druck auf meiner Brust. Sein Geruch war mir vertraut, doch er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, maskiert.
„Lass mich los!“ keuchte ich.
Seine bernsteinfarbenen Augen wurden dunkler, wanderten meinen Hals hinunter.
„Du widerlicher Perverser!“ schrie ich.
„Du kannst im Grab schreien,“ sagte er kalt und zog ein Dolchmesser.
Ich starrte ihn an, Angst schnürte mir die Kehle zu.
„Du hättest weiterlaufen sollen,“ murmelte er. „Es war amüsant, dir zuzusehen.“
Ich krallte mich in sein Handgelenk. „Fahr zur Hölle!“
„Ich bring dich hin.“ Seine Klauen verlängerten sich, glänzten im Mondlicht. „Leb wohl, Sienna.“
Ich presste die Augen zu. Doch er zögerte.
Ein Heulen - tief, durchdringend - ertönte.
Wir beide drehten uns.
Aus den Schatten trat ein riesiger schwarzer Wolf. Sein Fell dicht wie Rauch, seine Augen golden und glühend.
„Verdammt,“ flüsterte der Attentäter.
Wir sind tot.
Das Biest knurrte, zeigte seine Zähne. Ich zitterte. Wenn ich mich jetzt bewege, könnte ich entkommen.
„Runter von mir!“ rief ich. Keine Reaktion. „Bitte!“
Der schwarze Wolf machte einen Schritt. Ich schrie. „Geh runter, verdammt nochmal!“