**Ronans Sicht**
„Sie hätte nicht überleben dürfen.“
Die Worte hallten in meinem Kopf nach, während ich im Kriegssaal des Syndikats saß, das Blut verfestigte sich über dem Riss im Ärmel meiner Jacke.
Dorian Maddox, der Vollstrecker der Mitternachtskönigin, schritt durch den Raum, seine scharfen, habichtgleichen Augen schnitten die Stille wie die Klinge eines Messers.
Ich spürte das Gewicht seines Blickes auf mir, zuckte aber nicht. Das tat ich nie.
„Du hattest einen Job, Voss.“ Er sagte es leise und doch bedrohlich. „Töte das Mädchen. Bring den Beweis zurück. Stattdessen kommst du mit der nutzlosen Ausrede zurück, sie sei ins Land der Shadowfang verschwunden. Erklär das mal.“
Ein Muskel in meinem Kiefer zuckte. „Sie ist entkommen.“
Dorians Lippen verzogen sich zu einem amusedem Zug, obwohl seine Augen alles andere als amüsiert wirkten. „Entkommen?“ Er lehnte sich gegen den kalten Stahltisch zwischen uns. „Du bist der Phantomwolf, der größte Auftragskiller des Syndikats, und du erwartest, dass ich einer hungernden Göre glaube, die dich überwältigt haben soll?“
Mein Schweigen sprach für sich.
Dorian atmete durch die Nase aus, die bewusste Geste des Frustes. „Die Königin wird das nicht mögen.“
Ich widerstand dem Drang zu spotten.
Als ob ich das nicht wüsste.
Die Mitternachtskönigin akzeptierte keine Niederlage. Sie herrschte durch Blut und Intrige, ihr Einfluss reichte weit über die Mauern des Syndikats hinaus. Wenn sie auch nur für einen Moment den Verdacht hegte, ich hätte gezögert, Sienna zu töten - oder sie wäre freiwillig gegangen - dann wäre ich nutzlos und beseitigt worden.
Dorian schob den Tisch zurück und verschränkte die Arme. „Du hast jetzt nur noch eine letzte Chance. Reparier das, oder ich habe keine Wahl mehr.“
Er ging ohne ein weiteres Wort, seine Schritte hallten durch den Flur.
Ich blieb sitzen. Mein Blick klebte an den Handschuhen an meinen Händen.
Meine Finger zitterten, während ich mich daran erinnerte, wie ich sie in meinen Armen gehalten hatte. Wie ihr Atem stockte. Wie ihre Augen in meine brannten, erfüllt von etwas, das ich nicht benennen konnte.
Und wie mein Körper - obwohl trainiert, diszipliniert und gnadenlos - mich verraten hatte.
Ich hatte sie erwischt, als sie fliehen wollte, und erstarrte, als ich in ihre bernsteinfarbenen Augen sah. Sie hatte die Chance genutzt und mich mit einer Energie getroffen, die ich nicht erwartet hatte.
Das allein hätte den Grund für meine schnelle Rückkehr und die Meldung der Anomalie geliefert. Aber ich hatte es nicht getan.
Ich hatte gelogen.
Und ich wusste nicht einmal, warum.
Ich konnte nicht mehr sagen, was sie war. Sie war ein Wolf wie wir, aber irgendwie anders.
Der Geruch von Blut und verbranntem Holz haftete an meiner Kleidung, als ich aufstand, der Schmerz von ihren Schlägen pochte durch meine Muskeln. Ich brauchte Antworten - und ich würde sie bekommen.
Es gab nur einen Ort, an dem man sie fand.
*
Die Schwarze Mondhexe
Die Kammer roch stark nach Räucherwerk und Verfall. Schatten krochen über die Wände und verdrehten sich zu seltsamen Formen, als ich tiefer in den innersten Teil des Mitternachtssyndikats eindrang.
Isolde Morwyn saß in der Mitte, in schwarzem Kleid, und starrte mich mit ihren silbernen Augen an.
Sie sah immer uralt aus, und ich fragte mich, wie alt sie wirklich war, obwohl sie wie etwa dreißig wirkte.
„Ronan Voss“, sagte sie und drehte das Glas dunklen Weins zwischen ihren schlanken Fingern. „Ich fürchte, du erwischst mich allein.“
Ich ignorierte den Sarkasmus in ihrem Ton. „Ich brauche Antworten.“
Sie lächelte langsam und wissend. „Und was lässt dich glauben, dass ich sie habe?“
Ich ballte die Fäuste. „Weil du alles weißt.“ Das letzte Wort war eher Spott gemeint.
Sie kicherte und beugte sich leicht vor. „Dein Schmeicheln wird nicht fruchten, Wolf. Aber deine Verzweiflung? Hmmm, das ist viel interessanter.“
Ich trat näher, hielt meine Stimme leise. „Das Mädchen. Sienna. Sie ist anders... weißt du, was sie ist?“
Isoldes Lächeln verschwand nicht, doch ihr Ausdruck veränderte sich ein wenig. „Ah, dieses Mädchen“, sagte sie leise. „Schade, dass du erst jetzt fragst. Also nehme ich an, dir ist erst jetzt etwas wieder eingefallen.“
Mein Herz raste, die Luft schien schwerer zu werden.
„Woran?“ fragte ich und trat einen Schritt vor.
Sie nahm sehr langsam einen Schluck aus dem Weinglas. „Manche Dinge müssen für immer begraben bleiben.“
Ich packte den Tischrand, meine Frustration entglitt mir. „Hör auf, so zu reden, als würdest du Codes senden, und sag mir einfach, was ich wissen will.“
Sie stellte das Weinglas beiseite, ihre Fingerspitzen strichen über die Kante. „Du solltest die Finger davonlassen. Wenn du tiefer gräbst, wirst du nicht mögen, wo du landest.“
„Das ist mir egal“, antwortete ich.
Sie musterte mich einen langen Moment, atmete dann schwer aus. „Nun gut.“
Graziös erhob sie sich, ging zu dem Bücherregal und zog ein Buch heraus.
Sie schlug Seiten auf und nahm ein anderes, wischte die Sammlung abgenutzter Bücher und Rollen mit der Hand beiseite.
Endlich fixierten sich ihre Augen auf ein Exemplar weiter unten, sie zog es heraus und ging zu mir hin.
„Lies“, flüsterte sie.
Ich zögerte einen Moment, bevor ich es nahm. Das Papier fühlte sich brüchig unter meinen Händen an. Meine Augen glitten über die gedruckten Buchstaben, und mir blieb der Atem weg.
Eine Liste von Namen.
Siennas Name stand darauf.
Auch meiner.
Mein Griff verkrampfte sich. „Was ist das?“
Isoldes Stimme war sanft, an der Grenze zur Mitleidsmiene. „Eine Chronik der Verlorenen.“
Ich war verwirrt. Sie sprach in Rätseln, und ich hasste das.
Konnte sie nicht einmal normal reden?
Verfluchte Hexe!
„Was zum Teufel soll das heißen?“ fragte ich.
Sie berührte mein Handgelenk, und plötzlich zersplitterte mein Verstand.
Ein Aufblitzen von Purpur. Schreie der Angst. Das fröhliche Lachen eines Mädchens, lebhaft und hell, das bald vom Feuer verschlungen wurde. Sie schrie, dann strahlte Mondlicht und verwandelte sie in einen Wolf, von Flammen umhüllt. Sie schien nicht verletzt.
Ich riss meine Hand von ihrem Griff, keuchte nach Luft. „Was zum Teufel war das? Was hast du getan?“
Isoldes Gesicht blieb undurchschaubar. „Ich habe dir etwas gezeigt, das du verloren hast.“
Ich trat zurück, mein Herz raste. Nichts davon fühlte sich richtig an. Aber es fühlte sich real an.
„Du hast jetzt die Wahl, Phantomwolf“, sagte sie. „Vergiss alles und bleibe dem Syndikat treu… oder erinnere dich und wähle deinen Weg. Ich warne dich: Es ist schwer.“
Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht.
Denn tief in mir wusste ich auch schon, was ich tun würde.
*
Shadowfang-Gebiet
Der Nachtwind war frisch, nach Kiefer und Eis duftend, als ich hockte an der Grenze zu Kieran Wolfes Besitz.
Ich sollte nicht hier sein.
Aber ich konnte nicht weg.
Durch das dichte Gehölz sah ich das Rudelhaus, ein größeres Gebäude, als ich erwartet hatte. Es war befestigt und geschützt.
Und dann sah ich Sienna durchs Fenster seufzen. Sie wusste nicht, dass ich sie zuvor im verlassenen Rudelhaus angegriffen hatte, aber ich konnte mich nicht dazu bringen, sie zu töten.
Ich musste es jetzt versuchen. Geschickt versteckte ich mich vor den Leibwächtern und bewegte mich auf ihr Zimmer zu, rechnete und plante.
Plötzlich hörte ich Schritte.