Kapitel 3: Unausgesprochene Wahrheiten
Ich setze mich wieder an den Tisch, an dem Jonas sitzt, und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Die Party um uns herum geht weiter, laute Musik dringt durch den Raum und die Stimmen der anderen Gäste vermischen sich zu einem wilden Durcheinander. Doch ich kann mich nicht wirklich darauf konzentrieren. Mein Kopf ist bei Finn und den Worten, die er zu mir gesagt hat. Und bei Jonas – bei dem, was er nicht gesagt hat.
„Alles in Ordnung?“, fragt Jonas, der mich aufmerksam ansieht. Ich kann in seinen Augen etwas lesen, das wie eine Mischung aus Sorge und Verwirrung aussieht.
„Ja“, antworte ich, doch es kommt eher wie ein Flüstern über meine Lippen. Ich spüre, dass ich etwas Falsches gesagt habe, als er mich wieder ansieht. Etwas, das ihn beunruhigt, aber ich weiß nicht, wie ich es ändern kann.
„Du wirkst irgendwie abwesend“, sagt er mit einem ernsten Blick. „Gibt es ein Problem?“
Ich öffne den Mund, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Soll ich ihm von Finn erzählen? Nein, das würde ihn nur verletzen. Aber wie lange kann ich so tun, als wäre alles in Ordnung? Als ob es keine wachsende Kluft zwischen uns gibt, die immer größer wird?
„Es ist nichts“, sage ich schließlich, und versuche ein Lächeln aufzusetzen. „Ich glaube, ich bin einfach müde. Die Reise und alles…“
„Okay“, sagt Jonas, obwohl er mir nicht ganz glaubt. „Aber wenn irgendwas ist, kannst du mir immer alles sagen, weißt du?“
Ich nicke, doch in meinem Inneren wächst eine tiefe Unsicherheit. Wie viele Male habe ich ihm schon gesagt, dass alles in Ordnung ist, obwohl es das nicht war? Wie viele Male habe ich unsere Beziehung als perfekt verkauft, obwohl ich wusste, dass etwas fehlt?
„Ich gehe mal kurz an die Bar“, sagt er dann und steht auf. „Willst du was?“
„Nein danke“, antworte ich schnell. „Ich bleibe hier.“
Er nickt und geht, aber ich kann nicht aufhören, ihm hinterherzusehen. Irgendetwas in mir sagt mir, dass diese Reise mehr verändern wird, als ich mir je hätte vorstellen können. Vielleicht ist es genau die Veränderung, nach der ich gesucht habe. Aber ob es die Veränderung ist, die ich wirklich will?
Ich lasse den Blick über die Party schweifen und bemerke, dass sich die Atmosphäre verändert hat. Mehr Leute haben das Tanzdeck betreten, und es ist jetzt viel enger geworden. Einige lachen, andere tanzen ausgelassen, und wieder andere unterhalten sich in Gruppen. Aber ich sehe Finn nicht mehr. Er ist nicht mehr dort, wo er eben noch stand. Vielleicht hat er sich auch wieder zurückgezogen, um in Ruhe nachzudenken, wie ich. Oder vielleicht ist er einfach nicht der Typ, der lange an einem Ort bleibt.
Meine Gedanken werden von einer neuen Stimme unterbrochen. „Lena, bist du noch da?“
Ich drehe mich um und sehe Marlene, die neben mir steht. Sie ist eine Freundin von Jonas, aber auch von mir. Sie hat dieses freundliche, offene Lächeln, das in jeder Situation beruhigend wirkt.
„Oh, hey, Marlene“, sage ich und versuche, mich wieder zu entspannen. „Ja, ich bin hier. Alles gut.“
„Bist du sicher?“, fragt sie und setzt sich auf den Stuhl neben mir. „Du siehst aus, als ob du woanders wärst.“
Ich atme tief ein. „Ich glaube, ich habe einfach viel im Kopf. Diese Reise…“
„Ja, das kann ich mir vorstellen“, sagt sie und schiebt eine Strähne ihres Haares hinter ihr Ohr. „Aber du weißt, dass du mir immer alles erzählen kannst, oder?“
Ich nicke und schiebe das unangenehme Gefühl beiseite. Marlene ist eine gute Freundin, aber ich habe nie wirklich über meine Sorgen mit ihr gesprochen. Vielleicht sollte ich das mal tun, aber irgendwie fühlt sich das jetzt nicht richtig an. Nicht hier, nicht heute Abend.
„Weißt du, ich habe Jonas heute noch nie so gesehen“, sagt Marlene plötzlich, und ihre Worte bringen mich aus der Fassung. „Er wirkt irgendwie… angespannt. Es ist, als ob etwas zwischen euch steht.“
„Was meinst du?“, frage ich, und mein Herz schlägt schneller. Vielleicht hat sie mehr bemerkt, als ich dachte.
„Ach, nichts“, sagt sie schnell. „Ich wollte es nur erwähnen. Aber du weißt, er ist nicht der Typ, der viel zeigt, wenn etwas nicht stimmt.“
„Ja“, sage ich, ohne wirklich zu wissen, was ich darauf antworten soll. Ich fühle mich plötzlich, als ob ich etwas verpasst habe, etwas, das ich vielleicht hätte bemerken sollen.
„Lena“, sagt sie sanft. „Wenn du reden möchtest, bin ich für dich da. Wirklich.“
Ich nicke, doch mein Blick wandert wieder zum Fenster, zu den Lichtern draußen, die sich im Wasser spiegeln. Die Wellen rauschen, die Party geht weiter, und ich sitze hier und habe das Gefühl, dass ich in einer anderen Welt gefangen bin. Eine Welt, die ich selbst erschaffen habe, aber die mich langsam erdrückt.
Ich kann Marlene nicht mehr zuhören. Etwas zieht mich nach draußen. Irgendetwas, das ich nicht fassen kann. Etwas, das mit Finn zu tun hat.
„Ich gehe mal kurz an die frische Luft“, sage ich und stehe auf.
„Klar, mach das“, sagt Marlene, und ich merke, dass sie mich besorgt ansieht. Aber ich kann ihre Blicke nicht ertragen, also drehe ich mich einfach um und gehe.
Draußen ist es kühler als drinnen, und ich atme die frische, salzige Luft ein. Das Gefühl der Weite, der unendliche Horizont des Meeres beruhigen mich ein wenig, doch gleichzeitig verstärken sie die Unruhe in mir. Ich gehe an den Rand des Decks und lehne mich gegen das Geländer. Der Wind weht mir ins Gesicht, die Sterne blinken über mir, und das Schiff gleitet ruhig über das Wasser.
Ich schließe die Augen und lasse die Gedanken los, als plötzlich jemand hinter mir spricht. „Du bist doch Lena, oder?“
Ich drehe mich schnell um und sehe Finn, der wieder aufgetaucht ist. Diesmal trägt er eine schwarze Lederjacke, die sich von der Dunkelheit der Nacht abhebt. Er sieht mich an, und in seinen Augen erkenne ich das gleiche Interesse, das ich schon früher gespürt habe. Aber diesmal ist es intensiver. Irgendetwas zwischen uns hat sich verändert.
„Ja, ich bin Lena“, antworte ich und versuche, mir keine Gedanken zu machen. „Was machst du hier?“
„Ich wollte nur sehen, wie es dir geht“, sagt er mit einem ernsten Blick. „Es scheint, als hättest du viel auf dem Herzen.“
„Ich weiß nicht, ob du das verstehen würdest“, sage ich, und meine Stimme klingt leise. „Es ist alles ein bisschen viel.“
„Ich verstehe mehr, als du denkst“, sagt er und tritt einen Schritt näher. „Manchmal hilft es, mit jemandem zu reden. Ohne, dass man sich Sorgen machen muss, was der andere denkt.“
Ich sehe ihn an, und für einen Moment überlege ich, ob ich ihm wirklich alles erzählen soll. Aber dann lasse ich es bleiben. Etwas hindert mich daran, mich ihm anzuvertrauen. Doch die Stille zwischen uns wächst, und ich kann nicht anders, als zu spüren, wie stark die Verbindung zwischen uns ist – vielleicht stärker, als sie eigentlich sein sollte.
„Ich weiß nicht, was ich will“, sage ich schließlich und blicke ihn an. „Ich dachte, ich wüsste es. Aber jetzt…“
Finn sieht mich nachdenklich an, dann tritt er einen Schritt zurück und nickt. „Manchmal braucht es einfach einen Moment. Vielleicht wirst du es bald herausfinden.“
Ich nicke nur, und für einen Moment steht alles still. Wir stehen da, der Wind weht durch das Deck, das Schiff schaukelt sanft, und in mir regt sich etwas. Etwas, das ich noch nicht fassen kann.
„Danke, Finn“, sage ich leise, und seine Antwort bleibt mir im Hals stecken. Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung ist. Aber ich weiß, dass ich gerade auf einer Grenze stehe.