Zum ersten Mal seit zehn langen, bitteren Jahren sah er ihr Gesicht.
Das Mondlicht streichelte ihre Züge, und ihm stockte der Atem.
Sie hatte sich nicht verändert.
Sie war immer noch das makellos schöne Mädchen aus seiner zerschmetterten Vergangenheit, doch ihre Augen waren nun von einer Angst überschattet, die sie als Kind nie gekannt hatte. Er beobachtete, wie sie im plötzlichen Licht blinzelte, ihr Blick wild und unkonzentriert. Sie versuchte zu sprechen, der Ton verzerrt und verzweifelt gegen das Klebeband, das ihre Lippen versiegelte.
Sanft, so sanft, dass es selbst ihn überraschte, streckte er eine Hand aus. Er hakte einen Finger unter den Rand des silbernen Klebebands, hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, bevor er es mit einer schnellen, gnädigen Bewegung wegzog.
Ihr entfuhr ein gebrochenes Keuchen, gefolgt von einer hastigen, panischen Bitte. „Ah … bitte … lass mich gehen. Ich verspreche, dass ich mich hier nicht wieder blicken lasse! Ich schwöre es!“
Ihre Stimme war eine Melodie, die er ein Jahrzehnt lang zu vergessen versucht hatte. Sie traf ihn wie ein Schlag tiefer, stechender Trauer. Ein Teil von ihm, der kleine Junge, der er einst gewesen war, schwoll vor Freude an, so tief, dass es schmerzte.
Doch der Mann, der er jetzt war, der Mann, der aus Rache geformt war, wurde von einer niederschmetternden Traurigkeit erdrückt. Sie erkannte ihn nicht wieder.
Wie auch?
Als Deigos Vater ihn in jener Nacht entrissen hatte, war er ein dürrer Zehnjähriger gewesen, mit großen Augen und sanften Gesichtszügen. Der Mann, der jetzt vor ihr kniete, bestand nur aus harten Kanten und sichtbaren Sehnen, mit einem Kiefer, der scharf genug war, um zu schneiden, und Augen, die zu viel gesehen hatten, um jemals wieder sanft zu werden.
Er musste diese Rolle spielen, noch ein wenig länger der kalte Entführer sein. „Wie kann ich sicher sein, dass du tust, was du gesagt hast?“, fragte er mit betont tonloser Stimme. Er griff in seine Tasche, und die Bewegung ließ sie heftig zusammenzucken.
Ihre Augen weiteten sich vor lauter Entsetzen und fixierten seine Hand. „Was willst du tun? Bitte!“, flehte sie mit brüchiger Stimme. „Tu mir damit nicht weh! Jag mir einfach … jag mir einfach eine Kugel in den Kopf. Lass mich schmerzlos sterben!“
Statt einer Waffe zog er ein kleines, schlankes Taschenmesser hervor. Ihr ganzer Körper erstarrte, ein stummer Schrei lag in ihrer Haltung. Doch er hielt die Klinge nicht an ihre Kehle. Er beugte sich vor und durchtrennte mit einer präzisen Bewegung seines Handgelenks die dicken Seile, die ihre Handgelenke fesselten. Die Fasern gaben mit einem leisen Knacken nach.
Cailey starrte auf ihre befreiten Hände, dann auf ihn, ihr Gesichtsausdruck war fassungslos. Die Stille dehnte sich, dicht und schwer. „Du … du wirst mich nicht töten?“ Die Frage war nur ein schwaches Flüstern.
Ace blickte auf und begegnete ihrem Blick direkt, ein Stirnrunzeln prägte sein Gesicht. „Sollte ich?“ Die Frage hing zwischen ihnen in der Luft. Sie schluckte schwer und schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Ich will nicht sterben.“
Ein leises, kaum wahrnehmbares Kichern ließ seine Schultern erzittern. Er wandte seine Aufmerksamkeit der schweren Kette um ihre Knöchel zu. Die Schlüssel waren bei Raymond und Raphael, die nun längst tot waren.
Seine Gedanken rasten, dann erinnerte er sich.
Er klopfte seine Taschen ab, seine Finger schlossen sich um kaltes, vertrautes Metall in seiner Gesäßtasche – seinen Generalschlüssel.
Erleichterung durchströmte ihn, scharf und süß, als er ihn schnell in das Schloss der Fesseln steckte und der Mechanismus klickte.
Er warf die schweren Ketten beiseite, als sie mit einem dumpfen, letzten Aufprall im Sand landeten.
Cailey setzte sich langsam auf und rieb sich die wunden Handgelenke, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Warum tust du das?“, fragte sie mit nun festerer Stimme, durchzogen von einer Verwirrung, die seinen eigenen inneren Sturm widerspiegelte.
Er täuschte Unwissenheit vor und wahrte die kalte Fassade. „Was tust du? Glaubst du, ich lasse dich frei?“ Er ließ die Frage einen Moment in der Luft hängen. „Ich wollte nur etwas bestätigen.“
Ihre Lippen zitterten erneut, doch ihr Blick war nun eher neugierig als entsetzt. „Was bestätigen?“
„Du wirst sehen“, sagte er nur mit leisem Grollen. Er sammelte die weggeworfenen Seile, den Lappen, das Klebeband und die Ketten ein und warf das ganze Bündel in den dunklen, wartenden Fluss. Die Gegenstände verschwanden mit einem leisen Schlucken unter der Oberfläche und löschten die Beweise ihrer Beinahe-Hinrichtung aus.
Er stand auf und klopfte sich den Sand von den Knien. „Kannst du laufen?“ Sein Blick fiel auf ihre Beine, die schwach und unsicher wirkten.
„Sie sind schwach“, gab sie leise zu. „Aber ich werde es schaffen.“
Er ignorierte ihren Protest, drehte ihr, immer noch in gebückter Haltung, einfach den Rücken zu und deutete über die Schulter. „Spring auf.“
Der Befehl kam so unerwartet, dass sie nur gehorchen konnte. Zögernd bewegte sie sich und schlang die Arme um seinen Hals, als er sie mühelos hochhob. Ihr Körper schmiegte sich leicht an seinen breiten Rücken, ein Gewicht, das er gern hatte.
Wortlos trug er sie zurück zum Auto und setzte sie sanft auf den Beifahrersitz. Sie sagte nichts, der Kampf zwischen Dankbarkeit und Furcht war zu groß, um ihn auszusprechen. Die eine Frage hallte in ihrem Kopf wider, ein furchterregendes Echo.
Was will er von mir?
Als er sich auf den Fahrersitz setzte und den Motor startete, fand sie ihre Stimme wieder, und die Angst flammte erneut auf. „Fahren wir zurück dorthin?“ Der Gedanke, in dieses kalte, sterile Gefängnis zurückzukehren, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Er sah sie nicht an, sein Blick war auf die dunkle Straße gerichtet, die vor ihr lag. „Willst du da nicht hin?“
Sie war sprachlos.
Wie konnte sie nur in eine Zelle zurückkehren wollen?
Wie ein Tier behandelt werden? „Ich … ich …“, stammelte sie mit kaum hörbarer Stimme.
Er unterbrach sie, sein Tonfall ließ keinen Raum für Diskussion. „Ob es dir gefällt oder nicht, du wirst in der Penthousewohnung wohnen und bleiben. Ich möchte nur, dass du lernst, allein zu überleben.“
„Überleben?“, murmelte sie, aber er ging nicht näher darauf ein. Er fuhr einfach weiter, sein Profil streng und unleserlich im Schein des Armaturenbretts.
Sie erreichten schließlich einen Ort, aber nicht die düstere Festung, die sie befürchtet hatte, sondern am Rande einer kleinen, ruhigen Gemeinde.
Warmes, gelbes Licht fiel aus den Fenstern der bescheidenen Häuser. Ace fuhr in die Einfahrt eines der Häuser und parkte in der Garage. Er kam zu ihrer Tür und öffnete sie.
„Ich möchte keinen Verdacht erregen, indem ich dich hineintrage“, sagte er mit geschäftsmäßiger Stimme. Er griff auf den Rücksitz und zog einen langen, dunklen Mantel heraus. „Zieh den an und benimm dich normal.“
Sie schlüpfte in die Ärmel; der Stoff roch schwach nach seinem Eau de Cologne – nach Gewürzen und kalter Nachtluft. „Wo ist das denn?“, fragte sie leise.
„Ein Gasthaus. Hier wirst du die Nacht verbringen.“ Seine Augen musterten sie, während sie den Mantel zuknöpfte, und sie spürte ein seltsames Flattern unter seinem intensiven Blick, eine verwirrende Mischung aus Angst und etwas anderem, das sie nicht benennen konnte.
Er half ihr aus dem Auto, hielt sie fest am Ellbogen, als sie barfuß in den geschäftigen Gemeinschaftsraum ging. Der Raum war voll, erfüllt vom leisen Stimmengewirr und dem Klirren von Gläsern.
Es war so normal, dass es sich fremd anfühlte.
Instinktiv klammerte sie sich an seinen Arm und presste sich an seinen kräftigen Körper, während er sich durch die Menge zur Rezeption drängte.
Ace knallte ein Bündel Geldscheine auf den Tresen, das Geräusch ließ die Rezeptionistin zusammenzucken. „Ich brauche ein Zimmer.“ Seine Stimme war belegt, eisig, völlig fehl am Platz in dem warmen, lauten Raum.
Der Mann hinter dem Tresen warf ihnen einen langsamen, abschätzenden Blick zu, sein Blick verweilte auf Caileys zerzaustem Zustand und ihren nackten Füßen, bevor er wieder zu Aces gefährlichem Blick zurücksprang. Klugerweise entschied er sich, nichts zu sagen. „Wie viele Nächte?“
„Zwei“, antwortete Ace, während sein Blick unentwegt den Raum absuchte und nichts entging.
Ein Schlüssel wurde über den Tresen geschoben, als Ace ihn schnappte. „Schicken Sie etwas zu essen rauf“, befahl er.
Es war keine Bitte, und ohne eine Antwort abzuwarten, schloss er seine Hand um Caileys Oberarm und führte sie entschlossen den Flur entlang zu ihrem Zimmer.
Er schloss die Tür auf, führte sie hinein, schloss sie wieder und verriegelte sie mit einem deutlichen Klicken. Das Geräusch schloss sie ein.
Allein …
Caileys Blick huschte umher und nahm den schlichten, sauberen Raum in sich auf – das große Bett, die funktionalen Möbel und die überwältigende, intime Stille.
„Sind deine Beine nicht taub?“ Seine Frage unterbrach ihre Einschätzung.
Ace war bereits auf der anderen Seite des Zimmers, streifte seine Jacke ab und ließ sich mit einem leisen Seufzer der Erschöpfung in einen abgenutzten Sessel fallen.
Ihr Blick folgte ihm, beobachtete die Bewegungen seiner Muskeln unter seinem Hemd, die Müdigkeit, die ihn jetzt, da sie allein waren, zu überkommen schien. Die Fragen, die sie zurückgehalten hatte, verlangten nun nach Antworten.
Sie humpelte zur Bettkante, hielt vorsichtig Abstand zwischen ihnen und setzte sich.
„Warum hast du mich gerettet?“ Die Frage schwebte in der Stille zwischen ihnen.
Er sah sie nicht an, sondern konzentrierte sich darauf, seine schweren Stiefel auszuziehen. „Weil ich etwas bestätigen möchte“, sagte er, seine Stimme nun leiser, weniger ein Befehl als vielmehr eine Feststellung.
„Was bestätigen?“, drängte sie, und ihr Herz begann wieder zu hämmern.
Er schwieg einen langen Moment und wich ihrem Blick immer noch aus. „Etwas Wichtiges.“
Kalte Angst lief ihr über den Rücken. „Und wenn ich nicht das bin, was du willst … wirst du mich dann töten?“
Diesmal erstarrte er. Und dann hob er langsam und bedächtig den Kopf. Sein intensiver, durchdringender Blick bohrte sich in ihren, und sie fühlte sich wie festgenagelt. Die Luft knisterte vor einer Spannung, die sie nicht beschreiben konnte. „Wenn du kooperierst“, sagte er mit leisem, hypnotischem Grollen, „lasse ich dich am Leben.“
Ihre Lippen zitterten. „Wobei soll ich kooperieren?“
Er hielt ihrem Blick stand, und für einen flüchtigen Moment sah sie etwas Rohes und Verzweifeltes in seinen Augen aufblitzen. „Kooperiere mit mir.“
Er wandte zuerst den Blick ab und brach den Bann, während er seine Stiefel ordentlich zur Seite stellte. „Du siehst müde aus. Da hinten ist ein Badezimmer, also mach dich sauber. Im Kleiderschrank sollte Kleidung sein.“ Er deutete vage auf eine Tür. Dann stand er wortlos auf, ging auf den kleinen Balkon und schob die Glastür hinter sich zu.
Sobald er allein in der kühlen Nachtluft war, sackte Ace gegen das Geländer, die Last der letzten Stunde lastete auf ihm.
Die Brise konnte den Sturm in seinem Inneren nicht beruhigen.
Die beschützende Wut, die schockierende Zärtlichkeit, die verheerende Lüge von allem – es war ein Mahlstrom.
Er hatte sie jetzt. Sie lebte, atmete dieselbe Luft, nur wenige Meter entfernt. Und sein Plan, seine wunderschöne, schreckliche Rache, tat endlich seinen ersten, wahren Atemzug.
Er würde sie lehren,
Er würde sie bewaffnen.
„Wir werden uns rächen“, dachte er, das Versprechen ein dunkler und aufregender Schwur.
Zusammen!