Raymond stellte den Motor des eleganten schwarzen SUV ab, dessen Brummen in der Stille der Nacht verklang.
Er und Raphael stiegen aus, ihre Stiefel knirschten leise auf der Kiesauffahrt zum Penthouse. Nur die Wachen waren noch im Dienst, schattenhafte Gestalten an Schlüsselpunkten, ihre Mienen wie aus Stein gemeißelt – wachsam, unnachgiebig und absolut stumm.
„Hey, alles gut?“, rief Raymond dem einzigen Wachmann an der massiven Doppeltür beiläufig zu und winkte ab. Doch dieser antwortete mit knappem Nicken, ihre Stirnrunzeln vertieften sich, während er wortlos die Umgebung absuchte. Raymond tat es ab und tauschte einen kurzen Blick mit Raphael, als sie hineingingen und die schweren Türen mit einem dumpfen Schlag hinter ihnen zufielen.
Das Innere des Penthouses war ein Grabmal des Luxus, mit polierten Marmorböden, die ihre Schritte widerhallten. Kein Lebenszeichen war zu sehen, da die Clanmitglieder längst eingeschlafen waren. Nur der schwache Duft von Zigarrenrauch hing in der Luft.
Raymond und Raphael stiegen gleichzeitig die Treppe hinauf. Die Stille zwischen ihnen war dicht und unangenehm, nur durch das Knarren des Holzes unter ihrem Gewicht unterbrochen.
Raphael war es, der sie schließlich zerschmetterte. Er blieb auf halber Höhe stehen, seine Stimme war ein leises Flüstern, durchzogen von Unbehagen. „Spürst du nicht etwas … Seltsames?“
Raymond hielt inne und seufzte schwer, während er sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar fuhr. „Ja. Wir verstehen es auch nicht – warum zum Teufel hat Ace das gemacht?“
„Glaubst du, Ace wollte sie wirklich töten, oder … wird er sie retten?“, hakte Raphael mit gerunzelter Stirn nach.
„Ach, verdammt noch mal, woher soll ich das wissen? Ich verstehe doch gar nicht, warum er uns überhaupt unterbrochen hat“, murmelte Raymond frustriert.
„Also, wie bringen wir das dem Capo bei?“, fragte Raphael und blickte nach oben zu Diegos Wohnzimmer.
„Wir erzählen ihm einfach, was passiert ist. Direkt“, antwortete Raymond, obwohl seine Stimme nicht überzeugt war.
„Was, wenn er uns überfällt? Es war ein direkter Befehl von ihm“, konterte Raphael mit nervösem Blick.
„Aber wir können doch nicht einfach ins Bett schleichen, ohne uns zu melden, oder?“, schoss Raymond zurück, und beide nickten widerwillig zustimmend und setzten ihren Aufstieg fort, bis sie die schwere Eichentür von Diegos privatem Wohnzimmer erreichten.
Sie zögerten, die Luft wurde mit jeder Sekunde schwerer. Schließlich hob Raphael die Fingerknöchel und klopfte – drei scharfe Schläge, die wie Warnungen widerhallten. Momente dehnten sich zur Ewigkeit, bis eine raue, kiesige Stimme durch das Holz drang. „Herein.“
Sie traten ein, die Tür knarrte in den Angeln, und ein Anblick lief ihnen kalt den Rücken hinunter. Diego saß in einem hochlehnigen Ledersessel, die Beine lässig auf dem Mahagonischreibtisch baumelnd, ein Vape-Pen baumelte zwischen seinen Lippen.
Dunstschwaden umspielten sein Gesicht wie Geister, doch seine Augen – diese durchdringenden, obsidianfarbenen Augen – strahlten keine Wärme aus. Er strahlte eine Aura tödlicher Ruhe aus, die unter der Oberfläche Brutalität versprach, wie ein Raubtier, das vor dem Angriff lauert.
Sie hatten nicht erwartet, dass er um diese Uhrzeit noch wach war. Raymond räusperte sich und trat vor, während Raphael einen Schritt hinter ihm verharrte. Ihre Haltungen waren starr und ehrerbietig. „Sir, wir … wir sind hier, um Bericht zu erstatten.“
Diego spottete, ein leises, ungläubiges Grollen hallte durch den Raum. Er musterte sie beide und wusste genau, warum sie hier waren – um die Tat zu bestätigen und ihm zu versichern, dass Caileys Leiche im Fluss entsorgt worden war, womit das Ende der Geschichte erreicht war. Seine Finger schlossen sich unmerklich fester um den Vape, doch seine Stimme blieb fest, fast spöttisch. „Weiter … Erfolgreich, was?“
Raymond und Raphael tauschten unruhige Blicke, da sie seine unterschwellige Stimmung spürten – er war zwar halb betrunken, aber das verstärkte seine düstere Stimmung nur noch. Sie machten weiter, die Pflicht überwog ihren Instinkt. „Sir … es gibt ein Problem“, sagte Raymond vorsichtig, seine Worte hingen in der Luft wie eine Guillotine.
In diesem Moment riss Diego die Augen auf und verdunkelte sich zu einem dunklen Schwarz, während er seine Beine mit bedächtiger Langsamkeit vom Tisch schwang. Seine Bewegungen waren kontrolliert, doch die Anspannung in seinen Schultern verriet den Sturm, der in ihm aufkam – Hoffnung, die in seiner Brust flackerte, prallte auf Verwirrung und nagende Angst.
„Es war erfolglos? Hast du sie zurückgebracht?“, fragte er mit leiser Stimme und einer Intensität, die die Luft noch dichter erscheinen ließ, während sein Blick sie wie eine Beute fixierte.
„Ace hat uns unterbrochen“, erklärte Raymond langsam und wählte seine Worte mit Bedacht. „Er hat uns gesagt, wir sollen gehen – er würde von da an weitermachen.“
Diego kicherte, doch es war ein hohles, stummes Geräusch, das seine Augen nicht erreichte. Mit einer fließenden Bewegung erhob er sich vom Stuhl, seine große Gestalt entfaltete sich wie ein Schatten, der sich von der Wand löste, während sein Herz unregelmäßig klopfte – einmal vor brüchiger Hoffnung, dass Cailey vielleicht noch atmen und er sie endlich wiedersehen könnte, dann vor fassungsloser Verwirrung und schließlich vor eisiger Angst.
Ace, sein treuer Stellvertreter, derjenige, der sich am meisten für ihre Beseitigung eingesetzt hatte – warum griff er jetzt ein?
War es Gnade oder etwas viel Grausameres?
Diegos Gedanken rasten, verwirrt. Was, wenn Ace die Sache persönlich in die Hand nehmen und sie für den Groll, den er gegen sie hegte, brutal leiden lassen wollte?
Der Gedanke bohrte sich wie ein Messer, doch er hielt sich zurück, die Männer weiter zu verhören. Ace hatte die Macht in der Organisation, war ein eigenständiger Kommandant; Seine Handlungen durch untergeordnete Jungen in Frage zu stellen, konnte Loyalitäten zerstören, und Diegos dunkle Aura verlangte von ihm, die Kontrolle zu behalten, selbst als die Wut direkt darunter brodelte.
„Ace hat unterbrochen?“, wiederholte er mit täuschend ruhiger Stimme, obwohl er die Fäuste geballt und seine Knöchel weiß wurden.
„Ja, Sir. Er sagte, er würde sich darum kümmern“, bestätigte Raymond mit fester Stimme, aber abgewandtem Blick.
„Was zur Hölle ...“, murmelte Diego leise, die Worte entfuhren ihm wie ein Zischen.
Er wusste nicht, ob er wütend sein, feiern oder sich auf das Schlimmste vorbereiten sollte. Trauer kämpfte mit Erleichterung, doch die Angst überwog – die Angst, dass Aces „Sorge“ etwas Bösartiges, Langwieriges und Endgültiges bedeutete.
„Willst du damit sagen, dass Ace jetzt nicht im Penthouse ist?“, fragte Diego mit leicht ansteigender Stimme, während sich in jedem Muskel eine Spannung zusammenzog wie eine Feder, die jeden Moment zu reißen drohte.
„Ja, Sir. Ist Ihnen das nicht klar?“, fragte Raphael vorsichtig.
„Oh, Scheiße.“ Diego entließ sie mit einer scharfen Handbewegung, sein Gesichtsausdruck verhärtete sich zu einer Maske, die etwas anderes ausdrückte. „Ihr könnt beide gehen.“
Als sie sich zurückzogen und die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, stürmte Diego mit schnellen, raubtierhaften Bewegungen ins Nebenzimmer.
Er durchwühlte den Nachttisch und schnappte sich mit zitternden Fingern sein Handy – nicht aus Schwäche, sondern aus der kaum zu bändigenden Wut, die in ihm aufstieg. Hektisch scrollte er durch die Kontakte, wählte Aces Nummer und drückte das Gerät an sein Ohr.
Es klingelte ... und klingelte ... dann wechselte die Mailbox, der unpersönliche Tonfall verhöhnte ihn.
„Warum zum Teufel geht er nicht ran?“, knurrte Diego in den leeren Raum, seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als Fragen auf ihn einprasselten.
Was spielte Ace da?
Hatte er sie aus einem verborgenen Motiv verschont, oder war das Verrat?
Und Cailey, die schwache, zerbrechliche – konnte sie noch leben oder war sie bereits unrettbar gebrochen?
Die Ungewissheit entfachte etwas Ursprüngliches in ihm. Er konnte nicht hier warten, im Dunkeln schmorend.
Diego schnappte sich seinen Mantel und eine versteckte Pistole, stürmte aus dem Penthouse und bellte den Wachen zu, einen Wagen bereitzumachen. Die Fahrt zu dem abgelegenen Fluss, dem Hinrichtungsort, war ein verschwommener Nebel aus dunklen Straßen und rasenden Gedanken, sein Griff um das Lenkrad war eisern.
Was, wenn er zu spät kam?
Was, wenn Ace es bereits beendet hatte, ihr Körper in den Tiefen des Flusses versank?
Doch als er an der trostlosen Stelle anhielt, war die Umgebung leer unter dem schwachen Schein der fernen Lichter der Stadt.
Er ging auf den Fluss zu und leuchtete mit der Taschenlampe auf das Wasser, aber nichts.
Keine Anzeichen eines Kampfes, keine Leiche.
Nur Stille, die ihn erneut verhöhnte.
Diego stieg aus, seine Stiefel schlugen mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, seine dunkle Aura strahlte wie eine greifbare Kraft, als er die Schatten absuchte, sein Herz hämmerte in einer explosiven Mischung aus Angst und Entschlossenheit.
Wo zum Teufel waren sie?