KAPITEL 9

1613 Words
Nächster Morgen – Das Gasthaus Sonnenlicht strömte durch die dünnen Vorhänge des heruntergekommenen Gasthauszimmers und tauchte das zerwühlte Bett, in dem Cailey lag, tief und erschöpft schlafend. Trotz ihres festen Vorsatzes vom Vorabend – die Augen nicht zu schließen, diesem Fremden und seinen undurchsichtigen Absichten nicht zu trauen – hatte die Natur sie verraten. Ihr Körper hatte sich ihr völlig ergeben und sie in die Vergessenheit gezogen. Selbst jetzt, als das Morgenlicht über ihr Gesicht tanzte, regte sie sich nur schwach und döste friedlich weiter. Draußen auf dem schmalen Balkon lehnte Ace am rostigen Geländer, die starken Arme fest vor der Brust verschränkt, und starrte auf die zerklüftete Landschaft aus sanften Hügeln und dem fernen Dunst der Stadt. Seine Gedanken rasten – Bilder der letzten zehn Jahre, des blutigen Krieges, der ihm seine Familie geraubt hatte, des brennenden Rachedurstes, der ihn am Leben erhalten hatte. Doch an diesem Morgen überkam ihn ein seltener Anflug von Frieden. Langsam drehte er sich um, sein Blick wurde weicher, als er auf Cailey ruhte. Da war sie, ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig, ihr Gesicht war glatt, ihre Lippen leicht geöffnet in tiefster Verletzlichkeit. Eine stille Freude erblühte in ihm, warm und ungewohnt – es war das größte Geschenk, nach dem er sich je gesehnt hatte, das Einzige, was die zerbrochenen Stücke seiner Seele heilen konnte. Er hatte sie gefunden, seine verlorene Schwester, lebend, allen Widrigkeiten zum Trotz, und ein unbändiger Wille durchströmte ihn: Niemand, nicht Diego, nicht der gesamte Federclan, würde ihm das nehmen. Niemals! Doch die Realität holte ihn wieder ein. Er musste zurück ins Penthouse, denn Diego würde jetzt die Nerven verlieren – er würde wie ein Panther im Käfig auf und ab gehen. Er hatte gestern Abend Aces Handy angerufen, bis er es schließlich ausschalten musste. Aces Kiefermuskeln spannten sich bei dem Gedanken an; er musste dem Boss gegenübertreten, alles erklären und jegliche weitere Bedrohung für Cailey beseitigen. Doch der Gedanke, sie hier zurückzulassen, bereitete ihm furchtbare Sorgen. In diesem von Banditen heimgesuchten Viertel wimmelte es von skrupellosen Männern, die Frauen wie frisches Fleisch jagten. Er konnte es nicht riskieren, dass sie allein umherirrte, er konnte sie jetzt, wo sie zu ihm zurückgekehrt war, nicht verlieren. Mit einem tiefen, beruhigenden Atemzug trat Ace zurück in das schwach beleuchtete Zimmer. Seine Stiefel knarzten leise auf den Dielen. Langsam näherte er sich dem Bett, seine Hand schwebte kurz darüber, bevor er sanft durch die dünne Decke auf ihren Knöchel tippte. „Hey“, murmelte er mit leiser, beruhigender Stimme. Cailey drehte sich leicht im Bett, murmelte unverständlich vor sich hin, noch halb im Schlaf gefangen. Er tippte erneut, diesmal fester. Ihre Augen rissen auf, ihr Körper zuckte panisch zusammen. Sie rutschte rückwärts über die Matratze und zog die Bettdecke eng um sich wie einen Schutzschild. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Du!“, keuchte sie, ihre Stimme vor Entsetzen scharf, der Schlaf verflog, während ihre aufgerissenen Augen ihn fixierten. Ace zuckte nicht zusammen, sondern beobachtete sie nur mit ruhiger Geduld, die Arme locker an den Seiten. Ein schwaches, fast amüsiertes Lächeln huschte über seine Lippen, als er sich auf die Bettkante setzte, die Matratze gab unter seinem Gewicht nach. „Ich dachte schon, du würdest letzte Nacht nicht schlafen“, sagte er leise, sein Tonfall neckend, aber mit einem tieferen Unterton – Erleichterung, vielleicht Beschützerinstinkt. „Aber da liegst du nun, tief und fest.“ „W-was willst du von mir?“, stammelte Cailey und rutschte noch weiter an der kalten Wand entlang, bis ihr Rücken an der Wand anlag. Ihre Knöchel krallten sich weiß in die Bettdecke, ihr Atem ging flach und stoßweise. Angst schnürte ihr die Kehle zu, jeder Muskel schrie nach Flucht, doch es gab keinen Ausweg. Aces dunkle Augen hielten ihren Blick fest, unverwandt, intensiv, aber nicht grausam. „Was glaubst du, was ich will?“, fragte er zurück und beugte sich ein wenig vor. Seine Stimme sank zu einem rauen Flüstern, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Ich … ich weiß es nicht“, flüsterte sie mit schwer atmender Brust. „Du hast mich gerettet. Also sag mir – bin ich in Sicherheit?“ „Wirklich sicher?“ Er musterte sie aufmerksam – wie ihr Körper zitterte, der Trotz, der hinter der Angst aufblitzte. Es überkam ihn mit voller Wucht, ein Gefühl von Beschützerinstinkt, vermischt mit Trauer; sie war immer noch das furchtlose Mädchen aus seinen Erinnerungen, doch das Leben hatte Narben in sie gerissen. „Du musst nicht so in Panik geraten“, sagte er mit sanfterer Stimme und streckte die Hand aus, hielt aber inne, als sie zusammenzuckte. „Wenn ich gewollt hätte, dass du stirbst, Liebes, hätte ich es im Schlaf beenden können.“ „Ganz einfach.“ Cailey hob den Blick und sah ihm verzweifelt nach, suchte nach Lügen, ihr Puls hämmerte in ihren Ohren. „Warst du nicht derjenige, der mich tot sehen wollte?“, fuhr sie ihn an, ihre Stimme bebte vor unverhohlener Anklage. „Warum zum Teufel sollte ich dir auch nur ein Wort glauben?“ Ace stieß einen langen, schweren Seufzer aus und rieb sich mit der Hand über den stoppeligen Kiefer. Frustration und Mitgefühl rangen in seiner Brust miteinander. „Weil das deine einzige Chance ist, dieses Chaos zu überleben“, erwiderte er und beugte sich leicht vor. Seine Worte waren bedächtig und von stiller Dringlichkeit durchzogen. „Diego will dich immer noch loswerden – sechs Fuß unter der Erde.“ „Wenn du mir nicht vertraust, arbeite nicht mit mir, sonst kommst du hier nicht lebend raus.“ „Wer ist Diego?“, fragte sie mit zitternder, aber wütender Stimme und umklammerte fester ihre Knie. Aces Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln, als würde er einem trotzigen Kind etwas erklären. „Der Mistkerl, der dich in diese Zelle gesperrt hat. Der, der deine Hinrichtung befohlen hat. Ich bin derjenige, der dir den Arsch rettet. Kapiert?“ Etwas veränderte sich in Cailey – ein winziger Riss in ihrer Angst. Zögernd nickte sie und wischte sich die Augen. „O-okay. Also … was soll ich tun? Wie komme ich frei? Zurück zu meinem Job, zu meinem Leben?“ „Ich schwöre, ich verschwinde – ich lasse mich nie wieder in eurer Nähe blicken.“ Ihre Stimme versagte, ein Schluchzen entfuhr ihr, während heiße Tränen in ihre Augen traten und über sie ergossen. Aces Herz zog sich zusammen bei dem Anblick – die Tränen, die sich über ihre Wangen zogen, ihr zierlicher Körper zitterte. Er sehnte sich danach, sie an sich zu ziehen, sie zu beschützen, wie er es vor zehn Jahren nicht konnte, doch er unterdrückte seine Gefühle und bewahrte eine Maske ruhiger Entschlossenheit. „Es ist nicht deine Schuld. Scheiße passiert einfach. Und ich verspreche dir, es wird nicht so schlimm. Wir arbeiten zusammen, verstanden? Du glaubst mir, dass ich dir nicht wehtun werde – egal was passiert.“ Sie nickte erneut, diesmal schneller, Tränen strömten nun ungehindert, ihre Schultern hoben und senkten sich leise. „Okay … okay, ich glaube dir.“ Ein kleines Lächeln huschte über Aces Gesicht, echte Wärme leuchtete in seinen Augen. Langsam streckte er ihr die Hand entgegen, die Handfläche nach oben. „Ich heiße Ace.“ „Nur Ace.“ Cailey zögerte, dann streckte sie die Hand aus. Ihre Finger zitterten, als sie seine umfassten – stark, rau, aber sanft. „Cailey“, flüsterte sie, und ihr Händedruck besiegelte das zerbrechliche Abkommen. „Also, wo fangen wir an?“, fragte Ace und ließ ihre Hand los, hielt aber ihren Blick fest. „Erste Regel: Du bleibst vorerst hier drinnen. Geh nirgendwohin nach draußen, bis ich dich an einen sichereren Ort bringe.“ Ihre Augen weiteten sich vor erneuter Besorgnis. „Ist dieser Ort nicht sicher?“ Ace schüttelte den Kopf, sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich angesichts der düsteren Realität. „Banditenviertel. Diese Gesindel treiben sich in solchen Gasthäusern herum – Frauen sind da draußen nicht sicher.“ „Nicht eine Sekunde lang.“ „Aber du wirst mich beschützen!“, flehte sie, Angst blitzte in ihren Augen auf, ihre Hände krallten sich in die Bettdecke. „Warum sagst du es mir, wenn du bleibst?“ Ein weiterer Seufzer entfuhr ihm, schwer von Reue. Er stand auf, ging einen Schritt auf und ab und drehte sich dann um. „Ich muss ins Penthouse. Diego zur Rede stellen, bevor er hier alles verwüstet. Aber ich schwöre, ich bin vor Mittag zurück.“ „Nein – nein, du kannst mich nicht hier lassen!“, protestierte Cailey, zuckte zusammen, ihre Stimme überschlug sich vor Panik, Tränen strömten ihr erneut über die Wangen. „Ich kenne diesen Ort nicht – ich kenne niemanden!“ Ace kniete neben dem Bett nieder, fixierte sie mit einem eindringlichen Blick, seine Hände umklammerten die Matratzenkante. „Hör mir zu – folge meinen Anweisungen, dann bist du in Sicherheit. Versprochen. Schließ die Tür ab, antworte niemandem außer mir.“ „Darauf kannst du dich verlassen.“ Sie musterte sein Gesicht, ihr Atem ging stoßweise, innerlich tobte ein Kampf zwischen Angst und Verzweiflung. Schließlich, nach einer langen Zeit, in der er sie immer wieder beruhigte – seine Stimme ein wohltuender Anker –, nickte sie und wischte sich mit zitternden Händen übers Gesicht. „Okay … ich vertraue dir. Nur … komm schnell zurück.“ Ace stand auf, ein Gefühl heftigen Beschützerinstinkts stieg in ihm auf. Er griff nach seiner Jacke, klopfte kurz auf seine versteckte Waffe und ging zur Tür, wobei er ihr noch einmal beruhigend zunickte. Zeit, sich dem unberechenbaren Diego zu stellen – und die Familie zu beschützen, die er gerade erst zurückgewonnen hatte.
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