KAPITEL 10

1013 Words
PENTHOUSE Aces Wagen kam in der Tiefgarage zum Stehen, der Motor verstummte leise. Nur das Geräusch seiner Stiefel auf dem Beton hallte noch nach, als er ausstieg. Sein Gesichtsausdruck blieb hart, sein Blick scharf. Er musterte den halbleeren Raum. Einige Clanmitglieder lungerten herum, manche rieben sich noch den Schlaf aus den Augen, andere rauchten bereits und unterhielten sich leise. Ace ignorierte jedes „Morgen, Capo“ und „Hey, Ace“, das ihm zugerufen wurde. Schnell bewegte er sich, die Schultern angespannt, direkt auf die Treppe zu. Auf halber Höhe wäre er beinahe mit Racheal zusammengestoßen, die ihm entgegenkam. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Ace warf ihr nicht einmal einen Blick zu. Mit zusammengebissenen Zähnen ging er an ihr vorbei und stieg weiter hinauf, bis er seine private Lounge erreichte. Der Schlüssel drehte sich mit einem scharfen Klicken im Schloss, er trat ein und schloss die Tür mit einem leisen Knall hinter sich. Das Zimmer fühlte sich in dem Moment, als er es betrat, falsch an. Es war zu dunkel, zu still, und ein schwacher Geruch nach Rauch und Schweiß hing in der Luft, als hätte jemand gewartet, vielleicht wartete er noch immer. Aces Hand glitt zu der Pistole an seinem Gürtel, während er mit drei langen Schritten den Raum überquerte. Er riss die schweren Vorhänge auf, und grelles Sonnenlicht strömte herein. Er wirbelte herum, seine Augen suchten jeden Winkel ab, er sah im Badezimmer, im Kleiderschrank, unter dem Bett nach. Nichts! Einfach nur leer. Erst dann ließ er die Schultern sinken. Er sank auf die Matratze, seine Finger krallten sich tief in sein Haar, rissen daran, während sein Verstand schrie. Er wusste, sein Frieden war dahin. Für immer. Er hatte jetzt eine Schwester, lebendig, atmend, die ihn brauchte, und diese eine Wahrheit brannte heißer als jeder Krieg, den er je geführt hatte. Keine Ruhe, keine Sicherheit. Nicht, bis sie unantastbar war. Klopf. Klopf. Klopf. Drei scharfe Schläge an der Tür. Ace erstarrte. Niemand kam so in sein Zimmer. Besprechungen fanden im Büro statt, niemals hier. Nur ein Mann ignorierte diese Regel. Er stand auf, drehte den Kopf und öffnete die Tür. Diego stand da, die Augen voller Wut, Angst, vielleicht beides. Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen, erreichte aber nicht seine Augen. Er trat ein, ohne zu zögern, und die Blicke der beiden Männer trafen sich, keiner blinzelte, keiner sprach. Die Luft zwischen ihnen knisterte wie unter Strom. „Warum hast du das getan?“, fragte Diego schließlich mit tiefer, bedrohlicher Stimme. Er ging zum bodentiefen Fenster, die Arme fest vor der Brust verschränkt, und starrte auf die Stadt hinaus, als schulde sie ihm Antworten. Ace blieb am Schreibtisch stehen, das Gesicht ausdruckslos, das Herz langsam und schwer pochend. „Was denn, Diego?“ Diego lachte kurz und bitter auf und drehte sich um. „Stell dich nicht dumm. Du hast die Hinrichtung verhindert. Wo ist sie?“ Ace zuckte nicht mit der Wimper. „Ich habe getan, was du wolltest.“ Diego stockte der Atem. „Was ‚ich‘ wollte?“ „Ja“, sagte Ace und trat näher, seine Stimme ruhig. „Du wolltest, dass sie verschwindet. Ich habe dafür gesorgt, dass es passiert. Warum regst du dich so auf?“ Diegos Augen weiteten sich, dann verengten sie sich. „Hältst du mich für blöd? Glaubst du, ich schlucke das einfach so?“ Ace neigte den Kopf. „Was willst du glauben, Boss?“ Diego trat vor, die Brust hob und senkte sich. „Die Wahrheit, Ace. Alles. Warum verheimlichst du mir Dinge? Ich dachte, wir wären Partner.“ Partner? Du bist mein Feind, du Dreckskerl. Ace schrie es innerlich, doch äußerlich blieb er gelassen. „Was willst du wissen?“ „Alles!“, fuhr Diego ihn an, seine Stimme überschlug sich vor Frustration. „Ist sie tot?“ Ace hielt seinen Blick fest, blinzelte nicht, zuckte nicht. „Nein. Sie ist nicht tot.“ Die Worte trafen Diego wie ein Schlag. Seine Schultern entspannten sich, und ein erleichterter Atemzug entfuhr ihm, den er nicht verbergen konnte. Hoffnung flackerte in seinen Augen auf, bevor er sie wieder erstickte. „Warum hast du sie dann gerettet? Du wolltest sie tot sehen. Du hast mich dazu getrieben.“ Ace drehte sich langsam um und sah Diego direkt in die Augen. „Ich wollte sie nie tot sehen. Du schon. Du hast die Befehle gegeben, und ich habe sie gestoppt.“ Diego öffnete den Mund, schloss ihn wieder und lachte dann, doch sein Lachen klang gebrochen. „Du … du hast mich gezwungen, diesen Befehl zu geben. Du hast gesagt, ich solle auf den Clan hören. Du hast gesagt, sie sei eine Gefahr. Ich wollte sie nicht töten, Ace. Ich wollte sie behalten.“ Aces Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln. „Nein. Du hast auf Aria gehört. Wolltest nur deine kleine Herrin bei Laune halten. Das ist alles.“ Diegos Gesicht lief rot an. „Du willst mich veräppeln.“ „Tue ich nicht“, sagte Ace und trat näher, seine Stimme wurde leiser. „Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du und deine Männer werdet sie nie wiedersehen. Sie ist fort. Du bist jetzt in Sicherheit.“ Er wandte sich zum Gehen. „Wo ist sie?“, fragte Diego. Seine Stimme ließ ihn wie angewurzelt stehen. Ace hielt inne, die Hand an der Tür. „Du weißt, dass ich sie nicht ewig vor dir verbergen kann.“ „Warum tust du dann so?“, fragte Diego und trat näher. „Wir machen alles zusammen. Warum hintergehst du mich?“ Aces Puls raste, doch er drehte sich langsam um, ging zurück und legte Diego eine Hand auf die Schulter – fest, fast freundlich. „Du hast recht. Ich sollte keine Geheimnisse haben.“ Er hielt inne, ließ die Stille wirken und sagte dann: „Ich behalte sie. Für etwas Wichtiges.“ Diego starrte ihn an, den Atem angehalten, wartend. Ace lächelte nur. Seine Augen waren voller dunkler Geheimnisse, von denen er wusste, dass niemand sie lüften konnte.
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