Camillas Sicht
Wie lange ist es her? Vier? Fünf Tage?
Tage, an denen ich ziellos umher trieb, schrie, bis meine Stimme versagte, versuchte, dass irgendjemand – irgendwer – mich bemerkte. Aber nichts funktionierte.
Ich war gefangen in diesem Zwischenreich, unsichtbar für die Welt, ein Geist in meinem eigenen Leben.
Zuerst konnte ich es nicht glauben. Ich dachte, es wäre nur ein Traum – ein schrecklicher, verdrehter Albtraum, aus dem ich irgendwann aufwachen würde. Aber die Tage verstrichen, und ich blieb gefangen, irgendwo zwischen Leben und Tod. Ich wusste nicht, wer mich vergiftet hatte, warum oder wie ich es rückgängig machen konnte. Die Ungewissheit nagte an mir, aber die Hilflosigkeit war noch schlimmer.
Hilda kam jeden einzelnen Tag in mein Zimmer, weinte, flehte, bettelte mich an, aufzuwachen.
Es war Folter, sie so zu sehen. Ich wollte sie berühren, ihr sagen, dass ich noch hier bin, dass ich sie sehen kann. Aber ich konnte sie nicht berühren. Sie konnte mich nicht hören. Niemand konnte das.
Und was tat am meisten weh?
**Malakai kam nie.**
Nicht ein einziges Mal.
Ich wartete, hoffte, betete, dass er wenigstens so tun würde, als ob es ihm etwas bedeutete. Dass er an meinem Bett sitzen würde, Antworten fordern und für mich kämpfen.
Aber er tat es nicht.
Stattdessen machte er weiter.
Während ich in diesem verfluchten Zustand gefangen war, plante er seine Hochzeit mit Hilda.
Ich hörte die Diener flüstern – wie er die Verlobung bereits verkündet hatte, wie die Vorbereitungen liefen, wie er unberührt wirkte, als hätte ich nie existiert.
Mir wurde übel.
Ich war nicht nur wütend – ich war voller Raserei. Die Wut kochte in meinen Adern, drohte mich zu verschlingen. War ich für ihn nur eine Ablenkung gewesen? Eine Last, die er loswerden wollte?
Hat er mich jemals wirklich geliebt?
Ich hatte keine Antworten – nur Schmerz.
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In jener Nacht war der Palast seltsam still. Unnatürlich still.
Ich saß neben meinem Körper, starrte ihn zum gefühlt tausendsten Mal an. Diese blasse, leblose Hülle. Es fühlte sich falsch an – als wäre ich in zwei Teile gespalten worden, als fehlte ein Stück von mir.
Mit einem tiefen Atemzug stand ich auf.
Ich hatte es schon so oft versucht, aber ich konnte nicht aufhören, es noch einmal zu probieren.
Ich ging auf das Bett zu, auf meine leblose Gestalt, und zwang mich, zurück in sie hinein zu schlüpfen. Ich schloss die Augen, drückte mit aller Macht, stellte mir vor, wie meine Seele in meinen Körper zurück sinkt, wie ich erwache—
Nichts.
Ich ballte die Fäuste vor Wut.
„Verdammt!“ schrie ich. „Was zur Hölle passiert mit mir? Warum kann ich nicht zurück? "Wer hat mir das angetan?!“
Die Stille war ohrenbetäubend.
Ich stieß ein bitteres Lachen aus. „Natürlich. Keine Antworten. "Wie immer.“
Aber dann – Schritte.
Ich erstarrte.
Das Geräusch war leise, aber deutlich. Es hallte durch die stillen Gänge des Palastes. Es war nicht das übliche, schwere Auftreten eines Wächters. Es war weicher, leiser – als würde sich jemand anschleichen.
Neugier durchbrach meine Frustration.
Ich folgte dem Geräusch, bewegte mich schnell durch die Korridore.
Es führte nach draußen, vorbei an den Palasttoren, hinein in den dunklen, bedrohlichen Wald. Meine Verwirrung wuchs, als ich die verhüllte Gestalt vor mir sah, die wie ein Dieb in der Nacht in den Schatten glitt.
Etwas stimmte nicht.
Ich kam näher, glitt lautlos durch die Bäume – und als der Mond ihr Gesicht erhellte, stockte mir der Atem.
Hilda.
Mein Verstand raste.
Was zur Hölle machte sie mitten in der Nacht allein hier draußen?
Sie bewegte sich vorsichtig, warf immer wieder Blicke über die Schulter, als würde sie verfolgt werden. Ich runzelte die Stirn. Warum war sie so… geheimniskrämerisch?
Ich folgte ihr weiter.
Je tiefer wir in den Wald vordrangen, desto schwerer wurde die Luft. Etwas an diesem Ort war… falsch.
Schließlich hielt sie an einer Lichtung an.
Ich blieb am Rand der Bäume stehen und beobachtete, wie sie einen Dolch hervorholte – und sich die Handfläche aufschlitzte.
Ich keuchte.
Was zur Hölle?
Sie murmelte etwas – Worte, die ich nicht ganz verstand.
Dann bebte der Boden.
Dicker, schwarzer Rauch stieg aus der Erde auf, wirbelte, drehte sich – und formte schließlich eine Gestalt.
Eine alte Frau.
Ihre bloße Präsenz ließ eine unnatürliche Kälte durch die Luft streichen, ließ mir die Haut prickeln. Wer war sie?
Hilda verneigte sich tief. „Es hat nicht wie geplant funktioniert“, sagte sie hastig.
Die alten Augen verengten sich. „Was meinst du damit?“
Hilda ballte die Fäuste. „Ja, ich habe Camillas Duft erfolgreich gestohlen. Ich habe Malakai glauben lassen, dass ich seine Gefährtin bin – nicht sie. Aber—“
Ich taumelte zurück.
Mir stockte der Atem, mein Kopf drehte sich.
Was… was hat sie gerade gesagt?
Ich starrte sie an, meine Brust zog sich bei jedem ihrer Worte enger zusammen.
Sie hat meinen Duft gestohlen?
Sie hat Malakai glauben lassen, dass sie seine Gefährtin ist?
Nein. Nein, das war nicht möglich. Das konnte nicht sein.
Aber plötzlich ergab alles einen Sinn.
Wie sich Malakai über Nacht verändert hatte. Wie er mich plötzlich wie einen Fehler behandelte.
Das Flüstern. Die Kälte.
Die Zurückweisung.
Er hatte mich nie zurückgewiesen.
Er sollte nie mit Hilda zusammen sein.
Ich griff mir an den Kopf, rang nach Luft.
Die ganze Zeit hatte ich gelitten, mich selbst in frage gestellt, mich gefragt, was ich falsch gemacht hatte – und es war alles eine Lüge.
Eine verdammte Lüge.
Mir wurde übel.
Die Stimme der alten Frau schnitt wie ein Messer durch meine Gedanken.
„Was willst du also?“
Hildas Augen verdunkelten sich. „Ich kann es nicht riskieren, dass Camilla lebt. Es besteht immer die Gefahr, dass sie alles zerstört. Ich habe die Sache selbst in die Hand genommen und versucht, sie zu töten. Warum lebt sie noch?! "Du hast mir versprochen, mir zu helfen!"“
Das Gesicht der alten Frau verzog sich vor Zorn. „Achte auf deinen Ton, Mädchen.“
Hilda japste plötzlich nach Luft, ihr Körper hob sich vom Boden, als hätte eine unsichtbare Hand sie an der Kehle gepackt.
„Vergiss nicht, mit wem du sprichst“, zischte die Frau.
Hildas Gesicht wurde rot, ihre Hände krallten an ihrem Hals. „B–bitte“, würgte sie. „Hilf mir!“
Die alte Frau verengte die Augen, ließ sie aber schließlich fallen. Hilda hustete heftig und rang nach Atem.
„Du hast Glück, dass ich überhaupt noch bereit bin, dir zu helfen“, sagte die Frau eiskalt. „Aber wir haben ein anderes Problem.
Hilda sah auf, rang noch immer nach Luft. „Was?“
Die alte Frau drehte sich um – und blickte mir direkt in die Augen.
Ich erstarrte.
Mein Blut gefror.
Sie konnte mich sehen.
Sie konnte mich sehen.
Unmöglich. Niemand hatte mich bis jetzt sehen können.
Die alte Frau lächelte kalt, hob eine Hand – und mit einem einzigen Hauch blies sie in meine Richtung.
Die Welt geriet ins Wanken.
Ein lähmender Schwindel packte mich, meine Sicht verschwamm, verzerrte sich.
Nein, nein, nein—
Alles wurde schwarz.