Kapitel 4: Lebendig begraben

1242 Words
Camillas Perspektive Ich schnappte laut nach Luft, meine Augen rissen vor Schock auf. Ich war zurück. Zurück in dem Raum, in dem mein Körper noch immer lag. Mein Herz raste, und ich atmete schnell, Panik ergriff mich, als die Erinnerungen wie ein wilder Sturm über mich hereinbrachen. Das Ritual. Die alte Frau. Hildas Geständnis. Sie hatte meinen Duft gestohlen. Sie hatte Malakai getäuscht. Sie hatte versucht, mich zu töten. Ich schloss fest die Augen, wünschte mir, meine Gedanken würden sich beruhigen, doch die Wahrheit zerfetzte mich wie ein wildes Tier. Malakai war mein Gefährte. Die ganze Zeit über war er für mich bestimmt gewesen, doch sie hatte mir dieses Recht gestohlen. Sie hatte mir alles genommen. Ich holte zitternd Luft, um mich zu beruhigen. Ich brauchte Beweise. Ich musste es mit eigenen Augen sehen. Ohne weiter nachzudenken, rannte ich aus dem Raum. Ich bewegte mich schneller, als ich erwartet hatte. Ich spürte kaum den Boden unter meinen Füßen, aber ich hielt nicht inne, um mich zu fragen, warum. Ich erreichte den Raum, den Hilda und ich uns früher geteilt hatten, den Ort, an dem wir gemeinsam aufgewachsen waren. Es war alles eine Lüge gewesen. Entschlossen trat ich an ihren Kleiderschrank, auf der Suche nach etwas, das meine Erkenntnisse bestätigen konnte. Doch sobald ich versuchte, die Türen zu öffnen, glitten meine Hände einfach hindurch. Ein Aufschrei der Frustration entrang sich mir. Ich versuchte es erneut, aber meine Finger berührten nur leere Luft. Verdammt! In einem Wutanfall schlug ich mit der Hand aus – und zu meiner Überraschung reagierte alles darauf. Die Schranktüren sprangen auf, Kleidung fiel auf den Boden. Ich erstarrte vor Schock. Was… war das? Als ich es noch einmal versuchte, schlug ich den Arm in die entgegengesetzte Richtung, und plötzlich hörte ich ein lautes Knacken. Der Spiegel des Schminktischs zerbrach mit einem scharfen *Krachen, das durch den Raum hallte. Meine Augen weiteten sich entsetzt bei dem, was gerade geschehen war. Ich begriff, dass ich Dinge berühren konnte – aber nicht auf normale Weise. Es war seltsam, und doch verspürte ich eine Art Macht in dieser Fähigkeit. Ein langsames, gefährliches Lächeln legte sich auf meine Lippen. Das ist gut, dachte ich. Mit neuem Elan wandte ich mich wieder dem Schrank zu und begann, ihre Sachen zu durchsuchen. Verzweifelt warf ich Kleidungsstücke zur Seite, auf der Suche nach irgendetwas, das mir helfen konnte. Dann, unter einem Stapel ordentlich gefalteter Kleidung, fiel mein Blick auf etwas Interessantes – ein in Leder gebundenes Buch, in die Ecke geschoben. Ich schnappte nach Luft, mein Atem stockte. Es sah aus wie ein Tagebuch. Mit zitternden Fingern schlug ich es vorsichtig auf, ohne wirklich zu wissen, was mich darin erwartete. Als ich die Seiten überflog, fühlte sich jedes Wort wie ein Messerstich in mein Herz an. Was ich dort las, traf mich hart. Sie hasste mich. Lange Zeit schon hatte sie Groll gegen mich gehegt. Ich erinnerte mich an all die Male, in denen Malakais Blick auf mir verweilt hatte, daran, wie ich ihr immer einen Schritt voraus gewesen war. Sie war schon eifersüchtig auf mich gewesen, bevor sie überhaupt wusste, dass er mein Gefährte war. Und als sie die Wahrheit über uns erfuhr? Sie war zu einer Hexe gegangen. Diese Hexe hatte ihr geholfen, ein verbotenes Ritual durchzuführen – eines, das es ihr ermöglichte, meinen Duft zu stehlen und ihn sich selbst anzueignen. Das erklärte, warum Malakai die ganze Zeit geglaubt hatte, sie sei seine Gefährtin. Ich klammerte mich an das Buch, während meine Sicht sich mit Tränen verschwand. Sie hatte es mir angetan. Sie hatte mein Leben ruiniert. Ich konnte nicht mehr weiterlesen. Es war zu schmerzhaft. In einem Anfall von Wut warf ich das Tagebuch quer durch den Raum und sah zu, wie es gegen die Wand krachte. Die Wut in mir kochte über, und ich wusste, dass ich jetzt handeln musste. Ich drehte mich um, bereit loszustürmen – doch kaum hatte ich den Flur betreten, blieb ich wie angewurzelt stehen. Eine Gruppe von Wachen ging vorbei – und Hilda war hinter ihnen, weinend. Mein Blick fiel auf ihre Arme – Sie trug meinen Körper. Eine eisige Welle des Entsetzens durchfuhr mich wie ein Schlag in den Magen. Was in aller Welt tat sie da?! Ich rannte auf sie zu und rief: „Wohin bringt ihr mich?!“ Aber sie sahen mich nicht einmal an. Sie konnten mich nicht hören. Panik schnürte mir die Brust zu, während ich ihnen den langen Flur entlang folgte. Dann sah ich ihn. Malakai. Er stand am Eingang des Palastes, die Arme verschränkt, und sah mit einem Gesichtsausdruck zu mir, den ich nicht deuten konnte. Als die Wachen näher kamen, hob er eine Augenbraue und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“ Hilda, die sich besonders dramatisch gab, schniefte und antwortete: „Sie ist tot.“ Ihre Stimme war schwer von gespielter Trauer. „Wir bringen sie zur Beerdigung.“ Ich stand still da und wartete. Ich wartete darauf, dass er zusammenbrach. Dass er ihnen befahl, stehen zu bleiben, dass er verlangte, mich nicht wegzubringen. Aber stattdessen schnaubte er nur. Mir drehte sich der Magen vor Unglauben. „Sie verdient es nicht, auf dem Rudelfriedhof beerdigt zu werden“, sagte er kalt. „Bringt sie in den Wald. Beerdigt sie dort.“ Nein. Ich taumelte zurück, ein stechender Schmerz durchfuhr mich. Ich sah ihm ins Gesicht, suchte nach einem Hauch von Zweifel, nach einem Zeichen, dass es ihm etwas bedeutete. Aber da war nichts. Er hatte mich wirklich aufgegeben. Hilda nickte leicht – und in dem Moment sah ich es. Ein Lächeln. Es war kaum sichtbar, fast zu klein, um es zu bemerken – aber es war da. Ein langsames, zufriedenes Grinsen glitt über ihre Lippen, bevor sie es rasch wieder verbarg und zu ihrer trauernden Rolle zurückkehrte. Der Verrat war vollkommen. Die Wachen trugen meinen Körper tief in den Wald. Ich folgte ihnen, mein Herz raste, ich schrie sie an, flehte sie an, aufzuhören. Aber sie hörten nicht. Sie erreichten eine Lichtung und begannen, ein Loch zu graben. Nein, nein, nein… Sie senkten meinen Körper in die Erde, und der Anblick war so grausam, so falsch, dass mir übel wurde. Ich rannte an den Rand des Grabes, meine Schreie wurden lauter und verzweifelter. Sie hörten mich nicht. Sie begannen, Erde auf mich zu schaufeln. Der erste Haufen landete auf meiner Brust. Eine kalte, erstickende Angst ergriff mich. Sie begruben mich lebendig. Ich spürte, wie sich die Erde unter mir bewegte, und plötzlich kniete ich auf dem Boden, kratzte verzweifelt in die Erde, flehte um Gnade. Jeder Schrei entrang sich meiner Kehle, rau und flehentlich, hallte in die Leere. Aber sie hörten mich nicht. Die Erde umschloss mich, stieg höher wie eine Flut, bedeckte meine Arme, meine Beine, mein Gesicht – eine schwere Decke aus Dreck, die mir den Atem raubte. Die Last war unerträglich, als wollte die Welt selbst mich zermalmen. Dunkelheit kroch heran wie ein Schatten, der das Licht verschlang. Mein Blick verschwamm, und die Panik stieg in mir auf. Sollte es wirklich so enden? Tränen liefen mir über die Wangen, begleitet von einem stummen Gebet. „Mondgöttin, wenn du da draußen bist… hör mich. Bitte… Ich will nicht so verschwinden. Ich will daran erinnert werden. "Nur eine letzte Chance, mehr verlange ich nicht.“ Die Welt um mich herum wirbelte durcheinander, ein Sturm aus Emotionen und Angst. Die Dunkelheit zog mich hinunter und umhüllte mich mit ihrer kalten Umarmung. Und dann – Stille. Alles war still.
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