Kapitel 5: Die zweite Chance

1025 Words
Camillas Sicht Ich fuhr plötzlich aus einem tiefen Schlaf hoch und rang laut nach Luft. Mein ganzer Körper war schweißgebadet, und meine Hände zitterten, als ich sie gegen meine Brust presste, um meinen rasenden Herzschlag zu spüren. Mein Atem ging schnell und unregelmäßig, sodass mir für einen Moment schwindelig wurde. Langsam begriff ich das Wichtigste – ich lebte. Mein Herz klopfte noch heftiger, als die Erinnerungen wie eine gewaltige Welle über mich hereinbrechen. Ich erinnerte mich an den schrecklichen Verrat durch Hilda, an die grausamen Dinge, die Malakai gesagt und getan hatte, und an die tragische Art, wie ich gestorben war. Alles war so lebendig und schmerzhaft – doch jetzt war ich zurück in dieser Welt, bekam eine zweite Chance. Es fühlte sich surreal an, aber ich wusste, dass ich diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen durfte. Ich hatte die Chance, Hilda endgültig aufzuhalten und alles zu ändern, was in meinem Leben geschehen war. Mit zitterndem Atem fuhr ich mir durch das feuchte Haar und versuchte, all das zu begreifen. Ich wusste nicht, warum oder wie ich zurückgekehrt war, aber ich spürte eine starke Entschlossenheit in mir aufsteigen. Diesmal würde ich nicht zulassen, dass Hilda gewinnt. Als ich mich in meinem Zimmer umsah, sah alles genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte. Das weiche, warme Licht der Laternen erhellte die Ecken und verbreitete ein beruhigendes Leuchten. In der Luft lag der vertraute Duft von Lavendelöl, den ich schon immer geliebt hatte. Ich spürte auch die kühle Luft um mich herum – ein Zeichen dafür, dass der Winter bevorstand. Nachdem ich meine Gedanken sortiert hatte, wurde mir das Datum bewusst – es war der Tag vor meinem achtzehnten Geburtstag. Ich ballte die Fäuste, als eine Welle der Entschlossenheit über mich hinweg rollte. Das bedeutete, dass ich mich noch nicht in meine Wolfsform verwandelt hatte. Wichtiger noch – Malakai und ich wussten noch nicht, dass wir füreinander bestimmt waren. Mir wurde übel bei dem Gedanken daran. Ein tiefes Gefühl der Angst überkam mich, und ich konnte das bedrückende Gefühl nicht abschütteln, dass ich wirklich hoffte, dass er nicht mein Schicksal war. Ich wollte nichts mit Malakai zu tun haben. Er war der Mann, der mich behandelt hatte, als wäre ich ihm nichts wert – und es war unerträglich zu glauben, dass er vielleicht wieder Teil meines Lebens sein könnte. Er hatte sich so leicht von Hilda manipulieren lassen, und ich konnte nicht vergessen, wie sehr mich das verletzt hatte. Ich atmete tief durch und versuchte, mich zu beruhigen. Im Moment musste ich so tun, als sei alles in Ordnung. Ich durfte auf keinen Fall, dass jemand mein Geheimnis entdeckte: dass ich mich an mein früheres Leben erinnerte. Das musste ich unbedingt geheim halten, sonst könnte es gefährlich für mich werden. Ich musste auch Hilda genau beobachten. Ich war neugierig, ob sie schon mit ihren Plänen begonnen hatte. Noch wichtiger war es, herauszufinden, wer ihr half. Ich war mir sicher, dass sie das nicht alleine plante. Die nächsten Tage vergingen quälend langsam. Allein Hildas Nähe löste in mir den starken Wunsch aus, ihr wehzutun. Jeder Moment mit ihr war eine Erinnerung an die Vergangenheit, und meine Wut brodelte knapp unter der Oberfläche. Aber ich musste vorsichtig sein – ich musste klug handeln. Ich durfte meinen Gefühlen (noch) nicht nachgeben. Geduld war in dieser Situation der Schlüssel, und ich musste auf den richtigen Moment warten. Und dann war da noch Malakai. Ihm fiel langsam auf, dass etwas anders an mir war. Eines Abends hörte ich, wie er meinen Namen rief: „Camilla“, seine Stimme voller Sorge. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört. Ich konzentrierte mich darauf, meine Kleidung zu falten, und versuchte, das Herzklopfen zu ignorieren, das seine Stimme in mir auslöste. Er kam näher. „Du bist… irgendwie anders in letzter Zeit“, sagte er leise, aber bestimmt. Ich reagierte überhaupt nicht. „Du sprichst kaum noch mit mir“, fuhr er fort. „Auch nicht mit Hilda. Du meidest sogar meinen Blick.“ Seine Worte lagen schwer in der Luft, und sie machten mich nervös. Ich presste meine Lippen zusammen, biss mir auf die Innenseite der Wange und unterdrückte meinen Ärger. Es war fast schon ironisch: Derselbe Mann, der mich in meinem früheren Leben weggeworfen hatte wie wertlosen Müll, machte sich jetzt Sorgen darüber, dass ich ihm die kalte Schulter zeigte. Mein Herz war ein einziger Sturm, aber das durfte er nicht sehen. Nicht jetzt. Anstatt zu antworten, zuckte ich nur mit den Schultern und drehte ihm den Rücken zu. Malakai runzelte die Stirn. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragte er, ehrlich verwirrt. Ein trockenes Lachen entkam mir, bevor ich es unterdrücken konnte. Wenn er wüsste, wie sehr er mich verletzt hatte – dann wüsste er auch, wie lächerlich seine Verwirrung war. „Nein“, antwortete ich kühl und ohne jede Regung. Er blieb einfach stehen und sah mich mit diesen durchdringenden, goldenen Augen an – voller Verwirrung und… Schmerz? Es spielte keine Rolle. Ich drehte mich um und ging davon. Ich würde mich nicht wieder in ihn verlieben. Ich weigerte mich. In der Nacht vor meinem Geburtstag versuchte ich zu schlafen, aber es gelang mir einfach nicht. Meine Gedanken rasten unaufhörlich, wie ein Auto mit Vollgas. Ich hatte Angst – wirklich Angst. Ich fürchtete, dass das Schicksal mir einen grausamen Streich spielen und Malakai wieder zu meinem Gefährten machen würde. „Bitte, bitte lass es jemand anderen sein“, flüsterte ich in die Dunkelheit. Der bloße Gedanke, nach allem, was passiert war, wieder an ihn gebunden zu sein, ließ mir den Magen umdrehen. Ich wollte frei sein und die Möglichkeit haben, meinen eigenen Weg zu wählen. Aber tief in meinem Inneren konnte ich der Wahrheit nicht entkommen: Es gab nur einen Wolf, der mein Herz jemals wirklich zum Rasen gebracht hatte – und das war Malakai. Ich atmete tief durch und schloss die Augen, um diese Gedanken zu verdrängen. Ich wollte die Nacht überstehen, ohne an ihn zu denken. Morgen war der große Tag. Ich würde mich zum ersten Mal in meine Wolfsform verwandeln. Dann würde ich wissen, was das Schicksal für mich vorgesehen hatte.
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