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Das Glas-Alibi: Die Gelübde des Geiers

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„Ich habe ihn nicht getötet“, flüsterte ich, während meine Kamera in meinen Händen zitterte und ich auf das Blut auf dem Marmorboden starrte.„Ich weiß“, antwortete der Mann im Schatten, seine Stimme klang wie Samt auf Kies. „Aber die Welt glaubt, dass ich es war. Und du? Du bist die einzige Zeugin, die das Gegenteil beweisen kann.“Elara Vance ist eine forensische Fotografin für die Elite, eine Frau, die die Wahrheit durch eine Linse sieht. Silas Vane – bekannt als der „Geier“ – ist der Erbe eines zerfallenden Imperiums, der von den Überresten seiner Feinde lebt. Als Elara einen Mord fotografiert, den sie nicht hätte sehen dürfen, bietet Silas ihr einen Deal an: Werde seine Frau und sein „Glas-Alibi“ oder werde die nächste Leiche, die sie fotografieren muss. In einer Welt voller Raubtiere muss Elara entscheiden, ob der Mann, der sie gefangen hält, ihr Henker ist – oder ihre einzige Hoffnung auf Überleben.

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Kapitel 1: Das Blut auf der Linse
Der Duft von New York City nach Mitternacht ist ein Cocktail aus teurem Parfüm, nassem Asphalt und Geheimnissen. Heute Nacht fühlte sich die Luft auf der Dachterrasse des Blackwood Hotels anders an – schwerer, als würde der Sauerstoff selbst von dem schieren Reichtum der Menschen, die sich auf der Terrasse versammelt hatten, verdrängt. Ich rückte den Trageriemen meiner Leica M11 zurecht; das Gewicht der Kamera an meiner Hüfte war mir ein vertrauter Trost. Für die Elite, die an Vintage-Cristal nippte, war ich nur das Dienstmädchen. Das „unsichtbare Mädchen“, das angeheuert worden war, um das ungezwungene Lächeln der Senatoren und die mit Diamanten übersäten Ausschnitte ihrer Geliebten einzufangen. Sie wussten nicht, dass mein Objektiv mehr sah als nur Lächeln. Es sah die zitternden Hände eines Politikers, der einen Umschlag entgegennahm. Es sah die geweiteten Pupillen einer Debütantin, die von mehr als nur Adrenalin berauscht war. „Konzentriere dich auf das Ziel, Elara“, flüsterte ich mir zu, versteckt im Schatten einer massiven Steinsäule. Die Gala war ein Meer aus schwarzen Krawatten und Seidenkleidern, aber ich suchte nach einem einzigen Mann. Silas Vane. Die Presse nannte ihn den „Geier“, weil er nur dann auftauchte, wenn etwas im Sterben lag – meist ein Unternehmen, manchmal ein Ruf. Ich suchte die Menge ab, und dann sah ich ihn. Er lehnte an der Marmorbrüstung des Nordbalkons, abgeschirmt vom Lärm. Selbst aus zehn Metern Entfernung strahlte Silas eine raubtierhafte Stille aus. Er bewegte sich nicht wie ein Geschäftsmann; er bewegte sich wie ein Mann, der genau wusste, wie viele Sekunden es dauern würde, um ein Genick zu brechen. Sein Anzug war anthrazitfarben, dunkler als der Mitternachtshimmel hinter ihm, und seine Augen … selbst im trüben Licht sahen sie aus wie kalter Feuerstein. Plötzlich richtete sich Silas auf und ging auf die private Bibliothek zu. Ihm folgte kein Leibwächter, sondern Senator Sterling – ein Mann, der sich für das neue Gesetz zur Verbrechensbekämpfung stark gemacht hatte. Meine Instinkte schrien. Das war die Gelegenheit. Ich schlüpfte durch die Dienstbotentür, meine Bewegungen lautlos dank jahrelanger Erfahrung im Ausweichen vor Sicherheitspersonal. Der Flur war mit Samttapete ausgekleidet, die den Klang meines Atems zu verschlucken schien. Ich erreichte die schweren Eichentüren der Bibliothek, gerade als sie ins Schloss fielen. Ich ging nicht hinein. Ich wusste es besser. Ich ging zum Terrassenfenster, lehnte mich mit dem Rücken gegen den kalten Stein und hielt meine Kamera durch den Spalt in den schweren Vorhängen. Drinnen herrschte Chaos. Der Senator sprach nicht; er keuchte. Er saß zusammengesunken in einem Ledersessel und hielt sich die Kehle. Silas stand über ihm, sein Gesicht eine Maske berechneter Wut. „Wo ist das Hauptbuch, Sterling?“ Silas’ Stimme war ein leises Knurren, das durch das Glas vibrierte. „Du hättest es verbrennen sollen.“ „Ich … ich konnte nicht …“, würgte Sterling hervor. Blut begann aus seiner Nase zu sickern. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel. Klick. Ich machte die erste Aufnahme. Der Blitz war ausgeschaltet, aber der digitale Sensor hielt das Grauen in hochauflösender Qualität fest. Plötzlich brach Sterling zusammen. Er schlug mit einem widerlichen dumpfen Aufprall auf den Boden. Silas kniete sich neben ihn, seine Hände griffen nach der Jacke des Senators – nicht, um ihn zu töten, sondern um etwas zu suchen. Klick. Ich hielt Silas fest, wie er seine Hände auf den sterbenden Mann legte. Aus diesem Blickwinkel sah es nach einer Strangulation aus. Es sah nach Mord aus. „Hilfe …“ Sterlings Stimme war ein feuchtes Röcheln. Dann Stille. Silas stand auf, seine behandschuhten Hände waren leer. Er blickte auf die Leiche herab mit einer Kälte, die mein Blut gefrieren ließ. Er war nicht traurig. Er war verärgert. Ich wollte mich zurückziehen, in der Nacht verschwinden, doch mein Stiefel blieb an einem losen Stück Zierblech auf dem Terrassenboden hängen. Kratzgeräusch. Das Geräusch war leise, aber in der toten Stille des Mordzimmers klang es wie ein Schuss. Im Zimmer schoss Silas Vanes Kopf zum Fenster. Unsere Blicke trafen sich durch den schmalen Spalt in den Vorhängen. In diesem Herzschlag sah ich, wie der Geier seine Beute erkannte. „Lauf“, befahl mein Gehirn. Ich zögerte nicht. Ich drehte mich um und rannte zur Feuerleiter, meine Lungen brannten. Ich hörte, wie die Tür zur Bibliothek hinter mir eingetreten wurde. Ich schaute nicht zurück. Ich sprang auf die Metalltreppe, der Wind pfiff an meinen Ohren vorbei, während ich in den dunklen Bauch von Manhattan hinabstieg. Ich schaffte es bis zur Gasse, duckte mich hinter eine Reihe von Müllcontainern und rang nach Luft. Ich presste meine Kamera an meine Brust. Ich hatte es. Ich hatte den Mord an einem Senator auf meiner SD-Karte. Das war meine Chance, diesem Leben zu entkommen. Oder mein Todesurteil. Ein Schatten fiel über den Eingang der Gasse. Ich erstarrte. Eine große, breite Gestalt versperrte das Licht der Straßenlaterne. Die Silhouette war unverkennbar. Die breiten Schultern, der perfekt geschnittene Mantel, die Aura absoluter Macht. Silas Vane rannte nicht weg. Er kam mit der langsamen, furchterregenden Selbstsicherheit eines Mannes auf mich zu, der bereits gewonnen hatte. „Das ist ein sehr teures Gerät, Elara“, sagte er mit erschreckend ruhiger Stimme. Er kannte meinen Namen. „Es wäre schade, wenn ich es zerbrechen müsste. Zusammen mit den Händen, die es halten.“ Ich wich zurück, bis mein Rücken gegen die kalte Backsteinwand stieß. Ich hob die Kamera, nicht als Waffe, sondern als Schutzschild. „Ich habe die Fotos, Silas. Ich werde sie der Polizei schicken. Ich werde –“ „Der Polizei?“ Er stieß ein kurzes, düsteres Lachen aus, das seine Augen nicht erreichte. Er blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen. Er war so nah, dass ich Sandelholz und den metallischen Geruch von Blut riechen konnte. Er beugte sich vor, legte seine Hand auf die Wand neben meinem Kopf und drückte mich fest an die Wand. „Die Polizei arbeitet für die Leute, die gerade Sterling umgebracht haben“, flüsterte er mir ins Ohr, sein Atem heiß auf meiner Haut. „Und diese Leute? Die suchen gerade nach einem Mädchen mit einer Kamera. Wenn ich dich aus dieser Gasse laufen lasse, schaffst du es nicht lebend bis zum Ende des Blocks.“ Mir stockte der Atem. „Du … du hast ihn nicht getötet?“ Silas zog sich gerade so weit zurück, dass er mir in die Augen sehen konnte. Sein Gesichtsausdruck wechselte von kalt zu etwas Dunklerem, etwas Besitzergreifendem. „Habe ich nicht. Aber die Welt wird glauben, dass ich es getan habe. Und du bist die einzige Zeugin, die mein Leben retten kann.“ Er beugte sich vor, seine Finger streiften die Arterie an meinem Hals, die wie wild pochte. „Also, hier ist der Deal, kleine Fotografin. Du kannst da rausgehen und sterben. Oder du kommst mit mir und wirst meine Frau.“ Mir fiel die Kinnlade herunter. „Was?“ „Ich brauche ein Alibi“, grinste er, ein raubtierhafter Glanz in seinen Augen. „Ein ‚Glas-Alibi‘. Wunderschön, transparent und vollkommen gefälscht. Du wirst der Welt erzählen, dass wir zusammen im Bett lagen, als dieser Senator seinen letzten Atemzug tat.“ Er beugte sich näher, seine Lippen berührten fast meine. „Lächle, Elara. Du hast dich gerade mit einem Monster verlobt.“

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