Die Kerzen waren bis auf nichts heruntergebrannt. Nur dünner Rauch kringelte sich noch von den schwarzen Dochten.
Die Dämmerung rückte näher. Der Himmel war nicht mehr schwarz, sondern ein verletztes Silbergrau. Dieses Licht fühlte sich immer wie eine Warnung an – der Morgen kam, und man konnte ihn nicht aufhalten.
Heidi lag still und lauschte der Stille.
Runes langsamer Atem streifte ihren Nacken. Der Wind stöhnte irgendwo in der Ferne und rüttelte an den Fensterläden des Korridors. Sie hätte Angst haben sollen, wie natürlich es sich anfühlte, in seinen Armen zu liegen. Aber die Angst war in den langen dunklen Stunden verstummt. Sie würde zurückkommen. Das tat sie immer.
Sie stand lautlos auf und suchte den Boden nach ihrem Kleid ab.
„Du gehst“, sagte Rune hinter ihr. Der Schlaf hing noch in seiner Stimme.
Sie zog das graue Kleid über ihre Hüften und drehte ihm den Rücken zu.
„Ich muss zurück sein, bevor das Haus aufwacht.“
„Dafür ist es zu spät. Zwei Älteste sind lange nach dem Erlöschen der letzten Fackel unten noch wach geblieben und haben getrunken.“
Heidi drehte sich langsam um. Er saß gegen das geschnitzte Kopfende des Bettes gelehnt, das dunkle Haar offen und zerzaust. Seine Arme ruhten auf seinen angezogenen Knien. In diesem Moment sah er nicht wie ein Alpha aus. Er sah aus wie ein Mann, der Stück für Stück auseinandergenommen worden war und gerade erst zu begreifen begann, was mit ihm geschehen war.
„Dann muss ich mich noch schneller bewegen“, sagte sie.
Seine sturmgrauen Augen blieben auf ihr Gesicht gerichtet. „Komm her.“ Seine Stimme wurde tiefer, und etwas in ihrer Brust zog sich zusammen.
„Rune.“ Sie sprach seinen Namen vorsichtig aus, wie man eine flache Hand auf eine Wunde legt.
„Ich weiß, was ich verlange. Bleib.“
„Deine Verlobung wurde gestern Abend vor jedem Wolf in diesem Territorium bekannt gegeben. Elsa wird mich bei Tagesanbruch suchen. Frank beobachtet alles, was sich in diesem Haus bewegt.“ Sie drückte ihr zerzaustes Haar mit beiden Handflächen glatt. „Ich kann bei Sonnenaufgang nicht aus diesem Flügel hinausgehen, ohne dass mich jemand sieht.“
Sein Kiefer spannte sich an. Der Muskel arbeitete unter der scharfen Linie. Er schwieg einen Moment.
„Ich bin kein törichter Mann, Heidi. Ich weiß genau, was letzte Nacht in Gang gesetzt hat.“
„Dann verhalte dich auch so“, sagte sie. Leise, aber ohne Entschuldigung darunter.
„Zwei Älteste haben mich während des Banketts beobachtet. Der alte Brennan und die Frau, die sie Mira nennen. Beide haben feinere Nasen als jeder Wolf, den ich in zwanzig Jahren gesehen habe.“ Er hielt inne. „Sie haben mich beobachtet wie Wölfe etwas beobachten, das sich falsch bewegt.“
Ihr Magen sackte wie ein Stein in einen Brunnen. „Sie haben es gerochen.“
„Sie haben etwas an mir gerochen, das nicht dazugehört. Sie können es noch nicht benennen. Aber Wölfe wie Brennan lassen eine Sache nicht los, bis sie sie benannt und gemeldet haben.“
Sie verschränkte die Arme und drückte sie gegen ihre Rippen. „Was genau hast du also vor?“
„Ich werde mit den Ältesten genauso umgehen, wie ich mit allem umgehe, das mir im Weg steht.“
„Du kannst nicht jeden Wolf im Rudel herausfordern, der misstrauisch wird. Es sind zu viele. Die Zeit arbeitet bereits gegen uns.“
Er verließ das Bett und kam auf sie zu. Er blieb so nah stehen, dass sie das Kinn heben musste, um seinen Blick zu halten. „Ich brauche nur ein paar Tage. Lange genug, um meine Position zu festigen, sodass dein Vater sie nicht mehr rechtlich bekämpfen kann. Dann werde ich die Bindung dem Rudel auf eine Weise präsentieren, die sie nicht einfach abtun können.“
Er streckte die Hand aus und steckte eine lose Haarsträhne hinter ihr Ohr. Sein Daumen streifte den Rand ihres Wangenknochens so leicht, dass es fast keine Berührung war.
Die Sanftheit davon brachte sie beinahe zum Brechen. Sie trat zurück, bevor es die weichen Stellen in ihr erreichen konnte. „Du verlangst von mir, dass ich zusehe, wie du neben Elsa an jedem Tisch sitzt, als wäre sie deine auserwählte Gefährtin.“
Er leugnete es nicht. „Das ist es, was ich verlange.“
„Dass ich deinen Wein einschenke, deine Teller abräume und die Augen senke wie eine brave kleine Dienerin?“
Er hielt ihren Blick und sagte nichts. Dieses Schweigen sagte genug.
„Dass ich so tue, als würde ich nichts fühlen, nichts wollen und nichts bedeuten. Während meine Schwester glaubt, sie sei diejenige, die du willst.“
„Nur für ein paar Tage. Nicht für immer.“
Heidi lachte. Der Klang kam hohl heraus, wie wenn man auf einen leeren Topf schlägt. „Du verlangst viel von einer Frau, die du vor drei Nächten noch wegwerfen wolltest.“
„Ich weiß, was ich gesagt habe.“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich kann nicht zurückgreifen und es ungesagt machen. Ich hatte etwas Kaltes und Falsches geplant, und du hast jedes Wort gehört.“ Er hielt inne. Jedes folgende Wort kam gemessen und vorsichtig. „Aber ich stehe jetzt vor dir, bevor die Sonne überhaupt aufgegangen ist, und bitte dich, mir zu vertrauen. Das muss etwas zählen.“
Sie betrachtete sein Gesicht im zunehmenden Licht. Irgendwo tief unter dem Haus öffnete und schloss sich eine Tür. Ein Diener, der die Morgenfeuer entfachte. Der Tag kam, ob sie bereit war oder nicht.
„Ein paar Tage“, sagte sie schließlich. „Ich hoffe, es wird nicht zu einem Für-immer.“
Sie hob ihr Tuch vom Boden auf und wickelte es fest um ihre Schultern. Ihre Hand fand den Türknauf. Sie hielt inne, mit dem Rücken zu ihm, weil sie das Nächste sagen musste, ohne ihn anzusehen.
„Wenn du ihr auch nur einmal wehtust, wird es mir egal sein, was diese Bindung aus mir herausreißt, wenn ich dagegen ankämpfe. Ich werde einen Weg finden, das zu beenden, was zwischen uns ist.“
„Ihr wird kein Leid geschehen.“ Seine Stimme blieb ruhig und flach. „Du hast mein Wort.“
„Das Wort eines Alphas“, sagte sie leise.
„Es ist das Einzige, was in dieser Welt etwas bedeutet. Und ich gebe es dir.“
Heidi nickte einmal, öffnete die Tür und schlüpfte in den dunklen Flur. Sie hatte fast das andere Ende erreicht, als sie Schritte hörte – schwer, gemächlich, die von unten heraufkamen. Sie drückte sich in den Schatten einer Türnische und hielt den Atem an, bis ihre Lunge schmerzte.
Eine Gestalt erschien oben an der Treppe.
Der alte Brennan.
Einer der ältesten Wölfe, die im Territorium noch übrig waren. Er trug eine einzelne Kerze und schützte die Flamme mit einer gewölbten Handfläche. Oben an der Treppe blieb er stehen und stand vollkommen still. Dann begann sein Kopf sich langsam zu drehen, so wie die Nase eines Wolfes arbeitet, bevor seine Augen nachkommen.
Heidi drückte sich tiefer in den Schatten und hörte ganz auf zu atmen.
Er hob die Kerze höher. Die kleine Flamme fand den Rand ihres Gesichts in der Dunkelheit. Ihre Blicke trafen sich über den schmalen Flur hinweg.
Dann lächelte Brennan. Ein langsames, dünnes Ziehen der Lippen ohne Wärme dahinter. Er senkte die Kerze, ohne ein Wort zu sagen, drehte sich zurück zur Treppe und ging von ihr weg.
Heidi presste die Faust hart gegen ihren Mund und sah zu, wie die Dunkelheit ihn verschluckte. Seine Schritte blieben gemessen und ruhig.
Sie wusste, wohin diese Schritte gingen. Sie wusste genau, welches Zimmer am Ende des südlichen Korridors lag. Das mit dem die ganze Nacht brennenden Feuer, dem schweren Eisenschloss und dem Eichenschreibtisch, der mit alten Rudelgesetz-Rollen und einer Flasche dunklem Wein beladen war, den Frank nie austrank, bevor er ins Bett ging.
Brennan ging zu Frank. Und wenn er dort ankam, würde er sich dicht über diesen breiten Eichenschreibtisch beugen und genau beschreiben, was seine Nase gerade im dunklen Flur vor der Kammer des Gast-Alphas bestätigt hatte.
Heidis Rücken glitt langsam an der kalten Steinwand hinunter, bis sie auf dem Boden kauerte und beide Hände flach über ihren Mund presste.
Rune hatte um ein paar Tage gebeten, um sich vorzubereiten, seine Macht zu festigen und sie zu schützen. Aber ein paar Tage gab es nicht mehr.
Denn irgendwo in diesem dunklen Korridor hob ein alter Wolf mit blassen, kalten Augen bereits die Faust, um an die Tür ihres Vaters zu klopfen.
Und Frank war in seinem ganzen Leben noch nie langsam aufgewacht.