Kapitel 1: Die Perfekte Lüge
Nova Vance stieß mit einem sanften Lächeln die Tür zu ihrer Wohnung auf. Das Gewicht zweier schwerer Einkaufstüten schnitt in ihre Unterarme. Der vertraute Duft des Flurreinigers, vermischt mit dem fernen Aroma der Küche ihrer Nachbarin, hieß sie wie immer willkommen. Heute jedoch trug sie mehr als nur Zutaten bei sich. Sie trug Hoffnung bei sich, sorgsam verpackt in jedem einzelnen Gegenstand, den sie mit Liebe ausgewählt hatte.
Es war ihr dritter Jahrestag, und sie hatte das Büro frühzeitig verlassen und die Fragen ihres Chefs mit einer eleganten Ausrede umgangen. Mason hatte es verdient. Sie wollte, dass dieser Abend perfekt wurde, so wie sie immer versucht hatte, ihr gemeinsames Leben besonders zu gestalten. Frisches Basilikum, warmes Ciabatta-Brot von seiner Lieblingsbäckerei, gereifter Parmesan und eine Flasche Bordeaux – jener tiefe, samtige Wein, den er immer so lobte. Vierzig Minuten hatte sie zuvor im Kartenregal verbracht und jede einzelne Jahrestagsnachricht gelesen, bis ihr die Augen tränten, auf der Suche nach der einen, die genau ihre Gefühle ausdrückte.
„Ich bin zu Hause“, rief sie leise und knallte die Tür mit dem Absatz hinter sich zu. Die Wohnung war still. Zu still.
Sie betrat die Küche und erstarrte.
Zwei Whiskygläser standen auf der Marmorarbeitsplatte. Das eine war noch von gestern Abend, leicht mit Lippenstiftspuren. Das andere war mit fast chirurgischer Sorgfalt ausgespült und kopfüber auf den Abtropfständer gestellt worden. Mason tat das nie. Er ließ seine Gläser immer einfach stehen und erwartete, dass sie wie immer hinter ihm aufräumte.
Ein leises, nervöses Lachen entfuhr ihr. „Schatz? Willst du mich etwa auch überraschen?“
Sie stellte die Taschen ab und begann auszupacken. Ihre Bewegungen waren leichtfüßig, trotz des seltsamen Kribbelns in ihrem Bauch. Der Ring an ihrem Finger glitzerte im Nachmittagslicht, das durchs Fenster fiel – eine ständige Erinnerung an das Eheversprechen. Drei Jahre. Es war nicht immer einfach gewesen, aber welche Ehe war das schon? Sie hatte sich entschieden, daran zu glauben. An ihn.
Dann war es soweit.
Ein leises, keuchendes Stöhnen einer Frau drang aus dem zweiten Stock herab. Darauf folgte das rhythmische Knarren ihres Bettes, das Nova erst am Morgen frisch bezogen hatte.
Ihre Hände verharrten auf der Olivenölflasche. Einen Moment lang weigerte sich ihr Verstand, das Geräusch zu verarbeiten. Dann hämmerte ihr Herz gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel.
„Mason?“, rief sie und zwang ihre Stimme, hell und liebevoll zu klingen. „Ich bin früher nach Hause gekommen. Ich habe all deine Lieblingssachen für unseren Jahrestag mitgebracht. Ich dachte, wir könnten heute Abend hierbleiben … nur wir beide.“
Ein weiteres Stöhnen zerschnitt die Luft, diesmal lauter. Dann ein tiefes, gutturales Stöhnen, das Nova nur allzu gut als Masons Stöhnen kannte.
Nein. Das konnte nicht wahr sein.
Sie krallte sich so fest an die Kante der Küchentheke, dass ihre Knöchel weiß wurden. Der Basilikumduft wirkte plötzlich erdrückend und erstickend. „Wir sind glücklich“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Ich weiß, dass wir es sind. Ich habe alles geplant. Die Karte… Ich habe so lange damit verbracht, sie auszusuchen, weil jedes Wort stimmen musste.“
Doch ihre Füße bewegten sich trotzdem, trugen sie wie von einer unsichtbaren Kraft zur Treppe. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der vorherige, wie durch Treibsand zu waten. Die Geräusche wurden klarer, intimer. Das feuchte Klatschen von Haut. Das gehauchte Wimmern der Frau, das in verzweifeltes Keuchen überging. Masons leises Grunzen vermischte sich mit einem sanften, vertrauten Lachen, das etwas tief in Novas Brust zerriss.
„Mason, bitte“, flüsterte sie, als sie oben an der Treppe ankam, ihr schlanker Körper zitterte. „Wenn das ein Scherz zu unserem Jahrestag sein soll, ist er nicht lustig. Komm runter. Ich habe den Wein, den du liebst … den, der nach Samt und Kirschen schmeckt. Erinnerst du dich, wie du mich nach dem ersten Schluck geküsst hast?“
Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. Warmes, goldenes Licht fiel in den Flur und verspottete sie.
Novas Hand zitterte, als sie die Tür aufstieß.
Der Anblick traf sie wie ein Schlag.
Mason war splitternackt, sein muskulöser Rücken glänzte vor Schweiß, während er tief und gleichmäßig zwischen ihre gespreizten Beine stieß. Olivias langes, feuerrotes Haar lag auf Novas Lieblingskissen. Ihre grünen Augen waren vor Lust halb geschlossen, ein Bein hoch um Masons Hüfte geschlungen, die Nägel gruben sich in seinen Rücken. Er war noch immer tief in ihr, feucht und glänzend, als sich ihre Blicke mit Novas trafen.
Sie liebten sich auf den Laken, die Nova an diesem Morgen gewaschen hatte.
Einen schrecklichen Moment lang stieß Mason noch zwei, drei Mal kraftvoll zu, bevor er endlich ihre Anwesenheit wahrnahm. Tief in Olivia erstarrte er, sein pechschwarzes Haar zerzaust, seine blauen Augen weiteten sich eher vor Irritation als vor Scham.
Olivia blickte als Erste auf. Ein langsames, zufriedenes Lächeln umspielte ihre geröteten Lippen. Sie stieß Mason nicht von sich. Stattdessen wölbte sie ihren Rücken leicht und presste ihre vollen Brüste gegen seine Brust, während er weiterhin bis zum Anschlag in ihr steckte.
„Na, na“, schnurrte Olivia mit benebelter Stimme. „Na, wer hat denn da beschlossen, früher nach Hause zu kommen? Nova, Liebling … du hast wirklich das schlechteste Timing.“
Mason zog sich mit einem feuchten, obszönen Geräusch aus Olivia zurück, das Novas Magen sich heftig zusammenkrampfte. Er schnappte sich das Laken und warf es achtlos über Olivias nackten Körper, als würde er ein Möbelstück abdecken. Sein Gesichtsausdruck blieb genervt, fast gelangweilt.
„Du bist früh zu Hause“, sagte er emotionslos, ohne auch nur aufzustehen.
Nova erstarrte im Türrahmen, die Farbe wich aus ihrem blassen Gesicht. Ihre rauchviolettblauen Augen weiteten sich vor Entsetzen. Die Einkaufstüten unten, der sorgfältig ausgewählte Wein, die Jubiläumskarte, die noch immer sicher in ihrer Handtasche verstaut war – all das erschien ihr jetzt wie ein grausamer Scherz.
„Drei Jahre“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. Tränen brannten in ihren Augenwinkeln, aber sie weigerte sich, sie fließen zu lassen. Noch nicht. „Ich hatte alles für heute Abend geplant. Ich dachte… ich dachte, du liebst mich. Ich dachte, wir wären glücklich.“
Olivia stieß ein leises, spöttisches Lachen aus. Völlig ungerührt strich sie Mason mit den Fingern über die Brust. „Ach, Süße. Du warst immer so vorhersehbar. Seine Lieblingsgerichte gekocht, kleine Überraschungen geplant, auf ihn gewartet wie eine brave Ehefrau. Mason erzählt mir schon seit Monaten, wie erdrückend deine perfekte Routine geworden ist.“
Mason seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs feuchte Haar. „Nova, wir können später darüber reden. Gib uns nur … eine Minute, um fertig zu werden.“
Die Worte trafen sie tiefer als jedes Messer.
Novas ganzer Körper zitterte. Die Frau, die voller Liebe und Begeisterung in diese Wohnung gekommen war, war verschwunden. An ihrer Stelle stand eine zerbrochene Frau, die auf die Trümmer all dessen starrte, woran sie geglaubt hatte.
Sie machte einen wackeligen Schritt zurück.
Dann noch einen.
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und rannte die Treppe hinunter. Olivias zufriedenes Lachen verfolgte sie wie Gift durch das Zuhause, das sie einst so geliebt hatte.