Zerbrochen

1313 Words
Korra hatte einst geglaubt, Hunger sei der schlimmste Schmerz, den ein Mensch ertragen könne. Sie hatte sich geirrt. Der schlimmste Schmerz war nicht der leere Magen oder die krampfenden Qualen – es war die Erinnerung an das, was längst hätte vergessen sein sollen. Und doch klammerten sich die Bilder an sie, so frisch wie vor all den Jahren. Rückblende – Zehn Jahre alt Korra war erst zehn Jahre alt, als ihr Vater sie zum ersten Mal schlug. Es war Sommer gewesen, einer dieser Tage, an denen die Hitze an der Haut klebt und der Schweiß den Nacken hinabläuft. Ihr kleines Haus hatte schon immer nach Staub und abgestandenem Bier gerochen, und ihr Vater lag bewusstlos auf dem Sofa, eine offene Flasche lose in seinen Fingern. Korra hatte geputzt, vorsichtig, um ihn nicht zu stören. Als sie nach der Flasche griff, um sie beiseitezustellen, rutschten ihr die Finger ab. Die Flasche kippte, Bier ergoss sich über den Teppich, bevor sie auf dem Boden zerschellte. Ihr Vater fuhr augenblicklich hoch, seine dunklen Augen loderten vor Zorn. „Was hast du getan?“ „I… ich wollte nicht“, stammelte sie und erstarrte zwischen den glitzernden Glasscherben an ihren nackten Füßen. „Du hast sie zerbrochen!“ brüllte er. Er mühte sich aufzustehen, schwankte, doch selbst unsicher ragte er über ihr auf. Bevor sie zurückweichen konnte, schoss seine Hand vor. Die Ohrfeige knallte gegen ihre Wange, schleuderte sie zu Boden, ließ ihre Ohren vom Schmerz dröhnen. Ihr kleiner Körper rollte sich instinktiv zusammen. Die Wange pochte, Tränen verschwammen ihre Sicht, doch sie biss sich fest auf die Lippe, um nicht zu weinen. „Sieh dir an, was du angerichtet hast!“ spie er und riss eine weitere Flasche vom Tisch, presste sie an seine Brust wie einen Schatz. „Undankbares Gör, immer nimmst du, immer machst du alles kaputt. Für alles, was du zerstörst, wirst du bezahlen.“ Korra sagte kein Wort; sie wagte kaum zu atmen. An diesem Tag lernte sie, dass Schweigen sicherer war als die Wahrheit – und an diesem Tag begriff sie, dass ihr Vater die Flasche mehr liebte als sie jemals sie geliebt hatte. Von da an lebte der blaue Fleck von seines Vaters Temperament nicht nur auf ihrer Haut, sondern tief in ihrem Herzen. Gegenwart Jahre später hatte sich nichts geändert. Wenn überhaupt, war alles schlimmer geworden. Die Erinnerungen brannten in ihrem Kopf, während sie zusammengekauert in der Ecke ihres Zimmers saß. Ihr Magen knurrte, doch sie schlang die Arme um sich, als könne sie die Leere festhalten. Die rissigen Wände boten keinen Trost, die Matratze hing durch und roch nach Schimmel und alten Tränen. Sie schleppte sich hoch; ihre Glieder schmerzten vor Hunger. Ihr Magen zog sich so heftig zusammen, dass ihr übel wurde, doch es gab nichts, was hochkommen konnte – nichts war mehr in ihr. Sie ging zu der Ecke, in der sie eine alte Brotrinde versteckt hatte, sorgfältig in Stoff gewickelt. Als sie das Tuch öffnete, stockte ihr der Atem. Das Brot war weg. Ihr Herz sank. Sie musste nicht fragen – sie wusste, dass ihr Vater es genommen hatte. Er nahm immer alles und ließ ihr nichts. Die Tür schlug auf und bestätigte ihre Angst. Er torkelte herein, die Münzen aus ihrem Glas klimperten in seiner Tasche, während er mit vollem Mund auf dem kaute, was ihr gehört hatte. „Du hast mein Essen gegessen“, flüsterte sie heiser. Er grinste sie an und zeigte vergilbte Zähne. „Mein Essen, Mädchen. Alles in diesem Haus gehört mir. Vergiss das nie.“ Korra ballte die Fäuste, die Nägel bohrten sich in ihre Handflächen, um den Schrei zu ersticken, der in ihr hochstieg. „Ich habe für dieses Brot gearbeitet.“ Sein Grinsen verging, wurde zu einem finsteren Blick. „Was hast du gesagt?“ Sie schüttelte hastig den Kopf und schluckte die Worte hinunter, bevor sie sie umbringen konnten. „Nichts, Vater.“ „Nenn mich nicht so!“ Seine Stimme donnerte. Er schlug die Faust so hart gegen die Wand, dass der Putz riss. „Nenn mich nicht Vater, wenn du nichts weiter warst als ein Fluch.“ Tränen brannten in ihren Augen, doch sie hielt sie zurück. Weinen machte ihn nie weich; es machte alles nur schlimmer. Sein Blick verengte sich, suchte ihr Gesicht nach Trotz ab. Als er keinen fand, grunzte er und wandte sich ab, zog die Flasche mit einem harten Kratzen über den Tisch. „Braves Mädchen“, murmelte er. „Lern deinen Platz.“ Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und Stille blieb zurück. Sie rollte sich enger zusammen, wiegte sich langsam und flüsterte das Schlaflied, das ihre Mutter ihr früher gesungen hatte. Die Worte brachen ihr in der Kehle, doch sie klammerte sich an sie – es war alles, was ihr von ihr geblieben war. Später am Abend Sie musste eingenickt sein, denn das Murmeln von Stimmen riss sie aus dem Schlaf – eine tiefe, gutturale, betrunkene Stimme. Die ihres Vaters war darunter, rau vom Alkohol. Sie schlich zur Tür und presste das Ohr gegen das Holz. Der Gestank von Rauch und Ale drang durch die Ritzen. „Hab’s dir doch gesagt, sie ist jung“, lallte ihr Vater, die Stimme trunken, aber gierig. „Hübsch genug, wenn es dich nicht stört, dass sie so dünn ist. Und flink ist sie auch.“ Ein Chor aus Gelächter folgte, ließ ihren Magen abstürzen. „Mach keine Witze, Garret“, lachte einer der Abtrünnigen. „Willst du sagen, du verkaufst dein eigenes Blut?“ „Blut?“ höhnte ihr Vater. „Sie ist mir nichts als ein Maul, das ich nicht stopfen kann. Was bringt es, wenn sie hier verfault? Besser, sie verdient ihren Unterhalt.“ Korras Haut wurde eiskalt, ihre Hände zitterten heftig, Galle stieg ihr in die Kehle. „Sie ist unmarkiert“, sagte eine andere Stimme nachdenklich. „Das macht sie wertvoll – unberührt.“ Ein weiteres dröhnendes Gelächter hallte wider. Der Raum drehte sich. Sie presste beide Hände auf den Mund, um keinen Laut von sich zu geben. Ihre Brust fühlte sich an, als würde sie zusammengedrückt; die Luft war zu schwer zum Atmen. Er ließ sie nicht mehr nur hungern – er handelte mit ihr. Wollte sie loswerden. Verkaufen an die Wölfe draußen, an Männer, die Mädchen wie sie als Beute betrachteten. Die Stimme ihres Vaters schnitt erneut durch die Geräusche, tief und hungrig. „Macht mir ein gutes Angebot, und sie gehört euch.“ Der Boden schwankte unter ihr. Tränen verschleierten ihre Sicht. Jede Spur von Verleugnung zerfiel zu Staub. Er hasste sie nicht nur – er wollte sie auslöschen. Sie taumelte von der Tür zurück, erstickte an Schluchzern, ihr Körper bebte vor Angst und Verrat. Ihr Verstand schrie sie an zu fliehen, doch ihre Beine waren schwach, ihr Magen leer. Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff sie, dass Überleben sie mehr kosten könnte als Hunger. Korra kauerte an der Wand ihres kleinen Zimmers, die Knie an die Brust gezogen, zitternd so heftig, dass sie glaubte, ihre Knochen würden auseinanderfallen. Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf, lauter als jedes Hungergefühl, schärfer als jede Ohrfeige. Sie verkaufen. Sie wäre viel wert. Das Beste ist, sie ist unberührt. Sie presste die Hände auf die Ohren, doch es half nichts. Selbst die Wände schienen es ihr zuzuflüstern. Sie wollte schreien, weglaufen, in der Nacht verschwinden und nie zurückkehren. Doch wohin sollte sie gehen? Wer würde sie aufnehmen? Für das Rudel war sie unsichtbar, ein verfluchter Schatten. Für ihren Vater war sie nichts als jemand, dem er die Schuld für sein Elend geben konnte. Heiße, endlose Tränen liefen über ihr Gesicht. „Mama“, flüsterte sie, die Stimme brach. „Warum hast du mich hier zurückgelassen? Warum hast du mich nicht mitgenommen?“ Keine Antwort kam. Nur Stille – und das leise, betrunkene Lachen ihres Vaters im Nebenzimmer.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD