Verhandelt

1309 Words
„Mach mir ein gutes Angebot, und sie gehört euch.“ Diese Worte zerrissen, was von dem Kind, das Korra einst gewesen war, noch übrig war – dem Kind, das einmal geglaubt hatte, Liebe könne sie retten. Korra kauerte in der Ecke des kleinen Zimmers, die Arme fest um die Knie geschlungen, zitternd so stark, dass ihre Zähne klapperten. Ihr Herz hämmerte in ihren Ohren und übertönte das betrunkene Gelächter auf der anderen Seite der Wand. Der Geruch von Rauch und saurem Alkohol sickerte unter der Tür hindurch, legte sich auf ihre Haut, nahm ihr den Atem. Ihr Vater ließ sie nicht mehr nur hungern. Er schlug sie nicht mehr nur. Er verkaufte sie. Und Korra … Korra war zu schwach, um zu fliehen. Ihr Geist driftete zurück zu dem Tag, an dem sie ihre Mutter verloren hatte – dem Tag, an dem ihr Leben sich in ein Davor und ein Danach geteilt hatte. Jahrelang hatte sie diese Erinnerung begraben, sich geweigert, zu diesem Moment zurückzukehren, in dem alles zerbrochen war. Doch nun stieg sie auf wie ein Geist, den sie nicht vertreiben konnte. Sie war acht gewesen. Das Haus war arm und baufällig, aber ihre Mutter war darin gewesen, und das hatte alles verändert. An diesem Morgen hatte ihre Mutter ihr die Haare geflochten, die Finger sanft auf ihrer Kopfhaut, während sie das Schlaflied summte, das sie immer sang, um sie in den Schlaf zu wiegen. „Der Mond wird dich beschützen“, hatte sie geflüstert, als sie die letzte Strähne festband. „Immer, egal wie dunkel es wird.“ Es hatte keinen Kuchen gegeben, keine Kerzen, nichts, was sich ein Kind erhoffen sollte. Doch Mama hatte leise gesummt, als sie einen abgesplitterten Teller mit zwei Broten hinstellte, die sie aufgespart hatte – eines für sich, eines für Korra. Sie hatte ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn gedrückt, ihre Lippen kühl und zitternd, und geflüstert: „Alles Gute zum Geburtstag, mein kleiner Stern.“ Korra hatte gedacht, sie sei nur müde. Das Gesicht ihrer Mutter war blass gewesen, Schatten lagen unter ihren Augen, doch sie hatte das Schlaflied weiter gesungen, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch: Schlaf, mein Kind, die Nacht ist gut, Schließ die Augen, fass dir Mut. Schließ die Augen, mein tapfrer Stern, Dein Herz ist stärker als die Dunkelheit fern. Doch in dieser Nacht hatte sie das Lied nicht zu Ende gesungen. Mitten im Vers stockte ihr der Atem, und sie presste eine Hand an ihre Brust. Korra erinnerte sich daran, wie sie ihre Brotrinde fallen ließ, Krümel über den Boden verstreut, und nach ihr griff. „Mama?“ Ihre kleine Stimme war vor Angst gebrochen. Ihre Mutter hatte trotz der Schmerzen gelächelt, ihre Hand über Korras Wange gestrichen. „Sei tapfer, Korra.“ Das waren die letzten Worte gewesen, die sie je gesprochen hatte, bevor sie auf den Lehmboden zusammensackte. Am Morgen war sie tot gewesen. Korra hatte den Tod damals nicht wirklich verstanden. Nur, dass ihre Mutter nicht aufwachte, egal wie sehr sie sie schüttelte. Ihr Vater war später zurückgekommen, nach Alkohol stinkend, und als er sie zusammengerollt neben dem leblosen Körper gefunden hatte, hatte er nicht geweint. Er hatte nicht getrauert. Er hatte sie mit blutunterlaufenen Augen angesehen und ausgespuckt: „Das ist deine Schuld. Du hast sie ausgesaugt, verfluchtes Gör. Du hast sie getötet.“ In dieser Nacht war auch ein Teil von Korra gestorben – der Teil, der geglaubt hatte, liebenswert zu sein. Korra hasste es, sich zu erinnern, doch in letzter Zeit kamen die Erinnerungen, ob sie wollte oder nicht. Sie schüttelte den Kopf, als könne sie sie so vertreiben, doch dann wurde das grausame Gelächter aus dem Nebenzimmer lauter, gefolgt von prahlerischem Gerede. „Sie ist unmarkiert“, sagte einer der Männer gierig. „Sie wird einen hohen Preis erzielen.“ Ihr Vater grunzte zustimmend. „Meine Schulden sind hoch; ich tausche sie ein. Sonst ist sie zu nichts zu gebrauchen.“ „Ich begleiche deine Schulden, Garret“, lallte einer, „aber das Mädchen sollte es wert sein.“ „Sie ist jung“, erwiderte ihr Vater, seine Worte scharf trotz des Ale-Nebels. „Unberührt. Das ist mehr wert als Münzen.“ Korra schlug sich eine zitternde Hand vor den Mund, um den Schrei zu ersticken, der sich aus ihrer Kehle kämpfte. Sie sprachen über sie, als wäre sie kein Mensch – nicht aus Fleisch und Blut, sondern etwas, das man wiegen und verkaufen konnte. „Sie ist mein Blut“, fügte ihr Vater hinzu und lachte bitter. „Aber verwechsel das nicht mit Fürsorge. Sie ist ein Fluch, seit dem Tag, an dem sie geboren wurde. Eine Erinnerung an die Frau, die mich verlassen hat.“ Verlassen? Korras Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Mama hatte ihn nicht verlassen – sie war gestorben. Korra wollte die Wahrheit herausschreien, die Tür aufreißen und sie ihm ins Gesicht schleudern. Doch wozu? Er würde sie nicht hören. Das hatte er nie getan. „Nenn deinen Preis“, drängte eine andere Stimme. Stühle scharrten, Münzen klirrten. Korras Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen. Er tat es wirklich. Er tat es tatsächlich. Der Raum schwankte, und sie presste sich gegen die Wand, umklammerte ihre Knie, wiegte sich – so wie früher, als Mama sie in den Schlaf gesummt hatte. Sie versuchte, sich an die Stimme ihrer Mutter zu erinnern, sanft und warm, doch die Erinnerung verblasste, übertönt vom rauen Gelächter draußen. „Schlaf, mein Kind, die Nacht ist gut …“, flüsterte sie, die Stimme bebend. Heiße Tränen liefen über ihre Wangen, verwischten ihre Sicht, bis das Zimmer nur noch aus Schatten und Staub bestand. Er hatte ihr schon so viel genommen: ihr Essen, ihre Kindheit, ihre Hoffnung. Und nun wollte er auch noch das Wenige nehmen, das ihr geblieben war – ihre Freiheit, ihre Würde, den letzten Rest von sich selbst. Ihr Magen knurrte, leer und hohl, doch der Hunger machte ihr keine Angst mehr. Das hier war schlimmer. Das war ein Schmerz, der von innen fraß, bis nichts mehr übrig blieb als Asche. Sie wollte rennen. Jeder Instinkt schrie sie an, aufzustehen, das Fenster aufzustoßen und in der Nacht zu verschwinden. Doch die Angst hielt sie fest. Was, wenn sie gefasst würde? Was, wenn die Welt draußen schlimmer war als das, was hier auf sie wartete? Die Stimme ihres Vaters erhob sich erneut, diesmal klarer. „Bis morgen gehört sie euch. Begleicht meine Schulden, und nehmt sie mit.“ Der Raum kippte, Übelkeit überrollte sie. Bis morgen würde sie nicht mehr sich selbst gehören. Ihr Schicksal wäre besiegelt. Jahrelang war Korra still gewesen, hatte jede Beleidigung, jeden Schlag, jeden Raub an ihrer Seele geschluckt. Doch heute Nacht verschob sich etwas in ihr. Wenn morgen ihr Ende sein sollte, dann musste diese Nacht ihr Anfang werden. Sie presste die Hand auf den Boden, um sich zu stabilisieren, und flüsterte in die Dunkelheit: „Ich werde dich nicht verkaufen lassen. Ich werde nicht zulassen, dass du mich benutzt und zerstörst.“ Zum ersten Mal erlaubte sie sich, an Flucht zu denken – nicht nur daran, einen weiteren Tag zu überleben, sondern wirklich zu gehen. Ihn zu verlassen. Diesen Ort zu verlassen. Den Fluch hinter sich zu lassen, an den er sie seit ihrer Geburt gekettet hatte. Das Gelächter aus dem Nebenzimmer wurde lauter, roh und widerwärtig, doch sie klammerte sich an das Schlaflied ihrer Mutter und beendete die Strophe mit einer Stimme, die fester klang, als sie sich fühlte: Schlaf, mein Kind, die Nacht ist gut, Schließ die Augen, fass dir Mut. Nur dieses Mal schloss sie die Augen nicht. Sie öffnete sie. Und während sich die Nacht vor ihr ausstreckte – dunkel und endlos –, wusste sie eines mit einer Klarheit, die den Nebel der Angst durchschnitt: Wenn sie nicht entkam, wenn sie sich nicht wehrte, dann wäre sie morgen verschwunden.
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