In dem Moment, in dem Korra beschloss, sich nicht von ihrem Vater verkaufen zu lassen, setzte sich ihr Körper in Bewegung, noch bevor die Angst sie wieder fesseln konnte.
Wenn morgen ihr Ende sein sollte, dann musste diese Nacht ihr Anfang werden. Sie wiederholte den Gedanken wie ein Gebet und klammerte sich daran wie an ihre einzige Rettungsleine.
Stunden nachdem die Abtrünnigen gegangen waren, verrieten die betrunkenen Schnarchgeräusche aus dem Nebenraum, dass er bewusstlos war – ausgestreckt auf der Couch, wie immer umgeben von Flaschen und Schulden. Er vertraute darauf, dass der Alkohol sein Haus bewachte und die Schatten sie festhielten. In dieser Nacht würden ihn beide verraten.
Das Fenster ächzte, als sie es aufstieß, ein langes, schmerzhaftes Knarren, das ihren Puls in die Höhe schnellen ließ. Für einen atemlosen Moment erstarrte sie, überzeugt, das Geräusch würde ihn aus seiner Benommenheit reißen. Doch das Schnarchen blieb gleichmäßig, hässlich und ahnungslos. Sie drückte den Rahmen weiter auf und schlüpfte hindurch.
Die Nachtluft schlug ihr ins Gesicht – kalt, scharf, lebendig vom Geruch feuchter Erde und dem Rauch aus den Tavernen weiter unten. Der Duft von gebratenem Fleisch ließ ihren Magen vor Hunger krampfen, doch heute Nacht war Hunger nicht ihr Gefängnis. Die Angst vor dem Unbekannten war es.
Korra schwang ein Bein über die Fensterbank, ihre Hände zitterten. Zweifel nagten an ihr: Was, wenn er aufwachte? Was, wenn die Abtrünnigen sie erwischten? Was, wenn die Welt draußen schlimmer war als das, was sie hinter sich ließ? Doch die Stimme ihrer Mutter tauchte aus der Erinnerung auf: Sei tapfer, Korra.
Sie fiel hart auf den Boden, die Knie gaben nach, und sie biss sich fest auf die Lippe, um den Schrei zu ersticken, der ihr entkommen wollte. Kiesel bohrten sich in ihre nackten Füße, als sie sich tief duckte, die Augen huschten über die schiefen Reihen von Hütten entlang der Straße. Die meisten lagen im Dunkeln, doch Abtrünnige schliefen selten wirklich.
Sie zog den abgetragenen Schal enger um ihre schmalen Schultern, senkte den Kopf und schleppte sich wie eine geschlagene Omega vorwärts – zu gebrochen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es war die einzige Tarnung gewesen, die je verhindert hatte, dass Fäuste auf sie niederprasselten. Atmen, Korra … sieh ihnen nicht in die Augen, murmelte sie.
Doch Glück hatte ihr nie gehört.
„Na, na“, zischte eine Stimme aus den Schatten. „Was macht denn dieses kleine Mäuschen so spät noch draußen?“
Drei Abtrünnige traten hervor und umkreisten sie mit der Leichtigkeit von Raubtieren. Sie rochen nach Schweiß, abgestandenem Rauch und etwas noch Widerwärtigerem.
Ihr Puls schoss in die Höhe. Sie duckte den Kopf und zwang ihre Stimme zum Zittern. „I… ich bin nur eine Omega. Ich erledige einen Botengang.“
Einer beugte sich näher und sog die Luft ein. „Unmarkiert“, murmelte er. „Frisch.“
Panik schnürte ihr die Kehle zu. „Bitte … ich bin nichts. Nicht die Mühe wert.“
Sie lachten und stießen sie, sodass sie über den Kies stolperte. „Nichts?“ höhnte der Erste. „Schätzchen, du bist alles. Weißt du, was Omegas nachts draußen passiert?“
Ihr Herz hämmerte. Lauf, schrie ihr Verstand, doch ihre Beine fühlten sich bleischwer an.
Dann rief eine andere Stimme die Straße hinunter: „Garrets Mädchen! Der Bastard hat sie mir versprochen!“
Eiskalter Schrecken schnitt durch sie. Jetzt musste sie rennen – doch ihr Wolf blieb vergraben, zu lange verborgen, erstickt unter der Maske der Schwäche, die sie zum Überleben getragen hatte. Diese Maske war alles, was ihr geblieben war. Sie krümmte sich, schleppte ein Bein, als wäre es verletzt, wimmerte.
Doch es verschaffte ihr Sekunden – und Sekunden reichten.
Sie schlüpfte um eine Ecke und sprintete los.
„Fangt sie!“
„Unberührt ist sie mehr wert!“
„Lasst sie nicht über die Grenze!“
Grenze. Das Wort brannte sich in ihre Gedanken. Jenseits der Bäume lag das Territorium von Moonhowl – Wölfe, gebunden an Gesetz und Rudel. Sie wusste nicht, ob sie ihr helfen oder sie töten würden, doch alles war besser, als wie Vieh verkauft zu werden.
Sie stolperte über eine Wurzel und schlug hart im Dreck auf. Schmerz schoss durch ihre Arme, als sie sich aufraffte. Eine Hand packte ihre Tunika und riss sie zurück.
„Nein!“ schrie sie und wand sich. Ihr Ellbogen krachte gegen seinen Kiefer; sein Grunzen verschaffte ihr den schmalen Spalt zur Flucht. Sie riss sich los und rannte, während Äste ihr Gesicht peitschten und Blut ihre Spur markierte.
Der Wald öffnete sich zu einer Lichtung. Ihre Brust brannte, ihre Beine gaben nach. Dann streifte ihre Ferse etwas Seltsames – eine schwach leuchtende Linie im Boden, uralt, summend vor Macht – und sie wusste, dass sie die Grenze erreicht hatte.
Die Stimme ihres Vaters hallte in ihrem Kopf: Überschreitest du die Grenze, wirst du nie lebend zurückkehren.
Doch hinter ihr rückten die Abtrünnigen näher, die Augen vor Lust und Wut glänzend, die Zähne gefletscht. „Sei brav, Mädchen“, höhnte einer. „Vielleicht gehen wir dann sanft mit dir um.“
Tränen brannten auf ihren Wangen, doch sie hob das Kinn. Das Flüstern ihrer Mutter gab ihr Halt: Sei tapfer.
„Ich sterbe lieber, als euch zu gehören“, sagte sie – und trat hinüber.
Die Luft veränderte sich augenblicklich. Energie vibrierte durch ihre Knochen, stellte jedes Haar auf ihrer Haut auf.
Die Abtrünnigen erstarrten, knurrten.
Ein tiefes Grollen rollte durch die Lichtung, als Gestalten aus den Bäumen traten. Groß, breit gebaut, mit leuchtenden Augen; ihre Waffen funkelten im fahlen Sternenlicht. Ihre Dominanz lastete so schwer, dass sie Korra beinahe in die Knie zwang.
Sie wusste, es war die Moonhowl-Patrouille.
„Weg von ihr“, knurrte der Anführer, seine Stimme donnerte.
„Sie gehört uns“, spuckte einer der Abtrünnigen. „Ihr Vater hat sie verkauft.“
Der Anführer trat vor, seine Aura erstickend. „Sie steht jetzt auf unserem Land. Verschwindet, wenn euch euer Leben lieb ist.“
Die Abtrünnigen fletschten die Zähne und zögerten. Doch die Angst wog schwerer als ihre Gier. Sie zogen sich in die Bäume zurück und flohen.
Korra wusste nicht, ob sie gerade ein Gefängnis gegen ein anderes eingetauscht hatte. Doch als die Abtrünnigen in den Schatten verschwanden und ihre Flüche mit der Entfernung verklangen, schnitt eine Wahrheit durch ihre Furcht:
Sie gehörte ihm nicht mehr – weder ihrem Vater noch den Abtrünnigen.
Der Blick des Patrouillenführers schnappte zu Korra, scharf prüfend. Ihre Lippen öffneten sich, doch keine Worte kamen. Nur Tränen glitten lautlos über ihre Wangen.
„Du gehörst jetzt uns“, erklärte er.
Ihr Flüstern zerbrach in der Dunkelheit. „Nein … das tue ich nicht.“
Und dann gab ihr Körper nach, als die Schwärze sie vollständig verschlang.