Chapter 01 Eins
Das Kerzenlicht flackerte und warf lange, einsame Schatten durch das Penthouse. Ich hatte sechs Stunden damit verbracht, mich an Coq au Vin zu versuchen, und dabei einen Burgunder verwendet, der mehr kostete als die Beerdigung meiner Mutter.
Ich trug das Seiden-Slipdress, das Xavier einst als „ablenkend“ bezeichnet hatte, aber heute Abend fühlte ich mich einfach wie eine Schauspielerin in einem Stück, das abgesagt worden war.
Es war unser fünfter Jahrestag. Früher hatte ich ihn angesehen, als wäre er meine ganze Welt. Nun schlug die Uhr Mitternacht. Das Essen war ruiniert. Die Kerzen hatten Wachs über den Spitzenläufer getropft, den ich von Hand genäht hatte, während ich darauf wartete, dass er nach Hause kam.
Ich erblickte mein Spiegelbild im Fenster. Mit vierundzwanzig sah ich aus wie ein Geist, gefangen in einem Palast. Mit jedem Monat seiner Kälte war ich dünner geworden.
Dann summte der Aufzug. Mein Atem stockte. Ich strich mir die Haare glatt, immer noch bemüht, „perfekt“ zu sein für den Mann, der Perfektion verlangte.
Xavier trat heraus. Er brachte keine Wärme mit sich; er brachte Novemberkälte. Selbst nach vierzehn Stunden Arbeit sah er makellos aus, sein Kinn wie Granit, der Anzug faltenfrei.
„Xavier“, flüsterte ich und ging auf ihn zu. „Du bist zu Hause. Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Er sah mich nicht einmal an. Er warf seine Aktentasche hin und ging zur Bar. „Nicht“, sagte er, wobei seine Baritonstimme wie eine Warnung klang. „Ich bin nicht in der Stimmung für die ‚verliebte Ehefrau‘-Nummer.“
Die Zurückweisung fühlte sich wie ein Schlag an. „Das ist keine Nummer. Es ist unser Jahrestag. Ich habe das Hähnchen gemacht, das du so gerne magst.“
Er kippte einen doppelten Macallan 25 hinunter und drehte sich endlich um. Seine Augen, einst ein stürmisches Meer, waren nun nur noch Eis. „Das Hähnchen ist kalt, Vivienne. Genau wie die Konten der Sterling Foundation.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken. „Wovon redest du?“
„Eine Diskrepanz von drei Millionen Dollar“, sagte er und kam wie ein Raubtier auf mich zu. „Zurückverfolgt auf die Buchungen, die du bearbeitet hast.“
„Ich habe nur das eingetragen, was Julian mir gegeben hat!“, stammelte ich. „Er sagte, die Belege seien geprüft.“
„Mein Bruder ist ein Sterling“, zischte Xavier und blieb nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht stehen. „Er hat einen Stammbaum. Du? Du warst ein Mädchen mit einem hübschen Gesicht und einer tragischen Vergangenheit. Ich dachte, du würdest in einer Pressemitteilung gut aussehen, aber du bist eine Belastung. Du hast mein Vermächtnis befleckt.“
„Ich wusste es nicht! Ich wollte helfen …“ Ich griff nach seinem Arm, verzweifelt bemüht, dass er mich sah.
Er zuckte zurück, als wäre ich ansteckend. „Julian ist ein Sterling“, wiederholte er.
„Xavier, ich bin deine Frau! Ich bin seit fünf Jahren an deiner Seite. Ich habe deine Geheimnisse bewahrt, ich habe dich geliebt –“
„Du warst nie eine Ehefrau. Du warst nur eine Platzhalterin.“ Sein Tonfall war sachlich, als würde er eine Führungskraft entlassen. „Mein Vater wollte, dass ich jemanden ‚Sanftes‘ heirate, um mein Image auszugleichen. Du hast genau ins Bild gepasst. Aber ‚sanft‘ ist zu ‚inkompetent‘ geworden.“
Er griff in seine Tasche und warf einen dicken, elfenbeinfarbenen Umschlag auf den Tisch.
„Was ist das?“
„Eine Scheidungsurkunde“, sagte er. „Sei morgen früh um acht weg.“
Die Welt brach zusammen.
Ich klammerte mich an einen Stuhl, um nicht umzufallen. „Du wirfst mich weg? Wegen eines Fehlers, den dein Bruder begangen hat?“
„Ich schütze mein Vermächtnis. Nimm deine Kleidung, aber der Schmuck bleibt hier. Der Cartier, der Van Cleef … das sind Vermögenswerte von Sterling. Lass sie auf dem Schminktisch liegen.“
„Ich habe dich geliebt“, würgte ich hervor, während ein Schluchzen aus mir hervorbrach. „Ich habe dir fünf Jahre geschenkt! Ich wäre für dich gestorben!“
Er blickte über seine Schulter. Für einen Moment glaubte ich, einen Anflug von Reue zu sehen. Dann kehrte die Eiswand zurück.
„Betrachte das als dein letztes Opfer für das Unternehmen. Unterschreibe stillschweigend, und du wirst es gut haben. Leiste Widerstand, und ich werde dich so tief begraben, dass du deinen eigenen Namen vergisst.“
Er ging in sein Arbeitszimmer. Die schweren Eichentüren schlugen mit einem letzten dumpfen Knall zu.
Ich sank auf die Knie. Der Marmor war eiskalt, aber ich spürte es nicht. Ich war vierundzwanzig, mein Bankkonto wurde von seinen Leuten kontrolliert, und der Mann, der meine ganze Welt war, hatte mich gerade wie eine schlechte Aktie liquidiert.
Ich weinte in meine Hände, bis mein Handy vibrierte. Durch einen Schleier aus Tränen sah ich eine leuchtend rote Nachricht von einer App, die ich vor Jahren versteckt hatte.
**[VERSCHLÜSSELTE NACHRICHT: ABSENDER UNBEKANNT]**
*> Der König ist auf den Köder hereingefallen, Little Bird. Er glaubt, er würde dich brechen, aber er nimmt dir nur die Leine ab.
Willst du weinen oder willst du aufsteigen?*
Ich wischte über den Bildschirm. Eine zweite Nachricht erschien.
*> Überprüfe das Zweitkonto. Das, von dem er nichts weiß. Das, das ich seit fünf Jahren auffülle.*
Mit zitternden Fingern loggte ich mich in ein privates Offshore-Portal ein. Meine Augen weiteten sich.
**50.000.000,00 $**
Darunter stand eine letzte Notiz:
*> Dante wartet in Paris auf dich. Komm nicht zu spät zu deiner Wiedergeburt.*
Ich blickte auf die geschlossene Tür des Arbeitszimmers. Die Tränen waren noch da, aber meine Hände hatten aufgehört zu zittern. Er wollte mich auslöschen? Gut. Soll er es doch versuchen.
Ich stand auf, ging zum Schminktisch und nahm die 200.000-Dollar-Diamantkette ab. Ich ließ sie wie Müll auf den Boden fallen.
Xavier Sterling dachte, er hätte gerade eine Ehe beendet. Er hatte keine Ahnung, dass er gerade einen Krieg begonnen hatte.
Die Sonne ging über Manhattan auf wie ein kaltes, urteilendes Auge.
Vivienne hatte nicht geschlafen. Sie hatte die verbleibenden Stunden der Nacht auf dem Boden ihres begehbaren Kleiderschranks verbracht, einem Raum, der größer war als die Wohnung, in der sie aufgewachsen war, und starrte auf Reihen von Designerkleidern, die sie nie wieder tragen würde. Sie packte keinen Koffer.
Seine Geschenke anzunehmen bedeutete, sein Eigentum zu bleiben, und Vivienne Cross hatte es satt, nur ein Posten in Xaviers Bilanz zu sein.
Ich stand in der Mitte des Wohnzimmers. Ich trug einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover und eine Hose, die ich mir vor Jahren von meinem Taschengeld gekauft hatte.