Die Luft im Raum wurde nicht nur kalt, sie wurde unheimlich. Es fühlte sich an, als wäre der Sauerstoff durch den Staub einer tausend Jahre alten Grabstätte ersetzt worden. Ich wich zurück, meine Absätze verfingen sich im weichen Teppich, bis ich die Kante des Waschtischs erreichte. Die Botschaft auf dem Spiegel – „Die Fäulnis ist bereits zu Hause“ – schien weiter über das Glas zu laufen, die dunklen Tropfen verspotteten meine Angst.
Die Gestalt in der Ecke bewegte sich nicht wie ein Lebewesen. Sie schwebte dahin, ihre zerfetzten grauen Seidenstoffe flatterten wie unter Wasser. Die Kiefermaske war zu einem permanenten, makabren Grinsen erstarrt, und wo eigentlich die Augen hätten sein sollen, war nur eine wirbelnde, rauchige Leere.
„Lumina, hilf mir!“, schrie ich in die Gedankenverbindung, aber mein Wolf war nur ein zitternder Fellball in den dunklen Ecken meines Bewusstseins. Sie war ein Omega-Wolf, gezüchtet, um sich zu unterwerfen, und diese Kreatur war ein Spitzenprädator der Geisterwelt.
Das silberne Fragment in meiner Hand war ein totes Gewicht, dessen strahlendes Licht von einer pulsierenden, öligen Schwärze verschluckt wurde. Es fühlte sich an, als würde ich eine Scherbe gefrorenen Schattens halten.
„Die begnadete Luna“, zischte die Kreatur. Die Stimme war kein Geräusch, sondern eine Vibration, die meine Zähne klappern ließ, eine Kakophonie aus hundert flüsternden Geistern. „Eine flackernde Kerze in einer Welt der hereinbrechenden Nacht. Wir haben so lange darauf gewartet, dass das Blut ruft. Wir haben dich gehört, kleiner Funke. Wir haben gehört, wie dein Herz gebrochen ist, und wir sind dem Geräusch gefolgt.“
„Bleib zurück!“ Ich fand meine Stimme wieder, obwohl sie in der bedrückenden Stille des Raumes klein und zerbrechlich klang. Ich hielt das geschwärzte Fragment wie einen Schutzschild hoch.
Die Kreatur neigte den Kopf, wobei die Kiefermaske klapperte. „Glaubst du, dieses Schmuckstück schützt dich? Es ist ein Gefäß, Mädchen. Es enthält das, was du hineinsteckst. Und im Moment hast du nur Angst.“
Es glitt näher heran. Der süßliche Geruch verrottender Lilien wurde zu einer physischen Last, die mir den Kopf schwirren ließ. Eine verwelkte, graue Hand tauchte aus der Seide auf, die Finger waren lang und endeten in scharfen, geschwärzten Spitzen. Sie griff nach meiner Kehle, nicht um mich zu würgen, sondern als wolle sie in meine Brust greifen.
„Der Alpha glaubt, du seist sein Heilmittel“, flüsterte der Schatten, dessen Präsenz nun so nah war, dass ich den eiskalten Frost spüren konnte, der von ihm ausging. „Aber du bist unser Schlüssel. Mit deinem Blut wird die Fäulnis nicht nur Rylan holen – sie wird die ganze Welt holen.“
Verzweiflung flammte auf. Wenn ich sterben würde, würde ich nicht kauernd sterben. Ich dachte an Ethans Ablehnung, daran, wie das Moonshadow-Rudel mich wie Müll weggeworfen hatte, und daran, wie Rylan mich ansah – als Werkzeug, als Ärgernis, als Waffe.
Ich bin kein Werkzeug, dachte ich, und ein Funke weißglühender Wut durchdrang meine Angst. Ich bin Ember.
Ich versuchte nicht, das Fragment zu benutzen. Ich drängte meinen eigenen Willen hinein. Wenn es ein Gefäß war, würde ich es mit dem einzigen füllen, was mir noch blieb: der brennenden, trotzigen Wut einer Frau, die zu weit getrieben worden war.
Das Fragment wurde nicht silbern. Es explodierte mit einem heftigen, violett-schwarzen Licht.
Eine Schockwelle aus Energie schoss nach außen und traf die Schattenkreatur. Das Wesen stieß einen Schrei aus, der wie knirschendes Metall klang, und seine grauen Seidenstoffe zerfetzten, als es gegen die Steinwand geschleudert wurde. Der Kosmetikspiegel zerbrach in tausend scharfkantige Diamanten, und die blutige Botschaft verschwand.
Ich stand da, keuchend, meine Hand rauchte von der Hitze des Fragments. Für einen Moment war es still im Raum.
Dann wurde die schwere Eichentür aus den Angeln getreten.
Rylan stürmte herein, sein Schwarzer Wolf hinter seinen Augen. Er sah nicht wie der disziplinierte Alpha aus, den ich auf der Fahrt gesehen hatte. Sein Hemd war zerrissen, seine Brust hob und senkte sich, und diese dunklen, tintenartigen Adern krochen nun seine Kieferlinie hinauf und zeichneten den Fortschritt des Fluchs nach.
„Ember!“, brüllte er mit einer Stimme, die eher der eines Tieres als der eines Menschen glich.
Er sah die zerfetzten Überreste des Schattengeistes, der sich in einer grauen Rauchwolke nahe der Decke auflöste. Er sah den zerbrochenen Spiegel und den violett-schwarzen Rauch, der sich aus meinen Fingern kräuselte.
Sein Blick richtete sich auf mich, und zum ersten Mal sah ich echte, unverhüllte Entsetzen in seinen Augen.
„Was hast du getan?“, fragte er und kam auf mich zu. Er sah nicht wie ein Retter aus. Er sah aus wie ein Raubtier, das einen Rivalen in seiner Höhle gefunden hatte.
„Es war hier“, sagte ich mit zitternder Stimme und zeigte auf den verblassenden Rauch. „Der Zirkel. Sie waren in meinem Zimmer, Rylan! Sie sagten, die Fäulnis sei bereits daheim.“
Rylan blieb ein paar Meter entfernt stehen, sein Körper zitterte vor Anstrengung, seinen Wolf zurückzuhalten. Der Geruch von Ozon und Kiefer war nun verzerrt, scharf und säuerlich.
„Die Wachen“, brachte er mit angespannter Stimme hervor. „Sie haben nichts gesehen. Die silbernen Stäbe ... sie hätten halten müssen.“
„Das haben sie nicht“, sagte ich und ließ das Fragment schließlich auf das Bett fallen. Es war wieder stumpf und kalt. „Sie wollen mein Blut. Sie sagten, ich sei der Schlüssel zur Fäulnis.“
Rylans Augen flackerten – schwarz, dann eisig, dann wieder schwarz. Er sah das Fragment an, dann wieder mich. Die besitzergreifende Anziehungskraft der Verbindung schrie zwischen uns, aber sie wurde durch die Dunkelheit in seinem Blut verzerrt. Er streckte die Hand aus, um mich zu packen, seine Bewegungen waren ruckartig und unberechenbar.
„Dann haben wir keine Zeit für die Sonnenkammer“, knurrte er. Er stürzte sich nach vorne, seine Hände schlugen gegen meine Schultern und drückten mich gegen die Wand. „Der Älteste hatte recht. Das Blut muss direkt entnommen werden. Wenn der Zirkel es will, muss ich es zuerst beanspruchen.“
„Rylan, hör auf!“ Ich drückte gegen seine Brust, aber er war wie ein Berg. „Du tust mir weh!“
Er schien mich nicht zu hören. Sein Kopf senkte sich, seine Nase streifte meinen Puls an meinem Hals. Er atmete tief ein, ein leises, raubtierhaftes Knurren vibrierte in seiner Kehle.
„So süß“, flüsterte er, und die Stimme gehörte nicht Rylan. Es war der Wolf oder vielleicht das Rot selbst, das durch ihn sprach. „Das Feuer der Luna. Es ist das Einzige, das das Schreien in meinem Kopf zum Schweigen bringt.“
Er fletschte die Zähne – nicht die stumpfen Zähne eines Menschen, sondern die langen, messerscharfen Reißzähne eines sich verwandelnden Alphas. Er würde mich nicht küssen. Er würde mich markieren oder, schlimmer noch, mich aussaugen.
„Rylan, sieh mich an!“, schrie ich, packte sein Gesicht und zwang ihn, mir in die Augen zu sehen. „Lass dich nicht davon überwältigen! Du bist der Alpha der Crimson Claw! Kämpfe dagegen an!“
Meine Berührung schien wie ein Blitzableiter zu wirken. In dem Moment, als meine Haut sein Gesicht berührte, sprang ein silberner Lichtblitz zwischen uns. Rylan zuckte zusammen, seine Augen weiteten sich. Die schwarzen Adern auf seinem Gesicht verschwanden ein wenig, und er schnappte nach Luft, während seine geistige Gesundheit wie eine erlöschende Kerze in seinen Augen zurückkehrte.
Er blinzelte und sah mich mit einer plötzlichen, quälenden Klarheit an.
„Ember“, würgte er hervor, seine Hände zitterten, als sie von meinen Schultern zu meinem Gesicht wanderten. „Lauf. Du musst laufen. Ich kann es nicht mehr zurückhalten.“
„Ich lasse dich nicht so zurück“, sagte ich, obwohl mir jeder Instinkt sagte, ich solle fliehen.
„Du verstehst das nicht“, flüsterte er und senkte seine Stirn auf meine. „Die Prüfung ... es ging nie um eine Zeremonie. Es war ein Opfer. Die Begnadete Luna heilt nicht nur den Alpha. Sie verzehrt die Fäulnis.“
Er zog sich zurück, seine Augen füllten sich mit einer dunklen, tragischen Entschlossenheit.
„Wenn ich deine Kraft nehme, um mich selbst zu retten, wird dich das töten, Ember. Und im Moment ist das meinem Wolf egal. Er will leben. Er will dich.“
Bevor ich antworten konnte, ächzte der Boden unter uns. Ein leises, rhythmisches Singen hallte durch die Steine der Festung – Hunderte von Stimmen erhoben sich aus den unteren Stockwerken.
Rylans Kopf schnappte zur Tür, seine Augen wurden vollständig schwarz.
„Der Älteste“, flüsterte er, seine Stimme nun völlig emotionslos. „Er kommt nicht, um dich zu testen. Er hat bereits das Ritual des Blutmondes begonnen. Das Rudel hat entschieden, Ember. Um den Alpha zu retten, muss der Omega sterben.“
Die Tür zum Raum schlug zu und die silbernen Gitterstäbe vor der Tür begannen in einem unheimlichen, nekrogrünen Licht zu leuchten. Wir waren zusammen eingesperrt – der verfluchte Alpha und seine Opfergefährtin – und der Raum füllte sich erneut mit dem süßen, erstickenden Duft verrottender Lilien.