Ich konnte mich nicht konzentrieren.
Mein Verstand spielte die Szene immer und immer wieder ab.
Lidias Gesicht.
Die Art, wie sie nach mir griff, kurz bevor sie fiel.
Das Geräusch, als ihr Kopf gegen die Ecke des Couchtisches schlug.
Es war drei Stunden her.
Drei Stunden, seit ich Lidias leblosen Körper durch den Regen geschleppt hatte.
Drei Stunden, seit ich am Flussufer gestanden hatte und so stark zitterte, dass ich kaum atmen konnte.
Ich hatte sie ein letztes Mal angesehen, bevor ich sie losließ.
Ich hätte schwören können, dass mich jemand aus der Dunkelheit hinter den Bäumen beobachtete.
Ich rannte sofort davon, ohne mich umzusehen.
Seitdem hatte ich zweimal geduscht.
Ich schrubbte meine Hände, bis meine Haut brannte.
Ich wusch meine Haare immer wieder, weil ich mir ständig vorstellte, wie Blut zwischen den Strähnen klebte.
Und trotzdem …
konnte ich nicht abwaschen, was ich getan hatte.
Niemand durfte davon erfahren.
Nicht meine Mutter.
Nicht Javier.
Niemand.
Denn das hier …
war das Geheimnis der Braut.
Mein Geheimnis.
Das Geheimnis, das ich für den Rest meines Lebens mit mir tragen würde.
„Elena!“
Ich zuckte so heftig zusammen, dass mir das Champagnerglas beinahe aus der Hand glitt.
Das fröhliche Stimmengewirr um mich herum kehrte plötzlich in mein Bewusstsein zurück.
Leise Musik erfüllte das Haus.
Kinder rannten zwischen den Sofas umher und hätten beinahe ein Tablett mit Gebäck umgestoßen, während eine erschöpfte Tante ihnen hinterherjagte.
Wie konnte die Welt einfach normal weitermachen?
„Wo waren deine Gedanken?“ fragte Mutter.
„Ich—Irgendwo“, antwortete ich hastig.
„Ich habe nur …“
Meine Stimme verstummte.
Daran gedacht, dass ich meine beste Freundin begraben hatte.
Nein.
Denk nicht daran.
„Ich brauchte nur etwas frische Luft.“
Mutter verengte die Augen.
„Du sitzt seit zwanzig Minuten an genau dieser Stelle.“
„Oh.“
Ich blickte auf mein unberührtes Getränk hinunter.
War es wirklich so lange gewesen?
„Das habe ich gar nicht bemerkt.“
Sie seufzte und strich den Stoff meines Kleides glatt.
„Nervös?“
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Ein bisschen.“
„Wenn hier jemand nervös sein sollte, dann Javier.“
Das brachte meine Verwandten in meiner Nähe zum Lachen.
Onkel Carlos hob sein Weinglas.
„Hoffen wir, dass diese Hochzeit morgen tatsächlich stattfindet.“
Eine weitere Welle von Gelächter ging durch den Raum.
Mein Magen verkrampfte sich.
Tante Jemima stieß ihren Mann mit dem Ellbogen an.
„Ich habe euch doch gesagt, dass wir nicht den ganzen Weg hierher hätten fliegen sollen.“
Sie schüttelte dramatisch den Kopf.
„Jedes Mal, wenn diese beiden heiraten wollen, passiert irgendetwas.“
Ihr Mann lachte leise.
„Entspannt euch. Wenn sich die Geschichte wiederholt, sitzen wir morgen Nachmittag alle im nächsten Flugzeug nach Hause.“
„Ach, hört auf“, sagte meine Mutter, obwohl auch sie lächelte.
„Lidia hat ihre Lektion gelernt.“
„Hat sie das?“ neckte Onkel Carlos.
„Was war ihre Ausrede beim letzten Mal?“
Er tat so, als würde er an seinen Fingern abzählen.
„Lebensmittelvergiftung?“
Mehrere Leute schüttelten den Kopf.
„Nein.“
„Diese seltene Krankheit.“
Jemand anderes lachte.
„Nein, das war davor.“
„Die vorgetäuschte Entführung!“
Der ganze Raum brach in Gelächter aus.
„Oh ja!“
„Ich werde Javiers Gesicht nie vergessen.“
„Der arme Priester hätte fast ewig gewartet.“
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie die Polizei getäuscht hat.“
Alle lachten noch lauter.
Außer mir.
Meine Finger schlossen sich fester um das Champagnerglas, bis sie zu schmerzen begannen.
„Auf morgen. Darauf, dass die Hochzeit tatsächlich stattfindet.“
Meine Brust zog sich zusammen und machte das Atmen schwer.
Morgen.
Für Lidia würde es kein Morgen geben.
„Elena?“
Mutter klang weit entfernt.
„Du bist dran.“
Alle Gesichter wandten sich mir zu.
Mit zitternden Fingern hob ich mein Glas.
„A-auf morgen.“
Meine Stimme brach.
Jemand kicherte.
„Nervosität der Braut.“
„Die Arme.“
„Wenn ich Javier heiraten würde, würde ich auch zittern.“
Alle begannen wieder zu lachen, und ich zwang mich, mitzulachen.
Ding-dong.
Ihre Stimmen verstummten, ebenso wie das Lachen der Kinder.
„Ich gehe“, rief meine Mutter und ging zur Haustür.
Bitte …
Nicht die Polizei.
„Oh, Victoria!“
Mutter lächelte herzlich.
„Komm herein.“
Mein Blut gefror.
Mrs. Victoria betrat das Haus mit einem ordentlich eingepackten Geschenk in den Händen.
Sie trug ein cremefarbenes Kleid. Ihr Make-up war trotz des Regens draußen makellos.
Ihr Blick fiel fast sofort auf mich.
„Da ist sie ja.“
Mrs. Victorias Lippen formten ein Lächeln, doch es blieb dabei. Es erreichte ihre Augen nicht. Sie wirkten stumpf, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.
Ihr Blick blieb länger als nötig auf mir liegen, und für einen Moment fragte ich mich, ob sie es wusste.
„Herzlichen Glückwunsch, Elena.“
Ich zwang mich aufzustehen.
„D-Danke.“
Sie umarmte mich leicht, trat dann langsam zurück und musterte mich von Kopf bis Fuß.
„Nun …“
Sie lächelte erneut.
„Du hast dich ja ziemlich gut herausgeputzt.“
Ein paar Verwandte lachten höflich.
Sie legte den Kopf schief.
„Ich war mir nicht sicher, ob Javier so lange warten würde.“
Im Raum wurde es unangenehm still. Nur Mutter zwang sich zu einem Lachen.
„Victoria …“
„Was?“ erwiderte sie süßlich. „Ich mache der Braut ein Kompliment.“
Ihr Blick kehrte zu mir zurück.
„Du hast endlich dein Happy End bekommen.“
Mrs. Victoria hatte ihre Abneigung gegen mich nie verborgen. Jedes Mal, wenn sich ein Mann für mich und nicht für Lidia interessierte, trug sie dasselbe angespannte Lächeln, als hätte mein Glück ihrer Tochter etwas weggenommen.
„Weißt du …“, sagte sie leise, beinahe zu sich selbst.
„Lidia hat dich mehr geliebt als jeden anderen.“
Ihre Stimme brach beim letzten Wort. Sie schluckte, bevor sie mir wieder in die Augen sah.
„Manchmal dachte ich sogar, dass sie dich mehr liebte als mich.“
Meine Finger krallten sich fester in mein Kleid, bis meine Knöchel weiß wurden.
Sie trat näher, bevor ich zurückweichen konnte.
Alles in mir schrie danach, einen Schritt zurückzugehen, doch meine Füße gehorchten mir nicht.
Sie strich eine unsichtbare Falte von meinem Ärmel.
„Ich wünschte nur …“, murmelte sie, „…du hättest ihr genauso viel bedeutet.“
Die Worte lösten einen Hustenreiz in meiner Kehle aus.
Ihr Blick wanderte langsam über mein Gesicht, blieb an meinen geschwollenen Augen hängen und bewegte sich dann höher.
Ihr Blick blieb stehen.
Ich sah, wie sich ihre Augen verengten.
In diesem Moment hob sich meine Hand zu meinem Ohr.
„Elena …“
Ihre Stimme war plötzlich ganz leise.
„Wo ist der andere Ohrring?“