Die Letzte Warnung
Der Regen prasselte so heftig herunter, dass er die Straße vor mir verschwimmen ließ. Ich umklammerte das Lenkrad fester, mein Herz schlug lauter als der Donner draußen.
Mein Handy lag auf dem Beifahrersitz. Ich hätte nicht hineinschauen sollen. Ich wusste das. Aber als Lidias Name immer wieder auf dem Bildschirm auftauchte, konnte ich mich nicht zurückhalten.
„Komm sofort vorbei.“
„Ich muss dir etwas sagen.“
Die Worte gingen mir immer wieder durch den Kopf, bis ich dachte, ich würde den Verstand verlieren. Jedes Mal, wenn Javier und ich kurz davorstanden zu heiraten, fand sie einen neuen Grund, die Hochzeit zu verhindern.
Alle waren ihre Spielchen leid… ich auch. Aber trotz allem war sie meine beste Freundin. Wie eine Schwester für mich. Sie kannte jede peinliche Geschichte aus meiner Kindheit, jede Angst, die ich niemals laut ausgesprochen hatte, jeden Traum, den ich tief in mir begraben hatte, weil ich zu viel Angst hatte, ihn zu verfolgen.
Ich hätte einfach nach Hause fahren und sie mit ihren kindischen Spielchen allein lassen sollen. Stattdessen schnappte ich mir mein Handy vom Beifahrersitz, stieß die Tür auf und rannte durch den Regen.
Noch bevor ich anklopfen konnte, schwang die Tür auf. Lidia sah mich überrascht an.
„Elena?“
Sie trug einen übergroßen Pullover, ihr Haar war zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden. Ohne zu antworten, drängte ich mich an ihr vorbei und betrat das Haus.
„Was wolltest du mir sagen?“ Ich runzelte die Stirn und ignorierte, wie mein Mantel Wasser auf dem Boden verteilte.
Lidia schloss die Haustür und lehnte sich dagegen.
„Okay …“, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll dieser dramatische Auftritt?“
Mein Blick wanderte durch das Wohnzimmer. Auf dem Fernseher lief ein Podcast. Eine Tasse Tee stand auf dem Couchtisch, Dampf stieg daraus auf.
Ich seufzte und verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
„Wann hört das endlich auf, Lidia?“
Die Worte kamen leiser heraus, als ich erwartet hatte. Lidia runzelte die Stirn, stieß sich von der Tür ab und musterte mein Gesicht, als wollte sie herausfinden, ob ich scherzte.
„Wovon redest du?“
Ich lachte leise auf, obwohl nichts daran lustig war.
„Jedes Mal, wenn Javier und ich endlich glücklich sind …“ Meine Stimme brach. „…findest du einen Weg, alles kaputtzumachen.“
Lidia blinzelte mehrmals.
„Was?“
Sie lachte und schüttelte den Kopf.
„Elena, woher kommt das plötzlich?“
„Die vorgetäuschte Entführung.“
Ich krallte einen Finger in meine Handfläche.
„Die Gerüchte.“
Ein weiterer Finger.
„Die kleinen Bemerkungen, die du ständig über Javier machst.“
„Du glaubst wirklich, dass das alles passiert?“ Ihre Stimme wurde so laut, dass die Tasse auf dem Tisch leicht klirrte.
„Merkst du denn nicht? Er liebt—“
„Hör auf.“ Ich zeigte mit zitterndem Finger auf sie. „Wage es nicht, diesen Satz zu beenden.“
„Elena …“
Lidia presste ihre Finger an ihre Lippen.
„Du bist nur eifersüchtig.“
Lidia starrte mich an, als hätte sie mich nicht richtig verstanden. Ein leeres Lachen entwich ihr, erstarb jedoch sofort wieder.
„Eifersüchtig?“, wiederholte sie leise.
Ich verschränkte die Arme noch fester vor der Brust.
„Was soll ich sonst denken?“
Ihr Kiefer verspannte sich, als sie den Blick abwandte. Ich dachte wirklich, sie würde mich hinauswerfen. Doch dann ging sie zum Fenster und sah zu, wie der Regen über die Scheibe rann.
„Wenn ich schweige“, murmelte sie beinahe zu sich selbst, „werde ich dich verlieren.“
„Du hast mich bereits verloren.“
„Elena …“ Sie schloss die Augen.
Langsam drehte sie sich wieder zu mir um, ihre Stimme wurde unsicher.
„Was, wenn alles, was du über Javier glaubst, eine Lüge ist?“
„Hör auf.“
„Wenn du mir nur fünf Minuten zuhören würdest—“
„Ich will kein einziges Wort mehr über ihn hören.“
„Er hat sich für mich entschieden“, sagte ich.
Die Worte klangen überzeugend. Warum taten sie dann so weh?
Warum hatte ich das Gefühl, dass ich nicht sie, sondern mich selbst überzeugen wollte?
Auf dem Regal brannten nach Vanille duftende Kerzen. Früher hatte mich dieser warme Duft immer wie zu Hause fühlen lassen.
Heute drehte er mir den Magen um.
Was war nur mit meiner besten Freundin passiert?
Lidia starrte einen langen Moment auf das Handy in ihrer Hand.
„Ich gebe dir eine letzte Chance zu erfahren, wen du heiraten wirst.“
Ein kalter Schauer lief durch meinen Magen, aber ich verdrängte ihn und blieb standhaft.
„Hör auf …“
Das Handy begann zu klingeln.
Mit jedem unbeantworteten Klingeln schlug mein Herz schneller.
„Lidia …“, kam meine Stimme kaum hörbar heraus.
Sie starrte weiter auf den Bildschirm, als könnte sie Javier allein mit ihrem Blick dazu bringen, abzunehmen.
„Leg jetzt auf!“
Ich machte einen Schritt auf sie zu.
Sie wich einen Schritt zurück. Die Bewegung war so klein, dass die meisten Menschen sie vermutlich nicht bemerkt hätten.
Ich kannte sie nicht mehr.
Das Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war, fühlte sich wie eine Fremde an, die mir gegenüberstand.
Wie waren wir nur hier gelandet?
„Ich bin nicht dein Feind“, flüsterte sie.
„Dann hör auf, ihn anzurufen“, flehte ich verzweifelt.
„Ich kann nicht.“
Sie schüttelte den Kopf so heftig, dass sich einige lose Haarsträhnen aus ihrem Dutt lösten.
„Warum machst du das?“
„Weil du morgen einen Mann heiraten wirst, der dich zerstören wird.“
Ich ließ diesen Satz nicht einmal richtig auf mich wirken, bevor ich mich auf sie stürzte. Lidia keuchte und riss das Handy aus meiner Reichweite.
Wir stießen gegen die Kante des Couchtisches. Das Handy glitt aus ihrer Hand und schlitterte klappernd über den Boden.
„Hör auf damit, Lidia.“
„Du musst es wissen!“, schrie sie und stieß mich von sich.
Ich taumelte zurück und prallte gegen die Armlehne des Sofas.
„Ich kann dich nicht ihn heiraten lassen“, spuckte sie hervor und hielt das Handy hinter ihrem Rücken.
„Hast du nicht schon genug getan, Lidia? Hast du nicht?“ Ich fuhr sie an und stürmte erneut auf sie zu.
Ihre Finger vergruben sich in meinem Haar.
Ein stechender Schmerz schoss über meine Kopfhaut und entlockte mir einen scharfen Aufschrei.
Ich krallte mich an ihr Handgelenk.
„Lass mich los! Du tust mir weh.“
Doch sie ließ nicht los.
Stattdessen zog sie noch fester.
Ich spürte, wie sich einzelne Haarsträhnen zwischen ihren Fingern lösten.
Ich stieß sie mit beiden Händen von mir … gerade weit genug, um mich zu befreien.
Und das reichte.
Sie taumelte rückwärts.
Ein Fuß suchte verzweifelt nach Halt.
Der Teppich rutschte unter ihrer Ferse weg.
„Nein …“
Ihre Arme schnellten nach vorne.
Sie griff nach der leeren Luft.
Ich streckte die Hand nach ihr aus … unsere Fingerspitzen berührten sich.
Für einen Moment dachte ich, ich hätte sie erwischt.
Ich dachte es.
Dann glitt ihr Ärmel durch meine Finger.
„Lidia!“
Ihr Körper drehte sich zur Seite.
Ihr Hinterkopf prallte gegen die Ecke des Couchtisches.
Der Raum schien sich unter meinen Füßen zu drehen. Um mich herum brach das Publikum im Fernsehen in Gelächter aus.
„Lidia?“
Meine Stimme klang klein und fremd.
Mit zitternden Beinen taumelte ich auf sie zu und sank auf die Knie.
„Lidia?“
Meine Finger schwebten über ihrer Schulter.
„Sag etwas.“
Die Stille antwortete mir.
Blut breitete sich langsam unter ihrem Haar auf dem Boden aus.
Nein …
Tu mir das nicht an, Lidia.
Nein, nein, nein.
Bitte … bitte tu das nicht.
Wach auf, bitte.
Was soll ich ihnen sagen?
Dann begann ihr vergessenes Handy auf dem Boden zu vibrieren.
Javier.
Sein Name leuchtete auf dem Bildschirm auf.