Kapitel 1
Elenas POV
Als ich vor dem Altar stand, schlug mein Herz vor Aufregung. Heute heiratete ich und vor allem den Mann, den ich liebte: Pete.
Nichts begeisterte mich mehr als der Gedanke, den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen.
Er hatte nicht viel, aber er war mehr, als ich mir je erwünschen konnte. Ich liebte ihn trotzdem, und jetzt war ich im Begriff, seine Braut zu werden.
Die Nacht, in der er mich umworben hatte, war die glücklichste, die ich je erlebt hatte. Es fühlte sich an, als würden endlich all meine Träume auf einmal wahr. Der Kuchen, die Dekorationen und die Atmosphäre des Ortes machten alles perfekt.
Als er auf ein Knie ging und mit ausgestreckten Händen den Ring hielt, konnte ich die Aufregung in mir kaum zurückhalten.
Ich wartete nicht einmal, bis er die Worte gefunden hatte, und rief schon „Ja!“
Nach fünf gemeinsamen Jahren hatte er endlich den Antrag gemacht. Es fühlte sich an, als wäre meine Welt stehen geblieben.
Die Kirche war nicht traumhaft oder übermäßig luxuriös dekoriert, aber sie war genau richtig für mich. Schlicht, aber stimmig.
Es waren nicht viele Leute gekommen – eigentlich nur ich und ein paar Fremde, die Pete offensichtlich eingeladen hatte.
Die Nacht, in der meine Eltern starben, war die dunkelste. Das Bild ihrer leblosen, kalten Körper, die aus dem Krankenwagen in den Operationssaal geschoben wurden, werde ich nie vergessen.
Der Schock des Unfalls hatte eine neue Leere in mir hinterlassen, so groß, dass ich Freunde, Kollegen und alle, die sich um mich sorgten, von mir stieß.
Mein Leben wurde bedeutungslos, immer düster und distanziert. Bis Pete kam und das erloschene Feuer in mir neu entfachte. Es gab wieder einen Lebenswillen, den Willen zu überleben. Einen neuen Zweck.
Die Trauung lief schon über eine Stunde. Er hätte längst da sein müssen. Ich schaute zur Seite, ob Pete gekommen war – er war noch nicht da.
Die Minuten vergingen, jede schwerer als die letzte. Die Gäste wurden ungeduldig und gingen nach und nach, bis nur noch wenige saßen.
Eine Stunde war vergangen, und mein Herz sank, als ich zusah, wie meine sorgfältig geplante Traumhochzeit langsam zum Albtraum wurde. Wo war er?
Ich schaltete mein Handy ein und rief Pete an, doch er ging nicht ran. Jeder Anruf landete auf der Mailbox.
Zweifel und Sorge schnürten mir den Magen zu und machten das stechende Gefühl in meiner Brust unmöglich zu ignorieren.
Ich sah entschuldigend zum Priester hinauf, der bereits die Stirn runzelte. Ich konnte ihm keinen Vorwurf machen. Es war nicht seine Schuld – er musste der endlosen Verzögerung müde geworden sein.
„Es tut mir leid, bitte noch ein wenig Zeit“, bat ich den Priester.
Wenige Minuten später wurde seine Geduld dünner, und er verließ die Kirche. Nur ich stand noch am Altar.
Die Sekunden vergingen, der Tag erreichte seinen Höhepunkt, und meine Angst wuchs. Tränen flackerten in meinen Augen und rollten mit jeder vergehenden Sekunde herab.
Ich weigerte mich, die Realität zu akzeptieren: dass mich die Liebe meines Lebens am Altar sitzen gelassen hatte. Der Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.
Schließlich besiegt von der Intensität der Situation, beschloss ich, nicht länger zu trauern und nach Hause zu gehen, um mir einen Kaffee zu machen. Das war das Mindeste.
Ich schaute noch einmal in den Anrufverlauf – vielleicht hatte er angerufen und ich hatte es verpasst. Aber da war nichts, nur die unzähligen Male, die ich ihn angerufen und angeschrieben hatte, ohne Antwort.
Plötzlich, als alle Hoffnung schwand, erfüllte das Geräusch der sich öffnenden Kirchentür den Raum. Meine Augen richteten sich abrupt auf die große Tür, als Pete hereinkam.
Erleichterung überkam mich, und ich rannte schnell auf ihn zu. Ich hatte nicht einmal die Kraft, ihn anzuschreien – ich wollte ihn nur umarmen und mich von ihm versichern lassen, dass alles in Ordnung war.
„Oh Pete“, rief ich und lief vom Altar auf ihn zu, „wo warst du? Du hast mich krank vor Sorge gemacht. Ich habe immer und immer wieder angerufen, aber du—“
Ich blieb stehen, als hinter ihm eine blonde Frau auftauchte. Sie hielt seine Hand und legte die andere verführerisch auf seine Brust.
Meine Augen füllten sich vor Verwirrung mit Tränen, während ein Lächeln über das Gesicht der Schönen huschte. Sie trug ein cremefarbenes ausgestelltes Kleid und eine funkelnde Halskette, die ziemlich teuer aussah.
Sie war wirklich eine Schönheit, für die jeder sterben würde. Zusammen sahen sie perfekt aus – aber die Frage war: Was machte sie an unserem Hochzeitstag mit Pete, wenn er bei mir sein sollte? Ich hoffte nur, er hätte eine gute Erklärung dafür.
„Pete? Wer ist sie?“ – ich wollte nicht vorschnell urteilen oder überdenken. „Warum legt sie ihre Hand auf deine Brust? S… sa… sag mir, wer sie ist, Pete!!!“
Ich streckte die Hände aus, um die Hand der Blonden von seiner Brust zu nehmen, als er sagte: „Lass sie. Sie ist meine Verlobte.“
Was?! Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Meine Hände sanken langsam an die Seiten. Es fühlte sich an, als würden hunderte Nadeln in mein Herz stechen. Alles begann auseinanderzufallen, und ich spürte es. Ich stand da, starrte auf sein Gesicht und suchte nach Klarheit – doch da war keine.
Kein Ausdruck, kein Anzeichen von Schuld. Nichts. Nur ein emotionsloses Gesicht. Seine Augen, die mich einst mit so viel Zuneigung angesehen hatten, starrten mich jetzt kalt wie Eis an.
„Pete, weißt du, welcher Tag heute ist?“ rief ich aus. „Es ist unser Hochzeitstag, Pete, bitte tu mir das nicht an.“ Meine Stimme zitterte, während ich die schon fallenden Tränen zurückzuhalten versuchte.
Pete riss meine Hände weg und umarmte die Blonde fest. „Es tut mir leid, Elena, aber zwischen uns war nie etwas und wird auch nie etwas sein.“
Nach all der gemeinsamen Zeit – wie konnte er so kühl sagen, dass nie etwas zwischen uns gewesen war? Er drehte sich zum Gehen um, als ich ihn heftig zu mir herumriss. Er würde nirgendwo hingehen, bevor er erklärte, was hier vorging.
„Warum?“ fragte ich. „Ich will wissen, wie lange du mich schon mit dieser billigen Schlampe betrü—“ Ein Schlag landete auf meinem Gesicht und warf mich auf den eiskalten Boden.
„Fass ihn nie wieder an, du Schlampe“, sagte sie. Ihre Stimme schnitt tief in mich hinein.
Der Schlag war nur eine leichte Berührung im Vergleich zu dem emotionslosen und abscheulichen Ausdruck auf Petes Gesicht.
Er hielt nicht einmal an oder tat etwas – er stand einfach nur da und sah mich an. Tränen würgten mich und rollten über meine Wangen, während ich zusah, wie der Mann, den ich jahrelang geliebt hatte, mir aus den Händen glitt und zu einer anderen ging.
Ich konnte die Demütigung nicht länger ertragen und rannte hastig aus der Kirche, um dem zu entkommen, was gerade geschehen war.
An einem einzigen Tag war ich glücklich gewesen und hatte an mein Happy End gedacht – und jetzt war es zum Albtraum geworden.
Tränen rollten unkontrolliert, während ich durch die Straßen zu einem unbekannten Ziel rannte. Wenn er nur eine bessere Ausrede gehabt hätte als die, die er geliefert hatte – vielleicht wäre alles anders gekommen.