Kapitel 1: Die Schuld, die sie begrub
POV: Katerina
Das Klopfen an meiner Tür kam um zwei Uhr morgens.
Ich erinnere mich, dass ich die Schläge zählte. Drei. Dann eine Pause. Dann drei weitere, härter, als wollte, wer auch immer auf der anderen Seite stand, dass das Holz eher nachgab als ich.
Ich lag eine Sekunde lang wie erstarrt unter meiner Decke, das Herz hämmerte, und redete mir ein, es sei wahrscheinlich ein Nachbar, eine falsche Adresse, ein Betrunkener, der den Weg nach Hause verloren hatte. Niemand Gutes klopfte so. Niemand Gutes klopfte überhaupt um zwei Uhr morgens.
„Katerina Volkov?“ Ein Mann in einem grauen Anzug stand unter dem Licht des Hausflurs, als ich die Tür schließlich einen Spalt öffnete, flankiert von zwei anderen, die sich nicht die Mühe machten, sich vorzustellen. Seine Stimme war ausdruckslos, als hätte er diesen Satz schon hundert Mal gesagt, zu hundert anderen verängstigten Frauen, die in hundert anderen Türrahmen standen. „Sie müssen mitkommen.“
„Es ist mitten in der Nacht.“ Ich zog meinen Morgenmantel fester um die Brust, die Knöchel weiß auf dem Stoff. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Herr Andrenko hat uns geschickt.“ Er blinzelte nicht. Er machte sich nicht einmal die Mühe, mir ins Gesicht zu sehen, als wäre ich ein Möbelstück, das er bewegen musste. „Wegen Ihrer Mutter.“
Mir fiel der Magen in die Knie, bevor mein Verstand nachkam. Ich griff mir den Mantel vom Haken, ohne nachzudenken, meine Hände zitterten zu stark, um mit den Armen in die Ärmel zu kommen. Der Mann in Grau sah mir beim Kämpfen zu und bot keine Hilfe an. Auch die anderen beiden bewegten sich nicht. Sie standen einfach da, geduldig wie Stein, als hätten sie die ganze Nacht Zeit und ich wäre das Einzige, dem die Zeit davonlief.
Die Autofahrt verlief schweigend. Ich starrte auf den Hinterkopf des Fahrers, darauf, wie die Straßenlaternen in langen orangefarbenen Streifen über die Windschutzscheibe glitten, und redete mir ein, es sei nichts. Vielleicht hatte Mama eine Zahlung verpasst. Vielleicht wollten sie, dass ich etwas unterschrieb. Vielleicht war sie verletzt, und ich konnte es wiedergutmachen, an einem Krankenhausbett sitzen, ihre Hand halten und ihr sagen, dass alles gut werden würde, so wie sie es mir früher gesagt hatte, als ich klein war und Angst vor Donner hatte.
Ich kaute mir die ganze Fahrt über die Innenseite meiner Wange wund, schmeckte Kupfer, mein Bein wippte so stark, dass der Mann neben mir schließlich eine schwere Hand auf mein Knie legte, um es stillzuhalten. Ich zuckte vor seiner Berührung zurück, als hätte sie mich verbrannt.
Wir hielten vor einem Lagerhaus in der Nähe der Docks, die Art von Gebäude ohne Namen, nur Rost und eine einzelne Glühbirne, die über einer Metalltür schwang und Schatten warf, die sich bewegten, selbst wenn sonst nichts sich regte. Meine Knie gaben fast nach, als sie mich hineinführten, der Geruch traf mich, bevor sich meine Augen überhaupt angepasst hatten – Metall und Salz und darunter etwas Kupferartiges, das ich erkannte, bevor ich es wollte.
Sie lag auf dem Boden.
„Mama!“ Ich sank neben ihr nieder, meine Handflächen rutschten in etwas Warmem und Dunklem, das ich nicht benennen wollte. Ihre Augen waren offen. Reglos. Ohne Blinzeln. Ich schüttelte ihre Schulter, erst sanft, dann fester, meine Stimme schraubte sich in etwas, das nicht mehr wie meine klang. „Mama, wach auf. Bitte, wach auf—“
„Sie ist fort.“ Eine neue Stimme, glatt wie Öl, kam von irgendwo hinter mir. Ich drehte mich um und sah ihn – Mitte fünfzig, silberne Ringe an jedem Finger, eine Zigarre im Mundwinkel, als gehörte sie dorthin, als wäre der Tod nur ein weiterer Dienstag. Andrenko. Ich hatte den Namen monatelang in unserer Wohnung flüstern hören, immer gefolgt von der angespannten, besorgten Stille meiner Mutter, der Art, wie sie das Thema zu schnell wechselte, wann immer ich fragte, wer ständig anrief.
„Was haben Sie getan?“ Meine Stimme kam als Kratzen heraus, nicht als Schrei. Ich wollte, dass sie ein Schrei war. Ich wollte, dass das ganze Lagerhaus davon bebte.
„Deine Mutter schuldete mir zweihunderttausend Dollar.“ Er ging in die Hocke, sorgsam darauf bedacht, dass seine teuren Schuhe nicht das Blut berührten, das unter ihr hervorlief. „Sie hat die Frist verpasst. Zweimal. Ich habe ihr Chancen gegeben, die die meisten Menschen nicht bekommen.“
„Sie haben sie wegen Geld getötet?“ Ich zitterte jetzt, mein ganzer Körper ein einziger langer Schauer, den ich nicht stoppen konnte. „Sie war krank. Sie konnte nicht mehr so arbeiten wie früher, sie hat versucht—“
„Kranke Menschen schulden trotzdem Geld, kleines Vögelchen.“ Er streckte die Hand aus und hob mein Kinn mit einem beringten Finger an, kaltes Metall gegen meinen Kiefer. Ich riss mich zurück, aber seine Männer packten meine Schultern und hielten mich neben ihr auf den Knien. „Aber ich bin kein Monster. Ich verschwende keine Ware.“
„Ich bin keine Ware.“ Meine Stimme brach mitten im Satz, meine ganze Brust fiel in sich zusammen.
„Das bist du jetzt.“ Er lächelte, und es war die Art von Lächeln, bei der sich meine Haut von den Knochen kriechen wollte, langsam und zufrieden, als hätte er meine Zukunft bereits ausgegeben, bevor ich wusste, dass ich sie verloren hatte. „Ihre Schuld ist jetzt deine. Du wirst sie in meinem Casino abarbeiten. Meine Männer werden entscheiden, wie.“ Seine Augen glitten langsam, absichtlich über meinen Körper, verweilten an Stellen, bei denen mir Galle in die Kehle stieg, und ich verstand genau, was „wie“ bedeutete, bevor er noch ein Wort sagte. „Du wirst gut ernährt. Gut gekleidet. Meine besten Mädchen sind es immer.“
„Nein.“ Ich kroch rückwärts, meine Hände rutschten wieder in das Blut meiner Mutter, verschmierten es an meinen Ärmeln. „Nein, ich werde nicht eines Ihrer Mädchen, ich sterbe lieber—“
„Du hast bis Freitag.“ Er richtete sich auf, wischte unsichtbaren Staub von seinem Ärmel, als langweilte ihn dieses Gespräch bereits, als wäre ich eine kleine Unannehmlichkeit zwischen ihm und seiner nächsten Zigarre. „Drei Tage, um dich von dem Leben zu verabschieden, das du zu haben glaubst. Dann gehörst du mir.“
Sie zerrten mich hinaus, bevor ich sie noch ein letztes Mal berühren konnte, meine Absätze schrammten über Beton, der Name meiner Mutter wurde mir immer wieder aus der Kehle gerissen, bis er gar nicht mehr wie ein Wort klang. Ich erinnere mich nicht an die Autofahrt nach Hause. Ich erinnere mich nicht daran, wie ich die Treppen zu meiner Wohnung hinaufstieg. Ich erinnere mich nur daran, dass ich vollständig angezogen in meiner Dusche stand, das Wasser kalt über meine Schultern lief, ich meine Hände schrubbte, bis die Haut wund und rot war, und es immer noch nicht genug war. Das Blut war von meinen Händen verschwunden. Aus meinem Kopf würde es nie verschwinden.
Ich saß auf dem Badezimmerboden, bis die Sonne aufging, den Rücken gegen die Badewanne gelehnt, die Knie an die Brust gezogen, mein ganzer Körper ausgelaugt und hohl. Mein Telefon summte irgendwo im anderen Zimmer – wahrscheinlich mein Vermieter, wahrscheinlich eine Rechnung, wahrscheinlich nichts, das noch zählte. Nichts zählte mehr. Meine Mutter war ein Name auf dem Boden eines Lagerhauses, und ich war drei Tage davon entfernt, Eigentum zu werden, mit einem Preisschild und einem Countdown.
Ich dachte daran, die Polizei zu rufen. Ich lachte über mich selbst, weil ich es dachte, ein kaputtes, hässliches Geräusch, das von den Fliesen widerhallte. Andrenko besaß die halbe Dienststelle; meine Mutter hatte mir das einmal zugeflüstert, als könnte schon das Aussprechen sie umbringen. Irgendwann tat es das. Nur nicht auf diese Weise.
Ich dachte daran, wegzulaufen. Wohin? Womit? Ich hatte achtzig Dollar auf meinem Girokonto und eine Mutter, die ich noch begraben musste, eine Mutter, die etwas Besseres verdient hatte als einen Lagerhausboden und eine Tochter, die zu pleite und zu machtlos war, um etwas anderes zu tun, als ihren Namen zu schreien.
Bis Mittag hatte ich nichts gegessen, nicht geschlafen, nicht aufgehört zu zittern. Auf dem Weg zur Tür fing ich mein Spiegelbild im Flurspiegel auf – hohle Augen, aufgesprungene Lippen, ungebürstetes Haar, ein Streifen getrocknetes Blut, der an einem Handgelenk noch verkrustet war, den ich in der Dusche übersehen hatte. Ich erkannte die Frau nicht, die zurückstarrte. Sie sah aus wie jemand, der bereits aufgegeben hatte, jemand, der am Rand seines eigenen Lebens stand und nichts mehr hatte, woran er sich festhalten konnte.
Ich griff wieder nach meinem Mantel. Ich hatte keinen Plan. Ich hatte nur drei Tage und ein Loch in meiner Brust, wo früher meine Mutter gewesen war, und ich wusste, wenn ich noch eine Stunde in dieser Wohnung blieb und auf ihren Stuhl starrte, ihre Tasse, die seit gestern Morgen noch im Waschbecken stand, würde ich auf eine Weise zerbrechen, aus der ich nicht zurückkommen würde.
Also ging ich. Ich wusste nicht, wohin. Meine Füße trugen mich einfach, Block um Block, an Fremden vorbei, die mich nicht zweimal ansahen, bis die Kälte durch meinen Mantel biss und Neonlicht aus einer Bar an der Ecke auf den Bürgersteig fiel – die Art von Ort mit einem flackernden Schild und einer Tür, der es egal war, wer sie durchschritt oder wovor sie flohen.
Ich stieß sie auf.
Ich redete mir ein, ich wolle nur einen Drink. Einen Drink, damit meine Hände aufhörten zu zittern, damit das Gesicht meiner Mutter nicht jedes Mal hinter meinen Augen auftauchte, wenn ich blinzelte. Ich wusste nicht, dass der Gang in diese Bar die letzte Entscheidung sein würde, die ich als die alte Katerina traf.
Ich wusste nicht, dass seine Augen bereits auf mir ruhten, bevor ich überhaupt die Theke erreichte.