Die entblößte Erbin
Für die Frauen, die sich nach einer Hingabe sehnen, die an Besessenheit grenzt. Und für die Männer, die wissen, dass Treue eine Entscheidung ist – eine, die man jeden Tag trifft, selbst wenn sie Blut kostet.
ISABELLAS PERSPEKTIVE
„Oh Gott. Nicht schon wieder.“
Die Worte entfuhren mir, als ich abrupt von meinem Platz in der Dessert-Lounge aufsprang und mein Stuhl laut über den Boden scharrte.
Mein bester Freund, Diego, beugte sich von der anderen Seite des Tisches zu mir herüber. „Was ist los?“
Seine Stimme erinnerte mich daran, dass ich in der Öffentlichkeit war. Ich hob den Blick und sah, dass alle Augen auf mich gerichtet waren; manche Blicke waren vorwurfsvoll, manche neugierig und einige weiteten sich vor plötzlicher Erkenntnis.
Ich zwang mir ein verlegendes Lächeln ab, zog die Kapuze meines übergroßen Hoodies über den Kopf und sank in meinen Stuhl. Ich scrollte durch den anonymen Beitrag in den sozialen Medien.
Titel:
MILLIARDÄRS-SPÖTTEL AUF ABWEGEN: Erbin Isabella Montez beim Verlassen einer wilden Party mit einem mysteriösen Mann erwischt
Kategorie: EliteRot Chronicles
Ihr habt es hier zuerst gehört. Die Lieblingstochter des Montez-Imperiums und angebliche „Zukunft der Marke“ machte einen Abstecher von der Unternehmensprinzessin zur Hotel-Ausschweifung. Quellen vor Ort bestätigten, dass Isabella Montez’ sehr ausgelassene Geburtstagsparty mit mehr als nur Champagnerduschen endete.
Mit klopfendem Herzen übersprang ich die Füllabsätze und ging direkt zu den exklusiven Fotos unter dem Beitrag. Mir sank das Herz in die Hose, als sie sich öffneten.
Das erste Foto war verschwommen, aber dennoch vernichtend; ich lehnte mich an eine breite Gestalt in einem dunklen Anzug, und seine Hände lagen fest auf meiner Taille, als gehöre ich ihm. Der Winkel, aus dem das Foto aufgenommen wurde, schrie geradezu nach Intimität.
Die zweite Aufnahme zeigte, wie sich die Gestalt zu mir beugte. Ich zoomte das Bild heran, indem ich den Bildschirm zusammenkniff, und blinzelte.
Hatten wir uns geküsst?
Meine Hand flog zu meinen Lippen, als könnten sie mir sagen, ob ich gestern Abend wirklich einen Fremden geküsst hatte.
„Isa, was guckst du dir da an?“, fragte Diego und versuchte, einen Blick auf mein Handy zu erhaschen.
Ich ignorierte ihn, meine Handflächen schwitzten, als ich zum letzten Bild scrollte.
Diesmal war es draußen, im grellen Blitzlicht der Paparazzi, der Fremde half mir auf den Rücksitz eines schnittigen Autos. Die Kamera hatte nur seinen Rücken und sein Profil eingefangen. Er war nicht zu erkennen. Meines hingegen war unverkennbar.
Gott. Ich bin verloren. Das war nicht nur schädlich, es war ein PR-Desaster, das nur darauf wartete, zu passieren.
Ich sackte in meinen Sitz, der Eiskaffee und die Snacks, die ich bestellt hatte, um meinen Kater zu kurieren, standen vergessen auf dem Tisch. Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich, als mir die Tragweite der Sache bewusst wurde.
Ich machte mir nicht die Mühe, die Kommentare zu lesen. Ich wusste, was ich sehen würde.
Die Überschrift sagte bereits alles: „Milliardärs-Göre außer Rand und Band“.
Genau das war der Grund, warum ich in diesem Leben keine Luft bekam. Selbst an meinem Geburtstag hatte ich keine Ruhe.
Ich rieb mir die Schläfen und seufzte. Mir war gar nicht bewusst, dass ich vor mich hin starrte, bis Diego mir mein Handy entriss.
Ich blinzelte und fokussierte meinen Blick wieder, während ihm die Kinnlade herunterfiel.
„Was zum Teufel, Isa? Wer zum Teufel ist dieser Typ? Du hast letzte Nacht in meinem Bett geschlafen, ich wüsste es, wenn du dich mit irgendeinem mysteriösen Mann davongeschlichen hättest.“ Er hielt inne. „Oder?“
Ich funkelte ihn an. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um—“
„Reiche Mädchen spielen, Unternehmen zahlen. Das sagen sie jedenfalls.“ Er starrte finster auf den Handybildschirm. „Sie zerreißen dich wie Geier.“
„Du bist keine Hilfe, Diego!“
„Es ist ein echtes Rätsel, findest du nicht?“ fuhr er fort. „Warum wollen sie unbedingt zusehen, wie jemand, den sie nicht kennen, untergeht?“
Ich zwirbelte die Kordeln meines Hoodies. „Bei Gott, wenn du nicht aufhörst –“
„Hure?“ Die sonst so warmen, braunen Augen von Diego wurden einen Ton dunkler. „Wirklich? Ich schwöre, diesen Keller-Trollen muss man die Finger brechen.“
Ich blendete Diegos Stimme aus, meine Finger trommelten auf den Tisch, während ich versuchte, mir zu überlegen, wie ich in diese Situation geraten sein könnte.
„Wie bin ich gestern Nacht nach Hause gekommen?“, fragte ich und erregte damit seine Aufmerksamkeit. „Du hast mich nach Hause gebracht, oder? Deshalb lag ich in deinem Bett. Wenn –“
„Isa.“
„Wenn das stimmt, was sind dann diese Fotos? Warum sollte …“
„Isa!“
Ich zuckte zusammen und richtete meinen Blick auf ihn.
„Ich habe dich letzte Nacht nicht nach Hause gebracht. Ich nahm an, du …“
„Was?“, rief ich und unterbrach ihn.
Er beugte sich vor. „Sprich leiser, Isa. Es sei denn, du willst, dass die Hälfte dieser Lounge live über deinen Zusammenbruch twittert.“
Ich blickte mich in der Lounge um; wieder huschten Blicke in unsere Richtung, doch diesmal begleitete ein Flüstern die Blicke.
Auch ich beugte mich vor, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Was meinst du damit, du hast mich nicht nach Hause gebracht? Wie bin ich dann in deinem Bett gelandet?!”
„Ich habe angenommen, du hättest ein Taxi genommen“, flüsterte Diego zurück.
„Das habe ich nicht! Ich –“ Ich blinzelte, einmal, dann noch einmal. Ich sackte mit einem Ruck in meinen Stuhl. „Ich erinnere mich nicht.“
Diegos Augen verengten sich und sein Blick schoss zurück zu meinem Handy.
„Schau mal, sein Gesicht ist nicht einmal zu sehen. Das riecht nach einer Falle, Isa. Jemand wollte, dass diese Fotos viral gehen, und sie –“
Er verstummte, als er mit Daumen und Zeigefinger auf dem Bildschirm zoomte, um das Foto zu vergrößern. Er biss die Zähne zusammen und schob mir das Handy zurück. „Wenn das der ist, den ich vermute, musst du dich verdammt noch mal von ihm fernhalten.“
Ich beugte mich sofort vor. „Du erkennst ihn? Wer ist das?“
Diego schüttelte den Kopf. „Er sieht Emilio verblüffend ähnlich.“
Ich blinzelte ihn verwirrt an. „Emilio? Das ist lächerlich. Warum sollte dein Bruder –“
„Weil er Emilio ist“, unterbrach mich Diego.
Ich runzelte die Stirn, als sich das leise Gemurmel in der Lounge veränderte. Es wurde lauter, unterbrochen von gelegentlichem unterdrücktem Lachen.
Aus dem Augenwinkel nahm ich die subtilen Bewegungen wahr – Köpfe, die sich zusammenbeugten, Finger, die tippten, wischten und dann ihre Handys so drehten, dass andere sie sehen konnten.
Und dann richteten sich die Blicke auf mich. Einige waren schnell und schuldbewusst, andere dreist und verweilend. Ich setzte mich aufrechter hin und zwang mich, nicht zusammenzuzucken, doch mein Magen zog sich trotzdem zusammen.
Sie sprachen über mich. Urteilten. Ich musste nicht erst erfahren, worum es ging.
Ein paar Handys richteten sich auf mich, und mir lief ein Schauer über den Rücken. Trotz der Versuche, diskret zu sein, wusste ich, dass sie Fotos von mir machten. Mein Blick traf den von Diego, meine Stirn war vor Sorge in Falten gelegt.
„Wir sollten gehen“, sagte er, nachdem auch er die Handys bemerkt hatte. „Wir müssen das hier auf den Kopf stellen, bevor die Dinge außer Kontrolle geraten.“
Wir standen sofort auf, schlurften zur Eingangstür, und ich zog die Kapuze enger um mein Gesicht. Dann blitzten die Kameras, als Diego die Tür aufstieß.
„Das ist sie!“
„Da drüben!“
„Señorita Montez, ein Wort, bitte.“
„Was haben Sie zu dem Post zu sagen?!”
Die Paparazzi.
„Scheiße“, murmelte Diego leise vor sich hin.
Ich duckte mich hinter ihn und nutzte ihn als Schutzschild gegen die Flut von Blitzlichtern.
„Was sollen wir tun?“, fragte ich, während ich über seine Schulter spähte und mir der Atem stockte. „Wir können nicht einfach durch sie hindurchgehen.“
Gott. Warum trug ich ausgerechnet heute einen übergroßen Hoodie, eine weite Jogginghose und einen unordentlichen Dutt?
„Nimm die Hintertür, okay? Ich fahre herum und hole dich ab.“
Ich nickte und ging zurück in die Lounge, während Diego hinausging und die Tür hinter sich schloss. Alle Augen folgten mir, als ich zur Theke ging, und das Getuschel war unverhohlen.
„Das ist wirklich sie.“
„Trägt sie seine Klamotten?“
„War das gerade ein anderer Mann, mit dem sie zusammen war?“
„Sie sieht tatsächlich aus, als käme sie gerade aus einer wilden Nacht.“ Jemand kicherte.
Ich hätte in mein übliches Café gehen sollen, wie Diego vorgeschlagen hatte. Dort wäre das niemals passiert; dort wusste man, wie man die Privatsphäre der Gäste wahrt.
Aber nein! Ich hatte stur etwas anderes machen wollen.
„Darf ich bitte den Personalausgang benutzen?“, fragte ich den Angestellten hinter der Theke.
„Sicher, Señorita Montez“, antwortete er und verbeugte sich leicht. „Ich führe Sie hin.“
Ich verdrehte fast die Augen über diese Förmlichkeit, bedankte mich aber trotzdem. Ich folgte ihm und ließ die Klatschbasen hinter mir. Er blieb in einem schmalen Flur stehen und deutete auf eine Tür. „Da ist es, Señorita Montez.“
„Gracias.“
„Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten. Wir hoffen, Sie bald wiederzusehen.“
Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Klar.“
Niemals!
Sie hatten heute schon genug Aufmerksamkeit durch meine Anwesenheit bekommen. Das konnten sie genießen, solange es anhielt. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, eilte ich zur Tür und drängte mich hinaus in eine schmale, ruhige Gasse.
Eine Gasse, wie sie in Schlagzeilen immer mit dem Wort „Leiche“ in Verbindung gebracht wird.
Einfach perfekt.
Señorita Isabella Montez war dumm genug gewesen, sich eine Lounge auszusuchen, deren Hintertür in eine verlassene Gasse führte. Vater hätte damit einen weiteren Grund, mich fertigzumachen.
Vater.
Allein der Gedanke an ihn ließ mir vor Angst den Magen umdrehen. Ich konnte schon seine scharfe, kalte Stimme hören, denselben Tonfall, den er benutzte, als die Presse das Durcheinander mit Mateo zu einem Skandal aufgeblasen hatte.
„Du kostest uns mehr als nur Geld, Isabella“, hatte er gesagt.
Nicht ein einziges Mal hatte er gefragt, ob es mir gut ginge. Das tat er nie. Seine Sekretärin hatte weder geschrieben noch angerufen. Noch nicht. Ich hatte Zeit, die Dinge unter Kontrolle zu bringen.
„Diego, komm schon“, murmelte ich, während mein Blick zwischen den beiden Eingängen der Gasse hin und her huschte, unsicher, aus welcher Richtung das Auto auftauchen würde.
„Da ist sie!“
„Señorita Montez!“
Ich wandte mich den Stimmen zu und sah eine Gruppe Paparazzi, die von einem Ende der Gasse auf mich zustürmte.
Oh nein.
Ihre Kameras waren erhoben. Ein Klick würde über ihre Karrieren entscheiden. Meine Augen weiteten sich vor Schreck … und ein Schatten fiel über mich.
Mein Blick ruhte auf einer breiten Brust, die sich unter dem dunklen Hemd abzeichnete. Ich runzelte die Stirn. Ich hörte die Kameraklicks. Die aufgeregten Stimmen.
„Das ist der Mann von gestern Abend!“, rief einer der Paparazzi. „Das Rückenprofil passt!“
Weitere Klicks. Die Schritte kamen näher. Mein Stirnrunzeln vertiefte sich, als ich einen Schritt von der breiten Gestalt vor mir zurückwich. Ich reckte den Hals und ein Schock durchfuhr mich.
Ein Grinsen zuckte über seine Lippen, halb amüsiert, halb gefährlich. „Hola, Little Red.“
Was zum … Emilio Salazar? Was machte er hier?