Der Rebell
SVETLANAS SICHT
Ich befand mich mitten in der überfüllten Halle. Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals, während ringsum Gelächter und Geflüster meiner Mitschüler zu hören waren. Es war ein ganz normaler Tag an der Moonbloom High, und ich graute mich schon jetzt davor. Die Blicke meiner Klassenkameraden fühlten sich an, als würden sie mich mustern, verurteilen und mich einen Moment lang in ihren Fängen halten.
„Ihr könnt mich nicht länger einfach so mobben!“, schrie ich, überrascht, wie laut meine Stimme geworden war. Die Worte hatten es geschafft, die Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick von dem Gemurmel abzulenken. Clinton, Cleff und Clyde, meine üblichen Peiniger, standen stolz mit selbstgefälligen, amüsierten Grimassen nur wenige Meter entfernt.
„Du glaubst wohl, du bist jetzt der Starke, Hybrid?“, höhnte Clinton und trat näher. Seine Augen funkelten zwischen Arroganz und Grausamkeit. „Du bist immer noch dasselbe schwache Mädchen, das wir alle kennen. Nur weil du Präsidentin bist, heißt das nicht, dass wir dich damit in Ruhe lassen.“
Ich versuchte, meine Hände zu Fäusten zu ballen und das Zittern in mir zu unterdrücken. Sie hatten mich gemobbt, seit ich denken konnte. Ein Hybrid – halb Werwolf, halb Mensch – war quasi eine Einladung zum Quälen. Mein Vater war ein abtrünniger Werwolf, meine Mutter ein Mensch; ich steckte in einer heiklen Zwickmühle: nie richtig in einer der beiden Welten akzeptiert.
„Halt die Klappe, Clinton!“, fauchte ich zurück, schockiert. Ich spürte, wie ein seltsames Selbstvertrauen in mir aufstieg. „Ihr könnt mich nicht länger herumschubsen. Ich habe genug davon!“
Weitere Studenten strömten herein, einige beobachteten interessiert, andere fanden die Situation leicht amüsant. Ich starrte meine Klassenkameraden an und sah, wie ihre Gesichter Ungläubigkeit verrieten. Sie sahen in mir die unterwürfige Studentensprecherin, die sich nie wirklich gewehrt hatte.
Ich war immer ein Opfer gewesen. Mein ganzes Leben lang. Sie lachten immer, und ihr Lachen traf mich wie ein Dolchstoß ins Herz.
„Sieh sie dir an! Jetzt hält sie sich für mutig“, sagte Cleff höhnisch mit einem spöttischen Grinsen.
„Ja, wir werden ihr den Mut beweisen, wenn wir ihnen zeigen, was mit solchen Hybriden passiert“, fügte Clyde hinzu und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich schluckte schwer, als sich ein beklemmendes Gefühl in meinem Magen ausbreitete. Ich wollte etwas erwidern – ihnen einfach zeigen, dass ich stärker bin, als sie denken. Doch die Angst kroch immer wieder hoch und säte Zweifel in mir, die mich völlig verwirrten.
Die Glocke läutete genau im richtigen Moment – das Ende der Mittagspause. Die Schüler begannen sich zu zerstreuen, und ein Gefühl aus Erleichterung und Schrecken überkam mich, als ich mit rasendem Herzen zum Unterricht eilte.
Meine Gedanken schweiften in die ferne Vergangenheit. Ich erinnerte mich an meine erste Schicht. Ich war verängstigt, verwirrt und allein gewesen. Die anderen Kinder hatten mich wegen meiner halben Schicht ausgelacht und mich ein Freak genannt. Ich war an diesem Nachmittag nach Hause gerannt, Tränen liefen mir über die Wangen, verzweifelt darauf bedacht, ihren Hänseleien zu entkommen.
Meine Mutter, Nina, war keine Hilfe. Sie war immer mit ihrem eigenen Leben, ihren Bedürfnissen und Sorgen beschäftigt. Ich war für sie nur eine bittere Erinnerung an ihren Mann, der sich geweigert hatte, sich dem Alpha-König zu beugen. Ich erinnerte mich an ihre kalten, harten Worte: „Du bist eine Schande, Svetlana. Aus dir wird nie etwas.“
Diese Worte hallten in meinem Kopf wider und lenkten mich vom Unterricht ab. Ich wollte ihr das Gegenteil beweisen. Ich wollte ihr zeigen, dass ich mehr sein konnte als nur ein Opfer.
Der endlos lange Schultag endete, ein verschwommener Mix aus Vorlesungen und sozialen Interaktionen, an dem ich mich kaum noch festhalten konnte. Sobald er vorbei war, rannte ich eilig aus dem Gebäude, weg von der erdrückenden Atmosphäre der Moonbloom High.
Als ich zu meinem Parkplatz ging, sah ich sie, die Verkörperung des Grauens. Meine Mutter stand neben ihrem Auto, ein aufgesetztes Lächeln, das mich vor Angst erstarren ließ. Langsam ging ich auf sie zu, mein Herz raste.
„Mama, was machst du denn hier?“, fragte ich und versuchte, neutral zu klingen.
Sie wandte sich mir mit einem immer breiter werdenden Lächeln zu. „Ich möchte dich jemandem ganz Besonderen vorstellen, Svetlana.“
Mir wurde übel. Das klang gar nicht gut.
„Was meinst du?“, fragte ich vorsichtig.
„Folge mir einfach“, sagte sie und winkte mich.
Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mich wehren sollte. Doch die Neugierde hatte andere Pläne. Ich begleitete sie zu einem kleinen Café in der Nähe, vor dem ein großer Mann stand, der mit selbstbewusster und imposanter Haltung einherging. Schwarzes Haar, blauer Blick – welch eine Wildheit in seinen Augen!
„Darf ich vorstellen: Alpha Mattias“, verkündete meine Mutter, und Stolz triefte aus jedem Wort.
Mir stockte der Atem. Mattias. Der Mann, der meinen Vater getötet hatte. Dieser Alpha-König, der unsere Familie ausgelöscht hatte.
„Hallo, Svetlana“, sagte er mit sanfter, aber kalter Stimme. „Ich habe schon so viel von dir gehört.“
Gegen die aufsteigende Wut wehrte ich mich. Ich durfte ihm nicht zeigen, wie sehr er mich beeinflusste. „Und was willst du?“, fragte ich mit fester Stimme, die meine innere Zerrissenheit verriet.
„Ich möchte Teil deines Lebens sein“, sagte er und schenkte mir ein halbherziges Lächeln. „Deine Mutter und ich werden heiraten, und ich möchte, dass du dich darüber freust.“
„Freut?“, schnaubte ich bitter. „Glaubst du, ich kann glücklich sein, wenn ich weiß, dass du meinen Vater getötet hast?“
Das Lächeln verschwand für einen Moment, als er überrascht war; doch schnell breitete sich ein hässliches Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Das ist alles Vergangenheit, Swetlana. Du musst wirklich nach vorn schauen.“
Ich wandte mich ab und weigerte mich, die Tränen fließen zu lassen. Die Zukunft, von der er sprach, war düster und voller Schrecken. Ich konnte diese neue Realität nicht akzeptieren. Ich wollte nicht in ein Leben aufgenommen werden, das den Andenken an meinen Vater verriet.
„Mein Schatz, das ist das Beste für uns beide, Swetlana. Das musst du verstehen“, sagte meine Mutter und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Ich schüttelte sie ab, bereit, meinen Groll zu unterdrücken. „Dir ist egal, was ich denke, oder?“
Ihr Blick wurde kalt und unbarmherzig, als sie mich anstarrte. „Genug, Swetlana! Das passiert, ob du willst oder nicht.“