Kapitel 1: Die Berührung eines Geistes
Die Luft in der Penthouse-Suite des Cross Tower wurde auf genau achtundsechzig Grad Fahrenheit gehalten – steril und leblos, mit einem schwachen Duft nach teurem Leder und poliertem Glas.
Julian Cross stand vor den raumhohen Fenstern und blickte auf das schimmernde Raster von Manhattan um Mitternacht hinab. In seinen behandschuhten Händen hielt er ein Kristallglas mit gereiftem Scotch. Er trank ihn nicht wegen des Geschmacks. Er trank ihn, weil das Brennen in seiner Kehle das einzige körperliche Gefühl war, das er empfinden durfte, ohne dass es sein Herz zum Stillstand zu bringen drohte.
Er rückte mit dem rechten Daumen seinen linken Manschettenknopf zurecht und spürte dabei das dicke, maßgeschneiderte Leder seiner maßgefertigten Handschuhe. Für die Außenwelt war Julian ein Einsiedler – ein brillanter, kaltblütiger Biotech-Tycoon, der die Cross Corporation über verschlüsselte Videoübertragungen und skrupellose Stellvertreter regierte. Für den Vorstand war er ein exzentrisches Wunderkind, das einfach die Ruhe seines privaten Rückzugsortes bevorzugte.
Keiner von ihnen kannte die Wahrheit.
Keiner von ihnen wusste, dass vor sechs Jahren eine katastrophale Veränderung seiner Blutchemie sein eigenes peripheres Nervensystem in eine geladene Waffe verwandelt hatte. Ein einziger Quadratzoll direkter Hautkontakt mit einem anderen Menschen löste innerhalb von Minuten einen raschen anaphylaktischen Schock, qualvolles Organversagen und einen Herzstillstand aus.
Er war ein Gefangener in einem Imperium im Wert von vierzig Milliarden Dollar. Ein unantastbarer Gott.
Hinter ihm hallte ein leises, fast unhörbares Klicken durch die weitläufige, schummrig beleuchtete Bibliothek.
Julian rührte sich nicht von der Stelle. Sein Blick blieb auf das Spiegelbild im Glas geheftet. Das Sicherheitssystem des Penthouses war auf dem neuesten Stand der Technik, ausgestattet mit geräuschlosen Alarmanlagen und geräuschlosen Drucksensoren. Dennoch hatte der dunkle Schatten, der sich durch das raumhohe Bücherregal schlich, jedes einzelne Lasergitter umgangen.
„Du bist drei Minuten langsamer, als ich es von jemandem erwartet hätte, der es geschafft hat, die Verschlüsselung meines privaten Aufzugs zu knacken“, sagte Julian mit tiefer, rauer Baritonstimme, die die Stille durchbrach.
Der Schatten erstarrte.
Maya Lin atmete gleichmäßig weiter, während ihr Herz wie ein gefangener Vogel gegen ihre Rippen hämmerte. Gekleidet in schwarze Einsatzkleidung, das dunkle Haar zu einem straffen Zopf zusammengebunden, umklammerte sie den verschlüsselten USB-Stick, den sie gerade aus dem versteckten Server hinter dem Bücherregal gezogen hatte.
Sie hatte sechs Monate damit verbracht, diesen Einbruch zu planen. Sechs Monate lang hatte sie sich als Nachwuchsprüferin bei Cross Corp ausgegeben, um das echte, unbearbeitete Hauptbuch aufzuspüren – den Beweis dafür, dass ihr Bruder von Julians innerem Kreis wegen Unternehmensverrats zu Unrecht beschuldigt worden war.
„Keine Bewegung, Mr. Cross“, sagte Maya, ihre Stimme ruhig, obwohl das Adrenalin durch ihre Adern strömte. Sie hob eine kleine, nicht tödliche Elektroschockwaffe und richtete sie direkt auf seine Brust. „Ich habe, was ich gesucht habe. Treten Sie von der Tür zurück, und niemand wird verletzt.“
Julian drehte sich langsam um. Seine dunklen Augen waren kalt und musterten sie mit einer kühlen, erschreckenden Distanziertheit. Er schaute nicht auf die Waffe, die auf seine Brust gerichtet war. Er schaute ihr ins Gesicht und las die wilde Entschlossenheit hinter ihren dunklen Augen.
„Glaubst du, du kommst hier mit meinen Daten davon, Elena Vance?“, fragte Julian leise und benutzte dabei ihren Decknamen im Unternehmen. „Oder soll ich dich bei deinem richtigen Namen nennen? Maya Lin.“
Mayas Puls schoss in die Höhe. Er weiß es.
„Wenn du weißt, wer ich bin, dann weißt du auch, dass ich nicht gehe, ohne den Namen meines Bruders reinzuwaschen“, zischte sie und machte einen Schritt zurück in Richtung des privaten Ausgangs.
„Dein Bruder ist ein verurteilter Straftäter“, sagte Julian gelassen und machte einen langsamen, bedächtigen Schritt auf sie zu. „Und du begehst gerade eine Straftat. Gib mir das Laufwerk.“
„Bleib weg!“
Julian hielt nicht inne. Er bewegte sich mit der leisen Anmut eines Raubtiers und verringerte den Abstand zwischen ihnen. Mayas Finger umklammerte den Abzug, doch bevor sie schießen konnte, stürzte sich Julian nach vorne – seine Bewegung war ein verschwommener Schatten tödlicher Präzision.
Er packte ihr Handgelenk und riss ihr die Waffe aus der Hand. Sie klapperte auf den Hartholzboden.
Maya reagierte blitzschnell. Mit Hilfe ihrer jahrelangen Selbstverteidigungsausbildung rammte sie ihm den Ellbogen in die Rippen und duckte sich unter seinem Arm hindurch. Julian grunzte, sein Griff verstärkte sich, als er sich auf sie stürzte, um sie gegen den schweren Mahagoni-Schreibtisch zu drücken. Sie prallten zusammen – ein Wirbel aus Gliedmaßen, dunklen Schatten und verzweifelter Energie.
Maya griff nach oben, packte Julians Kragen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre Fingernägel verfingen sich am Rand seines linken Handschuhs.
Mit einem scharfen Knacken riss das verstärkte Leder weg und zog sich vollständig von seiner Hand ab.
„Nein –!“ Julians Stimme brach vor plötzlicher, echter Angst – eine Reaktion, die so völlig untypisch für den kalten Titanen war, dass Maya erstarrte.
Ihre bloße Hand glitt direkt über sein nacktes Handgelenk.
Haut an Haut.
Julian schnappte nach Luft, seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, während er auf die sofortige, erdrückende Qual wartete. Er wartete darauf, dass sich seine Kehle zuschnürte, sich seine Lungen mit Flüssigkeit füllten und sein Herz in den chaotischen, tödlichen Rhythmus verfiel, der ihn vor sechs Jahren beinahe umgebracht hätte.
Im Raum herrschte totenstille Stille.
Die Sekunden vergingen. Eins. Zwei. Drei.
Das qualvolle Brennen blieb aus.
Stattdessen breitete sich eine Welle tiefer, überwältigender Wärme von ihrer Handfläche direkt seinen Arm hinauf aus und durchströmte seine Brust. Der dumpfe, ständige Schmerz in seinen Rippen verschwand plötzlich. Das unregelmäßige Engegefühl in seiner Brust ließ nach. Zum ersten Mal seit sechs Jahren atmete Julian Cross tief und mühelos ein.
Er starrte auf ihre verbundenen Hände hinab. Ihre weiche, warme Haut drückte sich an seine.
Maya blickte zu ihm auf, ihre Brust hob und senkte sich, völlig verwirrt von der intensiven, schockwellenartigen statischen Elektrizität, die zwischen ihnen summte. „Was … was ist das?“, flüsterte sie.
Julians Blick heftete sich auf den ihren. Die Kälte in seinen Augen wich einem wilden, unbändigen Verlangen – dem Blick eines Ertrinkenden, dem gerade Luft zugeworfen worden war.
Er ließ ihre Hand nicht los. Er drückte sie fester.
„Wer bist du?“, hauchte Julian, seine Stimme d**k vor plötzlicher, gefährlicher Besitzgier. „Was hast du gerade mit mir gemacht?“