Der Wald empfing sie mit einer Stille, die tiefer war als gewöhnlich. Kein Vogel, kein Rascheln von Igeln im Laub. Nur das Rauschen der Bäume, das im Wind wie ein fernes Flüstern klang. Elena zog den Mantel enger um sich.
Sie folgte der Spur, die der Fremde hinterlassen haben musste. Das Gras war niedergetreten, Zweige gebrochen. Und doch … war da nicht auch etwas anderes? Tiefer im Boden, schwerere Abdrücke, fast wie von Pfoten.
Sie kniete sich nieder, strich mit den Fingerspitzen über die Erde. Vier Eindrücke, tief, mit Krallen. Sie zog scharf die Luft ein. Kein Hund konnte solche Spuren hinterlassen.
Ein Laut im Unterholz ließ sie aufschrecken. Ein Knacken, dann ein Scharren, als würde etwas Schweres auf vier Beinen durch das Laub schleichen. Ihr Herz raste, doch ihre Füße bewegten sich weiter, als hätten sie einen eigenen Willen.
„Ihr solltet nicht hier sein.“
Die Stimme kam von irgendwo zwischen den Bäumen, tief, heiser – dieselbe Stimme wie in jener Nacht. Elena wirbelte herum, doch sie sah ihn nicht. Nur Schatten, die sich bewegten, als hätte der Wald selbst ein Gesicht.
„Wer seid ihr?“ rief sie, ihre Stimme zitterte mehr vor Erwartung als vor Angst.
Keine Antwort. Nur ein tiefes Knurren, kaum menschlich, kaum tierisch – etwas dazwischen. Es vibrierte durch den Boden, durch ihre Knochen.
Dann trat er aus dem Schatten: der Fremde. Sein Mantel war dunkel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, doch die Augen leuchteten wie glühende Asche.
„Ihr versteht nicht, was ihr sucht“, sagte er, näherkommend. „Der Wald ist kein Ort für … Menschen, die nach Antworten gieren.“
Elena wich nicht zurück. „Ich habe Spuren gesehen. Sie gehören nicht zu einem Reh, nicht zu einem Wolf. Was … seid ihr?“
Sein Blick verhärtete sich, und für einen Moment schien es, als würde er auf sie zuspringen, sie packen, sie zum Schweigen bringen. Doch dann wandte er sich ab, die Hände zu Fäusten geballt, als kämpfte er gegen etwas Unsichtbares in sich.
„Manchmal ist es besser, eine Wahrheit nicht zu kennen“, murmelte er. „Manchmal ist Unwissen Gnade.“
Bevor sie weiter fragen konnte, hallte ein Heulen durch den Wald. Lang, klagend, durchdringend – kein gewöhnlicher Wolf konnte so rufen. Es klang wie Stimmen, die zusammenkamen, wie ein Chor von Geistern.
Der Fremde erstarrte. Sein Atem beschleunigte sich, Schweiß glänzte an seiner Schläfe. „Sie sind nah“, flüsterte er. „Geht zurück ins Dorf, wenn euch euer Leben lieb ist.“
„Sie?“ wiederholte Elena.
Doch da war er schon verschwunden, so lautlos, als hätte ihn der Nebel verschluckt.
Elena stand allein, das Heulen hallte nach, und die Stille, die darauf folgte, war schlimmer als jedes Geräusch.
Etwas war in diesem Wald. Etwas, das auf sie wartete.