3.

1493 Words
Kapitel 3 Ich sitze im Wohnzimmer und starrte in das Feuer, das im Kamin flackert. Die Flammen tanzen in einem beruhigenden Rhythmus, aber in mir selbst herrscht Unruhe. Es ist spät, und die Geselligkeit der anderen, die Lachen und die Gespräche, erreichen mich nur wie aus der Ferne. In diesem Moment fühlt sich das alles weit weg an, als ob ich in einem anderen Raum stehe, abgeschnitten von dem, was um mich herum passiert. Ich höre das Klirren von Gläsern und das leise Murmeln von Gesprächen. Es sind die letzten Stunden des Jahres, und das Festessen läuft auf Hochtouren. Das Haus meiner Eltern ist festlich geschmückt, der Weihnachtsbaum leuchtet, und die Luft ist erfüllt von den Aromen der traditionellen Gerichte. Doch trotz der gemütlichen Atmosphäre gibt es einen Schatten, der über mir schwebt – und dieser Schatten hat einen Namen: Isabella. Ich schließe die Augen und lasse den Moment an mir vorbeiziehen. Es ist schon lange her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe, und trotzdem ist sie immer noch da, in meinem Kopf, in meinem Herzen. Isabella – meine beste Freundin aus Kindertagen, meine Vertraute. Und doch auch der Grund, warum ich mich so leer fühle. Es ist nicht nur die Unruhe in mir, die mich quält. Es ist die Frage, die mich die letzten Jahre nicht losgelassen hat: Was wäre, wenn ich damals anders reagiert hätte? Was wäre, wenn ich sie nicht weggestoßen hätte? Diese Gedanken, die sich immer wieder in mein Bewusstsein drängen, machen es mir schwer, den Moment zu genießen. Ich bin hier, aber irgendwo anders – bei ihr. „Dario, du bist still. Hast du etwas auf dem Herzen?“ Die Stimme meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Sie steht in der Tür, ein besorgter Blick auf ihrem Gesicht. Meine Mutter ist eine pragmatische Frau, immer darauf bedacht, dass alles nach Plan läuft. Aber in ihrem Blick erkenne ich eine leise Sorge. Sie weiß, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. „Alles gut, Mom“, sage ich und versuche ein Lächeln. „Ich bin nur ein bisschen müde.“ Sie tritt näher, setzt sich auf den Stuhl neben mir. „Du hast immer noch diese fernwehige Miene. Schon seitdem du nach Hause gekommen bist. Ist es wegen Isabella?“ Ich atme tief durch und schaue in das flackernde Feuer. Ich kann nicht lügen. Nicht vor ihr. „Ja. Es ist… kompliziert.“ „Ich verstehe“, sagt sie ruhig. Sie legt ihre Hand auf meine. „Aber du solltest wissen, dass du nicht alles kontrollieren kannst, Dario. Manchmal muss man loslassen.“ Ich schaue sie an. Ihre Augen sind weich, aber ihre Worte treffen einen Nerv. Sie hat recht. Ich habe versucht, alles zu kontrollieren – alles, was passiert ist, alles, was hätte sein können. Aber nichts ist so einfach. „Ich habe sie verletzt, Mom. Und ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen kann.“ „Hast du es je wirklich versucht?“, fragt sie. Ihre Stimme ist ruhig, aber es steckt eine gewisse Schärfe darin. „Ich…“, fange ich an, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit viele Fehler gemacht habe, dass ich sie verletzt habe. Aber damals war ich jung und dumm. Ich hatte Angst, und ich wusste nicht, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen sollte. „Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal tun kann.“ „Manchmal ist es nie zu spät, Dario. Du musst es nicht sofort tun, aber du solltest es nicht vergessen.“ „Ich versuche, es nicht zu vergessen“, sage ich leise. „Aber es fühlt sich an, als wäre es zu spät.“ Sie nickt, als ob sie mich versteht. „Manchmal ist es das nicht. Du hast nur Angst, dich wieder zu öffnen.“ „Vielleicht“, murmle ich, doch in meinem Inneren weiß ich, dass die Angst mehr ist als nur ein Gefühl. Es ist wie ein schweres Gewicht, das mich immer wieder zurückhält. „Du hast dich verändert“, sagt meine Mutter nach einer Pause, „aber das bedeutet nicht, dass alles verloren ist. Du musst nur herausfinden, wie du weitermachen kannst.“ Ich nicke, aber in mir tobt ein Sturm. Es gibt so viele Dinge, die ich sagen will, aber die Worte kommen nicht. Ich wollte sie nie verlassen, nie so tun, als ob sie mir egal ist. Aber ich habe sie verletzt, und jetzt ist sie so weit weg, dass ich sie nicht mehr erreichen kann. „Ich weiß, dass du das Richtige tun wirst“, sagt meine Mutter schließlich und steht auf. „Du hast immer noch die Chance, es wieder gutzumachen.“ Ich schaue ihr hinterher, als sie geht, aber ihre Worte hallen in mir nach. Ich weiß, dass sie recht hat. Vielleicht gibt es noch eine Chance. Vielleicht ist es nicht zu spät. Es ist später am Abend, und die Party hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Gäste lachen und tanzen, und ich bin immer noch allein in meiner Ecke, mit meinem Glas in der Hand, das mittlerweile leer ist. Ich kann den ganzen Trubel um mich herum kaum wahrnehmen. Stattdessen sind meine Gedanken immer noch bei Isabella. Wie ist sie? Was macht sie gerade? Hat sie noch immer dieselben Gefühle, die ich vor Jahren weggeworfen habe? Ich kann nicht länger in dieser Ungewissheit leben. Ich muss sie sehen, muss herausfinden, was zwischen uns steht. Vielleicht ist es tatsächlich zu spät, aber ich kann es nicht wissen, ohne es zu versuchen. Ich stehe auf und gehe zur Tür. Die kühle Luft draußen trifft mich sofort, als ich in den Garten gehe. Es ist spät, aber der Schnee hat aufgehört zu fallen. Der Himmel ist klar, und die Sterne leuchten so hell, als wollten sie mir den Weg zeigen. In meinem Kopf taucht das Bild von Isabella auf – ihr Lächeln, ihre Augen, die mich immer so gut verstanden haben. Ich weiß, dass ich sie jetzt anrufen muss. Ich kann nicht länger warten. Als ich das Handy in die Hand nehme, zögere ich einen Moment. Ich überlege, ob ich wirklich den Mut habe, sie anzurufen. Aber dann tippe ich die Nummer ein. Der erste Klingelton hallt durch die Stille, der zweite, der dritte… Und dann nehme ich es zurück. Was soll ich sagen? Was, wenn sie mich immer noch hasst? Ich atme tief durch und drücke den Anruf-Button. Die Verbindung wird hergestellt, und ich höre das Summen in meinem Ohr. Meine Hände sind schweißnass, und mein Herz schlägt schneller. Die Angst schnürt mir die Kehle zu. „Hallo?“, sagt eine Stimme am anderen Ende der Leitung, und ich erkenne sie sofort. Es ist Isabella. Ich bleibe einen Moment still, der Klang ihrer Stimme lässt mich innehalten. Aber dann sammle ich mich. „Isabella“, sage ich und höre, wie sich meine Stimme leicht zittert. „Es ist Dario.“ Ich höre sie scharf einatmen. „Was willst du?“ „Ich… ich wollte nur wissen, wie es dir geht“, sage ich, obwohl ich weiß, dass es nicht genug ist. Es ist viel zu wenig. „Warum rufst du mich an, Dario?“, fragt sie, und ich kann die Skepsis in ihrer Stimme hören. Es ist nicht die sanfte Isabella von früher, die mir alles verziehen hat. Nein, jetzt klingt sie kalt, distanziert. Und ich weiß, dass ich das verdient habe. „Weil ich weiß, dass ich damals einen Fehler gemacht habe. Einen riesigen Fehler“, sage ich und versuche, ruhig zu bleiben. „Und ich will es wiedergutmachen. Ich weiß nicht, ob es noch einen Weg gibt, aber ich muss es wenigstens versuchen.“ „Du hast mich verletzt, Dario. Du hast mich abgewiesen, als ich dich am meisten gebraucht habe. Was willst du von mir?“, fragt sie scharf. „Ich… ich möchte nur, dass du weißt, dass es mir leid tut. Wirklich leid. Ich habe nie wirklich verstanden, was ich getan habe, bis es zu spät war.“ „Und jetzt willst du, dass ich dir einfach so verzeihe?“ „Nein, Isabella. Ich will nicht, dass du mir sofort vergibst. Ich weiß, dass das nicht geht. Aber ich möchte es zumindest versuchen. Ich möchte wissen, ob es noch eine Chance für uns gibt.“ Es ist still, und ich halte den Atem an. Jeder Moment fühlt sich an, als würde er sich dehnen und auseinanderreißen. Und dann höre ich sie tief durchatmen. „Ich weiß nicht, Dario“, sagt sie schließlich. „Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch einen Weg zurück für uns gibt.“ Ich schließe die Augen. Ihre Worte treffen mich wie ein Schlag, aber ich weiß, dass ich nicht aufgeben darf. „Ich verstehe“, sage ich leise. „Aber ich muss es versuchen. Du verdienst es, dass ich es versuche.“ „Vielleicht. Aber nicht heute“, sagt sie und legt auf.
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