4.

1396 Words
Kapitel 4 Der Morgen nach dem Anruf fühlt sich wie ein dicker Nebel an. Die Worte, die Isabella mir gesagt hat, hallen immer noch in meinem Kopf wider, und ich weiß, dass ich nicht einfach so weitermachen kann. Ich habe versucht, das Thema zu verdrängen, aber tief in mir spüre ich, dass ich etwas tun muss. Dass ich für sie da sein muss, wenn ich wirklich noch eine Chance haben möchte. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Der Tag ist grau, der Himmel wolkenverhangen und der Schnee, der die Straßen und Häuser bedeckt, scheint die ganze Welt in ein mattes Licht zu tauchen. Der Winter hat sich weiter ausgebreitet, und mit ihm wächst auch die Kälte in meinem Inneren. Es ist nicht nur die Kälte draußen, die mich frösteln lässt, sondern auch die Leere, die mich verfolgt. Die Leere, die ich selbst verursacht habe, indem ich Isabella weggestoßen habe. Ich schüttle den Kopf und versuche, mich zu konzentrieren. Es ist nicht der Moment, um mich in der Vergangenheit zu verlieren. Ich muss nach vorne schauen, muss handeln. Aber wie? „Dario, bist du schon wach?“ Die Stimme meiner Mutter kommt von der Tür. Ich drehe mich um und sehe sie, wie sie mit einem beunruhigten Blick hereinkommt. Sie trägt ein warmes, helles Kleid und hat ihre Haare zu einem lockeren Knoten gebunden, aber etwas an ihr verrät, dass sie sich Sorgen macht. Vielleicht spürt sie, dass etwas mit mir nicht stimmt. „Ja, ich bin wach“, sage ich und versuche, ein Lächeln aufzusetzen, aber es wirkt nicht überzeugend. „Ich wollte nur ein bisschen nachdenken.“ „Du bist nicht der Typ, der viel nachdenkt, Dario“, sagt sie und setzt sich auf das Bett. „Was ist los?“ Ich binde mir die Schuhe, um etwas zu tun, während ich nachdenke, wie ich mit ihr sprechen soll. „Es geht um Isabella“, sage ich schließlich. Ihre Augen weiten sich leicht, und sie nickt langsam, als ob sie bereits wusste, dass dieses Thema irgendwann aufkommen würde. „Ich dachte mir schon, dass es etwas damit zu tun hat. Was hast du ihr gesagt?“ „Ich habe sie angerufen“, erwidere ich und wende mich zu ihr. „Ich habe ihr gesagt, dass es mir leid tut. Dass ich es wieder gutmachen möchte.“ „Und?“, fragt sie und wartet geduldig auf meine Antwort. „Sie hat aufgelegt“, sage ich und zucke mit den Schultern. „Es fühlt sich an, als würde sie nicht bereit sein, mir zu vergeben. Aber ich verstehe das. Ich habe sie verletzt. Ich habe es versaut.“ „Vielleicht hat sie nicht aufgelegt, weil sie dich nicht hören wollte“, sagt meine Mutter. „Vielleicht war es einfach nur eine Art, sich zu schützen. Du musst ihr Zeit geben, Dario. Es ist nicht einfach, Vertrauen wieder aufzubauen, besonders nicht, wenn es so tief verletzt wurde.“ „Ich weiß“, sage ich und lasse mich auf das Bett fallen. „Aber wie lange soll ich warten? Wie lange soll ich noch hoffen, dass sie mir eine Chance gibt?“ „Du musst nicht warten, Dario“, antwortet sie sanft. „Aber du musst etwas tun. Zeige ihr, dass du es ernst meinst. Warte nicht, dass sie sich öffnet. Zeige ihr, dass du es wert bist.“ Ich nicke langsam, obwohl ich mir nicht sicher bin, wie ich das tun soll. Isabella hat in der Vergangenheit so viel von mir erwartet, und ich habe sie enttäuscht. Wie kann ich ihr beweisen, dass ich es diesmal besser machen kann? Wie kann ich ihr zeigen, dass ich nicht mehr der Junge bin, der sie verletzt hat? „Ich werde es tun“, sage ich entschlossen. „Ich werde es beweisen.“ Es ist der späte Nachmittag, und ich habe mich dazu entschlossen, Isabella zu besuchen. Ich weiß, dass sie vielleicht nicht bereit ist, mich zu sehen, aber ich kann nicht einfach darauf warten, dass sie den ersten Schritt macht. Es fühlt sich an, als würde ich in einem immer weiter wachsenden Kreis von Zweifeln und Ängsten gefangen sein, und ich weiß, dass ich da raus muss. Ich ziehe mir eine Jacke über und verlasse das Haus. Der Schnee knirscht unter meinen Stiefeln, während ich die Straße entlanggehe. Es ist nicht weit bis zu ihrem Haus, aber der Weg fühlt sich unglaublich lang an. Die Luft ist kalt und schneidend, doch es ist nicht nur die Kälte, die mich durchdringt. Es ist die Unsicherheit, die mich zermürbt. Als ich schließlich vor ihrem Haus stehe, bleibe ich einen Moment stehen und schaue hoch. Die Fenster sind dunkel, und es scheint, als wäre niemand zu Hause. Aber ich weiß, dass sie da ist. Ich spüre es. Sie ist da, irgendwo, hinter diesen Wänden. Ich atme tief durch und gehe die Stufen hinauf. Mein Herz schlägt schneller, als ich an der Tür klingele. Es dauert einen Moment, bis ich das Geräusch von Schritten höre, und dann öffnet sie die Tür. Isabella. Sie steht dort, in einem einfachen, aber eleganten Outfit, ihre Haare locker zurückgebunden, ihre Augen jedoch so kühl wie der Winter draußen. Für einen Moment fühle ich mich wie ein Fremder in ihrem Leben. Sie sieht mich an, aber sagt nichts. Es ist, als würde sie abwägen, ob sie mich überhaupt eintreten lassen will. „Dario“, sagt sie schließlich, ihre Stimme klingt etwas weicher, aber immer noch vorsichtig. „Was machst du hier?“ „Ich wollte mit dir reden“, sage ich und blicke ihr in die Augen. „Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit viele Fehler gemacht habe, aber ich kann das nicht einfach so lassen. Ich will es wieder gutmachen, Isabella. Ich will, dass du weißt, dass es mir leid tut. Es tut mir leid, was ich dir angetan habe.“ Isabella sieht mich lange an, als ob sie über meine Worte nachdenkt. Ihre Miene bleibt undurchdringlich, aber ich kann den Schmerz in ihren Augen sehen. Der Schmerz, den ich verursacht habe. Es tut mir weh, sie so zu sehen, aber ich weiß, dass ich nichts ändern kann, wenn ich nicht ehrlich bin. „Es ist nicht so einfach, Dario“, sagt sie nach einer Weile und schüttelt leicht den Kopf. „Du hast mich verletzt. Und es ist nicht nur das. Du hast mich weggestoßen, als ich dich am meisten gebraucht habe. Du hast alles, was wir hatten, einfach so weggeworfen.“ „Ich weiß, und das tut mir leid“, sage ich, meine Stimme wird leiser. „Ich wollte dich nie verletzen. Ich wusste damals einfach nicht, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen sollte. Ich war ein Idiot, aber jetzt weiß ich, dass ich alles falsch gemacht habe.“ Isabella zieht eine Augenbraue hoch und seufzt. „Du hast immer noch nicht verstanden, was du getan hast, oder? Es ist nicht nur eine Frage von Entschuldigung. Es geht darum, was du bereit bist zu tun, um wieder Vertrauen aufzubauen.“ Ich nicke. „Ich verstehe, Isabella. Und ich werde tun, was nötig ist. Ich werde nicht aufhören, bis ich dir zeige, dass ich es ernst meine. Aber ich brauche deine Hilfe. Ich brauche, dass du mir eine Chance gibst.“ Sie schaut mich noch immer an, als würde sie jedes Wort abwägen, das ich sage. Es ist, als ob sie mich auf Herz und Nieren prüft, um herauszufinden, ob ich wirklich der Mensch bin, den sie sich wünschen könnte. „Ich kann dir nicht versprechen, dass es einfach wird“, sagt sie schließlich, ihre Stimme leiser. „Aber ich bin bereit, dir eine Chance zu geben, Dario. Aber nur, wenn du wirklich bereit bist, zu kämpfen. Und nur, wenn du mir zeigst, dass du es ernst meinst.“ Ich atme tief durch und nicke. „Ich werde es beweisen, Isabella. Ich verspreche es.“ In diesem Moment fühlt es sich an, als ob eine Last von meinen Schultern fällt. Es ist ein Anfang, ein kleiner Anfang, aber ein Anfang. Und das ist mehr, als ich erhofft hatte. „Komm rein“, sagt Isabella schließlich und tritt zur Seite, um mir Platz zu machen. „Wir haben noch viel zu besprechen.“ Ich trete ein, und der Winter bleibt draußen. Aber in mir beginnt ein neuer Frühling zu wachsen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD