Chapter5

1149 Words
Mirabellas Sicht Rosa zupfte ein letztes Mal an meinem Schleier herum, während ich hinten in der Kapelle stand und versuchte, ruhig zu atmen. Mein Herz hämmerte wie ein Trommelschlag gegen meine Rippen, eine Erinnerung an das Schicksal, das mich am Altar erwartete. Für immer an denselben Mann gebunden, dem die meisten vernünftigen Menschen aus dem Weg gehen wollten. „Du siehst umwerfend aus“, sagte sie mit sanfter Stimme. Ich fühlte mich nicht umwerfend. Ich fühlte mich wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. „Danke“, murmelte ich und umklammerte meinen Blumenstrauß fest. Meine Finger fühlten sich eiskalt an auf der glatten Seide der Blumen. Sie zögerte, bevor sie weitersprach. „Bella … du musst das nicht tun. Wir könnten weglaufen, weißt du.“ Ich lächelte sie schwach an. Rosa meinte es gut, aber wir wussten beide, dass Weglaufen keine Option war. Mein Vater würde mich niemals entkommen lassen, und Alessandro Rossi war nicht der Typ Mann, vor dem man sich verstecken konnte. Ich meine, er hat es selbst gesagt. „Schon gut“, sagte ich, mehr um mich selbst als sie zu überzeugen. Bevor sie antworten konnte, erschien mein Vater in der Tür. Seine dunklen Augen musterten mich. „Es ist Zeit“, sagte er. Rosa drückte meine Hand ein letztes Mal, bevor sie zur Seite trat und mich mit ihm allein ließ. „Denk daran“, sagte er und bot mir seinen Arm an, „das ist für die Familie. Leiste deinen Teil.“ Ich nickte und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Gut. Die Türen zur Kapelle öffneten sich, und alle Augen richteten sich auf mich. Der Raum wurde still, das Flüstern und Rascheln verstummte, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Mein Herz raste, als ich den Gang entlangging, mein Vater führte mich voran. Und da war er. Alessandro stand am Altar, seine dunklen Augen hefteten sich auf meine. In seinem schwarzen Anzug wirkte er unglaublich scharfsinnig, seine Präsenz gebieterisch selbst in einem Raum voller Macht. Er beobachtete mich wie ein Raubtier, das seine Beute taxiert. Ich wollte wegsehen, aber ich konnte nicht. Sein Blick hielt mich gefangen und zog mich mit jedem Schritt näher. Als ich den Altar erreichte, fühlten sich meine Beine an, als würden sie jeden Moment nachgeben. Mein Vater legte meine Hand in Alessandros. „Du bist wunderschön“, sagte Alessandro so leise, dass nur ich es hören konnte. „Danke“, murmelte ich, kaum lauter als ein Flüstern. Die Zeremonie begann. Die Worte des Priesters gingen an mir verloren, während ich versuchte, mich auf alles andere als den Mann neben mir zu konzentrieren. Meine Handflächen waren feucht, mein Atem flach, und ich spürte die Blicke aller Anwesenden. Er sprach sein Gelübde, und ich wiederholte es. Dann bat ihn der Priester, mich zu küssen. Dann geschah es. Der erste Schuss zerriss die Stille, der scharfe Knall hallte durch die Kapelle, und der Priester fiel tot um. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte alles. Mein Verstand kämpfte damit, das Geräusch zu verarbeiten, zu verstehen, was geschah. Und dann brach Chaos aus. Gäste schrien und duckten sich in Deckung, als weitere Schüsse fielen. „Runter!“, unterbrach Alessandros Stimme meine Gedanken. Bevor ich reagieren konnte, packte er mich und zog mich hinter den Altar. Sein Körper schützte meinen, seine Arme waren fest um mich geschlungen. „Bleib liegen“, knurrte er. Mein Herz hämmerte wie wild, während ich mich an ihn klammerte, meine Gedanken rasten. Wer schoss? Warum? Weitere Schüsse fielen, und ich zuckte zusammen und vergrub mein Gesicht an seiner Brust. Sein Griff wurde fester, sein Körper angespannt und wie eine Feder gespannt. Das war eine dumme Frage, natürlich würde es auf meiner Hochzeit eine Schießerei geben. Diese Ehe war von Anfang an verflucht. „Ricardo!“, bellte er. Ricardo erschien einen Moment später mit gezogener Waffe und grimmigem Gesichtsausdruck. „Es sind Victors Männer“, sagte er und hockte sich neben uns. „Sie müssen von der Hochzeit erfahren haben.“ Alessandro fluchte leise. „Wie viele?“ „Zu viele“, antwortete Ricardo. „Wir müssen los.“ Alessandro nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Dann drehte er sich zu mir um, sein Gesichtsausdruck sanfter, aber nicht weniger ernst. „Du kommst mit.“ „Was?“, fragte ich mit zitternder Stimme. „Ich lasse dich nicht hier“, sagte er entschieden. „Vertraust du mir?“ Ich zögerte, mein Verstand schrie, dass ich es nicht tat. Doch als eine weitere Kugel an uns vorbeizischte, wurde mir klar, dass ich keine Wahl hatte. „Ja“, sagte ich. „Gut“, sagte er. „Bleib in meiner Nähe und tu genau, was ich sage.“ Bevor ich antworten konnte, zog er mich auf die Füße und hielt seinen Körper zwischen mir und dem Gewehrfeuer. Ricardo gab uns Deckung, während wir uns bewegten. Um mich herum wirbelten Kugeln. Nur Alessandros Griff an meiner Hand hielt mich am Boden. Wir erreichten eine Seitentür, die er aufstieß und mich hinauszog. Ein schwarzer Wagen wartete mit laufendem Motor auf uns. Er schob mich praktisch hinein, rutschte hinter mir her und schlug die Tür zu. „Los!“, bellte er den Fahrer an. Der Wagen fuhr los, die Reifen quietschten auf dem Asphalt. Ich saß zitternd da und umklammerte die Reste meines Blumenstraußes. Ich versuchte verzweifelt zu verarbeiten, was gerade passiert war. „Bist du jetzt in Sicherheit“, sagte er mit sanfterer Stimme. Ich drehte mich zu ihm um, meine Augen weiteten sich. „In Sicherheit? Jemand hat gerade versucht, uns an meinem Hochzeitstag umzubringen. Das ist einfach wunderbar.“ „Sie haben nicht versucht, dich umzubringen“, versicherte er mir. „Du warst nur im Weg.“ Seine Worte spendeten nicht den Trost, den er beabsichtigt hatte. Ich glaube nicht, dass er mir Trost spenden wollte. Wenn überhaupt, machten sie mir die Realität meiner Situation nur noch deutlicher. Das war das Leben, in das ich eintrat, ein Leben, in dem Gewalt und Gefahr an der Tagesordnung waren. „Warum?“, flüsterte ich. „Warum sollten sie das tun?“ „Weil sie mich hassen“, sagte er schlicht. „Und jetzt, durch die Verbindung dazu, hassen sie auch dich.“ Ich starrte ihn an. „Das ist deine Welt“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Da hast du mich hineingezogen.“ Er leugnete es nicht. Stattdessen streckte er die Hand aus, und seine berührte meine. „Ich werde dich beschützen“, sagte er. „Solange du an meiner Seite bist.“ Ich verstand die versteckte Botschaft, die er mir vermitteln wollte. Solange ich seine Frau war, würde ich beschützt sein, aber sobald ich nicht mehr seine Frau war, hatte er keine Verwendung mehr für mich. Mit anderen Worten: Alessandro Rossi war sowohl mein Schutzschild als auch meine größte Gefahr.
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