Mirabellas sicht
Die schwarze Limousine fuhr durch schmiedeeiserne Tore, die aussahen, als gehörten sie zu einer mittelalterlichen Festung. Ich presste mein Gesicht ans Fenster und beobachtete, wie wir einen gewundenen Weg entlangfuhren, der von hohen Eichen gesäumt war. Ihre Äste bildeten ein Blätterdach über uns, das die Nachmittagssonne größtenteils abhielt und alles in Schatten tauchte.
Mein neues Zuhause. Bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um.
Vor ihnen ragte Alessandros Villa auf, ganz aus dunklem Stein und scharfen Kanten. Sie war wunderschön, wie es gefährliche Dinge oft sind. Imposante Säulen flankierten den Eingang, und die Fenster erstreckten sich über drei Stockwerke, jedes perfekt platziert und doch irgendwie kalt. Dies war kein Zuhause. Es war ein Gefängnis.
Das Auto hielt an, und ich holte zitternd Luft. Das war es. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Willkommen in Ihrem neuen Zuhause, Mrs. Rossi“, sagte der Fahrer mit respektvoller, aber distanzierter Stimme.
Frau Rossi. Der Name fühlte sich fremd auf meiner Zunge an, als würde ich die Kleider eines anderen tragen. Ich war nicht bereit dafür. Ich würde nie bereit dafür sein.
Die Haustür öffnete sich, bevor ich aussteigen konnte. Eine Frau in den Fünfzigern erschien, ihr ergrautes Haar zu einem ordentlichen Knoten zurückgebunden. Ihr Gesichtsausdruck war freundlich, aber zurückhaltend.
„Willkommen, Frau Rossi“, sagte sie mit einem leichten Akzent, den ich nicht zuordnen konnte. „Ich bin Maria, die Haushälterin. Herr Rossi hat mich gebeten, Ihnen alles zu zeigen.“
Ich nickte, da ich meiner Stimme nicht traute. Alles fühlte sich surreal an, als würde ich das Leben eines anderen beobachten.
„Ihr Gepäck wird auf Ihr Zimmer gebracht“, fuhr Maria fort und führte mich durch den Eingang. „Herr Rossi musste geschäftlich verreisen, aber er kommt gleich zurück.“
Natürlich tat er das. An meinem ersten Tag in seinem Haus hatte er nicht einmal Lust, hier zu sein. Die Botschaft war klar: Ich war keine Priorität.
Ich war mit ihm im Auto, als er umfiel.
Das Innere wirkte ebenso einschüchternd wie das Äußere. Dunkle Holzvertäfelungen bedeckten die Wände, und aus kunstvollen Rahmen starrten mich Ölgemälde von streng dreinblickenden Männern an. Die Decken waren unglaublich hoch, sodass ich mich klein und unbedeutend fühlte.
„Das Haus ist seit drei Generationen im Besitz der Familie Rossi“, erklärte Maria, als wir durch einen großen Flur gingen. „Es ist ziemlich historisch.“
Historisch. So könnte man es ausdrücken. Ich würde es eine Festung nennen, die Menschen sowohl drinnen als auch draußen halten soll.
Wir kamen an mehreren Männern in dunklen Anzügen vorbei, die an verschiedenen Stellen im Haus postiert waren. Sie nickten Maria respektvoll zu, doch ihre Blicke folgten mir mit professionellem Interesse. Wachen. Natürlich gab es Wachen.
„Das ist Mr. Rossis Sicherheitsteam“, sagte Maria, als sie meinen Blick bemerkte. „Sie sind zu Ihrem Schutz hier.“
Schutz. Richtig. Eher, um sicherzustellen, dass ich nicht weglaufe.
„Wie viele sind es?“, fragte ich und versuchte, meine Stimme lässig klingen zu lassen.
„Genug“, antwortete Maria diplomatisch. „Mr. Rossi nimmt die Sicherheit sehr ernst.“
Wir stiegen eine geschwungene Treppe in den zweiten Stock hinauf. An den Wänden hingen weitere Porträts, die mich alle mit missbilligenden Blicken beobachteten. Ich fragte mich, ob es sich bei allen um Rossis handelte, ob dies eine Art Familiengalerie war, die alle an ihr Erbe erinnern sollte.
„Das wird dein Zimmer“, sagte Maria und öffnete eine Tür am Ende des Flurs.
Das Zimmer war wunderschön, das musste ich zugeben. Cremefarbene Wände, elegante Möbel und ein Himmelbett, das aussah, als gehöre es in einen Palast. Glastüren führten auf einen Balkon mit Blick auf den Garten. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht geliebt.
„Wo ist Alessandros Zimmer?“, fragte ich, obwohl ich nicht sicher war, ob ich es wissen wollte.
„Mr. Rossis Suite liegt im Ostflügel“, sagte Maria vorsichtig. „Er meinte, Sie würden vielleicht Ihre Privatsphäre bevorzugen, während Sie sich eingewöhnen.“
Privatsphäre. Das war eine nette Art zu sagen, dass unsere Ehe rein geschäftlicher Natur war und er nicht die Absicht hatte, das Gegenteil vorzutäuschen. Ich hätte erleichtert sein sollen, doch stattdessen fühlte ich mich seltsam leer.
„Es gibt einige Regeln, die Herr Rossi mit Ihnen besprechen wollte“, fuhr Maria fort und ihr Ton wurde förmlicher.
Jetzt kommt es. Ich setzte mich auf die Bettkante und wappnete mich.
„Sie können sich im Haus und auf dem Grundstück frei bewegen, benötigen aber eine Genehmigung, bevor Sie das Grundstück verlassen. Natürlich zu Ihrer Sicherheit.“
Natürlich.
„Alle Telefonanrufe und Besucher müssen zuerst mit Herrn Rossis Büro abgesprochen werden. Auch hier gilt dies aus Sicherheitsgründen.“
Ich spürte, wie die Wände näher kamen. „Was ist mit meiner Schwester? Rosa?“
„Ich bin sicher, dass sich etwas arrangieren lässt“, sagte Maria freundlich, doch ihr Blick drückte Mitgefühl aus. „Mr. Rossi ist in Familienangelegenheiten vernünftig.“
Vernünftig. Ich bezweifelte, dass Alessandro Rossi die Bedeutung des Wortes kannte.
Nachdem Maria gegangen war, saß ich allein in meinem wunderschönen Gefängnis. Die Stille war ohrenbetäubend. Ich hatte mich noch nie in meinem Leben so isoliert gefühlt, umgeben von Luxus und doch völlig allein.
Ich packte mechanisch aus und hängte die Kleidung in den riesigen begehbaren Kleiderschrank. Jede Handlung fühlte sich an, als würde ich mein Schicksal akzeptieren, als würde ich ein weiteres Stück von mir aufgeben. Als ich fertig war, konnte ich die Stille nicht mehr ertragen.
Ich musste es erkunden. Wenn dies mein Zuhause werden sollte, musste ich es verstehen.
Das Haus glich einem Labyrinth. Endlose Flure verzweigten sich in verschiedene Richtungen, jeder mit Türen, die überall hinführten. Ich fand ein formelles Esszimmer mit Platz für zwanzig Personen, ein Wohnzimmer, das aussah, als wäre es nie bewohnt worden, und eine Küche, die trotz ihrer Größe überraschend warm war.
Die meisten Türen, die ich ausprobierte, waren verschlossen. Dem Namensschild zufolge befand sich Alessandros Büro hinter einer davon. Ich probierte trotzdem die Klinke, aber sie ließ sich nicht öffnen. Was auch immer er für Geheimnisse hatte, sie waren gut geschützt.
Ich wollte schon aufgeben, als ich die Bibliothek fand. Sobald ich sie betrat, konnte ich wieder atmen. Vom Boden bis zur Decke reichende Bücherregale ragten bis zu einer gewölbten Decke empor und waren mit mehr Büchern gefüllt, als ich je an einem Ort gesehen hatte. Ein bequemer Lesesessel stand neben einem Fenster mit Blick auf den Garten.
Hier würde ich meine Zeit verbringen. Zwischen den Büchern könnte ich vergessen, wo ich war, vergessen, was aus meinem Leben geworden war.
Ich stöberte in den Regalen, als mir Rosa einfiel. Ich holte mein Handy heraus und war erleichtert, dass ich Empfang hatte. Maria hatte gesagt, dass man für Telefonanrufe eine Genehmigung braucht, aber sie hatte nichts von SMS gesagt.
„Ich bin hier“, tippte ich schnell. „Es ist wie eine Festung. Ich werde bald einen Weg finden, dich anzurufen.“
Ihre Antwort kam sofort: „Geht es dir gut? Ich mache mir solche Sorgen.“
„Mir geht es gut“, log ich. „Ich gewöhne mich nur daran. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch. Sei vorsichtig.“
Ich steckte mein Handy wieder in die Tasche und fühlte mich etwas besser. Wenigstens war ich nicht völlig von der Welt abgeschnitten.
Ich griff nach einem Buch im obersten Regal, als meine Hand etwas Unerwartetes streifte. Statt der erwarteten festen Wand war da ein Spalt. Ich drückte dagegen, und zu meinem Erstaunen schwang ein Teil des Bücherregals nach innen.
Mein Herz klopfte, als ich in die Dunkelheit dahinter spähte. Ein versteckter Raum. Ich tastete nach einem Lichtschalter und fand einen direkt hinter dem Eingang.
Der Raum war klein und fensterlos und voller Geräte, die ich zunächst nicht erkannte. Dann sah ich die Monitore. Dutzende, jeder zeigte eine andere Ansicht des Hauses. Die Küche, das Wohnzimmer, die Flure. Sogar mein Schlafzimmer.
Voller Entsetzen beobachtete ich, wie auf einem Bildschirm Maria in der Küche zu sehen war, auf einem anderen die Wachen auf ihren Posten. Und dort, auf einem der Monitore, war die Bibliothek zu sehen, in der ich gerade noch gestanden hatte.
Jeder Raum. Jede Ecke. Alessandro beobachtete alles.
Ich wich mit zitternden Händen von den Bildschirmen zurück. Das schöne Haus, die freundliche Haushälterin, das Gerede vom Schutz – alles war eine Lüge. Dies war kein Zuhause. Es war ein Überwachungsstaat, und ich war das Hauptsubjekt.
Ich wollte gerade gehen, als mir etwas anderes auffiel. Einer der Monitore war anders als die anderen. Statt eines Zimmers im Haus zeigte er etwas, das wie ein Bild von draußen aussah. Ein Auto fuhr vor das Tor.
Alessandro kam nach Hause.
Ich machte schnell das Licht aus und schlüpfte zurück in die Bibliothek, wobei ich mich vergewisserte, dass das Bücherregal richtig geschlossen war. Meine Gedanken rasten. Er hatte mich von meiner Ankunft an beobachtet. Jedes Gespräch mit Maria, jede Erkundung des Hauses, jeden Moment, in dem ich dachte, ich wäre allein.
Aber er wusste nicht, dass ich sein Geheimzimmer gefunden hatte. Und dieses Wissen war vielleicht mein einziger Vorteil.
Ich hörte Schritte im Flur vor der Bibliothek. Schwere, selbstbewusste Schritte, die nur einer Person gehören konnten. Mein Mann war zu Hause und hatte keine Ahnung, dass seine sorgfältig aufgebaute Fassade bereits bröckelte.
Die Tür der Bibliothek öffnete sich, und Alessandro trat ein. Seine dunklen Augen fanden mich sofort. „Wie ich sehe, haben Sie mein Lieblingszimmer gefunden“, sagte er mit warmer, aber irgendwie berechnender Stimme.
Ich zwang mich zu einem Lächeln und betete, dass er nicht sehen konnte, wie sehr ich zitterte. „Es ist wunderschön. Danke, dass ich es erkunden durfte.“
Er kam näher, und ich roch sein teures, maskulines Eau de Cologne. „Ich möchte, dass du dich hier wohlfühlst, Mirabella. Das ist jetzt dein Zuhause.“
Dein Zuhause. Wenn er nur wüsste, was ich über seine Version von Zuhause herausgefunden habe.
„Wie war Ihr Geschäftstreffen?“, fragte ich und versuchte, mit ruhiger Stimme zu sprechen.
„Produktiv“, antwortete er, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Ich hoffe, Maria hat sich gut um dich gekümmert.“
„Das hat sie. Sie ist sehr nett.“
„Gut.“ Er hielt inne und musterte mein Gesicht mit einer Intensität, die mir unangenehm war. „Du wirkst nervös. Ist alles in Ordnung?“
Ich zwang mich zu einem weiteren Lächeln. „Nur müde. Es war ein langer Tag.“
Er nickte, aber ich sah, dass er nicht ganz überzeugt war. „Natürlich. Warum ruhst du dich nicht vor dem Abendessen aus? Wir haben viel zu besprechen.“
Als er die Bibliothek verließ, wurde mir klar, dass ich den Atem angehalten hatte. Egal, welches Spiel Alessandro spielte, ich war nun ein Spieler, ob ich wollte oder nicht. Und der Einsatz war höher, als ich es mir je vorgestellt hatte.
Aber ich hatte einen Vorteil, von dem er nichts wusste. Ich wusste, dass er zusah.
Die Frage war: Was sollte ich dagegen tun?