Kapitel 2: Der stille Wächtered

609 Words
Die eisernen Tore des Marshall-Anwesens schlossen sich nicht nur; sie verriegelten sich. Als der schwarze Bentley die gewundene Auffahrt hinaufrollte, fühlte sich Ava wie in eine andere Welt versetzt – eine Welt, in der die Bäume perfekt gestutzt und die Luft frei vom Staub der Stadt war. Die Villa war ein brutalistisches Meisterwerk aus schwarzem Stein, Glas und scharfen Kanten, das wie ein Falkennest auf einer Klippe thronte. „Mr. Marshall ist bereits für eine späte Sitzung in die Stadt zurückgekehrt“, sagte der Fahrer mit einer Stimme so roboterhaft wie das Navigationssystem des Wagens. „Victor wird Sie an der Tür empfangen.“ Ava stieg aus, ihre Absätze klackten auf dem makellosen Marmor der Auffahrt. Ein Mann erwartete sie im Schatten des massiven Torbogens. Er war älter, hatte silbernes Haar und ein Gesicht, das aussah, als sei es aus einem Berg gehauen. „Ich bin Victor, der Verwalter des Anwesens“, sagte er und verbeugte sich leicht. „Mr. Marshall hat darum gebeten, dass Sie sich sofort einrichten. Folgen Sie mir.“ Das Innere des Hauses war noch kälter als draußen. Es war ein Museum minimalistischen Luxus. Keine Familienfotos, keine warmen Farben – nur weißer Marmor, schwarzer Stahl und Schatten. Während sie die freitragende Treppe hinaufstiegen, spürte Ava die bedrückende Stille. „Dies ist Ihre Suite“, sagte Victor und öffnete schwere, schalldichte Türen. „Sie ist mit einer von Mr. Marshalls persönlichen Einkäufern zusammengestellten Garderobe ausgestattet. Ihre alten Sachen wurden … entsorgt. Mr. Marshall bevorzugt eine bestimmte Ästhetik.“ Ava betrat einen Raum, der größer war als ihre gesamte Wohnung. Ein Kingsize-Bett mit anthrazitfarbener Seidenbettwäsche stand in der Mitte. Eine Glaswand bot den Blick auf den dunklen Wald darunter. Es war wunderschön, und doch wirkte es wie ein Grab. „Noch etwas, Mrs. Marshall“, sagte Victor mit der Hand am Türgriff. „Der Westflügel ist strengstens verboten. Mr. Marshalls Büro und Privaträume befinden sich dort. Das Sicherheitssystem ist biometrisch. Sollten Sie versuchen, ohne ihn einzutreten, wird das Haus automatisch abgeriegelt. Es dient Ihrem eigenen Schutz.“ „Meinem Schutz? Oder seinen Geheimnissen?“, fragte Ava und drehte sich zu ihm um. Victor blinzelte nicht. „Gute Nacht, Mrs. Marshall.“ Als die Tür ins Schloss fiel, atmete Ava erleichtert aus. Sie ging zum großen Schminktisch und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie wirkte wie eine Fremde. Sie streckte die Hand aus, um den vergoldeten Rahmen des Spiegels zu berühren, doch ihr Finger blieb an etwas Kleinem und Hartem hängen. Sie beugte sich vor. In die kunstvollen Verzierungen des Rahmens war eine winzige, stecknadelkopfgroße Linse eingelassen. Eine Kamera. Ein flaues Gefühl stieg in ihr auf. Sie sah sich im Raum um – zu den Lüftungsschlitzen, dem Rauchmelder, den Ecken der Decke. Wie viele Augenpaare waren auf sie gerichtet? Sie ging zum Fenster, in der Hoffnung auf ein wenig Freiheit, doch sie sah drei schwarze Geländewagen, die das Grundstück umstellten. Männer in taktischer Ausrüstung bewegten sich mit Schäferhunden durch die Bäume. Sie war keine Ehefrau. Sie war nicht einmal eine Ressource. Sie war ein Vogel in einem Käfig aus Glas und Gold, und Ethan Marshall war der Einzige mit dem Schlüssel. Sie saß auf der Bettkante, die Seide kalt auf ihrer Haut, und zum ersten Mal fragte sie sich, ob das „Familienimperium“ den Preis ihrer Seele wert war. Dort drüben im Haus flackerte ein rotes Licht auf einem Monitor auf. Ethan Marshall saß in seinem dunklen Büro und starrte auf den Bildschirm, während seine frisch angetraute Frau besiegt auf dem Bett saß. „Keine Sorge, Ava“, flüsterte er in den leeren Raum. „Das Jahr hat noch nicht einmal angefangen.“
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