Der Morgen nach dem Einzug brachte Ava nicht die erhoffte Klarheit. Stattdessen herrschte eine kalte, graue Dämmerung, die durch die bodentiefen Fenster ihrer neuen Suite drang. Sie hatte kein Auge zugetan; jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie das kleine rote Licht der versteckten Kamera im Dunkeln blinken, ein mechanisches Auge, das ihren Atem beobachtete.
Um 6:45 Uhr schreckte sie ein scharfes, rhythmisches Klopfen an ihrer Tür auf. Es war nicht Ethan. Es war Victor.
„Mr. Marshall ist im Esszimmer“, verkündete Victor durch die Tür. „Er wartet nicht gern auf sein Frühstück und möchte, dass seine Gäste bereits angezogen sind. Sie haben fünfzehn Minuten.“
Ava schlüpfte aus den anthrazitfarbenen Seidenlaken; ihr Körper schmerzte von der Anspannung der vergangenen Nacht. Sie öffnete den riesigen begehbaren Kleiderschrank, von dem Victor gesprochen hatte, und ihr stockte der Atem. Es war ein Meer aus Monochromie. Cremefarben, Schwarz und Grau. Jedes einzelne Stück war maßgeschneidert, teuer und völlig frei von ihrer Persönlichkeit. Es gab keine Farbe, kein Leben – nur die „Marshall-Ästhetik“.
Sie zog ein hochgeschlossenes, cremefarbenes Kleid hervor, das sich wie eine Rüstung anfühlte, und eilte die Treppe hinunter.
Das Esszimmer war ein riesiger Raum aus weißem Marmor. Ethan saß lange am Kopfende eines Tisches, der groß genug für zwanzig Personen war, ein Tablet in der einen, einen schwarzen Kaffee in der anderen Hand. Er blickte nicht auf, als sie eintrat.
„Du bist zwei Minuten zu spät“, sagte er mit tiefer, morgendlicher Stimme. „In diesem Haus ist Zeit das Einzige, was wir nicht verschwenden.“ „Setz dich.“
Ava saß am anderen Ende des Raumes und fühlte sich wie in einer anderen Welt. „Mir war gar nicht bewusst, dass mein Leben jetzt wie auf Zeit abläuft, Ethan.“
„Alles, was du tust, fällt jetzt auf mich zurück“, sagte er und legte endlich das Tablet beiseite. Seine Augen wirkten im Tageslicht noch durchdringender und raubten ihr jede Illusion von Sicherheit. „In der kommenden Woche, vor unserem ersten öffentlichen Auftritt, wirst du ein Briefing erhalten. Du musst die Geschichte von Marshall, die Spezifikationen für die Hafenentwicklung und die Namen der Ehepartner aller Vorstandsmitglieder kennen. Du bist nicht nur eine Ehefrau; du bist eine Botschafterin.“
„Ich dachte, ich wäre nur eine Unterschrift“, entgegnete Ava, und ihr Appetit verging, als ein Dienstmädchen ihr einen Teller mit pochierten Eiern hinstellte.
„Die Unterschrift war die Eintrittsgebühr“, sagte Ethan und lehnte sich zurück, sein Blick verengte sich. „Der Auftritt ist die Arbeit. Um zehn Uhr kommt unser Anwaltsteam, um die Eheverträge abzuschließen, und um zwei Uhr trifft unsere Stylistin ein.“ „Du wirst das Kleid für die Sterling-Gala anprobieren. Es muss perfekt sein.“
„Die Sterling-Gala? Die ist doch noch Tage hin“, sagte Ava mit klopfendem Herzen.
„Es ist der Abend, an dem wir die Fusion bekannt geben. Es ist der Abend, an dem das ‚Jahr‘ in den Augen der Öffentlichkeit offiziell beginnt.“ Ethan stand auf und ging am Tisch entlang, bis er direkt hinter ihrem Stuhl stand. Er beugte sich zu ihr hinunter, und seine Präsenz überwältigte sie.
„Bis dahin bist du in der Ausbildung. Du verlässt dieses Anwesen nicht. Du nimmst keine privaten Anrufe entgegen. Und du suchst ganz bestimmt nicht nach Kameras, Ava.“ „Das lässt dich schuldig aussehen.“
Ava erstarrte, die Gabel halb im Mund. Er wusste es. Er hatte ihre Entdeckung am Abend zuvor beobachtet.
„Ich mag es nicht, beobachtet zu werden“, flüsterte sie mit zitternder Stimme.
„Dann gib mir einen Grund, dir zu vertrauen“, erwiderte Ethan und legte ihr kurz die Hand auf die Schulter.
Die Wärme seiner Handfläche durch den Seidenstoff ihres Kleides bildete einen frappierenden Kontrast zur Kälte seiner Worte. „Bis dahin betrachte die Kameras als meine Art, sicherzustellen, dass du nichts so Dummes tust wie zu versuchen zu fliehen. Du hast den Vertrag unterschrieben, Ava.“ „Jetzt erlebst du es selbst.“
Wortlos verließ er den Raum und ließ sie in der tiefen Stille zurück. Ava blickte auf den schweren Diamantring an ihrer linken Hand. Er fühlte sich an wie eine Fessel.
Das Jahr hatte noch nicht einmal begonnen, doch sie spürte bereits, wie ihr die Zeit davonlief. Sie schob den Teller beiseite; der Luxus des Essens schmeckte ihr wie Asche.
Sie rettete nicht nur das Imperium ihres Vaters; sie lernte die Regeln eines Spiels, in dem Ethan Marshall alle Trümpfe in der Hand hielt, und die erste Regel lautete, dass sie keine privaten Gedanken mehr haben durfte.