Kapitel 1 -Der perfekte Ehemann
# Kapitel 1 – Der perfekte Ehemann
Die Haustür öffnete sich genau in dem Moment, als die Standuhr im Wohnzimmer sieben Uhr schlug.
Cassian Vale trat ein und lockerte seine Krawatte, während er über den glänzenden Holzboden ging. Nach einem weiteren langen Arbeitstag sah er erschöpft aus.
„Ich bin zu Hause", rief er.
Aus der Küche blickte Seraphine von dem Gemüse auf, das sie gerade schnitt.
„Nur einen Moment", antwortete sie freundlich. „Cealan und Eliana machen gerade ihre Hausaufgaben fertig. Das Abendessen ist gleich fertig."
Cassian ließ seine Aktentasche fallen und schlenderte in die Küche. Er stahl sich eine Karottenscheibe von ihrem Schneidebrett, grinste sie an wie ein Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt wurde, und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Riecht gut", murmelte er.
Für einen Moment war da wieder dieser Mann. Der, den sie einst gekannt hatte.
Dann klingelte sein Handy in seiner Hosentasche. Er warf einen Blick auf das Display, und sein Gesicht veränderte sich – nur für eine Sekunde, kaum wahrnehmbar.
„Wie lange noch bis zum Essen?", fragte er, seine Stimme plötzlich schärfer.
„Zehn Minuten."
„Zehn Minuten." Er wiederholte es, als wäre es eine persönliche Beleidigung.
Knall!
Seine Faust traf den Küchenschrank, sodass das Geschirr klirrte.
„Ich habe den ganzen Tag gearbeitet!", fuhr er sie an. „Ist es wirklich zu viel verlangt, ein warmes Essen zu bekommen, wenn ich nach Hause komme?"
Seraphine zuckte zusammen.
Das Messer in ihrer Hand hielt inne.
„Es tut mir leid", flüsterte sie.
Sie richtete das Essen hastig an und stellte es auf den Esstisch.
„Es ist noch warm."
Cassian zog einen Stuhl zurück und begann wortlos zu essen, als wäre nichts geschehen. Als hätte er die Karottenscheibe, den Kuss, das Lächeln von vorhin nie gegeben.
Seraphine blieb einen Moment stehen, bevor sie leise in die Küche zurückging.
Sie hatte sich daran gewöhnt – nicht an die Wut, sondern an das Rätsel, welcher Cassian heute zur Tür hereinkommen würde.
Am nächsten Nachmittag nahm die Familie Vale am Familientag in Cassians Unternehmen teil.
Der große Saal war erfüllt von Gelächter, während sich Mitarbeiter und ihre Familien unterhielten. Kinder liefen umher, leise Musik spielte im Hintergrund.
Auf der Bühne stand Cassian stolz, als der Geschäftsführer ihm eine Auszeichnung überreichte.
Das Publikum applaudierte.
Cassian lächelte und trat ans Mikrofon.
„Ich würde heute nicht hier stehen ohne meine unglaubliche Frau", sagte er. „Sie ist die perfekte Hausfrau, und ich bin ihr für alles dankbar, was sie für unsere Familie tut."
Der Applaus wurde lauter. Mehrere Gäste drehten sich zu Seraphine um und lächelten sie an.
Sie lächelte höflich zurück. Doch irgendetwas an seinen Worten fühlte sich seltsam leer an.
Neben ihr zog Eliana vorsichtig an ihrem Ärmel.
„Mama..."
Seraphine sah zu ihr hinunter.
„Ja, mein Schatz?"
„Papa lügt."
Bevor Seraphine reagieren konnte, riss sich das kleine Mädchen los und rannte zur Bühne.
„Eliana!", rief Seraphine erschrocken.
Doch es war zu spät.
Das Mädchen kletterte auf die Bühne und stellte sich neben ihren Vater.
„Papa", sagte sie unschuldig, „warum erzählst du allen, dass Mama so toll ist?"
Der Saal verstummte.
Cassians Lächeln erstarrte.
Eliana legte den Kopf schief.
„Zu Hause sagst du Mama doch immer, dass sie nutzlos ist."
Der Applaus verstummte augenblicklich. Verwirrte Blicke gingen durch den Raum.
Cassian zwang sich zu einem Lachen.
„Kinder haben wirklich eine lebhafte Fantasie", sagte er gelassen.
Doch Eliana war noch nicht fertig.
„Du hast auch gesagt, dass Mama nur dein Geld ausgibt."
Ein unangenehmes Flüstern breitete sich unter den Gästen aus.
Cassians Kiefer spannte sich an. Sein Lächeln blieb. Doch seine Augen wurden kalt.
„Seraphine", sagte er ruhig, „komm und hol sie."
Jeder andere hätte gedacht, er spreche höflich.
Nur Seraphine erkannte die Warnung, die sich hinter seinem ruhigen Ton verbarg.
Sie eilte auf die Bühne, nahm Eliana auf den Arm und wandte sich mit einem verlegenen Lächeln an die Gäste.
„Es tut mir leid", sagte sie. „Sie hat gestern Abend einen lustigen Film gesehen und spielt die Szenen heute den ganzen Tag nach."
Einige Gäste lachten unsicher. Die Veranstaltung ging weiter, als wäre nichts passiert.
Als sie weggingen, beugte sich Seraphine zu ihrer Tochter.
„Mein Engel", flüsterte sie sanft, „sag solche Dinge bitte nie wieder in der Öffentlichkeit."
Eliana runzelte die Stirn.
„Aber es stimmt doch."
Seraphine zwang sich zu einem Lächeln.
„Ich weiß." Sie küsste ihre Tochter auf die Stirn. „Aber manchmal... tut die Wahrheit mehr weh, als wir erwarten."
Das kleine Mädchen verstand es nicht ganz. Trotzdem nickte sie.
„Okay, Mama."
An diesem Abend waren die Kinder bereits im Bett. Das Haus war wieder still.
Cassian befand sich in seinem Arbeitszimmer und telefonierte. Sein Handy lag vergessen auf dem Esstisch.
Ein leiser Benachrichtigungston durchbrach die Stille.
Seraphine wollte nicht schnüffeln. Als sie am Tisch vorbeiging, fiel ihr Blick nur kurz auf das Display.
Eine Nachricht erschien.
*Ich vermisse dich jetzt schon. ❤️*
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
Der Name der Absenderin ließ ihr den Magen zusammenziehen.
*Vesper.*
Das Geschirrtuch glitt aus ihrer Hand und fiel lautlos zu Boden. Sie bemerkte es nicht.
Ihre Finger krallten sich in die Tischkante, so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie atmete ein – und vergaß für einen Moment, wieder auszuatmen.
Sie kannte diesen Namen nicht.
Wer ist Vesper?
Warum sollte eine andere Frau ihrem Mann so eine Nachricht schicken?
Sie wollte glauben, dass es eine Erklärung gab. Sie wollte glauben, dass sie überreagierte.
Doch tief in ihrem Inneren sagte ihr etwas, dass sie diese Nachricht nicht ignorieren durfte.
In diesem Moment hörte sie Schritte.
Seraphine trat hastig vom Tisch zurück, bückte sich blitzschnell nach dem Geschirrtuch und legte es zurück auf die Arbeitsfläche, als hätte es nie den Boden berührt.
Cassian kam aus seinem Arbeitszimmer, als wäre nichts geschehen.
Ihre Blicke trafen sich.
Er lächelte.
Sie versuchte zurückzulächeln.
Zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit... fühlte es sich falsch an.
In dieser Nacht, lange nachdem alle eingeschlafen waren, lag Seraphine wach und starrte an die Decke.
Neben ihr schlief Cassian friedlich.
Sie drehte den Kopf und sah ihn an.
Er sah aus wie derselbe Mann, in den sie sich einst verliebt hatte. Derselbe Mann, der ihr heute Abend eine Karottenscheibe gestohlen und sie angegrinst hatte, als wäre nichts zwischen ihnen zerbrochen.
Doch jetzt... hatte eine einzige Nachricht einen Zweifel in ihr gesät, den sie nicht mehr verdrängen konnte.
Als sie schließlich die Augen schloss, legte sich ein seltsames Gefühl auf ihre Brust.
Ein Name.
Ein Herz-Emoji.
Und eine Stille in ihr, die lauter war als jedes Wort, das er ihr je gesagt hatte.