Der Sommer war schneller vor der Tür, als das ich es hätte erahnen können. Ich ging nicht wieder zurück zur Universität. Mein Alltag bestand daraus morgens aufzustehen, zu schreiben, dann Ethan zu sehen, zwischen durch was zu Essen und viel Zeit mit Mr Harris, meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Ich war schon dran meinen nächsten Roman zu schreiben, der dieses Mal nichts mit Ethan zu tun haben würde und hoffentlich auch nichts mit unserer Beziehung. Diese lief übrigens super. Seit wir uns ausgesprochen hatten, hatten wir uns einige Regeln aufgestellt und uns auf die wesentlichen Dinge geeinigt. Er hatte seinen Freiraum und ich meinen. Er durfte mich nicht während dem Schreiben stören, was ich meistens morgens tat und von der Uni wollte ich auch nichts hören. Er für seinen Teil besuchte die Universität noch. Naja tagsüber und abends war er der Rocker, den er immer schon sein wollte. Diesen August würde er auf Tournee gehen. Es war zwar keine Welttournee, auch keine Europatour aber er tourte einige Städte hier in der Nähe, was heissen würde, ich hatte die Möglichkeit bei jeder Show dabei sein zu können. Im Gegensatz dazu hatte er mir versprochen jedes einzelne Kapitel von meinem neuen Roman zu lesen und mir scharfe Kritik zu geben, auch wenn er sich bis jetzt recht zurückgehalten hatte und immer ganz brav war. Ich durfte auch keine unnötigen Kommentare über die Band machen, wenn sie mal betrunken bei mir vor der Tür standen und ich war dazu verpflichtet jeden Songtext auswendig zu kennen. Ich war ihr erster Groopie und würde wohl für immer der einzig wichtige sein.
"Was bist du da wieder am schreiben?", fragend schaute er mir über die Schulter.
"Hatten wir uns nicht geeinigt?", warf ich zurück und schloss meinen Laptop.
Lachend nahm er mein Gesicht in seine Hände und gab mir einen sanften Kuss auf die Nasenspitze.
"Du lenkst ab", noch mehr Gelächter und dann warf er sich mit dem Rücken aufs Bett.
"Gib mir schon etwas Aufmerksamkeit, ich verdiene es. Weisst du, wie nervös ich wegen heute Abend bin?" Ich seufzte, dann drehte ich mich von meinem Schreibtisch weg und rollte mit dem Stuhl zum Bett.
"Du hast recht. Tschuldige", sagte ich und legte mich auf ihn. Den Kopf legte ich auf seine Brust und lauschte seinem Herzschlag. Es erinnerte mich an das Rauschen der Wellen und ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, sog seinen Duft ein und öffnete sie wieder.
"Du schreibst, doch nicht immer noch über mich, oder?", wollte er wissen und ich lachte.
"Würde dich das stören?", neckte ich ihn und er setzte sich auf, was mich auch dazu zwang, mich aufzurichten.
"Würde dich es dich stören, wenn ich ein Lied über dich schreibe?" Ich kniff die Augen zusammen. Heute Abend spielte er in einer der grössten Clubs der Stadt und nun sprach er von neuen Liedern?
"Vielleicht", sagte ich vorsichtig und fuhr Kreise auf seinem Bein. Die Jeans gab unter meinen Bewegungen nach und die Kreise zeichneten sich darauf ab.
"Wenn das Lied schlecht ist, dann schon", lachte ich. Seine Augen und der Mund öffneten sich in gespieltem Schock und er schnappte mich mit einer geschickten Bewegung, sodass ich zwischen seinen Armen lag.
"Du hast ja auch nicht nur schöne Dinge über mich geschrieben", erinnerte er mich an den letzten Roman und ich gab nach.
"Richtig. Okay, dann nein. Es würde mich nicht stören." Ich gab ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und er drehte sich dann zu mir, um einen richtigen Kuss einzufordern.
Ich legte meine Lippen auf die seinen und spürte sein Lächeln, als er genau das bekam, was er wollte. Für einen kurzen Moment hatte ich vergessen, dass Lucinda und Meggie jede Sekunde vor der Tür stehen könnten und ich sprang auf.
"Die Mädels!", rief ich aus und rannte die Treppen hinunter, als dann schon die Klingel zu hören war. Ethan schlich mir hinter her und als ich die Tür öffnete, blieb er an der Treppe stehen und bereitete sich darauf vor meine Aufmerksamkeit nun teilen zu müssen.
Mit einem Ruck hatte ich die Tür geöffnet und schon erklang das Geschreie und wir fielen uns gegenseitig in die Arme. Es interessierte mich gar nicht mehr, dass ich jedes Mal fast keine Luft bekam, weil ich so dolle gedrückt wurde. Ihnen schien es auch nicht mehr zu stören, dass Ethan Augenverdrehend im Hintergrund stehen würde, wartend, dass mich die beiden losliessen. Doch nun stand er da und beobachtete uns mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.
"Hast du uns kommen hören, oder warum warst du schon an der Tür?", wollte Lucinda wissen und trat hinein.
"Ja und wie sieht denn unser Sonnenschein aus? wieder ganz gut gelaunt, hmh", nervte Meggie Ethan und begrüsste auch ihn mit einem Kopfnicken. Dieser legte theatralisch die Hände auf seine Brust und gab mir beim vorbeilaufen einen Kuss auf den Mund.
"Das ist dann wohl mein Zeichen, zu gehen", sagte er und ich hielt ihm die Hand fest. Mit Kulleraugen sah ich ihn an und schob meine Unterlippe vor.
"Ach, bitte bleib doch noch ein wenig", quengelte ich und er schien schwach zu werden. Mit einer geschickten Handbewegung liess er meine Haarsträhne zwischen seine Finger gleiten und steckte sie mir dann hinter mein Ohr.
"Ihr habt Mädchen-Dinge zu bereden und wahrscheinlich muss dir Lucinda ganz viel über ihr Date mit Marco erzählen und wie toll er ist. Das möchte ich wirklich nicht hören. Ich hab den Jungen in seinen schlimmsten Zeiten gesehen und..." Ihm schauderte es beim Gedanken, bei der ganzen Schwärmerei um seinen Pianisten dabei sein zu müssen. Ich seufzte geschlagen und gab ihm nochmals einen Kuss, bevor ich ihm beim Gehen hinterher sah. Ich wusste ja, wie recht er hatte und gab deshalb auch nach.
"Hailey, komm sie ist bereit!", hörte ich Meggie aus dem oberen Stock rufen und ich ging lachend hinauf.
Als ich sie in meinem Zimmer sitzen sah, lehnte ich den Kopf schräg und klatschte dann energisch in meine Hände.
"Okay, erzähl!"
-
Gegen Abend hatten wir uns bei mir im Zimmer für das Konzert der Band vorbereitet. Meggie hatte uns früher verlassen, da sie noch eine Bandprobe hatten und in der Zwischenzeit gesellte sich meine Schwester Melody zu uns.
"Kannst du mal stillstehen? Ich versuche dir hier die Haare nicht abzubrennen", sagte sie herrisch, als sie eine meiner Strähnen durch das Glätteisen fahren liess.
"Tschuldige. Es kommt mir vor, als hätte Ethans Nervosität auf mich abgefärbt und ich habe ihn nicht einmal gehört oder gesehen in den letzten zwei, drei Stunden..."
"Vielleicht spürt ihr euch einfach auf einer ganz anderen Eben", schwärmte Lucinda und ich grinste.
"So wie du und Marco, oder was?" Melody stimmte in mein Necken mit ein und wackelte mit den Augenbrauen.
Wir brachen in schallendes Gelächter aus, als Lucindas Wangen sich dunkelrot färbten und sie mit zittriger Hand versuchte ihren Liedstrich zu ziehen. Melody glättete inzwischen mein Haar zu ende und ich ging nochmals mit einem Kamm und Haarspray ran, damit alles sitzen würde. Schliesslich war ich bereit die ganze Nacht rum zu hüpfen und einfach loszulassen. Da durften meine Haare nicht plötzlich aufgeben.
"Hier, lass mich mal." Ich nahm den Kohlestift aus der Hand und malte Lucindas Liedstrich fertig, damit sie sich dann auch anziehen konnte. Meine Schwester war mal ausnahmsweise die einzige, die schon in Schale geworfen war und Lucinda bildete unser Schlusslichtlein.
Als wir dann alle drei endlich fertig im Flur standen, betrachteten wir uns gemeinsam im Spiegel. Ich wollte eigentlich ein schwarzes, kurzes Kleid anziehen, doch als ich es dann so an mir sah, bewegte es mich, mich umzuziehen, weshalb ich nun mit einem sonnengelben Outfit vor dem Spiegel stand. Es war ein süsses Set aus einem Rock, der meiner Hüfte schmeichelte und einem Bauchfreien enganliegenden Top. Die Haare trug ich offen und sie fielen mir lässig über die Schultern, während meine Lippen knutschrot angemalt waren. Die grünen Augen stachen deshalb umso mehr heraus und ich dankte Melody dafür, dass sie mich dazu gebracht hatte, die Lippen rot anzumalen. Sie trug ein enganliegendes, dunkelblaues Kleid mit über den Schultern fallenden Trägern und Lucinda strahlte in einem weissen Set, in einem Boho-Stil. Wir waren sowas von bereit für dieses Konzert und ich war mir sicher, dass die Band genauso strahlen würde. Es war ihr wichtigstes Konzert vor ihrer Tournee.
"Wir sehen verdammt gut aus", hörte ich Melody sagen und ich lachte.
"Ja da hast du recht Schwesterherz."
Das Konzert würde in einer Stunde anfangen, weshalb wir mit dem Taxi hinfuhren. Die Fahrt war unbeschwert und wurde immer heiterer, als der Taxifahrer uns stolz seine Söhne zeigen wollte als wir vor dem Club Schaumkuss hielten. Er hatte uns ganz aufgeregt davon berichtet, wie der älteste Sohn Medizin studierte und der Jüngste nun endlich angefangen hatte zu arbeiten. Er hatte uns erklärt, er wüsste zwar nicht, wie die Arbeit als Automechaniker seinem Sohn Geld bringen würde, doch er vertraute ihm für den Anfang. Der Taxifahrer erzählte mit solch einer Leidenschaft, dass Melody und Lucinda völlig gefasst waren von seinen Geschichten. Doch mein Blick schweifte ab, sobald ich die Umrisse seines Körpers vor dem Club stehen sah.
"Da ist Ethan", sagte ich und klopfte den beiden auf die Schultern. Schnell liessen sie mich aussteigen und ich hörte den Taxifahrer protestieren.
"Ich hab auch schöne Söhne!"
Als Ethan mich entdeckte und sah, wie ich auf ihn zu gelaufen kam, öffnete er seine Arme und ich sah, wie sein Gesicht aufleuchtete. Ich warf mich in seine Umarmung und er drückte mich fest an sich. Ich spürte, wie er meinen Duft einsog und ich schloss kurz die Augen. Mein Herz hörte nicht auf zu rasen und dann legte er seinen Kopf nach hinten, um mich anzusehen.
"Hey," sagte er und über beide Ohren grinsend und ich erwiderte es.
"Hey." Immer noch ausser Atem und mit nichts als Ethan im Kopf starrten wir uns einfach nur an. Es schien, asl würde sich die Welt um uns auflösen.
"Du siehst bezaubernd aus", sagte er, als wir beide aus unserer Starre kamen und ich lächelte.
"Du siehst aber auch nicht schlecht aus", neckte ich ihn und sah ihn mir an. Er trug dieses eine weisse Seidenhemd, welches sich perfekt an seinen Körper schmiegte und das seine Augen zum strahlen brachte. Vielleicht irrte ich mich auch in der Farbe, denn es wirkte im schwachen Licht, der heruntergehenden Sonne fast schon perlmuttfarben. Er strahlte. Er sah hinreissend aus und ich musste immer schwer Schlucken, wenn ich ihn sah. Ich war mir nicht sicher, wie ich es schaffen würde, ihn auf der Bühne zu sehen. Ich war verrückt nach ihm und hoffte, dass er es mindestens genau so nach mir war.
"Ich kann dich nicht einmal küssen, ohne den Lippenstift überall im Gesicht zu haben und das noch vor der Show", lachte er, aber ich wusste, dass es ihn irre machte, sowie er mich gerade ansah. Es gab drei Arten, wie mich Ethan im Verlaufe unserer Beziehung angesehen hatte: Die erste, war mit liebenden, sanften Augen, die mich immer an den frühen Morgenhimmel im Frühling erinnerten. Die zweite, war mit neugierigen, aber seriösen Augen, die mir immer stets das Gefühl gaben verstanden zu werden und mich an einen dichten, saftgrünen Wald im Sommer erinnerten. Die dritte, war mit lüsternen und leidenschaftlichen Augen, die mein Herz und Blut zum pochen brachten und mich an das Feuer im Kamin an einem kalten Tag und an den süssen Geschmack von Apfelkuchen mit Zimt erinnerten. Wenn Ethan mich mit seiner dritten Art ansah, dann wusste ich, dass die Linie zu seinem kompletten Kontrollverlust schmal war und ich kurz davor war sie zu übertreten. Dann gäbe es kein zurück mehr. Er sah mich genau so an. Es war ein kurzer Moment gewesen, ein kurzes Aufblitzen, doch ich hatte es gesehen. Ich kannte seine Augen. Er konnte mir nichts mehr vormachen. Ich brachte ein wenig Abstand zwischen uns, hielt in aber immer noch an der Hand fest und gab ihm einen kleinen Kuss auf seine Handoberfläche. Er folgte jeder meiner kleinen Bewegungen und lachte vor sich hin, als ich ihm den Kuss auf die Hand gab.
"Du bist gemein", sagte er und seufzte.
"Es wäre noch gemeiner, wenn ich dir dein hübsches Gesicht verunstalten würde und das vor deinem Auftritt mit der Band", gab ich gekonnte zurück und er schloss die Augen. Seine dunklen, dichten Wimpern warfen einen Schatten und ich atmete schwer aus. Er hatte dieselbe Wirkung auf mich, wie ich anscheinend auf ihn.
"Ihr spielt ja nicht lange und ich werde ganz vorne sein", sagte ich aufmunternd und er gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze.
"Da hast du recht.." Er stoppte und sah sich kurz um, winkte Melody und Lucinda zu, die hinter uns noch mit dem Taxifahrer diskutierten und dann flüsterte er mir ins Ohr.
"Ich weiss nicht, ob das so gut ist, wenn du ganz vorne bist..", fing er an und ich zog verwirrt meine Augenbrauen zusammen. Wo sollte ich sonst sein?
"Wenn ich dich zu meinen Liedern tanzen sehe, dann werde ich sofort diese Bühne verlassen und du kannst darauf wetten, dass ich dich mitnehme und wir von dort verschwinden werden." Ein Schauder lief mir über den Rücken, mein Herzklopfen beschleunigte sich. Ethan entfernte sich und sah mich mit einem dreckigen Grinsen an. Ich stand verdutzt, mit geöffnetem Mund dort und wusste nicht was sagen. Ich sagte es ja, ich hatte es aufblitzen sehen! Ich war nicht die einzige, die sich nach seiner Nähe sehnte und ihm völlig erlegend war.
Als mein Gehirn die Fäden zusammengeführt hatte, atmete ich kurz ein und biss mir unbewusst auf die Lippen.
"Ich geh jetzt", kündete Ethan an und hob geschlagen die Hände.
"Ich geh ja schon", sagte er lachend und ich schlug die Hand vor den Mund und musste ebenfalls lachen.