Kapitel 6: Der Weg nach Norden

1004 Words
Die Sonne stand bereits hoch, als der letzte Jubel im Tal der Schattenfelsberge langsam verebbte. Das Blut auf dem Schnee war bereits zu einem dunklen, gefrorenen Fleck geworden, der wie eine Mahnung dalag. Die Menge löste sich auf, nicht hastig, sondern mit einer Ehrfurcht, die schwer in der Luft hing. Krieger neigten die Köpfe, Frauen berührten mit den Fingerspitzen ihre Stirn, Kinder starrten mit großen Augen auf das Paar, das langsam den Hang hinaufging. Liesel hielt Viktors Hand so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Er humpelte leicht, die tiefe Bisswunde an der Schulter hatte sich zwar bereits geschlossen, doch der Schmerz pochte noch immer in Wellen durch seinen Körper. Der Bund übertrug einen Teil davon auf sie, ein dumpfes Ziehen, das sie bei jedem Schritt spürte. Dennoch fühlte es sich richtig an. Als wäre der Schmerz der Preis für das, was sie gewonnen hatten. Hinter ihnen folgte eine kleine Gruppe. Isolde ging schweigend neben einer älteren Heilerin namens Mara, die bereits Viktors Wunden mit Salben bestrichen hatte, bevor sie den Kreis verließen. Rudolf hatte sich mit seinen engsten Beratern zurückgezogen, sein Gesicht eine Maske aus unterdrücktem Zorn und widerwilliger Anerkennung. Er hatte kein Wort mehr gesprochen, seit er den Kopf gesenkt hatte. Doch alle wussten: Der alte Alpha würde nicht ewig schweigen. Die Wunde in seinem Stolz war tiefer als jede Klaue. Viktor führte Liesel zu den Stallungen am oberen Rand des Tals. Dort warteten bereits Pferde, kräftige Tiere mit dickem Winterfell, beladen mit Fellen, Proviant und Waffen. Eine Handvoll Sturmherzkrieger stand bereit, die Gesichter ernst, die Augen wachsam. Sie hatten die Nacht in den umliegenden Höhlen verbracht, fern vom eigentlichen Duellplatz, doch die Nachricht vom Mondwolf hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Nun blickten sie ihren zukünftigen Alpha an, als sähen sie ihn zum ersten Mal. Ein großer, grau melierter Krieger namens Torvald trat vor. Er war Viktors Stellvertreter, ein Mann mit breiten Schultern und einer Narbe, die von der rechten Schläfe bis zum Kinn reichte. Er schlug die rechte Faust gegen die Brust. „Alpha“, sagte er mit tiefer Stimme. „Der Weg nach Norden ist frei. Die Pässe sind noch passierbar, aber der erste richtige Sturm kommt in drei Tagen. Wir sollten nicht trödeln.“ Viktor nickte. „Wir brechen sofort auf. Liesel reitet mit mir.“ Torvald warf einen kurzen Blick auf sie. Nicht feindselig, doch prüfend. Dann senkte er den Kopf. „Wie du befiehlst.“ Liesel spürte die Blicke der anderen. Einige neugierig, einige misstrauisch. Sie war die Fremde. Die Unmarkierte. Die Bastardtochter aus dem Schattenfelsrudel, die nun plötzlich Luna sein sollte. Doch sie hob das Kinn. Der Bund in ihrer Brust sang leise, beruhigend. Viktor war bei ihr. Das genügte. Sie stiegen auf. Viktor half ihr auf den breiten Rücken eines schwarzen Hengstes, schwang sich hinter sie und zog sie fest an seine Brust. Seine Arme umschlangen sie schützend. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, atmete seinen Geruch ein. Eisen, Rauch, Kiefernnadeln und etwas Tieferes, Wilderes. Etwas, das nur ihm gehörte. „Bereit?“, murmelte er in ihr Haar. „Ja“, flüsterte sie. Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Zuerst langsam, dann schneller. Die Hufe klapperten auf dem gefrorenen Pfad. Bald lag das Tal hinter ihnen, die hohen Felsenwände rückten näher, der Wind wurde schärfer. Liesel drehte sich nicht um. Sie wollte nicht sehen, wie die Heimat kleiner wurde. Nicht jetzt. Vielleicht nie wieder. Die ersten Stunden vergingen schweigend. Der Pfad führte steil bergauf, dann durch einen schmalen Pass, wo der Wind wie ein Messer über die Haut fuhr. Viktor hatte ihr einen schweren Wolfspelz um die Schultern gelegt. Darunter trug sie immer noch das dünne weiße Kleid, doch niemand hatte Zeit gehabt, ihr etwas Wärmeres zu geben. Der Pelz roch nach ihm. Nach ihrem Bund. Sie kuschelte sich tiefer hinein. Gegen Mittag machten sie Rast an einem kleinen, halb zugefrorenen See. Die Krieger entzündeten ein Feuer, teilten getrocknetes Fleisch und harten Käse aus. Liesel saß dicht neben Viktor, ihre Finger verschränkt mit seinen. Isolde hatte sich etwas abseits niedergelassen, Mara neben ihr. Die Heilerin redete leise auf sie ein, doch Isolde antwortete kaum. Liesel beobachtete ihre Schwester. Der Schmerz stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben, doch da war auch etwas Neues. Eine Art ruhige Entschlossenheit. Als hätte sie endlich losgelassen. Nach dem Essen trat Isolde zu ihnen. „Ich komme mit“, sagte sie ohne Umschweife. Viktor hob eine Braue. „Du bist Schattenfels. Dein Platz ist hier.“ „Mein Platz war immer bei meiner Schwester“, erwiderte Isolde. Ihre Stimme war fest. „Und jetzt, da der Mond gesprochen hat, ist ihr Platz bei dir. Also ist meiner es auch. Zumindest für eine Weile.“ Liesel spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „Isolde... du musst nicht.“ „Ich will aber.“ Isolde kniete sich vor sie. „Ich habe dich jahrelang weggestoßen. Ich habe dich klein gehalten, weil ich Angst hatte, dass du größer wirst als ich. Jetzt weiß ich, dass du es immer warst.“ Sie legte eine Hand auf Liesels Knie. „Lass mich mitkommen. Lass mich lernen, was es bedeutet, eine wahre Luna an der Seite zu haben. Und vielleicht... vielleicht kann ich eines Tages wiedergutmachen, was ich angerichtet habe.“ Tränen stiegen in Liesels Augen. Sie zog Isolde in eine feste Umarmung. „Du bist immer meine Schwester gewesen. Das ändert sich nicht.“ Isolde nickte, die Lippen fest aufeinandergepresst. Dann stand sie auf und ging zu den Pferden, um ihr eigenes Sattelzeug zu prüfen. Viktor sah Liesel an. „Bist du sicher?“ „Ja“, sagte sie leise. „Sie gehört zur Familie. Und Familie lässt man nicht zurück.“ Er küsste ihre Schläfe. „Dann reitet sie mit.“ Der Nachmittag wurde kälter. Der Himmel zog sich zu, graue Wolken schoben sich vor die Sonne. Der Wind trug bereits den Geruch von Schnee mit sich. Der Trupp ritt schneller. Viktor hielt Liesel fest, seine Wärme das Einzige, was die Kälte erträglich machte.
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