Kapitel 5

1400 Words
Er trug nichts als eine enge schwarze Hose aus Leder. Sein Oberkörper war nackt, die Narben im Fackellicht deutlich sichtbar. Seine Muskeln spannten sich bei jedem Schritt. In der rechten Hand hielt er keinen Dolch, keinen Speer. Nur seine bloßen Fäuste. Das Duell war rein. Wolf gegen Wolf. Keine Waffen. Nur Zähne, Klauen und Wille. Sein Blick fand sofort Liesel. Einen Herzschlag lang existierte nichts anderes. Nur sie beide. Der Bund sang zwischen ihnen, laut und klar, trotz der Entfernung. Sie spürte ihn in jeder Zelle. In jedem Atemzug. In dem leichten Ziehen zwischen ihren Schenkeln, das noch von der vergangenen Nacht zeugte. Dann wandte er den Blick ab. Nicht aus Schwäche. Sondern weil er sich konzentrieren musste. Ein zweiter Mann trat in den Kreis. Ragnar Schattenklaue. Der beste Krieger des Schattenfelsrudels. Der Mann, den Rudolf als Champion gewählt hatte. Groß, breitschultrig, mit einem Gesicht voller alter Kampfnarben. Seine Augen waren gelb wie die eines Raubtiers. Er war derjenige, der Liesel als Kind einmal geschlagen hatte, weil sie einen Krug fallen ließ. Derjenige, der immer gesagt hatte, Bastarde hätten im Rudel nichts verloren. Ragnar grinste. Seine Zähne waren spitz. „Der große SturmherzErbe“, spottete er laut genug, dass alle es hörten. „Bereit, für eine Hure zu sterben?“ Viktor antwortete nicht. Er spuckte nur auf den Boden. Der Schamane trat vor. Ein alter Mann mit weißen Haaren und einem Umhang aus Rabenfedern. Er hob beide Arme. „Der Mond sieht alles“, rief er. „Der Bund ist erwacht. Er fordert Blut. Wer den Erben besiegt, besiegt den Bund. Wer den Bund besiegt, tötet die Liebe. So war es. So ist es. So wird es sein.“ Er schlug die Hände zusammen. Das Signal. Das Duell begann. Ragnar bewegte sich zuerst. Schnell. Brutal. Er stürzte vor wie ein angreifender Bär. Seine Faust schoss auf Viktors Kopf zu. Viktor duckte sich, wirbelte herum und rammte seine Schulter in Ragnars Magen. Der Aufprall klang wie berstendes Holz. Ragnar taumelte zurück, fing sich aber sofort. Die Menge brüllte. Liesel biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Sie durfte nicht schreien. Nicht weinen. Sie musste stark sein. Für ihn. Ragnar lachte. „Das war alles?“ Er sprang wieder vor. Diesmal mit ausgefahrenen Klauen. Seine Finger hatten sich bereits verwandelt, lang und schwarz und gebogen. Er zielte auf Viktors Kehle. Viktor wich aus. Kaum. Die Klauen rissen vier tiefe Furchen über seine Brust. Blut spritzte auf den Schnee. Rot auf Weiß. Die Menge keuchte auf. Liesel spürte den Schmerz, als wäre es ihr eigener. Sie taumelte einen Schritt vor. Jemand hielt sie fest. Eine Frauenhand. Isolde. Zum ersten Mal seit gestern berührte ihre Schwester sie. „Bleib stehen“, flüsterte Isolde. Ihre Stimme zitterte. „Wenn du eingreifst, töten sie dich sofort.“ Liesel nickte stumm. Tränen brannten in ihren Augen. Viktor blutete stark. Doch er lächelte. Ein kaltes, tödliches Lächeln. Er leckte sich das Blut von der Lippe. Dann griff er an. Schneller als jeder erwartet hatte. Er schlug Ragnar die Faust unters Kinn. Knochen knackten. Ragnar taumelte. Viktor folgte mit einem Tritt in die Kniekehle. Ragnar ging auf ein Knie. Viktor packte seinen Kopf, rammte ihn in den gefrorenen Boden. Schnee spritzte auf. Doch Ragnar war nicht besiegt. Mit einem markerschütternden Brüllen verwandelte er sich halb. Sein Körper wuchs, Fell spross, Muskeln schwollen. Ein riesiger, schwarzer Wolf stand plötzlich im Kreis. Die Augen glühten gelb. Viktor zögerte nicht. Auch er verwandelte sich. Der Übergang war fließend. Schmerzlos. Ein grauer Wolf mit silbernen Strähnen im Fell. Größer als Ragnar. Schneller. Gefährlicher. Die beiden Wölfe umkreisten sich. Die Menge hielt den Atem an. Dann prallten sie aufeinander. Es war ein Wirbel aus Zähnen und Klauen. Fell flog. Blut spritzte. Knurren und Jaulen erfüllten die Luft. Sie rollten über den Boden, rissen aneinander, bissen, schlugen. Niemand konnte mehr erkennen, wer oben lag. Liesel konnte kaum atmen. Ihr Herz hämmerte so stark, dass sie glaubte, es müsse zerspringen. Der Bund pulsierte wild, schmerzhaft. Jedes Mal, wenn Viktor getroffen wurde, fühlte sie es. Wie Nadelstiche in ihrer Seele. Plötzlich ein hohes Jaulen. Ragnar hatte Viktor an der Schulter gepackt. Seine Zähne gruben sich tief ein. Viktor warf sich herum, doch Ragnar hielt fest. Blut floss in Strömen. Liesel schrie auf. Der Schrei brach aus ihr heraus, bevor sie ihn stoppen konnte. Der graue Wolf drehte den Kopf. Seine Augen fanden sie. Nur für einen Sekundenbruchteil. Und in diesem Moment geschah etwas Unmögliches. Viktors Augen leuchteten nicht mehr grau. Sie leuchteten silbern. Wie der Mond. Wie ihr eigenes Blut. Ein neues Knurren erhob sich. Tiefer. Mächtiger. Urgewaltig. Viktor riss sich los. Blut spritzte aus der Wunde. Doch er schien es nicht zu spüren. Er stürzte sich auf Ragnar. Diesmal gab es kein Spiel mehr. Kein Umkreisen. Nur noch Mordlust. Seine Zähne fanden Ragnars Kehle. Ein Ruck. Ein nasses Reißen. Ragnar fiel. Sein Körper schlug hart auf den Boden. Blut breitete sich in einer großen Lache aus. Der schwarze Wolf zuckte noch einmal. Dann lag er still. Stille. Absolute Stille. Viktor stand über dem toten Körper. Blut tropfte von seiner Schnauze. Sein Fell war dunkel vor Blut. Er hob den Kopf. Und heulte. Ein Heulen, das die Berge erzittern ließ. Das Rudel antwortete. Erst zögernd. Dann lauter. Ein Chor aus hundert Kehlen. Sieg. Der graue Wolf drehte sich langsam um. Sein Blick suchte Liesel. Dann geschah das Zweite Unmögliche. Vor aller Augen begann er sich zurückzuverwandeln. Langsam. Qualvoll. Doch nicht in den Mann, den sie kannten. Sondern in etwas anderes. Seine Schultern wurden breiter. Sein Rücken wölbte sich. Ein silbernes Leuchten breitete sich über sein Fell aus. Und als der Wandel vollendet war, stand dort kein gewöhnlicher Wolf mehr. Sondern ein Wesen, halb Wolf, halb Mondlicht. Augen aus purem Silber. Fell, das wie flüssiges Sternenlicht schimmerte. Eine Aura, die den Schnee um ihn herum zum Schmelzen brachte. Der Mondwolf. Die Legende. Das Zeichen des wahren Alphas, der vom Mond selbst berührt wurde. Die Menge fiel auf die Knie. Selbst Rudolf sank auf ein Knie. Sein Gesicht war aschfahl. Viktor, oder was immer er jetzt war, ging auf Liesel zu. Schritt für Schritt. Das silberne Leuchten wurde schwächer. Das Fell zog sich zurück. Bis nur noch der Mann übrigblieb. Der blutende, verletzte, aber lebendige Mann. Er fiel vor ihr auf die Knie. „Liesel“, flüsterte er. Seine Stimme war rau. Erschöpft. „Es ist vorbei.“ Sie sank ebenfalls auf die Knie. Ihre Hände zitterten, als sie sein Gesicht berührte. Blut verschmierte ihre Finger. Doch es war egal. „Du lebst“, flüsterte sie. „Ich lebe“, antwortete er. „Weil du lebst.“ Er zog sie an sich. Fest. Brutal. Als wollte er sie nie wieder loslassen. Liesel klammerte sich an ihn. Weinte in seine Schulter. Vor Erleichterung. Vor Freude. Vor Angst, die endlich nachließ. Die Menge begann zu jubeln. Erst vereinzelt. Dann lauter. Ein Chor des Triumphes. Isolde trat vor. Langsam. Ihre Augen waren voller Tränen. Sie kniete sich neben sie. „Schwester“, sagte sie leise. Liesel hob den Kopf. Isolde legte ihre Hand auf Liesels. „Ich habe dich unterschätzt. Ich habe den Mond unterschätzt.“ Sie sah Viktor an. „Und dich.“ Viktor nickte nur. Isolde stand auf. Sie wandte sich an das Rudel. „Der Mond hat gesprochen“, rief sie. Ihre Stimme war klar und stark. „Der Bund ist echt. Liesel ist die wahre Luna. Ich... ich trete zurück. Mit Freude.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Dann Jubel. Lauter als zuvor. Rudolf erhob sich. Sein Gesicht war grau. Doch er senkte den Kopf. „So sei es.“ Viktor zog Liesel hoch. Er hielt sie fest, als wäre sie das Einzige, was ihn noch auf den Beinen hielt. „Komm“, flüsterte er. „Wir gehen nach Hause.“ „Nach Hause?“ fragte sie. „In mein Rudel. In unser Rudel.“ Sie nickte. Und als sie gemeinsam aus dem Kreis traten, die Menge ihnen Platz machend, den Kopf senkend, wusste Liesel: Der Sturm war vorbei. Der Mond hatte gesiegt. Und sie, die Unsichtbare, die Unmarkierte, war endlich gesehen. Nicht nur von einem Mann. Sondern vom Himmel selbst. Die Sonne stieg langsam über die Berge. Goldenes Licht fiel auf den blutigen Schnee. Und in Liesels Brust sang das Lied des Bundes. Lauter als je zuvor. Für immer.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD