Kapitel 2: Das Erwachen des Sturms

1461 Words
Die zweite Nacht nach der Begegnung der Blicke war kälter als jede andere in diesem Winter. Der Schnee fiel in dichten, lautlosen Flocken und legte sich wie ein weißes Leichentuch über das Rudelhaus. Liesel lag wach in ihrer winzigen Kammer, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, doch die Kälte kam nicht von draußen. Sie kam aus ihrem Inneren. Seit jenem Moment, als Viktor Sturmherz sie durch den Türspalt angesehen hatte, fühlte sich ihr Körper fremd an. Ihre Haut prickelte, als ob unsichtbare Finger darüber strichen. Ihr Herz schlug unregelmäßig, mal langsam, mal so schnell, dass sie glaubte, es müsse zerspringen. Und zwischen ihren Rippen, genau dort, wo bei den anderen Wölfen das wilde Lied des Mondes erklang, pochte etwas Neues. Etwas, das flüsterte. Etwas, das verlangte. Sie hatte versucht, es zu ignorieren. Sie hatte den ganzen Tag gearbeitet, bis ihre Hände bluteten: Böden geschrubbt, Felle ausgeklopft, die schweren Kessel für das Festmahl geschleppt. Doch je mehr sie sich ablenkte, desto lauter wurde das Flüstern in ihr. Es sprach nicht in Worten. Es war ein Gefühl, ein Ziehen, ein Hunger, der nichts mit Essen zu tun hatte. Als die Glocke zur Mitternacht schlug, hielt Liesel es nicht mehr aus. Sie schlüpfte aus dem Bett, zog den alten Wollmantel über ihr Nachthemd und verließ die Kammer. Der Gang war dunkel, nur von wenigen Fackeln beleuchtet, deren Flammen im Windzug zitterten. Ihre bloßen Füße berührten den eisigen Stein. Sie ging nicht in Richtung Küche oder Waschküche. Ihre Schritte führten sie tiefer ins Haus, dorthin, wo niemand freiwillig hinging: zum alten Turmflügel. Der Turm war seit Jahrzehnten versiegelt. Man erzählte, dort habe einst eine Luna gelebt, die den Mond verraten hatte. Ihr Blut sei so dunkel gewesen, dass selbst der Schnee unter ihren Füßen rot wurde. Liesel hatte die Geschichten nie geglaubt. Doch heute Nacht fühlte sie sich hingezogen, als ob unsichtbare Fäden sie zögen. Die schwere Eisentür quietschte, als sie sie aufdrückte. Staub und Moder schlugen ihr entgegen. Sie stieg die Wendeltreppe hinauf, Stufe für Stufe, bis sie die kleine Aussichtsplattform erreichte. Dort stand ein zerbrochener Spiegel, halb von Spinnweben verhüllt. Liesel trat näher. Im schwachen Mondlicht, das durch die schmalen Scharten fiel, betrachtete sie ihr Spiegelbild. Blasse Haut, dunkle Ringe unter den Augen, Lippen, die vor Kälte blau waren. Kein Mal. Keine Sichel. Nur ein Mädchen, das nie hätte existieren dürfen. Doch dann geschah es. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Ihre Pupillen weiteten sich. Im Spiegel sah sie, wie sich etwas in ihren Augen veränderte. Für einen winzigen Moment leuchteten sie nicht braun, sondern silbern, wie der Mond selbst. Sie blinzelte. Das Leuchten verschwand. Doch ihr Atem ging schneller. Sie legte die Hand auf ihre Brust. Unter dem Stoff des Nachthemds spürte sie ihren Herzschlag, doch da war noch etwas anderes. Ein zweiter Rhythmus. Tief. Stark. Wie das ferne Grollen eines Gewitters. „Was bist du?“, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu. Der Wind antwortete, indem er durch die Scharten pfiff. Und dann hörte sie Schritte. Schwere, bedachte Schritte auf der Treppe. Liesel fuhr herum. Ihr Puls raste. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen die kalte Mauer. Die Tür öffnete sich langsam. Viktor Sturmherz trat ein. Er trug keinen Mantel. Nur ein schwarzes Hemd, das sich eng über seine breite Brust spannte, und dunkle Hosen. Sein Haar war feucht vom Schnee. Er musste den ganzen Weg zu Fuß gegangen sein, ohne sich vor dem Wetter zu schützen. Seine sturmgrauen Augen suchten sofort ihren Blick. „Du bist hier“, sagte er leise. Seine Stimme war tief, fast ein Knurren. Liesel schluckte. „Das hier ist verboten. Niemand darf den Turm betreten.“ „Und doch bist du hier.“ Er trat einen Schritt näher. Der Raum schien plötzlich kleiner zu werden. „Und ich bin es auch.“ Sie wich zurück, bis sie die Brüstung der Plattform in ihrem Rücken spürte. Der Wind zerrte an ihrem Mantel. „Warum folgt Ihr mir?“ Er lachte leise, ein raues, gefährliches Geräusch. „Folgen? Nein, kleine Dienerin. Ich wurde gerufen.“ „Gerufen?“ Ihre Stimme zitterte. „Von wem?“ Viktor kam noch näher. Jetzt trennte sie nur noch ein Meter. Sie konnte seinen Geruch wahrnehmen: Kiefer, Schnee, etwas Dunkles und Männliches, das ihr den Atem raubte. „Von dir“, sagte er. „Dein Blut singt. Ich höre es seit der Nacht, in der du mich angesehen hast.“ Liesel schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein. Ich habe kein Mal. Ich bin keine von euch.“ Er streckte die Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen ihre Wange. Die Berührung war federleicht, doch sie fuhr wie ein Blitz durch ihren Körper. Liesel keuchte auf. Ihre Knie wurden weich. „Der Mond lügt nicht“, murmelte Viktor. Seine Finger glitten tiefer, zu ihrem Hals, wo ihr Puls raste. „Er hat dich markiert. Nur nicht sichtbar. Nicht für die anderen. Nur für mich.“ Sie wollte ihn wegschieben. Wollte schreien. Wollte fliehen. Doch ihr Körper gehorchte nicht. Stattdessen lehnte sie sich in seine Berührung, als hätte sie ihr ganzes Leben darauf gewartet. „Was wollt Ihr von mir?“, flüsterte sie. Seine Augen verdunkelten sich. „Alles.“ Ein Wort. Und doch enthielt es eine ganze Welt aus Gefahr und Verlangen. Viktor beugte sich vor. Sein Mund war nur noch Zentimeter von ihrem entfernt. Sie spürte seinen Atem auf ihren Lippen. Warm. Lebendig. Verboten. „Ich sollte dich jetzt nehmen“, raunte er. „Hier. Auf diesem kalten Stein. Dich markieren. Dich zu meiner machen. Bevor der Mond untergeht und die Zeremonie beginnt.“ Liesel zitterte. Angst und etwas anderes, etwas Dunkleres, mischten sich in ihrem Blut. „Ihr habt Isolde gewählt. Das Bündnis. Den Erben.“ Er knurrte leise. „Ich habe zugestimmt, weil es nötig war. Weil das Rudel es verlangt. Aber das hier...“ Seine Hand glitt in ihren Nacken, zog sie näher. „Das hier ist nicht geplant. Das hier ist Schicksal. Und Schicksal lacht über Pläne.“ Ihre Lippen berührten sich fast. Nur ein Hauch trennte sie noch. Liesel schloss die Augen. Sie wusste, wenn sie jetzt nachgab, würde alles zerbrechen. Ihre Loyalität zu Isolde. Ihre Stellung im Rudel. Ihr Leben. Doch dann hörte sie es. Ein Heulen. Fern, aber klar. Das Heulen einer Wölfin. Isolde. Der Zauber brach. Liesel riss sich los. Sie stolperte rückwärts, bis sie gegen die Brüstung stieß. „Nein“, keuchte sie. „Das darf nicht sein.“ Viktor ballte die Fäuste. Seine Augen glühten. „Du kannst nicht weglaufen. Nicht mehr. Der Bund ist erwacht. Er wird stärker werden. Jede Nacht. Jeden Tag. Bis du zu mir kommst.“ „Ich werde Isolde schützen“, sagte Liesel mit festerer Stimme, als sie sich fühlte. „Vor Euch. Vor allem.“ Er lächelte wieder, jenes hungrige, gefährliche Lächeln. „Dann versuch es, kleine Wölfin. Aber wisse: Wenn du mich herausforderst, werde ich nicht zögern. Ich werde nehmen, was mir gehört. Und du gehörst mir bereits.“ Er drehte sich um und ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Liesel sank auf die Knie. Tränen brannten in ihren Augen. Nicht vor Angst. Vor Wut. Vor Verlangen. Vor der Erkenntnis, dass sie verloren war. Die Stunden bis zum Morgengrauen verbrachte sie im Turm. Sie saß auf dem kalten Boden, starrte in die Dunkelheit und versuchte, das Chaos in ihrem Inneren zu verstehen. Warum jetzt? Warum sie? Warum er? Als der erste graue Streifen am Himmel erschien, schleppte sie sich zurück in ihre Kammer. Sie zog sich um, wusch ihr Gesicht mit eiskaltem Wasser, band ihr Haar streng zurück. Sie musste normal aussehen. Niemand durfte etwas ahnen. Der Tag war erfüllt von Vorbereitungen. Das Rudel schmückte den großen Saal mit immergrünen Zweigen und silbernen Bändern. Die Frauen nähten letzte Handgriffe an Isoldes Zeremonienkleid. Liesel wurde wieder zur Arbeit eingeteilt: Kerzen ziehen, Wein abfüllen, Brot backen. Doch überall, wohin sie ging, spürte sie ihn. Viktor war im Haus. Er sprach mit den anderen Alphas, lachte mit den Kriegern, doch seine Augen suchten immer wieder ihren Blick. Jedes Mal, wenn sich ihre Blicke kreuzten, fühlte sie das Ziehen stärker werden. Es war, als würde eine unsichtbare Hand sie zu ihm ziehen. Am Nachmittag fand sie Isolde im Garten hinter dem Haus. Die schöne Schwester saß auf einer Bank, das Gesicht in den Händen vergraben. „Isolde?“ Liesel trat näher. „Was ist geschehen?“ Isolde hob den Kopf. Ihre Augen waren rot geweint. „Er hat mich heute Morgen gesehen. Viktor. Er hat mich angesehen... und nichts gefühlt. Kein Funke. Keine Wärme. Nur Höflichkeit. Wie man eine Pflicht erfüllt.“ Liesel spürte einen Stich im Herzen. Sie setzte sich neben ihre Halbschwester und nahm ihre Hand. „Vielleicht ist er einfach so. Kalt. Distanziert.“
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