Kapitel 3: Die Nacht vor dem Duell

1395 Words
Isolde schüttelte den Kopf. „Nein. Ich habe es gespürt. Der Mond hat nicht gesprochen. Zwischen uns ist nichts. Aber das Bündnis... das Rudel... Vater sagt, ich muss es tun. Für alle.“ Liesel drückte ihre Hand fester. „Du musst gar nichts. Wenn du ihn nicht willst...“ „Was dann?“ Isolde lachte bitter. „Soll ich weglaufen? Wohin? Das Rudel würde mich jagen. Und Vater würde mich töten lassen.“ Liesel schwieg. Sie wusste, dass Isolde recht hatte. Es gab kein Entkommen. Nicht für eine markierte Wölfin. Doch in diesem Moment schwor Liesel sich etwas Neues. Sie würde nicht nur Isolde schützen. Sie würde den Bund zerreißen. Irgendwie. Sie würde Viktor zwingen, die Zeremonie abzubrechen. Selbst wenn es bedeutete, dass sie selbst dabei zerbrechen würde. Als die Sonne unterging, begann das große Festmahl. Lange Tische standen in der Halle, beladen mit Wildbret, Brot, Honigwein. Das Rudel lachte, sang, prostete sich zu. Viktor saß am Kopfende, neben Rudolf. Isolde saß an seiner anderen Seite, schön und still wie eine Statue. Liesel bediente. Sie goss Wein nach, räumte Teller ab, hielt den Kopf gesenkt. Doch sie spürte Viktors Blick wie eine Berührung auf ihrer Haut. Als die Nacht tiefer wurde und der Mond hoch stand, stand Viktor auf. Er hob seinen Kelch. „Morgen“, sagte er mit lauter Stimme, „werden wir das Bündnis besiegeln. Isolde von Schattenfels wird meine Gefährtin. Das Rudel wird stärker sein als je zuvor.“ Die Menge johlte. Gläser klirrten. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Viktor drehte sich langsam um. Sein Blick fand Liesel, die gerade einen Krug abstellte. „Und heute Nacht“, fuhr er fort, leiser, doch so, dass jeder es hörte, „werde ich diejenige prüfen, die der Mond mir bereits geschenkt hat.“ Ein Raunen ging durch die Halle. Rudolf sprang auf. „Was soll das bedeuten?“ Viktor lächelte nur. „Der Mond hat gesprochen. Und er spricht nicht mit Worten. Er spricht mit Blut.“ Er verließ seinen Platz und ging direkt auf Liesel zu. Das Rudel verstummte. Alle starrten. Liesel wich nicht zurück. Sie hob das Kinn. „Ihr irrt Euch“, sagte sie klar und laut. „Ich trage kein Mal.“ Viktor blieb vor ihr stehen. Er war so nah, dass sie seine Körperwärme spürte. Dann, langsam, hob er die Hand und legte sie auf ihre Brust. Genau dort, wo das unsichtbare Mal pochte. „Doch“, sagte er. „Du trägst es. Hier drinnen. Und ich werde es der Welt zeigen.“ Bevor jemand reagieren konnte, zog er sie an sich. Seine Lippen eroberten ihre in einem Kuss, der alles zerstörte und alles erschuf. Die Welt explodierte in Farben und Geräuschen. Das Rudel schrie auf. Rudolf brüllte. Isolde keuchte. Doch Liesel hörte nichts mehr. Nur noch Viktors Herzschlag. Nur noch den Sturm in ihrem Blut. Als er sich löste, waren ihre Lippen geschwollen. Ihre Augen leuchteten silbern. „Morgen“, sagte Viktor in die erstarrte Stille, „wird es kein Bündnis mit Isolde geben. Morgen wird der Mond entscheiden. In einem Duell. Wer mich fordert, wird mich bekommen. Oder sterben.“ Er sah Liesel an. „Und du, meine Wölfin... du wirst kämpfen. Für deine Schwester. Für dich. Für uns.“ Dann drehte er sich um und verließ die Halle. Liesel stand da, zitternd, das Blut in ihren Ohren rauschend. Der Morgen würde kommen. Und mit ihm der Tod. Oder die Liebe. Der Mond stand hoch und voll über den Bergen, als ob er selbst Zeuge werden wollte. Im Rudelhaus herrschte Totenstille. Nach Viktors Erklärung und dem Kuss, der wie ein Donnerschlag durch die Halle gefahren war, hatte niemand mehr gesprochen. Die Tische standen noch mit den Resten des Festmahls, Kerzen flackerten einsam, und der Wind draußen heulte wie ein verletztes Tier. Liesel war in ihre Kammer geflohen. Sie hatte die Tür verriegelt, obwohl sie wusste, dass ein einfaches Schloss Viktor Sturmherz nicht aufhalten würde. Sie saß auf dem schmalen Bett, die Knie angezogen, die Arme um sich geschlungen. Ihr Körper zitterte. Nicht nur vor Kälte. Vor Erwartung. Vor Angst. Vor dem, was sie längst nicht mehr leugnen konnte. Der Bund pulsierte in ihr wie ein zweites Herz. Jeder Schlag sandte Wellen durch ihren Leib, konzentrierte sich zwischen ihren Schenkeln, ließ ihre Brüste schwer und empfindlich werden. Sie hatte versucht, dagegen anzukämpfen, kaltes Wasser über ihr Gesicht geschüttet, sich die Nägel in die Handflächen gebohrt. Es half nichts. Der Hunger wuchs. Er fraß sie von innen auf. Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. „Liesel.“ Viktors Stimme. Tief. Ruhig. Unnachgiebig. Sie schwieg. „Ich weiß, dass du wach bist. Öffne die Tür. Oder ich breche sie auf.“ Ihre Hände zitterten, als sie den Riegel zurückschob. Die Tür öffnete sich lautlos. Viktor trat ein, füllte den winzigen Raum mit seiner Präsenz. Er schloss die Tür hinter sich. Das Kerzenlicht warf Schatten über sein Gesicht, ließ die sturmgrauen Augen glühen. „Du hast Angst“, stellte er fest. „Ihr habt mich vor dem ganzen Rudel entehrt“, flüsterte sie. „Vor Isolde. Vor meinem Vater.“ Er trat näher. „Ich habe die Wahrheit gesagt. Der Mond hat gesprochen. Willst du ihn zum Lügner machen?“ Sie hob den Blick. Tränen standen in ihren Augen. „Ich will Isolde schützen. Ich will nicht, dass sie leidet, weil Ihr mich wollt.“ Viktor kniete sich langsam vor sie hin, bis ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. „Isolde wird nicht leiden. Sie wird frei sein. Morgen, wenn ich das Duell gewinne, werde ich sie nicht nehmen. Das Bündnis wird anders geschlossen. Durch Blut. Durch Sieg. Nicht durch Zwang.“ „Und wenn Ihr verliert?“ Sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. „Dann sterbe ich. Und du bist frei. Aber wir wissen beide, dass ich nicht verlieren werde.“ Er hob die Hand und strich eine Strähne aus ihrem Gesicht. Die Berührung war sanft, fast zärtlich. Doch darunter lag die gleiche wilde Kraft, die sie schon im Turm gespürt hatte. „Warum ich?“, fragte sie leise. „Warum nicht eine Markierte? Warum die Bastardtochter ohne Sichel?“ „Weil der Mond dich anders gewollt hat“, antwortete er. „Er hat dich versteckt. Hat dich geschützt. Bis jetzt. Bis ich dich fand.“ Seine Finger glitten über ihren Hals, tiefer, bis zum Ausschnitt ihres dünnen Nachthemds. „Und weil dein Blut zu meinem singt. Weil ich dich rieche, selbst wenn du hundert Meilen entfernt wärst. Weil ich seit jener Nacht nicht mehr schlafe, ohne dass dein Name in meinem Kopf brennt.“ Liesel schloss die Augen. Sein Daumen strich über ihre Unterlippe. Sie öffnete den Mund unwillkürlich. Ein leises Stöhnen entkam ihr. „Gib nach“, flüsterte er. „Nur für diese Nacht. Lass mich dich spüren. Lass mich dich nehmen. Bevor der Morgen kommt und das Blut fließt.“ „Ich sollte Euch hassen“, murmelte sie. „Hasst du mich?“ Sie schüttelte den Kopf. Eine Träne lief über ihre Wange. „Nein. Und das macht mir am meisten Angst.“ Viktor beugte sich vor und küsste die Träne weg. Dann fand sein Mund ihre Lippen. Diesmal war der Kuss nicht wie in der Halle. Nicht vor Zeugen. Nicht als Demonstration. Diesmal war er langsam. Tief. Verzehrend. Seine Zunge glitt in ihren Mund, erkundete, forderte. Liesel keuchte in den Kuss hinein. Ihre Hände krallten sich in sein Hemd. Sie wusste nicht, ob sie ihn wegstoßen oder näher ziehen wollte. Ihr Körper entschied für sie. Sie zog ihn zu sich. Er hob sie hoch, als wöge sie nichts. Legte sie sanft auf das schmale Bett. Das Holz knarrte unter seinem Gewicht, als er sich über sie beugte. Seine Hände fuhren über ihre Seiten, schoben das Nachthemd hoch, bis ihre Beine entblößt waren. Kühle Luft strich über ihre Haut. Sie erschauerte. „Du bist schön“, murmelte er an ihrem Hals. Seine Lippen wanderten tiefer, küssten das Schlüsselbein, dann die sanfte Wölbung ihrer Brüste. „So schön, dass es wehtut.“ Er zog das Hemd über ihren Kopf. Liesel lag nackt vor ihm. Sie versuchte, die Arme vor der Brust zu kreuzen, doch er fing ihre Handgelenke ein, drückte sie sanft über ihrem Kopf fest. „Versteck dich nicht“, befahl er leise. „Lass mich dich sehen.“
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