Kapitel Eins
Iris' Perspektive
„Ahhh!“
Janices Schrei durchschnitt den Raum, als mir die Tasse aus der Hand glitt und heißer Tee über ihren Schoß schwappte.
Die Tasse zerschellte auf dem Boden, und mir rutschte augenblicklich das Herz in die Hose.
„Es tut mir leid …“ brachte ich panisch hervor. „Es tut mir wirklich leid …“
Doch die Wahrheit war, dass sie meine Hand absichtlich weggestoßen hatte.
„Du … wie kannst du es wagen?“
Josh sprang so abrupt auf, dass sein Stuhl beinahe nach hinten umkippte.
Noch bevor ich einen Schritt zurückweichen konnte, traf mich eine harte Ohrfeige.
Mein Kopf wurde heftig zur Seite geschleudert. Ein stechender Schmerz breitete sich über meine Wange aus, und meine Ohren klingelten.
Für einen Moment konnte ich nichts mehr sehen. In meinem Mund schmeckte ich plötzlich Blut.
„Du Hexe“, fauchte er und sah mich an, als würde ich ihn anwidern. „Du hast sie mir weggenommen, und jetzt willst du ihr wehtun, weil du merkst, dass meine Gefühle für sie zurückkehren?“
Meine Kehle zog sich schmerzhaft zusammen.
Ich hätte ihn ihr weggenommen?
Das konnte er doch nicht ernst meinen.
Ich öffnete den Mund, um mich zu verteidigen, doch noch bevor ein Wort über meine Lippen kam, traf mich eine zweite Ohrfeige.
Ich taumelte rückwärts.
Der Raum begann sich leicht zu drehen.
Es hatte ohnehin keinen Sinn mehr, etwas zu sagen.
Seit ich Josh geheiratet hatte, gehörten Schmerzen zu meinem Alltag.
Wenn er Janice so sehr liebte, warum ließ er mich dann nicht einfach in Ruhe?
Warum hatte er mich überhaupt als seine Gefährtin beansprucht?
Warum hatte er mir Versprechen gemacht, die er nie einhalten wollte?
„Ich habe das nicht absichtlich getan“, flüsterte ich schwach und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. „Sie hat meine Hand weggestoßen. Ich wollte mich doch gerade entschuldigen …“
„Du Lügnerin!“
Seine Stimme hallte donnernd durch den Raum.
Im nächsten Moment legte sich seine Hand um meinen Hals.
Mir blieb augenblicklich die Luft weg.
„Du überschüttest sie direkt vor meinen Augen mit heißem Tee und erwartest ernsthaft, dass ich glaube, es sei ein Unfall gewesen?“
Sein Griff wurde fester.
„Alle haben mich davor gewarnt, wie boshaft du bist. Aber ich hätte nie gedacht, dass du so tief sinken würdest und deiner eigenen Schwester so etwas antust.“
Er würgte mich so fest, dass ich kaum noch atmen konnte.
Mit letzter Kraft umklammerten meine Finger sein Handgelenk, während Panik meine Brust zusammenschnürte.
Hinter ihm stand Janice.
Sie lächelte still vor sich hin und genoss jede einzelne Sekunde.
„Willst du sie etwa umbringen, nur weil sie deine Pflegeschwester ist?“, brüllte er und drückte noch fester zu.
Meine Brust brannte.
Ich bekam kaum noch Luft.
Tränen verschwammen vor meinen Augen, während ich verzweifelt versuchte, seine Hand von meinem Hals zu lösen.
Doch Josh sah mich an, als wollte er mich tatsächlich vernichten.
Dann trat Janice nach vorn.
Ein selbstgefälliges Grinsen huschte über ihr Gesicht, bevor sie es blitzschnell hinter gespielter Besorgnis verbarg.
Sanft legte sie eine Hand auf seinen Arm.
„Du darfst sie nicht töten“, sagte sie leise. „Sie ist immer noch deine Gefährtin. Was werden die Leute sagen, wenn du ihr Blut vergießt? Das könnte deiner Stellung schaden.“
Ihre Stimme klang sanft und fürsorglich.
Doch ich kannte Janice zu gut.
Jedes einzelne ihrer Worte war sorgfältig berechnet.
Josh sah mich einige Sekunden lang an, bevor er mich schließlich losließ.
Keuchend sackte ich nach vorn, als die Luft schmerzhaft in meine Lungen zurückströmte.
Mein Hals brannte.
„Siehst du das?“, sagte Josh und zog Janice an sich. „Sie sorgt sich genug um mich, um mich davor zu bewahren, meine Zukunft zu ruinieren. Und du …“
Seine Augen verfinsterten sich.
„Du versuchst ständig, mir Probleme zu bereiten.“
Ich sagte nichts.
Was hätte ich auch sagen sollen?
Tränen liefen lautlos über mein Gesicht, während ich mir fest auf die Unterlippe biss, um nicht völlig zusammenzubrechen.
Janice war schon immer so gewesen.
Sie hatte mir den Frieden in meinem Elternhaus genommen.
Und jetzt zerstörte sie auch noch das, was von meiner Ehe übrig geblieben war.
Und irgendwie …
entschieden sich immer alle für sie.
Sogar mein eigener Vater.
Seine leibliche Tochter stand jeden Tag direkt vor ihm.
Und trotzdem fiel sein Blick immer zuerst auf Janice.
Als sie vor zwei Jahren verschwand, glaubte ich endlich, mein Leben würde besser werden.
Ich dachte, ich könnte endlich wieder frei atmen.
Vielleicht würde ich durch meine Heirat endlich dem kalten Haus und der Grausamkeit meiner Stiefmutter entkommen.
Deshalb nahm ich Josh an.
Weil ich ihn liebte.
Mondgöttin …
Ich habe ihn wirklich geliebt.
Schon damals in der Schule suchten meine Augen ihn immer als Erstes in jeder Menschenmenge.
Dann erfuhr Janice davon.
Und plötzlich waren sie zusammen.
Einfach so.
Sie machte den ersten Schritt.
Und von diesem Tag an sah Josh mich nicht mehr an.
Eine Zeit lang behandelte Josh mich, als wäre ich der Mittelpunkt seiner Welt.
Er schickte mir Blumen.
Rief mich spät in der Nacht an.
Lud mich zu Verabredungen ein.
Flüsterte mir Versprechen ins Ohr.
Er überschüttete mich mit so viel Aufmerksamkeit, dass ich jede Warnung ignorierte.
„Er ist skrupellos.“
„Josh Leone interessiert sich nur für Macht.“
„Dieser Mann wird dich zugrunde richten.“
Ich überhörte alles.
Denn wenn man sein ganzes Leben nach Liebe hungert, fühlt sich selbst das kleinste bisschen Zuneigung wie das Paradies an.
Doch nachdem wir geheiratet hatten …
änderte sich alles.
Oder vielleicht war das schon immer sein wahres Gesicht.
Vielleicht hatten mich alle gewarnt …
und ich war einfach zu blind gewesen, es zu erkennen.
Und Weggehen war für die Frauen meiner Familie nie eine Option.
Von einer Frau wurde erwartet, alles zu ertragen.
Zu schweigen.
Und jede Ehe zu überleben, ganz gleich, was sie ihr antat.
Selbst wenn sie sie langsam zerstörte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich mit gebrochener Stimme. „Ich habe dich nicht verdient.“
Die Worte schmeckten bitter.
Trotzdem zwang ich sie über meine Lippen und drehte mich zum Gehen um.
„Wer hat gesagt, dass du gehen darfst, ohne dich richtig zu entschuldigen?“
Seine kalte Stimme ließ mich augenblicklich erstarren.
Noch bevor ich reagieren konnte, packte er mich grob am Handgelenk und riss mich zurück.
Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Arm.
„Du hast mich bereits geschlagen“, sagte ich leise und bemühte mich, ihn nicht noch mehr zu provozieren. „Ich habe meinen Fehler verstanden.“
Doch selbst während ich sprach, zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen.
Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es längst nicht mehr um den Tee ging.
Josh hatte einfach Freude daran, mich zu brechen.
Und das Schlimmste war …
ich hatte nirgendwo, wohin ich gehen konnte.
Wenn ich diese Ehe verließ …
wohin sollte ich gehen?
Wer würde mich überhaupt wieder aufnehmen?
„Entschuldige dich ordentlich bei ihr“, befahl er scharf. „Oder soll ich dich wieder für eine Woche einsperren?“
Sofort breitete sich Angst in meinem Magen aus.
Es war nicht das erste Mal.
Immer wenn Josh wütend wurde, sperrte er mich ein, als wäre ich ein ungehorsames Tier.
Und später …
kam er zurück.
Sanft.
Freundlich.
Als wäre er nicht derselbe Mann gewesen, der mich geschlagen hatte.
Er entschuldigte sich.
Schob alles auf sein Temperament.
Er sagte, jede Beziehung habe ihre Schwierigkeiten und ich müsse ihn aushalten, weil er mich liebe.
Und dummerweise …
glaubte ich ihm jedes Mal.
„Es tut mir leid“, sagte ich erneut und senkte den Kopf.
„Diese Entschuldigung klingt unehrlich.“
Seine Hand hob sich erneut.
Ich zuckte instinktiv zusammen.
Doch bevor die Ohrfeige mich treffen konnte, durchschnitt eine kalte Stimme den Raum.
„Du wirst es nicht wagen, sie noch einmal anzufassen … es sei denn, du bist bereit, die Konsequenzen zu tragen.“
Augenblicklich wurde es still.
Mir stockte der Atem.
Diese Stimme …
Langsam drehte ich mich um.
Alpha Romeo stand im Eingang.
Joshs Onkel.
Der derzeitige Alpha des Rudels.
Alles an ihm strahlte Autorität aus, ohne dass er sich dafür anstrengen musste.
Er war groß, gefasst und auf eine gefährliche Weise ruhig.
Eine Art von Ruhe, die ich nicht einordnen konnte.
Seine markanten Gesichtszüge schienen vom Alter unberührt zu sein, obwohl er bereits Ende dreißig war.
Wenn überhaupt, wirkte er jünger als Josh selbst.
Die Leute sagten immer, dass die Leone-Blutlinie ihn auf unfaire Weise begünstigt habe.
Es fiel schwer, das nicht zu glauben.
Gerüchten zufolge wurde Josh geboren, als Romeo erst zwölf Jahre alt war – zwischen ihm und dem früheren Alpha lagen vierzehn Jahre Altersunterschied.
Und trotzdem sah Romeo aus, als wäre er der Jüngere.
Langsam ging er auf uns zu.
Sein Gesicht blieb ausdruckslos.
Doch mit jedem Schritt veränderte sich die Atmosphäre.
Josh stieß ein leises, spöttisches Lachen aus.
„Onkel“, zog er höhnisch, der Ekel deutlich in seiner Stimme, „wann hörst du endlich auf, dich in meine Angelegenheiten einzumischen?“
Alpha Romeo reagierte nicht sofort.
Nur ein kaum sichtbares Lächeln spielte um seine Lippen, als er noch einen Schritt näher kam.
„Du schlägst deine Gefährtin wegen einer anderen Frau“, sagte er ruhig. „Allein das ist schon eine Schande. In der Geschichte der Familie Leone hat kein Mann jemals die Hand gegen seine Frau erhoben.“
Seine Augen wurden dunkler.
„Offenbar trägst du unser Blut nicht so, wie du solltest.“
Mit diesen Worten änderte sich die Stimmung schlagartig.
Josh spannte den Kiefer an.
Janice eilte sofort nach vorn, bevor er etwas erwidern konnte.
„Mein Alpha, bitte missverstehen Sie die Situation nicht“, sagte sie hastig und senkte unschuldig den Blick. „Das war alles meine Schuld. Josh wollte mich nur beschützen, weil Iris heißen Tee über mich geschüttet hat.“
Ihre Stimme wurde noch sanfter.
„Er wollte lediglich gerecht sein.“
Ich hätte beinahe gelacht.
Gerecht?
Sollte das Gerechtigkeit sein?
Alpha Romeos Blick wanderte langsam zu ihr.
Seine Augen waren eiskalt.
„Ach?“, fragte er leise. „Und ich soll dir mehr glauben als Iris?“
Sein Blick verengte sich leicht.
„Und trotzdem nennst du dich ihre Schwester.“
Janice erstarrte.
„Aber sie hat angefangen“, beharrte sie hastig. „Ich würde niemals lügen …“
„Sei still.“
Die Worte peitschten wie eine Peitsche durch den Raum.
Janice erstarrte augenblicklich.
Sogar Josh wirkte überrascht.
Zum ersten Mal, seit Alpha Romeo den Raum betreten hatte, verschwand die Ruhe aus seinem Gesicht.
„Ich weiß ganz genau, welche Spielchen du spielst“, sagte er eiskalt. „Also beleidige nicht meine Intelligenz.“
Für einen kurzen Augenblick flackerte blanker Hass über Janices Gesicht, bevor sie den Blick wieder senkte.
Josh trat sofort vor.
„So wirst du nicht mit ihr reden, Onkel“, fauchte er. „Du wirst sie nicht vor allen demütigen.“
Die Spannung wurde beinahe greifbar.
Dann wanderten seine Augen plötzlich zu mir.
Misstrauen.
Besitzgier.
Etwas an diesem Blick war hässlich.
„Und ehrlich gesagt …“, fuhr er langsam fort, „warum interessierst du dich plötzlich so sehr für Iris?“
Für einen Moment setzte mein Herz aus.
Josh verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
„Oder ist sie nur eine weitere Sache, die du mir wegnehmen willst?“, fragte er. „Erst den Thron … und jetzt auch noch meine Gefährtin?“