Prolog-4

1946 Words
Marina Fae trat gegen einen Kieselstein, der auf dem Weg lag, und sah zu, wie er hüpfte, bis er gegen die mit Ranken bewachsenen Mauern des Palastes rollte und zum Halt kam. Sie schulterte ihren Bogen und ein verschmitztes Grinsen erhellte ihr Gesicht. Sie blickte sich um, bevor sie ihre Arme hochhob und mit den Fingern wackelte. Die Ranken, die von dem Baum auf der anderen Seite der Mauer herabhingen, schlängelten sich nach unten und wickelten sich um ihre Handgelenke. Einen Moment später ließen die Ranken sie auf der anderen Seite der Mauer zu Boden sinken. Sie drehte sich zu dem Baum um und machte einen kurzen Knicks. „Danke, Mr. Baum“, lachte sie. Sie drehte sich um und machte sich auf den Weg durch den großen Garten, der den Palast umgab. Eigentlich hätte sie durch das Haupttor gehen müssen, aber das tat sie nie. Ein Vorteil, wenn man die jüngere Schwester des Hauptmanns der Wache war: Jeder wusste, wer sie war. Leise vor sich hinsummend, umklammerte sie ihren Bogen und lief den gewundenen Pfad entlang, der sich durch den weitläufigen, labyrinthartigen Garten schlängelte. Sie war aufgeregt. Isha sollte heute in ihr Dorf zurückkehren. Sie würde ihn im Palast überraschen – und sich vergewissern, dass er sein Versprechen, dass er heute zu Hause sein würde, nicht vergessen hatte. Das jährliche Lichterfest, das an diesem Wochenende stattfand, war eine ganz besondere Veranstaltung in ihrem Dorf. In dem Dorf, das weiter im Landesinneren lag als der Palast, der näher am Meer war, erwachten einmal im Jahr die Berge zum Leben. Pünktlich mit dem Erblühen der Nachtsternblumen. Die Blüten öffneten sich, und die leuchtenden Samen darin schwebten in die Bäume hinauf und tauchten den Wald in bunte, leuchtende Farben. Die Dorfbewohner sangen und verbreiteten ihre Magie über die Brise, sodass sie sich mit den schwebenden Samen vermischte. Es war eine magische Nacht, an der sie unglaublich gerne teilnahm. Plötzlich hörte Marina Rufe und einen Schrei, der unterbrochen wurde, und ihre Schritte verlangsamten sich. Sie stolperte, als der Boden unter ihren Füßen zu beben begann und eine laute Explosion die Luft zerriss. Mit ihrer linken Hand hielt sie sich am dicken Ast eines der hohen Büsche fest, die das Labyrinth abgrenzten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sie hatte den Ausgang in der Nähe der Hauptgärten rechts vom Vordereingang des Palastes schon fast erreicht. Sie ließ den Ast los und flüsterte ihrem Bogen etwas zu. Sie konnte spüren, wie sich die Sehne straffte, als sie die Zauberkraft des Bogens erweckte. Besorgt ging sie weiter, als sie die Stimme der Königin hörte, die sich über die Rufe, Schreie und Töne erhob. Ein Gefühl der Unruhe beschlich Marina. Sie hatte noch nie gehört, dass die Königin vor Zorn ihre Stimme erhoben hatte. Nach ein paar Schritten hielt sie überrascht den Atem an. Dicke Bänder aus Magie wirbelten um sie herum, wie ein stürmischer Fluss, und rauschten auf die Stelle zu, an der sie die Stimme der Königin gehört hatte. Die reine Schönheit und Kraft der fließenden Farben raubte Marina den Atem. Als sie den Ausgang des Labyrinths erblickte, beschleunigte Marina ihren Schritt und blieb stehen, nachdem sie die letzte Hecke hinter sich gelassen hatte. Ihre Lippen öffneten sich vor Entsetzen und Ehrfurcht. Auf den vorderen Stufen des Palastes stand eine schlanke Frau inmitten eines wirbelnden dunklen Nebels. Die Frau sah aus, als würde sie aus der schwarzen Essenz bestehen. „Die Meerhexe!“, flüsterte Marina, den Blick fest auf Magna gerichtet. „Ich befehle dir, aufzuhören, Magna! Als Königin der Zauberinsel verurteile ich dich für deinen Betrug und deine verräterischen Taten zum Tode“, erklärte Magika und hob ihre Hände. „Du kannst mich nicht aufhalten. Ich kontrolliere jetzt die Zauberinsel und alle Mächte dieses Königreichs“, erwiderte Magna, ihre Stimme war seltsam flach. „Du irrst dich, Magna. Welche dunkle Magie du auch immer heraufbeschworen hast, sie ist nicht von dieser Welt. Denk an den Schaden, den du anrichtest“, antwortete Magika mit kalter Stimme. „Magna!“ Als Marina sich umdrehte, sah sie, wie Kell und Seline, Magnas Eltern, erschienen – die Königin musste sie gerufen haben. Hoffnung durchströmte Marina. Sicherlich würden die Bitten der Eltern der Meerhexe zu ihrer Tochter durchdringen. „Denk an deine Familie, Magna“, sagte die Königin. Marina wandte sich ängstlich zu der Königin um. Ein leises Zischen entwich ihren Lippen, als sie erkannte, was die Königin tat. Königin Magika sprach einen Zauber und benutzte Magnas Eltern, um die Meerhexe abzulenken. Marina hatte noch nie so reine und schöne Magie gesehen, die so dicht und präzise verwoben war. Die Fähigkeit, Magie zu sehen, war eine ihrer Begabungen. Sie hatte ihre Gabe von ihrer Großmutter geerbt, die ihr eingebläut hatte, diese Fähigkeit für sich zu behalten. ‚Niemand sonst hat die Gabe, nur du und ich, Marina‘, hatte ihre Großmutter zu ihr gesagt, als sie gerade einmal zehn Jahre alt gewesen war. ‚Außer vielleicht die Königin und der König. Die Fähigkeit, Magie zu sehen, ist nicht sehr nützlich – außer, man braucht sie. Bewahre dieses kleine Geheimnis für dich. Man weiß nie, wann es mal nützlich ist‘, hatte ihre Großmutter mit einem Augenzwinkern hinzugefügt. Jetzt beobachtete sie die Fäden, die sich nach Magna ausstreckten. Die Magie war subtil und mit den Worten verwoben, die die Königin sprach. Marina drehte sich um und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Magna. Konnte Magna die Magie sehen? Wie würde sie auf ihre Eltern reagieren? Marina klappte der Mund auf, als die schwarze Essenz, die Magna umgab, gierig nach den verborgenen Magiefäden griff. Die Königin schrie vor Schmerz auf, als die Bänder die magischen Fäden verschlangen. Marina konnte sehen, wie der bösartige Nebel die Magie der Königin gierig aufsaugte – und immer stärker wurde! „Magna, nein!“, rief Kell. Er trat vor und stellte sich zwischen die Königin und seine Tochter. „Lass dir von uns helfen. Bitte, ich flehe dich an. Gib auf und wir werden dir helfen.“ Magnas Blick wurde weicher, ihre Lippen öffneten sich, und einen Moment lang dachte Marina, die Meerhexe würde nachgeben. Selbst aus einigen Metern Entfernung konnte Marina den Konflikt auf dem Gesicht der anderen Frau sehen. Die Unentschlossenheit währte jedoch nicht länger als eine Sekunde, bevor sich ihr Blick wieder verhärtete. „Pass auf!“, rief Marina und hob warnend die Hand. Sie sah, wie sich der Nebel veränderte. Entsetzt und hilflos sah sie zu, wie zwei lange Tentakel herausschossen und sich um Kell schlangen. Magnas Mutter, Seline, hob ihre glühenden Hände, während ihre Lippen sich bewegten und einen tödlichen Zauber murmelten, um den Angriff ihrer Tochter zu stoppen. Eine Nebelwelle fegte über Seline hinweg, versteinerte ihre Gesichtszüge und ließ den unvollständigen Zauber auf ihren Lippen erstarren. Eine Magie, wie sie Marina noch nie zuvor gesehen hatte, erhob sich um die Anwesenden im Hof. Überall um sie herum begannen die Gesichtszüge der königlichen Wachen und der wenigen Diener, die nach draußen geflohen waren, zu versteinern. Selbst Königin Magika war nicht immun gegen den schrecklichen Nebel, der ihr Volk in Stein verwandelte. Marina suchte das Meer von Gesichtern fieberhaft nach ihrem Bruder ab. Sie musste ihn finden. Sicherlich konnte Isha spüren, dass die Königin in Gefahr war, und würde ihr zu Hilfe eilen – es sei denn, so dachte sie mit wachsender Panik, er war damit beschäftigt, den König zu beschützen. „Mr. Bogen, ich brauche Pfeile“, befahl Marina, hob den Bogen und spannte die Sehne. „Isha!“, schrie die Königin, während sie gegen den schwarzen Nebel kämpfte, der drohte, sie einzuhüllen. „Du hast ihn verloren, meine Königin, genauso wie du alle anderen verlieren wirst, die sich mir widersetzen“, verkündete die Meerhexe und stieg langsam die Stufen hinunter. „Was ist das für ein Zauber?“, fragte Magika, ihre Stimme zitterte, als der Kreis um sie herum immer enger wurde. „Es ist kein Zauber. Es ist etwas viel Mächtigeres, Tödlicheres, Schrecklicheres als alles, was Magie erschaffen könnte“, antwortete Magna. Ihre Stimme war durch den Wind kaum zu hören. Marinas Finger zitterten und sie ließ den Bogen in ihrer Hand sinken. Ihre Augen weiteten sich und Schmerz und Trauer durchfluteten sie. Hinter Magna sah Marina einen Mann auftauchen. Er bewegte sich steif und ruckartig. Sein Gesicht, das im Licht schimmerte, als wäre es mit einem Eisfilm bedeckt, war vollkommen ausdruckslos, als wäre nur sein Körper da. Hinter dem König schwebte die perfekt gehauene Steinstatue ihres Bruders Isha, das magische Schwert immer noch fest umklammert, auf einer Welle des schwarzen Nebels am König vorbei. Marina stieß einen erstickten Schrei der Verzweiflung aus. Der gequälte Schrei der Königin vermischte sich mit dem von Marina. Wut durchdrang die Blase des Grauens, die sie umgab, und ein Ausdruck der Entschlossenheit trat in ihr Gesicht. Sie hob ihren Bogen und diesmal zögerte sie nicht. Sie schoss den magischen Pfeil ab. Das Feuer, das in ihren Adern brannte, wurde noch heißer, als sie sah, wie sich die schwarzen Bänder, die um Magna herumwirbelten, erhoben, um ihren Pfeil zu verschlingen. Marinas Augen verengten sich und sie zischte wütend. Sie griff über ihre Schulter und zog einen weiteren Pfeil aus ihrem Köcher. Wenn sich die Kreatur von Magie ernährte, dann würde sie es eben mit nichtmagischen Elementen versuchen. Sie spannte den Pfeil, zog die Bogensehne zurück und flüsterte ihrem Bogen zu. „Bitte sorg dafür, dass ich mein Ziel treffe, Mr. Bogen“, murmelte sie. Ihre Finger öffneten sich und sie ließ die Sehne los. Der Pfeil flog durch die Luft. Die schwarzen Bänder streckten sich gierig nach dem hölzernen Schaft aus, aber der Pfeil machte eine Biegung und wich den Tentakeln aus, die ihn zu stoppen versuchten. In letzter Sekunde drehte sich Magna um und die Spitze des Pfeils hinterließ einen dünnen, tiefen Schnitt entlang des Bizeps ihres linken Arms. Königin Magika drehte sich um und sah sie. „Marina, du musst das Königreich warnen …“, schrie Magika, Sekunden bevor der dunkle Nebel sie einhüllte und ihr Körper steif wurde. „Haltet sie auf!“, knurrte Magna, während sie mit der anderen Hand ihren verletzten Arm umklammerte. Marina taumelte einige Schritte rückwärts, als die dunkle Masse begann, Gestalt anzunehmen. Gewaltige Kreaturen wuchsen aus den Bändern und verfestigten sich. Ihre Augen glühten schaurig rot und lange, blitzende, schwarze Reißzähne ragten aus ihren Oberkiefern. Die schwarzen Bestien hatten lange Schnauzen mit einer Reihe von Furchen, die zwischen ihren Augen zusammenliefen. Aus ihren Schädeln ragten harte Stacheln, die über ihren Rücken bis hinunter zu ihren langen, peitschenartigen Schwänzen verliefen. Ihre vier Beine mit den massiven Pranken und scharfen Krallen gruben sich in die weichen Grasflächen des Gartens, der mit den versteinerten Leichen der Soldaten, Diener und der Königin des Palastes übersät war. Marina stolperte rückwärts zum Eingang des Labyrinths und zog einen weiteren Pfeil aus ihrem Köcher. Ihre Hände waren ruhig, selbst als sie stockend Luft holte. Solche Wesen hatte sie noch nie gesehen. Ihre Gedanken wanderten zu dem zurück, was die Königin zu Magna gesagt hatte. ‚… sie ist nicht von dieser Welt. Denk an den Schaden, den du anrichtest …‘ Sie hob ihr Kinn, spannte die Bogensehne und atmete tief durch, als die Kreatur, die ihr am nächsten war, knurrte und einen Schritt nach vorne machte. „Wollen wir doch mal sehen, ob du echt bist“, sagte sie. Sie flüsterte einen Zauberspruch. Ein dunkelblauer Film bedeckte die Spitze ihres Pfeils. Als die Bestie auf sie zusprang, öffnete sie ihre Finger und ließ die Sehne los. Marina wartete nicht, um zu sehen, ob der Pfeil seine Wirkung tat oder nicht. Sie drehte sich um und floh zurück in das Labyrinth.
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