Kapitel 1-1

1869 Words
Kapitel 1 Yachats, Oregon „Mike! Du hast Besuch“, rief Patty ihm vom Empfangsbereich aus zu. Mike zog eine Grimasse und wischte an dem feuchten Fleck auf seinem Hemd herum, den der Kaffee, den er gerade verschüttet hatte, dort hinterlassen hatte. Es sollte einer dieser Tage werden; er konnte es fühlen. Es hatte damit angefangen, dass seine Schwester Ruth zu einer unchristlichen Zeit angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, dass sie zu Besuch kommen würde. Diese erfreuliche Ankündigung hatte er wohl seinem Geburtstag zu verdanken. „Eine Minute“, erwiderte Mike und ließ den Aktenordner auf seinen Schreibtisch fallen. Er stellte den Kaffeebecher, den er sich in dem Café an der Straßenecke geholt hatte, auf ein gefaltetes Papiertuch, auf dem noch die Spuren eines weiteren verschütteten Kaffees von ein paar Tagen zuvor zu sehen waren. Zum Teufel, wem wollte er etwas vormachen, die ganze Woche war ihm ein Missgeschick nach dem anderen passiert. Kopfschüttelnd holte er eine zerknüllte Serviette aus der Tüte mit den Bagels, die er in letzter Minute zu seiner Bestellung hinzugefügt hatte. „Ich habe dir einen Bagel mit allem besorgt“, grunzte Mike, ohne aufzublicken, als er Schritte hörte, die vor seiner Tür anhielten. „Danke, aber ich habe schon gegessen“, antwortete eine unbekannte Stimme. „Hey, Mike, hast du dieses Mal an den Frischkäse gedacht?“, fragte Patty, die um den schlanken asiatischen Mann herumspähte, der ihn mit einem leicht amüsierten Ausdruck musterte. „Ja, ich habe einen mit extra viel Frischkäse bestellt“, erwiderte Mike, während er abwesend über den nassen Fleck auf seinem dunkelblauen Hemd wischte. „Kann ich Ihnen helfen?“ Mike ließ seinen Blick über den Mann gleiten. Rasch erfasste er ein paar Details und speicherte sie ab: Anfang dreißig, etwa ein Meter siebenundsiebzig groß, braune Augen, eine dünne Narbe in der Nähe des linken Auges. Die Bügelfalten in seiner Anzughose, die polierten schwarzen Schuhe und sein präziser Haarschnitt deuteten darauf hin, dass er beim Militär war oder früher dort gewesen war. Der Blick des Mannes war aufmerksam und schien jedes Detail an Mike und seinem Büro zu erfassen. Mike folgerte daraus, dass er wahrscheinlich für den militärischen Geheimdienst arbeitete. „Ja“, kam die knappe Antwort. „Ich habe deinen Cappuccino vergessen, Patty. Warum gehst du ihn nicht holen? Ich übernehme solange das Telefon“, schlug Mike vor und hielt ihr die Tüte mit den Bagels hin. „Bist du sicher?“, fragte Patty und warf dem Mann, der beiseitegetreten war, um sie hereinzulassen, einen kurzen Blick zu. Mikes Lippen zuckten, als Patty ihm einen eindringlichen Blick zuwarf, als wolle sie ihm eine geheime Botschaft übermitteln. „Ganz sicher“, antwortete er trocken. „Oh, okay. Er dauert nur ein paar Minuten. Wenn du mich brauchst, ruf mich einfach“, sagte Patty, drückte die Tüte an ihre Brust und drehte sich um, um zu ihrem Gast aufzusehen. „Das Café ist sozusagen gleich nebenan. Die Wände sind dünn – wirklich dünn, wie Seidenpapier, wenn Sie wissen, was ich meine.“ „Patty, geh einfach“, befahl Mike verärgert. „Gott, ich gehe ja schon!“, murmelte Patty. Mike blieb so lange stehen, bis er die Glocke an der Eingangstür läuten hörte, bevor er mit einer Hand auf den Platz ihm gegenüber verwies. Er wartete, bis sich der Mann gesetzt hatte, bevor er selbst Platz nahm. Er sammelte die Fotos ein, die aus der Mappe gerutscht waren, die er vorhin fallen gelassen hatte, steckte sie wieder hinein und legte den Ordner anschließend beiseite. „Also, was kann ich für Sie tun, Mr. …“, begann Mike. „Tanaka – Agent Asahi Tanaka, CIA“, antwortete Asahi, griff in die Innentasche seiner Jacke und holte seinen Ausweis heraus. Mike beugte sich vor und griff nach der Lederhülle. Er öffnete sie und überprüfte die Ausweise im Inneren, bevor er sie schloss und sie dem Agenten zurückgab. Asahi steckte die Hülle wieder in seine Tasche. „Also, was führt die CIA nach Yachats, Oregon?“, fragte Mike. „Die Akte, die Sie auf Ihrem Schreibtisch haben, Detective Hallbrook“, erwiderte Asahi. Mikes Blick fiel sofort auf die kaffeebefleckte Mappe, die schon deutlich mitgenommen aussah. Er musste sie ersetzen. Er hatte sie schon so oft mit sich herumgetragen, dass sie schon vollkommen abgenutzt war. Er presste die Lippen zusammen und sah den Mann an, der ihm gegenübersaß. „Was hat das Verschwinden von zwei Frauen mit der CIA zu tun?“, fragte Mike, führte seine Hände zusammen und formte mit seinen beiden Zeigefingern ein Dach. „Das FBI könnte ich ja noch nachvollziehen, aber die CIA? Das ist doch etwas übertrieben, es sei denn, Sie glauben, dass Carly Tate und Jenny Ackerly Spioninnen sind, die für eine ausländische Regierung arbeiten.“ Asahis Blick wanderte von Mike zu der Akte und wieder zurück. Er schürzte kurz die Lippen, bevor er sich wieder entspannte und ein unergründlicher Ausdruck auf sein Gesicht trat. Mike hatte keinen Zweifel daran, dass dieser Mann deutlich mehr Zeit im Außendienst als mit Papierkram verbrachte. „Ich bin nicht befugt, das zu erklären, aber ja, es besteht Interesse an dem Verschwinden der beiden“, sagte Asahi und neigte seinen Kopf etwas. Mike lehnte sich nach vorne und stützte seine Arme auf seinem Schreibtisch ab. Er runzelte die Stirn, während er darüber nachdachte, was die beiden Frauen getan haben könnten, das die Aufmerksamkeit der CIA erregte. Alle Indizien und jeder, mit dem er gesprochen hatte, deuteten darauf, dass Carly und Jenny zwei ganz gewöhnliche US-Bürgerinnen waren, die sich zufällig kannten und am selben Ort verschwunden waren. „Wenn Sie nicht befugt sind, mir etwas zu sagen, warum sind Sie dann hier?“, fragte Mike sarkastisch. „Sie beschäftigen sich schon eine ganze Weile mit diesem Fall“, sagte Asahi. „Seit ich hier die Leitung übernommen habe“, erwiderte Mike mit einem Nicken. „Haben Sie irgendetwas … Ungewöhnliches über ihr Verschwinden herausgefunden?“, erkundigte sich Asahi. Mike entging nicht, wie Asahis Augen zu der Akte und wieder zurück huschten. Der Mann wollte sie sich ansehen. Das hatte Mike im Gefühl. Neugierig legte er seine linke Hand auf die Akte und schob sie dem Agenten zu. „Warum sagen Sie es mir nicht?“, schlug Mike vor. Ihre Blicke trafen sich kurz, bevor Asahi die Hand ausstreckte, um nach der Akte zu greifen. Mike hielt die Akte lange genug fest, um Asahi zu verstehen zu geben, dass er die Informationen nicht umsonst herausgeben würde. Asahis Augen blitzten kurz verärgert auf. „Die Informationen sind streng geheim“, erklärte Asahi mit ruhiger Stimme. Mike hob eine Augenbraue. „Ich kann meinen Mund halten“, antwortete er mit einem schiefen Lächeln. „Wie lange leben Sie schon in Yachats, Detective Hallbrook?“, fragte Asahi. Er zog den Ordner zu sich und öffnete ihn, als Mike ihn losließ und sich wieder in seinem Stuhl zurücklehnte. „Ein paar Jahre“, antwortete Mike. „Warum?“ „Ist Ihnen seit Sie hier wohnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Asahi und blätterte langsam durch die Notizen und Dokumente, die Mike zusammengetragen hatte. „Definieren Sie ungewöhnlich“, sagte Mike trocken. „Natürlich gibt es ein paar ungewöhnliche Zeitgenossen, die in dieser Gegend leben, aber niemanden, den ich als gefährlich einstufen würde.“ „Gefährlich ist nicht unbedingt das, was ich meine“, erwiderte Asahi und hielt bei einem handgeschriebenen Dokument inne, in dem Carlys und Jennys Verschwinden miteinander verglichen wurden. „Kann ich eine Kopie von dieser Akte bekommen?“ „Was zum Teufel geht hier vor sich, Agent Tanaka?“, fragte Mike. Asahi hob seinen Blick von der Akte und sah Mike an. Sein Blick war todernst. Mikes Magen verkrampfte sich, als der Mann zögerte und die Akte schloss. „Aliens“, sagte Asahi genau in dem Moment, als die Glocke an der Tür läutete. „Mike, ich bin wieder da! Haben wir irgendwelche Anrufe bekommen? Ist dieser selt… Oh, er ist noch da“, sagte Patty und blieb in der Tür stehen. Mike erhob sich im selben Moment wie Asahi. Sie starrten sich einen Moment lang an. Mike fragte sich, ob er den Mann richtig verstanden hatte, während Asahi auf Mikes Antwort bezüglich seiner Bitte um eine Kopie wartete. „Ich wollte gerade gehen“, erklärte Asahi und hielt ihm die Akte hin. „Patty kann Ihnen eine Kopie der Akten machen und sie Ihnen schicken“, sagte Mike, in Gedanken versunken, während er nach der Akte griff. „Ich danke Ihnen. Ich werde meine Informationen hinterlegen“, antwortete Asahi und ging um den Stuhl herum. Mike blickte auf die Akte in seiner Hand. Er spürte, wie er ungläubig den Kopf zu schütteln begann. Als Asahi gerade durch die Tür gehen wollte, sah er auf. „Tanaka …“, rief Mike. Asahi drehte sich zu Mike um. Er musterte das ausdruckslose Gesicht des anderen Mannes. „Ja.“ „Ist das Ihr Ernst?“, fragte Mike. „Absolut. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Detective Hallbrook. Ich bin sicher, wir werden uns wiedersehen“, sagte Asahi, bevor er sich umdrehte und ging. Mike stand an seinem Schreibtisch, den Blick starr auf die leere Tür gerichtet. Erst als er bemerkte, dass Patty zurückgekommen war, schüttelte er den Kopf und ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken. Er sah auf, als sie vor dem Schreibtisch stehen blieb. „Krasser Scheiß! Die CIA? Was zum Teufel ist hier los?“, hauchte Patty. Mike schüttelte den Kopf. „Wenn du es herausgefunden hast, lass es mich wissen“, erwiderte er trocken. „Kannst du …?“ „Ja, er hat mir seine Daten gegeben“, sagte Patty, die ahnte, worum er sie gleich bitten würde. Sie griff nach der Akte und schüttelte fassungslos den Kopf. „Wer hätte gedacht, dass es in dieser verschlafenen Kleinstadt mal so aufregend sein würde!“ Mike sah Patty nach, als sie sich umdrehte und zur Tür hinausging. Er wusste, dass bis zum Abendessen die halbe Stadt über Agent Tanakas Besuch Bescheid wissen würde. Der Rest würde es bis zum nächsten Morgen wissen. Mike erhob sich von seinem Stuhl, schnappte sich seinen Kaffee und ging um den Schreibtisch herum. Gut, dass er heute Morgen seine Jacke nicht ausgezogen hatte. „Patty, ich gehe ein bisschen raus“, rief er und ging auf die Hintertür des Polizeireviers zu. Er stieß die Tür auf und trat ins Freie. Der dünne Morgennebel hatte sich zu einem schweren Vorhang verdichtet. Ein grimmiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Kein Angeln heute; es war ein guter Tag, um jemandem einen Besuch abzustatten, der sein ganzes Leben hier verbracht hatte und die beiden Frauen kannte. Mike wandte sich nach links und beschloss, dass es sicherer wäre, zu Fuß zu gehen als zu fahren. Außerdem hatte er so Zeit, Tanakas Worte sacken zu lassen. Der Typ hatte gefragt, ob ihm irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen sei – abgesehen vom Verschwinden der beiden Frauen. „Nur ein verrückter CIA-Agent, der glaubt, dass Aliens oder Monster tatsächlich existieren“, murmelte Mike kopfschüttelnd.
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