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1542 Words
Genervt betrete ich unser Haus, kicke meine Schuhe in die Ecke und hänge meinen Mantel unordentlich auf. "Na, Schatz, wie war dein Tag?" Mom räumt gerade den Abwasch weg und sieht mir verblüfft zu, wie ich die Tüte mit dem Hering auf die Theke knalle. "Warum überhaupt und seit wann kaufst du Hering, Mady? Den isst doch, außer deiner Grandma, niemand. Hast du Hunger auf Hering? Soll ich dir-" "Nein. Guten Apetit." Ich laufe einfach in mein Zimmer und knalle meine Zimmertür zu. Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu sehen, wie mein Dad aus dem Wohnzimmer kommt und sie sich mit Mom bestimmt fragende Blicke zu werfen. Stöhnend lasse ich mich auf mein Bett fallen. Die Einkaufstüten liegen einfach auf dem Boden verstreut und sogar die Vorfreude auf das Festival ist wie weggeblasen. Warum muss er immer so gemein sein? Warum kann er sich nicht einfach mal nur nett mit mir unterhalten? Und warum verdammt nochmal kann mir das nicht egal sein?! Er sagt mir offen und ehrlich, dass ich ihn in Ruhe lassen soll und ich rücke ihm noch mehr auf die Pelle und frage ihn immernoch, ob wir nicht vielleicht Freunde sein können. Was ist bloß los mit dir, Mady?! Ich vergrabe mein Gesicht weiter in mein Kissen. Oh, Gott, noch peinlicher und dümmer geht's glaub ich nicht! Doch ich kann nichts dafür und muss über Dewson's Worte nachdenken. Egal was er sagt, er muss irgendetwas über Harvey wissen. Ich habe es an seinem Blick und an seiner Tonlage bemerkt. Doch die Frage ist nur was? Harvey ist ein Mysterium und es kribbelt im meinem Bauch, um ihn kennenzulernen und alles zu erfahren. Seine Art reizt mich und egal, was er sagt, er kann nicht so gefühlskalt oder böse sein, so wie er immer tut. Jeder hat seine Geschichte. Ich drehe mich auf meinen Rücken und sehe mich durch den Spiegel an. Ich muss daran denken, wie nah Harvey mir war und wie schön sein Geruch ist. Doch diese Gedanken verschwinden schnell. Vielleicht sollte ich einfach aufhören. Egal, wie sehr ich ihn kennenlernen will, ich habe mich schon genug blamiert. Hätte er Interesse, hätte er sich mit mir unterhalten oder mich angelächelt, anstatt dieses Mädchen. Ich frage mich, wer sie ist. Kennen sie sich von früher? Kein Wunder, dass sie sich in ihn verguckt hat. Ich meine, Harvey sieht gut aus und hat seine eigene Art, die wahrscheinlich jedes Mädchenherz zum Schmelzen bringt. Egal, ob er es beabsichtigt oder nicht. Ich will mir nicht vorstellen, wie er und dieses Mädchen nebeneinander stehen und lachen. Ich bemerke, wie sich ein komisches Gefühl in meiner Bauchgegend verbreitet und ich weiß ganz genau, was es ist. Eifersucht. Ich schüttele meinen Kopf. Ich muss aufhören daran zu denken. Ich muss aufhören, an ihn zu denken. Ich will nicht einer dieser Mädchen sein, die irgendsoeinem Typen hinterherrennen. Es ist das Beste, wenn ich vergesse, was alles passiert ist und ihm auch nicht mehr über den Weg laufe. _ "Das kannst du doch nicht ernst meinen, Mady!" Empört sieht mich Chloe an. "Du kannst dich nicht ewig vor ihm verstecken und deswegen nicht zum Festival gehen! Vorallem nicht, nachdem ich dich so aufgepeppt habe!" Ja, Chloe hat aus mir einen neuen Menschen gemacht. Wenn ich in den Spiegel sehe, scheine ich mich selbst nicht wieder zu erkennen. Sie hat mich in eine High-waist Jeans gesteckt, in der sie mein weißes Shirt hineingestopft hat und dadrüber eine Jeans Jacke gestülpt. Ein rotes Haarband schmückt meine offenen braunen Haare. Es sieht schön aus, ja ich sehe anders aus. Zwar ist das ein komisches Gefühl, da ich schon seit längerer Zeit keine Jeans anhatte, und sie meine Beine mehr betont, als der Rock, gefällt es mir. Doch das ändert trotzdem nicht meine Meinung. Ich seufze. Es sind drei Tage vergangen, seitdem ich zuletzt am Hafen war und so schnell wollte ich auch nicht wieder dahin. "Ich danke dir wirklich, aber ich habe dir vorher schon gesagt, dass ich nicht mitkommen werde und du wolltest es nur an mir ausprobieren. Ich will nicht dorthin." Chloe verdreht ihre Augen. "Mady, ich denke nicht, dass er dort überhaupt auftauchen wird. Nach deinen Erzählungen scheint er nicht so sehr der Mensch zu sein, der sich unter die Leute mischt. Also? Komm schon, du kannst mich nicht im Stich lassen!" Sie sieht mich bittend an und dieser Blick zieht immer bei mir. Und eigentlich hat sie ja Recht. Harvey wird dort bestimmt nicht aufkreuzen. Auch wenn nur ein klitzekleiner Teil in mir sich wünscht, dass er aufkreuzt. Wir laufen die Treppen hinunter, an meiner Mom und meinem Dad vorbei, die mich verwundert ansehen. Oh, Gott! Ich werde ja schon unter ihren Blicken rot. "Mady, Liebling, du siehst..wunderschön aus!" Mom sieht mich freudig an. Sie war schon immer diejenige, die meiner Grandma versucht hat einzureden, dass sie aufhören soll, mir Sachen zu nähen. "Lass dich bloß nicht, von deiner Grandma erwischen. Viel Spaß euch zwei! Wir kommen später nach." Sie zwinkert mir zu und gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Hafen. Schon von Weitem hört man die Musik, das Kinderlachen und Schreien und die Einwohner, die sich gut gelaunt amüsieren und unterhalten. Da es langsam dämmert, hat man schon die bunten Lichterketten angemacht, die den Hafen in wunderschöne Farben tauchen. Die Stände und Attraktionen sind nebeneinander aufgebaut und man sieht schon vom Eingang aus, wie auf der kleinen Bühne, eine alte Band, die wahrscheinlich mein Dad früher gehört hat, spielt. Ein Geruch von Meeressalz, gemischt mit dem Duft von Waffeln, Mandeln und gebrannten Kastanien liegt in der Luft. Wir stürzen uns in den Tumult und laufen durch die Straße. Ab und zu werden wir von einem Bekannten aufgehalten und führen Smalltalk. Die Touristenstände sehen wir uns erst gar nicht an und machen uns direkt auf den Weg zur Bar. Nachdem wir uns etwas zu trinken bestellt haben, bleiben wir in der Nähe von der Tanzfläche stehen und unterhalten uns mit alten Klassenkameraden aus der Highschool. Ich erwische mich selbst dabei, wie ich mein Blick immer wieder über die Menge schweife, mit der Hoffnung braune Locken zu erblicken. Doch anstatt ihn, erkenne ich, wie das Mädchen mit den platinblonden Haaren, vor dem Waffelstand steht und immer wieder durch die Menge sieht, bis ihr Blick meinen trifft. Wir haben für einen Moment Blickkontakt, bis sie sich dann demonstrativ abwendet. Sie hat kurze Shorts an und ein pinkes Top mit einem weißen Cardigan darüber. Ihre perfekt geglätteten Haare sind zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, sodass sie über ihren ganzen Rücken fallen, und sehen wunderschön aus. Ich schlucke hart. Sie fängt an zu lächeln und ich folge ihrem Blick. Und dann sehe ich ihn. Er sitzt am Hafenrand und raucht wiedermal eine Zigarette. Eine schwarze enge Jeans schmiegt sich an seine Beine und sein weißes Shirt wird von den bunten Lichtern reflektiert. Genau, wie ich, hat er einen Bandana auf seinem Kopf, was ihn noch schöner aussehen lässt. Neben ihm steht der eine Typ, der auch für William arbeitet und redet auf ihn ein, doch das scheint Harvey nicht zu interessieren, da er ihn gar nicht zu beachten scheint und seinen Blick starr auf mich gerichtet hat. Ich kann ihn nicht ganz deuten, sehe nur, wie sich seine Augen in meine bannen. Wie lange beobachtet er mich schon? Sein Gesichtsausdruck zeigt keine einzigste Emotion und er scheint auch nicht wegsehen zu wollen. "Na, Ladies? Amüsiert ihr euch?" Dewson bekommt meine Aufmerksamkeit, der sich mit einem Glas Bier, zu uns gesellt. Wiederwillig wende ich mich an ihn und verdrehe die Augen, während Chloe gleich in Ohnmacht zu fallen scheint. Doch er sieht mich nur mit erhobener Augenbraue von oben bis unten an. "Ihr sieht toll aus." Sein Blick ist starr auf mich gerichtet und ich fühle mich nun so, als würde ich von beiden Seiten beobachtet werden. Verrückt. "Wie wär's, wenn wir zum Schießstand gehen?" "Klar!" Chloe ist sofort Feuer und Flamme und zieht mich mit sich, Dewson hinterher. Als ich mich nochmal umdrehe, steht Harvey nicht mehr da, wo er eben noch stand. "Also, dann fangen wir mal an." Wir kommen am Schießstand an und Dewson schießt natürlich grandios los und trifft alle Pferde, die ans Ziel zu kommen versuchen. Die Leute um uns herum jubeln, während ich nur meine Arme verschränke. Ich meine, er hat fast eine Polizeiausbildung hinter sich. Natürlich ist er gut darin. Er trifft alle ab und lässt Chloe sich ein Kuscheltier aussuchen. Danach wendet er sich an mich. "Natürlich kriegst du auch eins, Mady. Such dir schonmal eins aus. Ich denke, dass mir keiner das Wasser reichen kann, daher bin ich der Einzige, der für dich einen kleinen Teddybären gewinnen kann. Will jemand gegen mich spielen?" Er lacht und sieht um sich und seine Tonlage sagt schon aus, dass er schon davon ausgeht, dass keiner gegen ihn spielen wird. Dieses Ego kotzt mich an. Ich will ihm gerade sagen, dass ich gar keinen Teddybären will, als mir jemand zuvorkommt. "Ich spiele gegen dich." Jeder dreht sich in die Richtung um, aus der die Stimme kommt und Harvey tritt aus der Menge heraus und sieht erst Dewson an, bevor sein Blick dann zu mir gleitet. "Ich denke, dass dir leicht das Wasser zu reichen ist, O'Brien. Hast du schon den Fehlfang vergessen?"
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