Für den Bruchteil einer Sekunde sehen wir uns an, bevor er sich wieder seiner Arbeit widmet und mich mit einem schnellen Herzschlag zurücklässt.
Wahrscheinlich denkt er sich wieder, dass ich, die gestörte Stalkerin, wieder da bin.
Ich seufze und Chloe scheint meinen traurigen Gesichtsausdruck zu bemerken.
"Hey, Kopf hoch. Das wird alles schon."
Sie lächelt, was ich erwiedere und langsam machen wir uns auf den Heimweg. Als wir an William's Stand und Boot vorbeilaufen, sehe ich, wie ein Mädchen mit platinblonden Haaren, am Stand steht und wahrscheinlich frischen Fisch kauft.
Nur, dass sie, anstatt die Fische zu betrachten, Harvey betrachtet. Sie fragt ihn irgendetwas, was ich nicht verstehe und Harvey sieht sie kurz von oben bis unten an, bevor er eine knappe Antwort gibt. Doch das Mädchen lässt nicht locker.
Sie wickelt sich eine Haarsträhne, von ihren perfekt geglätteten Haaren, um den Finger und sagt noch etwas, was Harvey kurz zum Grinsen bringt, doch er antwortet ihr nicht.
Ich spühre, wie ich wütend werde. Mich hat Harvey noch nie angegrinst. Ich werde nur immer gemein angeguckt.
Chloe folgt meinem Blick und bevor sie etwas sagen kann, bewegen sich meine Füße, wie von selbst, zu William's Stand.
"Oh hallo, Madeline. Wie geht es dir?"
"Bestens."
Meine Stimme klingt schärfer, als beabsichtigt.
Der arme Mann kann ja nichts dafür, dass der Herr mit den Locken sich wie ein Arsch benimmt. Und ich weiß, dass egal, wie sehr er gerade auf dem Boot steht und so tut, als würde er nicht bemerken, dass ich hier bin, mich bemerkt hat und mich hören kann.
Verwirrt sieht William mich an.
"Wie geht's deiner Grandma? Wollte sie etwas haben?"
"N-nein, aber ehmm, meine Mom."
Oh, Gott.
Ich war noch nie gut im Lügen.
"Oh, ok. Was darf es sein? Der Wildlachs oder doch der Meeresfisch? Ich kann dir auch einen Hering anbieten."
Überfordert sehe ich ihn an.
Ich weiß gar nicht, was für eine Fischsorte Mom liebt.
Schande über mich.
"Hering! Ja, einen Hering, bitte."
Ich lächele William entschuldigend an, der verwirrt über meine Handlung und meiner hohen Stimme ist und dann umkehrt, um den Fisch vorzubereiten.
Währenddessen, versuche ich zu verstehen, was diese dumme blonde Kuh von sich gibt.
Oh, Gott, Mady!
Du kennst sie gar nicht!
"Naja, vielleicht sieht man sich."
Sie lächelt ihm zu und ich kann nicht leugnen, sie ist bildhübsch. Ich stelle mir Harvey und sie nebeneinander vor und ganz ehrlich, sie würden das perfekte Paar abgeben, während Harvey und ich, die Schöne und das Biest darstellen würden.
Nur bin ich das Biest und er der Schöne.
Harvey antwortet ihr nicht, doch schüttelt grinsend seinen Kopf.
Mit ihren hohen Absätzen klackert sie an mir vorbei. Sie beachtet mich nicht mal.
Ich glaube, das tur hier keiner.
Während ich auf William warte, spiele ich ungeduldig mit meinen Händen. Ab und zu werfe ich einen Blick auf Harvey, der mich gar nicht zu beachten scheint.
Das war ja so voraussehbar.
Ich studiere seine Gesichtszüge, wie er sich auf seine rosanen Lippen beißt und sich mit der Hand über die Stirn wischt.
Ich erwische mich selbst dabei, wie ich daran denken muss, wie sich seine Lippen wohl auf meinen anfühlen würden. Sind sie so weich, wie ich mir sie vorstelle?
Mein Blick gleitet weiter über seine Tattoos und ich verspühre den Drang sie mit meinem Finger nachzufahren. Am Liebsten würde ich ihn fragen, welche Bedeutung jedes einzelne hat.
Seine wunderschönen, mit Ringen beschmückten, Hände stapeln die Kisten mit einer Leichtigkeit aufeinander, als wären sie nicht voll mit frischem Fisch, und ich erinnere mich daran, wie er mich im Wald seine Hand halten gelassen hat.
Als er sich über die Lippen leckt, tue ich dasselbe und wundere mich darüber, was mit mir los ist.
"Sind wir wieder beim Starren?"
Harvey's genervte Stimme lässt mich aus meinen Gedanken fahren.
"Ich starre nicht", stammele ich und verfluche innerlich meine Wangen, die wieder brennen. Er hebt eine Augenbraue und hört dabei auf, die Kasten aufeinander zu stapeln.
"Ich habe dir schonmal gesagt, dass du es lassen sollst. Es geht mir auf den Sack."
Wütend sieht er mich an und ich versuche das Hirn, dieses wunderschönen Mannes, zu verstehen.
Warum ist er immer so aggressiv?
Was habe ich jetzt schon wieder getan?
Ich habe doch gar nicht gestarrt. Ok, nur ein bisschen.
Aber das ist kein Grund, so auszurasten oder so verletzend zu sein.
Bevor ich etwas erwiedern kann, höre ich einen Schrei und drehe mich um. Dewson steht neben Chloe und hat sie wohl mit seiner Wasserflasche nass gespritzt, weswegen sie aufgeschrien hat. Man hört Dewson's Gelächter bis hierhin und als er mich sieht, winkt er mich zu sich.
"Mady, brauchst du 'ne Abkühlung?"
Perfekt aneinandergereihte weiße Zähne kommen zum Vorschein, doch im Moment ist mir nicht nach Lachen zumute, da ich Harvey's grimmigen Blick hinter mir spühre.
Ich drehe mich wieder zu ihm um, der jedoch hat sich wieder seinen Kastenstapeln gewidmet.
"Ich wollte nur eine Konversation starten", sage ich leise, weswegen er mich skeptisch ansieht.
"Und ich habe dir zum f*****g zehntausendstenmal gesagt, dass ich keine mit dir starten möchte."
Ich höre wieder diesen gemeinen Unterton in seiner Stimme und seufze auf.
"Was ist so falsch daran, dass wir vielleicht Freunde sein können?"
Ich sehe ihm in diese grünen Augen, die mich durchbohren, ehe sie mir näherkommen, sodass ich wieder meinen Kopf leicht in den Nacken legen muss.
Ich rieche seinen Aftershave, gemischt mit Rauch, und die Wärme, die sein Körper ausstrahlt, scheint mich zu umfangen.
Mit jedem Wort prallt sein warmer Atem auf mich herab und ich habe Schwierigkeiten, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Diese Lippen bewegen sich viel zu schön und ich würde sie am Liebsten einfach nur auf meinen spühren.
Mir wird heiß. Sehr heiß.
"Weil ich keine Freundschaften schließe."
Seine Lippen sind nur ein paar Zentimeter von meinen entfernt und mein Atem verschleunigt sich. Mein Hirn scheint sich nur noch auf sie zu fokussieren.
Ich fühle mich wie erstarrt.
Er kommt mir mit seinem Kopf näher und seine Lippen streifen mein Ohrläppchen, während seine Locken meine Wange kitzeln. Es scheint, als würde ich für einen Moment das Atmen vergessen.
"Ich bevorzuge es allein zu sein, kleine Mady."
Und damit entfernt er sich wieder und ich öffne meinen Mund, um etwas zu sagen, doch es kommt nichts. Er soll sich nicht entfernen. Er soll seine gottverdammten Lippen auf meine Haut pressen.
Nur dank dieser Nähe schon zieht sich mein Unterleib zusammen.
"Mady!", höre ich Dewson hinter mir rufen und sehe, wie Harvey ihm einen vernichtenden Blick zuwirft. Doch ich drehe mich nicht um.
Ich kann nicht.
Wie kann ein einziger Mann nur solch eine Wirkung auf mich haben?
"Hier, mein Kind. Grüß deine Mutter von mir. Und natürlich deine Grandma."
Ich sehe, wie William's Wangen einen rosa Ton annehmen, doch wirklich konzentrieren kann ich mich nicht. Ich nehme nur vage wahr, wie meine Hand die Tüte entgegennimmt.
Harvey hat sich mittlerweile auf eine geschlossenen Kiste gesetzt und zündet sich eine Zigarette an. Als hätten wir eben gar nicht miteinander gesprochen und als wäre er nicht der Grund, weswegen ich wie angewurzelt da stehe und nicht in der Lage bin einen normalen Satz zu formulieren.
Seine Augenbrauen zusammengezogen, sieht er hinter mich, zu Dewson und Chloe.
"Wolltest du noch etwas haben, Madeline? Kann ich dir sonst etwas anbieten?"
William sieht mich besorgt an und ich brauche erst einen Moment, bevor ich wieder zu mir selbst finde. Gerade als ich was sagen will, antwortet Harvey für mich.
"Nein. Sie wollte gerade gehen."
Er bläst seelenruhig den Rauch seiner Zigarette aus und sieht mich durchdringend an. Ich presse meine Lippen aufeinander und nicke nur. Und ohne mich von William zu verabschieden, drehe ich mich wütend um und will einfach nur weg.
Weg von diesen durchbohrenden grünen Augen, die sich in meinen Rücken brennen.
Ich laufe an Dewson und Chloe vorbei, die mir hastig folgen, doch ich will mit keinem sprechen.
Ich fühle mich so erbärmlich.
Bettele darum, dass wir Freunde sein können. Für wie bescheuert muss er mich halten. Dass ich trotzdem nach den ganzen bösen Bemerkungen und Abweisungen nicht verstehe, dass er in Ruhe gelassen werden will und ich ihm immernoch hinterherlaufe.
Ich bin so wütend.
So wütend auf Harvey.
So wütend auf mich selbst.
"Mady!"
Ich bleibe stehen und Dewson und Chloe sehen mich fragend.
"Mir geht's nicht so gut. Ich glaube, ich gehe nach Hause."
Chloe will etwas sagen, doch mein Blick lässt sie verstummen. Sie weiß, dass ich es ihr später erzählen werde und jetzt einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte.
"Soll ich dich fahren?"
Ich will ablehnen, doch als ich sehe, wie Harvey immernoch in meine Richtung sieht, verspühre ich plötzlich den Drang dazu einzuwilligen. Und gemeinsam mit Dewson laufen wir zu seinem Wagen, während Chloe sich zu ihrem auf den Weg macht.
Ich unterdrücke den Drang nocheinmal zurück zu sehen.
Ich will nicht sehen, wie böse er wieder in meine Richtung guckt oder wie er einfach weiter mit seiner Arbeit macht, da es ihm egal ist, während ich mir wiedermal die ganze Fahrt über den Kopf darüber zebreche und sauer auf mich selbst bin.
Sauer, weil ich ihm so verfallen bin.
Wir kommen an unserem Haus an und bevor ich aussteige, hält mich Dewson auf.
"Ehm, Mady, ich weiß, es sollte mich nichts angehen, aber ich will, dass du vorsichtig bist."
Verwirrt sehe ich ihn an.
Von was redet er?
Er bemerkt meinen Blick und redet weiter.
"Ich meine, diesen Fischersjungen, der keine Fische werfen zu können scheint."
Er verdreht die Augen.
"Ich traue ihm nicht und er ist kein guter Umgang."
Ich runzele meine Stirn. Kennt Dewson ihn etwa?
Wenn ja, woher?
"Woher-"
"Es ist nur eine Bitte, für dein Bestes. Halte dich von ihm fern."
Als er in meine Augen schaut, bemerke ich, dass er es ernst meint und sich wirklich nur um mich sorgt. Ich sehe an seinem Gesichtsausdruck, dass er mehr über ihn zu wissen scheint, als er tut.
Doch nur was?