Ich blinzele ein paar Mal und versuche mich wieder aufrecht hinzusetzen. Scheint, als wäre ich eingeschlafen.
Es ist sehr warm im Auto und meine Haare und meine Klamotten sind schon wieder fast trocken. Doch lange Gedanken mache ich mir darüber nicht, da ich erst jetzt sehe, weswegen ich überhaupt wach geworden bin.
Man hört Polizeisirenen und durch den Regen, kann man blau-rotes Licht erkennen. Und dann trifft die Erkenntnis mich mit einem Schlag.
Mein Dad.
Ich habe ihnen nicht gesagt, dass mein Handy kaputt ist und sie haben sich, bei dem Wetter, bestimmt unendlich viele Sorgen gemacht. Ich hätte wissen müssen, dass er auf Streife gehen wird, um mich zu finden.
Und wie ich von hier aus erkenne, sind es ganz viele Polizeiwagen.
"Harvey?"
Ich drehe mich zu Harvey, der wieder seine Kapuze auf dem Kopf hat, seine Arme verschränkt und anscheinend auch eingeschlafen zu sein scheint.
Wenn ich ihn hier so schlafen sehe, will ich ihn am Liebsten gar nicht aufwecken.
Sein Gesicht wird, dank den rot-blauen Lichtern, erhellt und er sieht einfach nur aus wie ein Engel.
Wenn er schläft, ist die Falte auf seiner Stirn und diese zerkrauste Augenbraue verschwunden. Er sieht aus, als könnte er keiner Fliege etwas antun.
So ruhig und lieb.
Glücklich.
Und wunderschön.
Makellose Haut, rosa Lippen, die leicht geöffnet sind, die Wangen in einem hellen rosa Ton, wahrscheinlich wegen der Wärme, und diese wundervollen Locken.
Wie gerne würde ich sie anfassen.
Doch ich weiß, dass, wenn ich dies täte und Harvey es herausfinden würde, mich wahrscheinlich umbringen würde.
Als die Polizeiwagen immer näher kommen, fange ich an, ihn leicht an seinen Armen zu schütteln.
"Harvey, wach auf."
Er blinzelt ein paar Mal, bevor er bemerkt, dass ich ihn geweckt habe und setzt sich dann auf. Er sieht die Polizeiwagen an, die näher kommen und stellt die Heizung aus.
"Du brauchst dir keine Sorgen machen, das ist mein-"
"Dein Daddy. Schon klar."
So unhöflich, wie er ist, unterbricht er mich und verdreht die Augen. Ich sage nichts, da ich ihm immernoch unendlich dankbar bin, dass ich hier in seinem Auto bleiben durfte.
Obwohl er es wahrscheinlich eigentlich gar nicht wollte.
Ein Polizeiwagen hält vor uns und ich sehe, wie ein Beamter und mein Vater, unter dem Regen, mit schnellen Schritten zu uns kommen.
Ich öffne die Tür und steige aus. Mein Dad sieht mich verwundert, aber auch erleichtert an. Wahrscheinlich dachte er, dass jemand hier geparkt und gewartet hat, bis der Regen aufhört. Was ja eigentlich auch stimmt, nur dass ich einer dieser Personen bin.
"Dad!"
Er umarmt mich, genau wie ich ihn.
"Oh, Gott, Mady! Was machst du für Sachen? Wir haben uns so Sorgen gemacht!"
"Es tut mir Leid. Ich habe nicht mitbekommen, wie die Zeit vergangen ist und das Wetter sich verdunkelt hat."
Er nickt und umarmt mich nochmal. Danach gibt er, den Anderen, die hinten an den Wagen stehen, ein Zeichen, dass alles in Ordnung ist und sie mich gefunden haben. Sein Blick gleitet zu Harvey, der seelenruhig im Wagen sitzt und uns beobachtet.
"Das ist Harvey. Er war die ganze Zeit bei mir."
"Steig in meinen Wagen. Es regnet zu stark, du wirst krank."
Ich nicke nur, doch laufe erstmal zu Harvey.
"Ehmm, danke nochmal."
Ich weiß, dass er das nicht hören will, weil ich mich viel zu oft bedanke, doch er verdient es.
Er brummt als Antwort nur und während ich mich langsam auf dem Weg zum Auto mache, höre ich meinen Dad ein Danke zu Harvey sagen. Ich drehe mich um, um zu sehen, dass sie sich die Hände schütteln und Harvey sich als "Harvey Steel" vorstellt.
Steel, also.
Im Wagen sitzt Dewson auf dem Beifahrersitz und sofort werde ich mit Fragen bombadiert, was passiert ist.
Ich sage ihm einfach, dass ich zu müde bin und versuche Harvey's Gesichtsausdruck zu erkennen.
Ich kann von hier aus sagen, dass er neutral guckt und langsam kommt mein Vater wieder zurück. Als wir davon fahren, blicke ich nocheinmal zu ihm, um zu sehen, dass er immernoch einfach nur da sitzt und uns hinterherschaut. Mit einer Zigarette in der Hand.
Ich lehne mich nach hinten, in den Sitz, und schließe meine Augen, um sein wunderschönes Gesicht vor mir zu sehen.
_
"Hör auf so rumzuzappeln, Kind. Ich bin gleich fertig."
Ich seufze und versuche meine Arme geade zu halten und mich nicht zu bewegen, da Grandma irgendsoein Kleid nähen wird und ich Probe stehen muss, damit sie die Maßen des Stoffes hat.
Es sind zwei Tage vergangen, seitdem ich mit Harvey im Wald war. Auf meinen Wunden hat sich eine Kruste gebildet, was mich automatisch an ihn erinnern lässt. Zu meinem Glück bin ich nur mit Schnupfen davon gekommen.
Ich war auch am Hafen, um ihn wieder zu sehen, doch natürlich war er wieder nicht da. Und William nach seinen Arbeitszeiten zu fragen, habe ich mich nicht getraut.
Auch wenn es extrem dumm ist, da er mich gar nicht wiedersehen will, will ich in seiner Nähe sein.
Seine Art ist so anziehend und ich will einfach mehr über ihn herausfinden.
Ich verstehe gar nicht, warum Grandma jeden Stoff an mir ausprobiert. So viele Kunden können doch unmöglich fast so groß, wie ich sein. Doch wenn ich sie frage, sagt sie nur, dass sie die Größe ändert.
"Perfekt! Jetzt kann ich anfangen. Ich muss sagen, der Stoff ist wirklich schön. Ich sollte dir auch eins nähen, damit du es zum Festival tragen kannst."
Jedes Jahr findet ein Festival am Hafen statt und es werden Attraktionen, wie ein Karussell und viele Werf- und Schießstände aufgebaut. Auch Stände, an denen die Leute Essen oder Schmuck und anderes verkaufen, sind ein Teil davon und verschiedene Bands sorgen für unterhaltsame Musik.
Es herrscht jedes Jahr eine schöne Atmosphäre, da hier jeder fast jeden kennt und sich daher amüsiert. Als Kind habe ich mich immer so sehr gefreut und die Tage gezählt, bis es so weit ist.
"Ehm, Grandma..ich dachte mir, dass ich mal kein Kleid tragen werde."
Sie runzelt die Stirn, während sie mich vom Stoff befreit hat, sodass ich mich wieder frei bewegen kann.
"Was soll das denn heißen, Madeline, Liebes. Natürlich wirst du ein Kleid tragen! Du liebst Röcke und Kleider!"
"Ja, aber Hosen stehen mir auch und ich denke, ich könnte öfter-"
"Natürlich stehen dir Hosen, mein Kind. Aber Röcke und Kleider lassen dich, wie eine kleine Dame aussehen und nicht, wie ein unverschämtes Rockengör. Sonst dauert es nicht mehr lange, bis du anfängst, diese scheußlichen Piercings zu tragen!"
Ich will ihr sagen, dass nicht jeder, der eine Hose trägt, zum Rocker oder Punk mutiert. Doch ich weiß, es ist hoffnungslos.
Die Tür geht auf und eine gut gelaunte Chloe kommt herein.
"Und können wir?"
"Klar. Viel Spaß euch zwei."
Und somit verlassen wir den kleinen Laden und machen uns auf den Weg ins Einkaufszentrum, um wieder die Läden zu durchstöbern.
"Ich freue mich so richtig auf das Festival! Genau wie letztes Jahr wird das ein riesen Spaß!"
"Oh ja. Ich musste dich nach Hause tragen, da du so voll warst, um auf deinen eigenen Beinen zu stehen."
Ich verdrehe die Augen, während Chloe sich die blonden Haaren von den Schultern wirft.
"Ach, was! Ich hatte nur ein wenig Spaß."
Ich lächele nur und wir bleiben vor dem Schaufenster eines Ladens stehen.
"Oh, findest du nicht, dass dieses rosa Kleid wunderschön ist? Es würde perfekt zu deiner Haarfarbe passen!"
"Ja, ehmm...aber ich denke, dass ich vielleicht mal eine Hose anziehen möchte", druckse ich herum, obwohl das eigentlich was total normales ist. Ich weiß gar nicht, warum jeder so ein großes Thema daraus macht.
Ich weiß, dass ich nie Hosen anziehe, aber ich habe genug von diesen Röcken und Kleidern.
Ja, seitdem Harvey dir verdeutlicht hat, dass er sie nicht mag.
Chloe weitet ihre Augen.
"Du willst eine Hose anziehen? Mady, das ist...toll! Endlich kann ich deinen Schrank mit Hosen vollstopfen! Wir fangen am Besten an!"
Sofort packt sie mich am Handgelenk und zieht mich mit sich. Und die restlichen zwei Stunden verbringen wir mit Hosen anprobieren, von denen ich mir auch welche kaufe.
Mittlerweile laufen wir mit den Tüten durch die Hafenstraße und setzen uns in ein kleines Cafe. Das Wetter hat sich gebessert und die Sonne scheint durch die Wolken auf den Sonnenschirm, unter dem wir sitzen und einen Milkshake trinken.
"Also, erzähl, was ist los mit dir?"
Chloe sieht mich an, während ich sie verwirrt ansehe.
"Was soll mit mir los sein?"
"Ich weiß nicht, du bist die ganze Zeit in Gedanken versunken."
Sie sieht mich mit einem schiefen Lächeln an, während ich einfach nur mit meinem Strohhalm spiele. William's Gerufe lässt mich zu ihm blicken.
"Ihr könnt abladen, Jungs!"
Und man sieht, wie das Segelboot am Hafenrand anlegt und Harvey und noch ein Junge laden die frischgefangenen Fische in die Kisten ab. Er war auf dem Meer angeln.
Ich kann von hier aus, die schwarze Tinte auf seinen trainierten Armen erkennen, die dank dem schwarzen Tanktop hervorluken. Natürlich blickt er nicht auf und ich bemerke, wie ich wütend werde, weil schon wieder ein paar Mädchen auf der Bank sitzen und ihre Augen nicht von ihm nehmen können.
Es dauert ein paar Minuten, bis ich mich wieder zu Chloe wende, die mich mit erhobener Augenbraue ansieht.
"Warum habe ich das Gefühl, dass es etwas mit diesem komischen Kerl von letztens zu tun hat?"
Und seufzend gebe ich mich geschlagen und erzähle ihr alles.
"So, ich denke, du bist verknallt."
Ich verschlucke mich an meinem Milkshake und huste ein paar Mal.
"Was?", krächze ich und sehe sie geschockt an.
"Das stimmt doch gar nicht!"
Chloe verdreht die Augen.
"Deswegen siehst du jede Sekunde zu ihm und deine Wangen haben schon die Farbe eines kleinen Ferkels."
"Danke sehr für den ach so tollen Vergleich", gebe ich sarkastisch von mir und bete, dass meine Wangen wieder ihre normale Farbe annehmen.
"Du solltest einfach hingehen und mit ihm sprechen."
Sie zuckt mit den Schultern.
"Chloe? Er will nicht mit mir reden. Er will überhaupt nichts mit mir zu tun haben", gebe ich verzweifelt von mir, während Chloe wieder nur grinst.
Verwirrt und fragend sehe ich sie an.
"Und deswegen schaut er hierher."
Ich drehe mich um und sie hat Recht. Er blickt geradewegs hierhin.