Kapitel 6: Schatten in der Stadt

2455 Words
Der Abend war hereingebrochen, und die WG in Berlin-Mitte lag in einer seltenen Stille. Lukas Teufel saß auf seinem Bett, die Beine ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, während er an die Decke starrte. Die Ereignisse des Tages – der Kampf mit Klara Rauch in der Kampfsportschule – ließen ihn nicht los. Seine Lippe pochte noch leicht, wo ihr Uppercut ihn getroffen hatte, und seine Rippen fühlten sich an, als hätte jemand mit einem Vorschlaghammer draufgeschlagen. Er war gut, verdammt gut sogar, aber Klara war eine andere Liga. Ihre kalten Augen, ihre präzisen Bewegungen – sie hatte etwas an sich, das ihn gleichzeitig faszinierte und beunruhigte. Er zog sein altes Paar Boxhandschuhe aus dem Rucksack, die er seit Hamburg mit sich herumschleppte. Das Leder war abgewetzt, die Nähte an den Rändern ausgefranst, aber sie fühlten sich vertraut an, wie ein Stück Heimat. Er schlug leicht mit der Faust hinein, ein dumpfes Geräusch hallte durch den kleinen Raum. „Vielleicht sollte ich wieder richtig trainieren“, murmelte er vor sich hin. Berlin war kein Ort für Weicheier – das hatte ihm Jonas Berg gestern bewiesen, und Klara hatte es heute unterstrichen. Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken. „Ja?“ rief er, ohne sich aufzusetzen.Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Mia Sommer steckte den Kopf herein. Sie trug ein graues Sweatshirt, das ihr fast bis zu den Knien reichte, und ihre blonden Locken waren zu einem chaotischen Dutt hochgebunden. „Hey, du lebst noch?“ fragte sie mit einem verschmitzten Grinsen und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie hielt eine Tasse Tee in den Händen, der Duft von Kamille zog durch den Raum.„Gerade so“, sagte Lukas und warf die Handschuhe auf den Nachttisch. „Was gibt’s?“„Ich hab von deinem Kampf gehört“, sagte sie und ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen, die Tasse vorsichtig balancierend. „Hanna hat’s mir erzählt, als sie zurückkam. Sie meinte, du hättest dich nicht schlecht geschlagen – für einen Amateur.“„Für einen Amateur?“ Lukas schnaubte und setzte sich auf, die Arme auf den Knien abgestützt. „Ich hab sie getroffen, oder nicht? Das war kein Glück, das war Können.“„Einmal“, sagte Mia lachend und nahm einen Schluck Tee. „Hanna meinte, Klara hätte dich trotzdem fast zerlegt. Sie war beeindruckt, dass du überhaupt stehen geblieben bist.“„Hanna kann mich mal“, sagte er grinsend und lehnte sich zurück. „Aber Klara… die ist echt was Besonderes. Sie kämpft, als wär sie aus Stahl gemacht.“„Oh ja“, sagte Mia und nickte enthusiastisch. „Sie ist eine Legende bei der Polizei. War früher beim Militär – irgendeine Spezialeinheit, glaub ich. Niemand weiß genau, was sie gemacht hat, aber die Gerüchte sind wild. Manche sagen, sie hat mal ’nen Typen mit bloßen Händen k.o. geschlagen, der doppelt so groß war wie sie.“„Klingt nach ihr“, sagte Lukas und runzelte die Stirn. „Das erklärt, warum sie mich angesehen hat, als wär ich ’ne Fliege, die sie zerquetschen will.“„Genau“, sagte Mia und kicherte. „Aber pass auf – sie mag keine Angeber. Wenn du sie weiter provozierst, macht sie dich fertig, und ich mein’s ernst.“„Provozieren?“ Lukas lachte leise, ein raues Geräusch, das durch den Raum hallte. „Ich hab nur versucht, nicht k.o. zu gehen. Sie ist diejenige, die mich angestarrt hat wie ein verdammter Falke.“ Mia grinste, dann wurde ihr Blick plötzlich ernst. Sie stellte die Tasse auf den Schreibtisch und beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien. „Apropos anstarren… hast du heute Abend was vor?“„Nicht wirklich“, sagte er und zuckte mit den Schultern. „Warum?“„Ich geh später in ’nen Club in Kreuzberg“, sagte sie und drehte sich auf dem Stuhl hin und her, als könnte sie nicht stillsitzen. „Nichts Großes, nur ein paar Drinks mit Freunden. Dachte, du könntest mitkommen. Hanna kommt auch – ich hab sie überredet, obwohl sie erst rumgemault hat.“„Hanna in einem Club?“ Lukas hob eine Augenbraue, ein amüsiertes Lächeln spielte um seine Lippen. „Das muss ich sehen. Die Frau, die mich betrunken über die Schulter geworfen hat, tanzt jetzt zu Techno?“„Nicht tanzen“, sagte Mia lachend. „Eher dastehen und böse gucken, während wir Spaß haben. Aber ja, sie kommt mit. Also, bist du dabei?“„Klar“, sagte er und stand auf, streckte sich, bis seine Gelenke knackten. „Ich brauch sowieso mal ’nen Tapetenwechsel.“„Perfekt“, sagte Mia und sprang auf, die Tasse in der Hand. „Dann zieh dir was an, das nicht nach Schweiß und Boxring riecht. Wir treffen uns in ’ner Stunde im Wohnzimmer.“ Sie zwinkerte ihm zu und verschwand aus dem Zimmer, die Tür leise hinter ihr zufallend. Lukas schüttelte den Kopf und durchwühlte seinen Rucksack nach etwas Passablem. Er fand ein schwarzes T-Shirt, leicht zerknittert, aber sauber, und eine Jeans, die nicht aussah, als hätte er damit im Dreck gekämpft. Er zog sich um, warf einen Blick in den kleinen Spiegel an der Wand – die geschwollene Lippe war noch sichtbar, aber nicht schlimm genug, um Fragen zu provozieren. Seine Haare waren ein Chaos, aber er fuhr einfach mit der Hand durch und ließ es so. „Passt schon“, murmelte er und schnappte sich seine Jacke. Eine Stunde später standen sie zu dritt vor der WG-Tür, bereit zum Aufbruch. Mia hatte sich in ein enges rotes Top und Jeans geworfen, ihre Locken fielen jetzt offen über die Schultern und glänzten im Licht des Flurs. Hanna trug ein dunkelgraues T-Shirt und eine schwarze Lederjacke, die sie noch tougher aussehen ließ, ihre Haare offen und leicht zerzaust. Sie warf Lukas einen kritischen Blick zu, die Arme verschränkt. „Du siehst aus, als hättest du in ’nem Boxring geschlafen“, sagte sie trocken.„Danke“, sagte er grinsend und zog die Jacke zurecht. „Du siehst aus, als würdest du gleich jemanden verhaften.“„Vielleicht dich“, knurrte sie, aber Mia schob sich dazwischen, bevor die Sticheleien eskalierten.„Kommt schon, ihr zwei“, sagte sie lachend und öffnete die Tür. „Lasst uns Spaß haben, ja? Kein Streit heute Abend.“ Der Club „Zum Schwarzen Adler“ lag in einer engen Seitenstraße von Kreuzberg, ein altes Fabrikgebäude mit rohen Ziegelwänden und einem flackernden Neonschild über dem Eingang. Der Bass der Musik dröhnte durch die Nacht, vibrierte in den Pflastersteinen unter ihren Füßen, und schon von draußen hörte man das dumpfe Wummern von Techno-Beats. Drinnen war es ein Hexenkessel – eine wogende Menge aus Hipstern mit Bart, Studenten in Vintage-Klamotten und Typen mit zu vielen Tattoos füllte die Tanzfläche. Die Luft war stickig, eine Mischung aus Bier, Schweiß und dem süßlichen Geruch von Zigarettenrauch, der sich trotz Rauchverbot irgendwie durchsetzte. Die Bar war ein Chaos aus schreienden Gästen und überforderten Barkeepern, die Gläser über den Tresen schoben. Mia führte sie durch die Menge zu einem Tisch in der Ecke, wo schon zwei ihrer Freunde warteten. Paul, ein schlaksiger Typ mit Brille und einem verwaschenen Band-Shirt, hob die Hand zum Gruß, während Lena, ein Mädchen mit pinken Haaren und einem Piercing in der Lippe, ihnen neugierig entgegensah. „Das sind Lukas und Hanna“, stellte Mia vor und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Meine neuen Mitbewohner.“„Der Boxer, ja?“ sagte Paul und grinste Lukas an, während er ein Bierglas hob. „Mia hat erzählt, du hast dich mit Klara angelegt. Respekt, Mann.“„Jepp“, sagte Lukas und setzte sich neben ihn. „War ein harter Fight, aber ich steh noch.“„Klara ist ’ne Maschine“, sagte Lena und nahm einen Schluck von ihrem Bier. „Du hast Glück, dass du nicht im Krankenhaus gelandet bist.“„So schlimm war’s nicht“, sagte Lukas schulterzuckend, aber sein Grinsen verriet, dass er den Kampf genossen hatte. Die nächste Stunde verging mit Smalltalk, Drinks und dem Versuch, die ohrenbetäubende Musik zu übertönen. Mia bestellte eine Runde Shots für sich, Paul und Lena, während Lukas sich an einem Bier festhielt – er wollte heute klar bleiben, nach dem Chaos der letzten Tage. Hanna saß neben ihm, überraschend still, und nippte an einem Glas Wasser. Kein Alkohol, keine wilde Seite – sie schien entschlossen, die Nacht nüchtern zu überstehen. „Was ist mit dir?“ fragte Lukas schließlich und lehnte sich zu ihr rüber, seine Stimme laut genug, um den Bass zu übertönen. „Kein Wodka wie neulich?“„Halt die Klappe“, sagte sie, aber ihre Stimme hatte weniger Biss als sonst. „Ich hab genug von dem Mist. Einmal reicht.“„Verständlich“, sagte er grinsend. „Nachdem du mich durch die Lobby geschleppt hast wie ’nen Sandsack.“Sie warf ihm einen Blick zu, halb genervt, halb amüsiert, und schüttelte den Kopf. „Du bist echt unerträglich, weißt du das?“„Hab’s schon mal gehört“, sagte er und nahm einen Schluck Bier. Die lockere Stimmung wurde jäh unterbrochen, als die Tür des Clubs mit einem lauten Knall aufflog. Eine Gruppe von Typen stolperte herein – groß, laut und mit einer Energie, die nach Ärger stank. Lukas’ Blick wanderte zu ihnen, und sein Magen zog sich zusammen, als er Jonas Berg erkannte. Der bullige Kerl aus dem Hinterhof führte die Truppe an, seine Lederjacke offen, die Hände zu Fäusten geballt. Sein Gesicht trug noch die Spuren ihres letzten Zusammenstoßes – eine geschwollene Lippe, ein blauer Fleck am Kinn –, aber seine Augen funkelten vor Hass, als sie Lukas fanden. Hinter ihm folgten vier Kumpels, alle genauso breit und bedrohlich, mit Tattoos, die unter ihren Ärmeln hervorblitzten. „Oh Scheiße“, murmelte Mia und folgte seinem Blick. „Das ist Jonas.“„Jepp“, sagte Lukas und stellte sein Bier ab, seine Muskeln spannten sich an. „Sieht aus, als will er Runde zwei.“„Bleib sitzen“, sagte Hanna scharf und legte eine Hand auf seinen Arm, ihre Finger fest genug, um ihn aufzuhalten. „Ich regel das.“„Du?“ Lukas hob eine Augenbraue. „Er hat ein Messer gezogen, schon vergessen?“„Ich bin Polizistin“, sagte sie kalt und stand auf. „Ich weiß, wie man mit solchen Idioten umgeht.“ Doch bevor sie sich bewegen konnte, war Jonas schon da, seine Kumpels im Schlepptau wie ein Rudel Wölfe. Er blieb vor ihrem Tisch stehen, die Fäuste auf die Hüften gestemmt, und starrte Lukas an. „Du hast echt Nerven, hier aufzutauchen“, knurrte er, seine Stimme rau und drohend. „Dachtest wohl, du kommst damit durch, mich fertigzumachen?“„Womit?“ sagte Lukas lässig und lehnte sich zurück, obwohl sein Herz schneller schlug. „Dich auf die Matte zu schicken? Das war doch ein Kinderspiel, Jonas.“„Du kleiner Scheißer“, zischte Jonas und trat einen Schritt näher, seine Fäuste zitterten vor Wut. „Ich mach dich fertig, hier und jetzt.“ Hanna sprang auf, stellte sich zwischen die beiden und zeigte mit einem Finger auf Jonas’ Brust. „Verschwinde, Berg“, sagte sie kalt, ihre Stimme wie ein Peitschenknall. „Oder ich sorg dafür, dass du die Nacht in ’ner Zelle verbringst.“„Hanna“, sagte Jonas und grinste fies, seine Zähne blitzten im schummrigen Licht. „Bleib da raus. Das ist was zwischen mir und diesem Penner.“„Falsch“, sagte sie und trat näher, bis sie ihm fast ins Gesicht starrte. „Das ist mein Club, meine Freunde. Und du wirst hier keinen Ärger machen, verstanden?“ Jonas lachte, ein raues, hässliches Geräusch, das durch die Menge schnitt. „Du glaubst, du kannst mich stoppen? Du bist doch nur ’ne kleine—“Er kam nicht weiter. Ein Schatten tauchte hinter ihm auf, schnell und lautlos. Lukas blinzelte, als er Klara Rauch erkannte. Sie trug eine schwarze Lederjacke und Jeans, ihre kurzen Haare glänzten im Licht der Neonröhren. Ohne ein Wort packte sie Jonas am Kragen, zog ihn mit einer einzigen Bewegung zurück und schleuderte ihn gegen die Wand, als wöge er nichts. Der Aufprall war laut genug, um die Musik für einen Moment zu übertönen, und ein paar Köpfe drehten sich neugierig um. „Was zur—“ Jonas keuchte, seine Hände griffen nach Klaras Arm, aber sie hielt ihn mit eiserner Kraft fest.„Halt’s Maul“, sagte sie ruhig, ihre Stimme wie ein kalter Windstoß. „Du störst.“„Klara?“ Hanna runzelte die Stirn, überrascht von ihrem plötzlichen Auftauchen. „Was machst du hier?“„Hab ihn draußen gesehen“, sagte Klara, ohne Jonas loszulassen. „Mit seinen Kumpels rumlungern, als ob er was plant. Dachte, ich kümmer mich drum, bevor es eskaliert.“ Jonas zappelte, versuchte sich zu wehren, aber Klara verdrehte sein Handgelenk mit einer schnellen Bewegung, bis er vor Schmerz aufstöhnte. „Lass mich los, du verdammte—“„Ruhe“, sagte sie und drückte fester zu, bis er still war. Sie sah zu Lukas, ihre kalten Augen trafen seine. „Du schuldest mir was.“„Jederzeit“, sagte er grinsend und hob sein Bierglas wie zum Toast. Klara ließ Jonas los, der sofort zurücktaumelte und seine Kumpels anstarrte, als wollte er sie zum Eingreifen zwingen. Doch keiner rührte sich – ihre Blicke huschten nervös zwischen Klara und Jonas hin und her, unsicher, ob sie es wagen sollten. Mit einem letzten wütenden Knurren drehte sich Jonas um, stolperte zur Tür und verschwand in die Nacht, seine Truppe folgte ihm wie geprügelte Hunde. „Danke“, sagte Hanna leise zu Klara, die nur kurz nickte und dann in der Menge verschwand, so lautlos wie sie gekommen war.„Das war… intensiv“, sagte Mia und atmete laut aus, ihre Hände zitterten leicht. „Ich glaub, ich brauch noch ’nen Drink.“„Mach zwei draus“, sagte Lukas und lehnte sich zurück, sein Grinsen breiter denn je. Die Musik dröhnte weiter, die Menge kehrte langsam zu ihrem Rhythmus zurück, als wäre nichts passiert. Doch Lukas konnte das Gefühl nicht abschütteln – ein Schatten, der größer war als Jonas oder Klara, lauerte irgendwo da draußen. Er nahm einen langen Schluck Bier, seine Gedanken rasten. Berlin war mehr als nur Clubs und Kämpfe – da war etwas Dunkles, etwas, das er noch nicht greifen konnte. Und er hatte das Gefühl, dass er bald mittendrin stecken würde.
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