Kapitel 1: Ohne Wolf geboren
Wednesday's POV
Der Schlamm quatschte zwischen meinen Zehen, als ich rannte.
Meine Lungen brannten. Meine Beine schrien. Hinter mir erwachte der Dschungel zum Leben vom Klang von Pfoten, die gegen nasse Erde hämmerten. Drei Wölfe. Vielleicht vier. Ich musste nicht zurückschauen, um zu wissen, wer sie waren.
„Lauf, Freak!“ Dereks Stimme schnitt durch die Bäume. „Vielleicht wirst du ja endlich ein Wolf, wenn du schnell genug rennst!“
Gelächter folgte. Scharf. Grausam. Die Art von Gelächter, die sich in deine Knochen gräbt und dort bleibt.
Ich legte noch einen Zahn zu. Ein tiefer Ast peitschte über mein Gesicht. Ich spürte den stechenden Schmerz, spürte das warme Rinnsal Blut, das meine Wange hinunterlief. Ich blieb nicht stehen. Ich konnte nicht stehen bleiben. Der Fluss war nah. Wenn ich es nur bis zum Fluss schaffen könnte, könnte ich—
Mein Fuß blieb an einer Wurzel hängen.
Ich stürzte hart. Mein Kinn schlug in den Schlamm. Der Geschmack von Dreck erfüllte meinen Mund. Ich versuchte, mich hochzudrücken, aber meine Arme zitterten. Sie zitterten immer, wenn ich zu lange lief. Das passiert, wenn dein Körper falsch gebaut ist.
Ohne Wolf geboren.
So nannten sie mich. Das Rudel. Die Ältesten. Sogar meine eigene Mutter, bevor sie starb. Ein Wolf, der sich nicht verwandeln konnte. Ein Wolf, der nicht schnell rennen konnte. Ein Wolf, der nicht kämpfen konnte.
Ein Wolf, der nichts war.
„Da ist sie!“ Sarahs Stimme hallte wider. Meine Stiefschwester. Ihre Wolfsgestalt war wunderschön – silbernes Fell, goldene Augen, Muskeln, die sich wie Wasser bewegten. Sie umkreiste mich jetzt, ihre Krallen klickten gegen die Steine. „Sieh sie dir an, Derek. Mit dem Gesicht im Dreck. Wie immer.“
Derek verwandelte sich zurück in seine menschliche Form. Er war groß, breitschultrig, alles, was ein zukünftiger Alpha sein sollte. Alles, was ich nicht war. Er hockte sich neben mich und packte meine Haare, riss meinen Kopf nach hinten.
„Du peinlicher Abschaum“, zischte er. „Weißt du, was das Rudel über uns sagt? Über unsere Familie? Sie sagen, wir sind verflucht. Sie sagen, du bist der Fluch.“
Ich antwortete nicht. Ich hatte vor langer Zeit gelernt, dass Worte es nur schlimmer machten.
„Nichts zu sagen?“ Derek drückte mein Gesicht zurück in den Schlamm. „Gut. Bleib da. Vielleicht findet dich ja ein Bär, wenn du Glück hast.“
Die anderen lachten wieder. Sarah verwandelte sich zurück in ihre menschliche Form und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie war sechzehn, genau wie ich, aber sie sah älter aus. Stärker. Perfekt.
„Lass uns gehen“, sagte sie. „Sie ist die Energie nicht wert.“
„Und eine gute Jagd verschwenden?“ Derek grinste auf mich herab. „Nein. Wir sind noch nicht fertig.“
Er packte meinen Arm und drehte mich um. Ich landete auf dem Rücken, keuchend. Der Himmel über mir war grau und schwer, er versprach Regen. Ich wünschte, er würde kommen. Ich wünschte, die Wolken würden sich öffnen und mich fortspülen.
„Steh auf“, sagte Derek.
Ich bewegte mich nicht.
„Ich sagte, steh auf!“
Er trat mir in die Rippen. Einmal. Zweimal. Der Schmerz explodierte in meiner Seite, hell und scharf. Ich rollte mich zusammen und schlang die Arme um meinen Brustkorb. Blut füllte meinen Mund. Ich spuckte es in den Schlamm.
„Erbärmlich“, murmelte Sarah.
Derek hob seinen Fuß erneut.
Und dann hielt er inne.
Ein Schatten bewegte sich zwischen uns. Massiv. Lautlos. Die Luft selbst schien sich zu verändern, schwer und still zu werden. Derek taumelte zurück, sein Gesicht wurde blass.
Der Riesenwolf stand über mir.
Er war größer als jeder Wolf, den ich je gesehen hatte. Sein Fell war dunkelgrau, fast schwarz, mit silbernen Streifen, die wie Blitze hindurchliefen. Seine Augen waren alt. Uralt. Sie trugen etwas, das ich nicht benennen konnte – etwas, das meinen Brustkorb schmerzen ließ.
Er knurrte nicht. Er fletschte nicht die Zähne. Er musste es nicht.
Dereks Wolf winselte. Tatsächlich winselte er. Er packte Sarahs Arm und zog sie zurück.
„Lass uns gehen“, flüsterte er. „Jetzt.“
Sie rannten.
Der Dschungel verschlang sie.
Ich lag da und starrte zum Riesenwolf hinauf. Regen begann zu fallen, weich und kalt auf meiner Haut. Der Wolf senkte seinen massiven Kopf, bis seine Nase nur Zentimeter von meiner entfernt war. Sein Atem war warm.
Ich hätte Angst haben sollen. Ich hatte keine.
„Warum hilfst du mir?“ Meine Stimme klang gebrochen. Klein. „Ich bin nichts. Ich bin niemand.“
Die Augen des Wolfes wurden weich. Er drückte sanft seine Stirn gegen meine.
Weil dein Vater mich darum gebeten hat.
Der Regen fiel stärker, als ich dem Riesenwolf durch die Bäume folgte.
Ich wusste nicht, wohin wir gingen. Ich fragte nicht. Meine Rippen schmerzten bei jedem Atemzug, und meine Beine fühlten sich an wie nasses Papier. Aber ich ging weiter. Etwas an dem Wolf gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Etwas an ihm ließ mich fühlen, als wäre ich vielleicht – nur vielleicht – nicht völlig allein.
Wir blieben am Fluss stehen.
Das Wasser rauschte vorbei, dunkel und schnell, angeschwollen vom Regen. Der Wolf setzte sich ans Ufer und sah mich an. Wartend.
Ich setzte mich neben ihn. Mein Körper schrie auf vor Protest, aber ich ignorierte es. Ich war gut darin, Schmerz zu ignorieren.
„Er hat es mir nie erzählt“, sagte ich leise. „Mein Vater. Er hat mir nie erzählt, dass er dich kennt.“
Der Wolf antwortete nicht. Er sah einfach auf das Wasser.
„Er starb, um mich zu beschützen.“ Meine Stimme brach. Ich schluckte schwer. „Sie sagten, es war ein Unfall. Ein Angriff von Rogues. Aber ich kenne die Wahrheit. Er hat etwas verborgen. Etwas über mich.“
Der Wolf drehte seinen Kopf. Seine Augen trafen meine.
Dein Vater war ein großer Wolf, sagte er. Nicht laut. In meinem Kopf. Seine Stimme war tief und warm, wie Donner, der in der Ferne rollt. Er liebte dich mehr als alles andere.
Ich spürte, wie Tränen in meine Augen stiegen. Ich hatte seit Jahren nicht geweint. Nicht, als das Rudel mich beschimpfte. Nicht, als meine Stiefgeschwister mich schlugen. Nicht einmal, als mein Vater starb. Aber jetzt, als ich neben dieser uralten Kreatur im Regen saß, brach etwas in mir auf.
„Was bin ich?“ flüsterte ich. „Warum kann ich mich nicht verwandeln? Warum bin ich so ... schwach?“
Der Wolf schwieg einen langen Moment.
Du bist nicht schwach, sagte er schließlich. Du bist anders. Und anders sein ist kein Fluch, Kleine. Es ist ein Geschenk.
„Ich fühle mich nicht beschenkt.“ Ich lachte bitter. „Ich fühle mich kaputt.“
Dann hast du vielleicht noch nicht gefunden, was du sein sollst.
Ich sah ihn an. „Was bedeutet das?“
Der Wolf erhob sich. Er war riesig. Furchteinflößend. Schön.
Es bedeutet, dass deine Geschichte noch nicht vorbei ist, Wednesday. Sie hat gerade erst begonnen.
Er drehte sich um und ging in die Bäume. Bevor er verschwand, sah er mich ein letztes Mal an.
Trainiere, sagte er. Jede Nacht. Am Fluss. Ich werde dich finden.
Und dann war er fort.
Ich saß lange da, der Regen durchnässte meine Kleidung, das Blut trocknete auf meiner Haut. Der Kristall um meinen Hals – das letzte Geschenk meines Vaters – fühlte sich warm auf meiner Brust an.
Ich wusste nicht, was die Zukunft bringen würde. Ich wusste nicht, ob ich jemals genug sein würde. Aber zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich etwas anderes als Schmerz.
Ich fühlte Hoffnung.