Kapitel 1Seite 7

1100 Words
Währenddessen dachte sie daran, wie sie bald mit ihrem Kind auf den Spielplatz gehen würde, vielleicht sogar mit einem Mann, vielleicht sogar mit Michael. Und da war es wieder – das Herzflattern, das sie schon in Mexiko spürte, wenn sie an ihn dachte. „Chrissy, träumst du?“, fragte Michael. „Entschuldige, ich war kurz in Gedanken. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich mein Kind habe, und dann komme ich vielleicht wieder hierher“, antwortete Christine. „Vielleicht kommen wir gemeinsam mit dem Baby hierher. Was meinst du?“, schlug Michael vor. Sie schaute ihn etwas verlegen an und lächelte. Er schien es ernst zu meinen und erwartete eine Antwort, doch sie lächelte nur. Es war alles gerade überwältigend, und sie wollte keine überstürzten Entscheidungen treffen, auch wenn sie sich sicher war, dass er die richtige Wahl wäre. Nachdem die Hotdogs aufgegessen waren und sie die Sonne genossen hatten, machten sie sich auf den Weg. „Michael, ich bin etwas müde. Ich denke, ich möchte nach Hause, um mich auszuruhen. Aber wenn wir gleich in der Hudson Street sind, gibt es dort ein Reisebüro, oder?“, fragte Christine. „Ja, aber ...“, begann Michael. „Wir sollten dort hineingehen um zu fragen, wie ich am günstigsten nach Idaho komme. Ich habe nicht viel Geld übrig, und ich habe noch einen weiten Weg vor mir“, erklärte Christine. „Da werden uns schon Lösungen einfallen, mach dir keine Sorgen. Aber sprechen wir von Sorgen – Schau mal, da ist Maria“, bemerkte Michael. Christine rief nach ihr und ging etwas schneller, um sie einzuholen. „Maria, wo warst du? Warum bist du so schnell gegangen?“, fragte Christine. „Perdón, aber ich habe meinem Papa versprochen, ihn anzurufen. Er mag es nicht, wenn er warten muss, okay?“, erklärte Maria. Christine schaute sie verständnisvoll an und blickte dann zu Michael, der ziemlich ungläubig aussah. Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder Maria zu, um zu hören, wie es ihrer Familie ging. „Aber warum rufst du nicht von meinem Telefon aus an? Das hättest du auch heute Morgen machen können. Du hättest bestimmt noch viel von der Stadt sehen können, wenn du bei uns geblieben wärst“, bemerkte Christine. „Es tut mir leid, dass ich gegangen bin, aber ein Anruf nach Mexiko ist teuer. Ich mache das lieber von einem Internetcafé. Dann musst du das nicht bezahlen, okay?“, erklärte Maria. Diese Antwort war durchaus einleuchtend für Christine, und sie wollte nicht weiter auf das Thema eingehen. Doch Michael schien ihr kein Wort zu glauben, sein fragender Blick und die Art, wie er sie musterte, verrieten es, auch wenn er nicht weiter nachbohrte. Sie bogen in die Hudson Street ein und gingen auf das Reisebüro zu, wo Christine Informationen zur Weiterreise einholen wollte. „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“, begrüßte die Dame hinter dem Schreibtisch die drei, während sie sie etwas skeptisch, aber dennoch freundlich musterte. „Guten Tag. Ich muss nach Idaho. Was ist die günstigste Verbindung?“, fragte Christine. Die Dame, Mitte fünfzig, mit blonden Haaren und bestimmt zwanzig Kilo zu viel auf den Hüften, hatte ein rundliches und leicht aufgedunsenes Gesicht mit einer kleinen Nase. Sie sah insgesamt etwas heruntergekommen aus, aber die Hudson Street war auch keine gehobene Gegend. Hier lebten viele arme Menschen, und manche verbrachten ihre Abende lieber in Bars als zu Hause. Die Dame sah zwar nicht arm aus, aber ihre Haut wirkte grobporig, was nicht nur an ihrem Gewicht liegen könnte, sondern vielleicht auch an gelegentlichem Alkoholkonsum. Sie setzte sich eine Brille auf die Nase und begann, in ihrem Computer zu tippen. „Nach Idaho. Einen Moment, bitte. Hier habe ich etwas,“ sagte sie, schaute über ihre Brille hinweg und musterte die drei erneut skeptisch. „Für einen Flug sind es zweihundertfünfzig Dollar pro Person, und mit dem Zug oder Bus liegt der günstigste Preis bei neunzig Dollar. Möchten Sie etwas buchen? Für wie viele Personen?“ „Danke, aber nicht jetzt. Ich werde später noch einmal wiederkommen. Vielen Dank, Miss“, erwiderte Christine höflich. Die drei verließen das Reisebüro, und als sie die Tür hinter sich schlossen, rief die Dame ihnen noch hinterher: "Warten Sie nicht zu lange; die Preise ändern sich heutzutage fast täglich!" Die Tür fiel zu, und sie begaben sich erneut auf den Weg zurück zu Michaels Apartment. Christine sagte auf dem gesamten Weg kein Wort. Sie war durcheinander, niedergeschlagen und den Tränen nahe. Wie sollte sie so viel Geld auftreiben? Sie hatte bereits viel für die Busfahrt hierher bezahlt, und nun zwischen neunzig und zweihundertfünfzig Dollar zusätzlich aufzubringen, schien unmöglich. Sie hätte sich vielleicht informieren sollen, bevor sie hierherkam. Sollte sie jetzt scheitern? War all das umsonst gewesen, und würde sie ihre Mutter doch nicht finden? Sie musste sich stark zusammenreißen, um nicht sofort in Tränen auszubrechen. Sie war einfach frustriert und müde, sehr müde. Das war nicht die beste Mischung, besonders, wenn man auch noch schwanger war. "Leg dich erst einmal hin. Ich sehe, dass dich die ganze Sache mitnimmt. Aber wir werden einen Weg finden, okay?" sagte Michael, strich ihr über den Kopf und schloss die Tür hinter sich. Christine konnte sich endlich hinlegen. Ihre Beine fühlten sich schwer wie Blei an, und ihre Stimmung war im Keller. Sie musste jetzt etwas Schlaf bekommen, um sich wieder zu sammeln. Ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit darum, wie sie die Weiterreise bezahlen würde, bis sie schließlich einschlief. Michael ging in sein Büro und sortierte ein paar Unterlagen. Währenddessen durchsuchte er das Internet nach günstigen Reisemöglichkeiten nach Idaho. Als er kurze Zeit später aufstand, um sich einen Tee zu machen, bemerkte er Maria. Sie hatte Papiere auf dem Schlafsofa verteilt, offensichtlich mehrere Ausdrucke, und sie schien nach etwas zu suchen. Er riskierte einen weiteren Blick ins Zimmer auf dem Weg zur Küche, doch Maria war so vertieft, dass sie ihn gar nicht bemerkte. Sie überflog jeden Ausdruck nur flüchtig und sortierte sie scheinbar nach einem bestimmten Schema. Es schien, als suche sie nach etwas, aber was? Einen Moment lang überlegte er, ob er sie darauf ansprechen sollte, doch dann verwarf er den Gedanken. Er wollte Christine nicht noch mehr aufregen und misstrauisch machen, indem er sich in Marias private Angelegenheiten einmischte. Vielleicht hatte er ja Unrecht, aber ihr Verhalten wirkte merkwürdig, und er fragte sich, was es mit den vielen Ausdrucken auf sich hatte und was genau sie suchte. Waren es Informationen, die sie für Christine gefunden hatte? Und wenn ja, warum gab sie diese dann nicht Christine?
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